KONTEXT Extra:
Ei der Tauss – Staatsanwalt stellt Ermittlungen ein

Wer auf die Krim reist, lebt gefährlich. Das hatte Jörg Tauss im Juli 2017 erfahren, als ihn der Staatsanwalt im badischen Kraichtal mit einem Durchsuchungsbeschluss heimsuchte (Kontext berichtete). Der Grund: Als Vorsitzender der West-Ost-Gesellschaft Baden-Württemberg (WOG) hatte er eine Reise auf die von Russland annektierte Insel organisiert - und gegen den EU-Boykott verstoßen. So sah es zumindest das SPD-geführte Bundeswirtschaftsministerium, das den früheren Genossen mit einer Anzeige überraschte. Die Karlsruher Strafverfolger erkannten einen Anfangsverdacht und rückten wegen "Verstoßes gegen das Außenwirtschaftsgesetz" aus. Jetzt haben sie die Ermittlungen eingestellt. Für den ehemaligen SPD-Generalsekretär Tauss ist die Angelegenheit damit noch nicht erledigt. Von Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries will er nach wie vor wissen, wie es zu der Anzeige gekommen ist, mit der Städtepartnerschaften auf der Krim "kriminalisiert" würden. Baden-Baden, Heidelberg und Ludwigsburg pflegen sie. (21.11.2017)


Noch ein Versuch: BI Neckartor vor dem Staatsministerium

Am kommenden Dienstag, den 21. November um 11.45 Uhr, unternimmt die Bürgerinitiative Neckartor einen zweiten Anlauf, der Landesregierung ihre Forderungen zur Umsetzung des gerichtlichen Feinstaub-Vergleichs zu übergeben. Der erste Versuch Anfang Oktober, schriftlich und mit Nachdruck daran zu erinnern, dass sich Grün-schwarz verpflichtet hat, ab dem 1. Januar 2018 bei Feinstaubalarmtagen das Verkehrsaufkommen am Neckartor um 20 Prozent zu reduzieren, war kläglich an den geschlossenen Gittertoren gescheitert. Niemand aus dem Stab von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) fand sich bereit, den Appell entgegenzunehmen.

Peter Erben, der Sprecher der Bürgerinitiative, kritisiert erneut, dass die Landesregierung den im April 2016 geschlossenen Vergleich nicht mehr erfüllen will: "Das bedeutet ja, dass hier versucht wird, die Umsetzung einer rechtskräftigen, vollzugsfähigen gerichtlichen Entscheidung zu verhindern, indem sie in der Sache nicht handelt." Die Verantwortlichen hätten trotz ihrer Selbstverpflichtung fast zwanzig Monate verstreichen lassen, ohne ein entsprechendes Handlungskonzept zu erarbeiten. Die Landesregierung lasse "die betroffenen Menschen in Stuttgart einfach im Stich und drückt sich durch vorsätzlichen Rechtsbruch davor, Verantwortung zu übernehmen".

Die Anwohner versuchen, per Zwangsvollstreckung ihr Recht auf Schutz vor Luftverschmutzung durchzusetzen. "Das ist ein unerträglicher, ja skandalöser Vorgang", sagt Erben. Die Bürgerinitiative Neckartor fordere "daher Ministerpräsident Kretschmann auf, diese unwürdige und verantwortungslose Vorgehensweise unverzüglich zu beenden". Verlangt wird, "die verletzte Rechtstreue unverzüglich wiederherzustellen" und die Verkehrswende in der Landeshauptstadt "unverzüglich einzuleiten".


Kontext beim IMI-Kongress in Tübingen

Heer, Luftwaffe, Marine – das waren bisher die drei Abteilungen der Bundeswehr. Seit diesem Jahr gibt es noch eine vierte: das Kommando Cyber- und Informationsraum. 260 Mitarbeitende sind dort zugange, im nächsten Jahr kommen nochmal 140 dazu. Auch Nato und EU rüsten netztechnisch massiv auf, um sogenannten hybriden Bedrohungen zu begegnen. Dabei geht es nicht nur um den Einsatz von Kommunikations- oder Überwachungstechnik, sondern auch um die gezielte Beeinflussung öffentlicher Meinung. Der Cyberspace wird mehr und mehr zum Einsatzgebiet des Militärs, das Internet zum Schlachtfeld um Wahrheiten und Realitäten.

Unter dem Titel "Krieg im Informationsraum" geht die Informationsstelle Militarisierung (IMI) in Tübingen auf ihrem jährlichen Kongress am kommenden Wochenende diesen Themenkomplex an. In Vorträgen und Diskussionen werden Strategien und Akteure vorgestellt und analysiert, es wird um mediale Schieflagen gehen, um Leaks als Instrument der Geopolitik, um Geheimdienste und die Konstruktion von Wirklichkeit, um die Frage, was als "Strategische Kommunikation" bezeichnet wird und was als "Propaganda". Welche Rolle spielen Soziale Medien? Und wer verdient überhaupt am Cyberkrieg?

Die Kontext-Autorin Anna Hunger ist am Sonntag zu Gast auf dem Podium zur Abschlussdiskussion und wird mit Moderatorin Claudia Haydt (Linke), einem Ad-Busting-Aktivisten aus Berlin, dem Politikwissenschaftler und Friedensaktivisten Tobias Pflüger und Pia Masurczak vom Radio Dreyeckland über "Widerstand im Zeitalter von Cyberwar und Strategischer Kommunikation" sprechen.

Kongressauftakt ist am Freitagabend, 17. November, in der Hausbar der Schellingstraße 6 in Tübingen, die beiden Kongresstage Samstag, 18., und Sonntag, 19. November, finden im Schlatterhaus in der Österbergstr. 2 statt. Das Program gibt's unter diesem Link. (15.11.2017)


Veränderungen im Polizeigesetz errungen

Geht doch: Gegen den erklärten Willen von Innenminister Thomas Strobl (CDU) haben sich die beiden Regierungsfraktionen mitten im bereits laufenden Verfahren auf Änderungen im umstrittenen Polizeigesetz verständigt. Wie von den Grünen verlangt, werden einzelne Passagen, etwa zum Einsatz von Staatstrojaner präzisiert. Sogar CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart lobte die "intensive Fließarbeit". Die habe auch die "Handlungsfähigkeit" der Koalition unterstrichen.

Tagelang war hinter den Kulissen gerungen worden, nicht nur zwischen Grünen und CDU oder mit der Opposition, sondern vor allem auch mit dem Innenministerium. Nach einer Expertenanhörung im Landtag, in dem vor allem Verfassungsrechtler und Datenschützer scharfe Kritik an dem Gesetzentwurf geübt hatten, wollte Strobl alle Änderungen verhindern. Jetzt bleibt dem CDU-Landesvorsitzenden, der das schärfste aller Polizeigesetze bundesweit versprochen hatte, nur, die Verständigung der Regierungsfraktion zur Kenntnis zu nehmen. "Entscheidend für mich ist, dass das keine Änderungen an der Substanz des Gesetzes gibt", sagt der Innenminister jetzt.

Eine Einschätzung, die allerdings selbst in seiner eigenen Fraktion nicht geteilt wird. Reinhart erläuterte, dass Fristen konkretisiert oder die Einsatzmöglichkeiten durch eine schärfer "Erheblichkeitsschwelle" verändert wurden. Und die Grünen, die das Paket am Dienstag ohne Gegenstimme in der Fraktion passieren ließen, rüsten sich für die nächste Auseinandersetzung. Von Strobl, der bei den Verhandlungen seit dem Frühjahr kein einziges Mal (!) persönlich anwesend war, ist bekannt, dass er zur Terrorabwehr und gegen die Organisierte Kriminalität auch Staatstrojaner zur Online-Durchsuchung von Smartphones oder Rechnern einsetzen will, was der Koalitionspartner strikt ablehnt. (14.11.2017)


Kampf gegen "reaktionäre Bildungskreise"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stemmt sich gegen die schleichende Rückabwicklung der gut 300 Gemeinschaftsschulen im Land. Die wird von der CDU vorangetrieben und von den Grünen, bekanntlich der größere Regierungspartner, praktisch kampflos hingenommen. Die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz hat auf einer Tagung am Wochenende in Stuttgart dagegen daran erinnert, dass Gemeinschaftsschulen noch immer eine Schulart im Aufbau sei, deren "Akzeptanz bei den Eltern", aber auch deren "Qualität und die pädagogische Attraktivität in den vergangenen fünf Jahren von Jahr zu Jahr gewachsen ist".

CDU-Bildungspolitiker versuchen seit Schuljahresbeginn, den Niedergang zu belegen. Etwa mit dem Argument, dass die Hälfte der bestehenden Standorte heute nicht mehr genehmigt würde, weil es zu wenig Schüler und Schülerinnen gibt. Moritz verlangte vor gut hundert Lehrkräften aus dem ganzen Land eine bessere Bezahlung der Lehrkräfte und mehr Leitungsstellen, weil keine andere weiterführende Schulart "vergleichbar anspruchsvolle Aufgaben von Inklusion bis Begabtenförderung zu bewältigen hat". Mitveranstalter des Fachtags war das Fritz-Erler-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Baden-Württemberg, das eine ganze Reihe von bildungspolitischen Veranstaltungen plant. Denn noch immer ist der Südwest bundesweit Schlusslicht in allen Vergleichen zum Bildungsaufstieg: In keinem anderen Land ist der Schulerfolg der Kinder derart stark abhängig vom sozialen Status der Eltern. Auch um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hatten Grüne und SPD 2012 die neuen Formen des längeren gemeinsamen Lernens etabliert.

Der Verein für Gemeinschaftsschulen e.V., der für sich in Anspruch "100.000 Müttern und Vätern im Land eine Stimme zu geben", beklagt, dass "während sich an den Schulen der Starterjahrgang auf seinen Realschulabschluss vorbereitet und die erste Oberstufen aufgebaut werden", in Öffentlichkeit und Politik abermals eine "erbitterte Debatte" tobe. "Statt die Herausforderung anzunehmen, die Jugend von heute auf die Herausforderungen von morgen vorzubereiten, schwelgt man lieber in einer verklärten Feuerzangenbowlen-Romantik", sagt der Vorsitzende des Vereins Matthias Wagner-Uhl, der selber Gemeinschaftsschulrektor ist. Unter weiter: "Reaktionäre Bildungskreise werden nicht müde, stumpfe Reflexe zu bedienen."


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Schüler der Vabo-Klasse 0 im Schulhof der Sindelfinger Gottlieb-Daimler-Schule. Fotos: Joachim E. Röttgers

Schüler der Vabo-Klasse 0 im Schulhof der Sindelfinger Gottlieb-Daimler-Schule. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 328
Gesellschaft

Eine gemeinsame Sprache finden

Von Anna Hunger
Datum: 12.07.2017
Begonnen hat es mit einem Kontext-Artikel vor zwei Jahren. Über eine Flüchtlingsklasse in Sindelfingen. Daraus wurde ein eigenes Projekt, weil auch JournalistInnen manchmal mehr tun wollen als schreiben. Das diesjährige Kontext-Bildungs-Projekt mit der Alphabetisierungsklasse der Gottlieb-Daimler Schule geht nun zu Ende.

Zum Sommerfest der Vabo-Klassen an der Gottlieb-Daimler-Schule ist Highlife auf dem Schulhof. Hinter dem Schulgebäude ist ein Bogenschieß-Parcours aufgebaut, ein Breakdancer gibt einen Tanz-Workshop, Graffiti-Profis haben eine Wand aufgebaut und Malen mit den Schülern. Raid und Raida aus der aktuellen Projekt-Klasse verkaufen Waffeln, Mohammad steht am Grill. Flammen schießen in die Höhe, während Mohammad das nächste Fleisch auf den Rost wirft, dann Hackfleischspieße, selbstgerollt, Zucchini, Aubergine, Paprika. Mohammad möchte eine Ausbildung zum Koch machen. Neben ihm am Grill steht Omar, aus der ersten Medienprojekt-Klasse – ein Syrer, der Ingenieurwesen studieren möchte. Seit einem Jahr besucht er nun das Pfarrwiesengymnasium in Sindelfingen. Mathe sei kein Problem, aber Bio sei schwer, erzählt er.

Innen im Schulgebäude laufen Fotostreams auf einem Fernseher, Bilder von Kennenlerntagen in einem Schullandheim, die von der Schule für jede neue Vabo-Klasse organisiert werden, um sich zu beschnuppern. In einem der Klassenzimmer sind unsere beiden Projekt-Filme zu sehen. Einen haben wir vor einem Jahr mit der Vabo-2-Klasse gemacht, die auch Omar besucht hat. Die Schülerinnen und Schüler haben dafür vor kurzem einen Landespreis der Europastiftung verliehen bekommen. Der andere Film ist im Laufe des vergangenen Schuljahrs mit der Alphabetisierungsklasse Vabo 0 entstanden und wird am kommenden Freitag im Böblinger Kino gezeigt.

Üben mit kleinen Kameras: Mohamed ...
Üben mit kleinen Kameras: Mohamed ...
... und Raída.
... und Raída.

Jeweils ein halbes Jahr haben wir, der Kameramann Steffen Braun und ich, mit den beiden Klassen gearbeitet. Wir haben den Schülern gezeigt, wie eine Kamera funktioniert, wie man Ton aufnimmt, moderiert und ein Thema recherchiert. Unser Ziel war es, Medienkompetenz zu vermitteln und darüber hinaus das Sprechen zu üben. Vor einer Kamera zu stehen oder eigene Ideen und Recherchen vor der Klasse zu referieren, ermöglicht zudem einen selbstbewussten Umgang mit der im Laufe eines Schuljahrs immer weiter wachsenden Sprachfähigkeit. Entstanden sind aus alldem zwei völlig unterschiedliche Filme in verschiedenen Stadien der Integration.

Zwei sehr verschiedene Klassen

Unsere erste Klasse mit Klassenlehrerin Ulrike Deyhle war eine fortgeschrittene Sprachklasse. Sie bestand aus Jugendlichen mit schulischer Vorbildung, die lesen und schreiben konnten, teilweise sehr gut Englisch sprachen. Es war eine Klasse mit Schülerinnen und Schülern aus allen Ecke der Welt: aus Brasilien, den USA, aus Syrien, dem Kosovo, Gambia, Afghanistan, Kroatien und Mazedonien. Deutsch war das verbindende Element, über das sich alle verständigen konnten. Sprache und Schrift waren unser Medium, um Ideen zu sammeln, Erinnerungen zu behalten, Drehbücher zu schreiben und Interviewfragen zu notieren. Der Horizont der Klasse war breit. Die meisten hatten einen Fluchthintergrund, aber jeweils aus verschiedenen Gründen: Krieg, Armut, politische Verfolgung. Dieser erste Film ist ein politischer geworden, über Europa aus den Erfahrungen einer Flüchtlingsklasse.

Klassenlehrerin Natascha Popovic mit Ahmed (links) und Abdul.
Klassenlehrerin Natascha Popovic mit Ahmed (links) und Abdul.

Der zweite Film ist sehr viel spielerischer entstanden, mit weniger politischem Anspruch, auf einem niedrigeren Bildungs-Level. Die meisten Jugendlichen der Vabo 0 von Natascha Popovic sind sogenannte primäre Analphabeten, junge Menschen, die ihre eigenen Sprache nicht lesen und schreiben können, die vorher noch keine Schule besucht haben oder nur ganz kurz. Sie haben beim Ausmalen von Bildern gelernt, wie man einen Stift hält, bei kleinen Feldern nicht über den Rand und bei großen bis zum Rand zu malen. Sie üben die noch fremden Buchstaben und Worte in Lernheften, die für die erste Klasse bestimmt sind. Von links nach rechts statt von rechts nach links. Viele schreiben noch nicht, sie malen die Worte. Wer noch nie in der Schule war, braucht für alles etwas länger.

Die Vabo 0 besteht vor allem aus syrischen Jugendlichen und einem Geschwisterpaar, Yesiden aus dem Nordirak. Natascha Popovic ist für die meisten die allererste Lehrerin. Zu Weihnachten hat sie ihre Klasse zu sich nach Hause eingeladen. Zum Sommerfest hat sie mit ihren Töchtern einen Kleiderflohmarkt organisiert, ein ganzes Klassenzimmer voller Schuhe, T-Shirts, Jacken, Accessoires, Kinderpullover und Säuglings-Strampler, fein zusammengelegt präsentiert, alles kostenlos. Und sie hilft, wenn es Probleme gibt, egal welcher Art.

Der Film mit ihrer Klasse musste eher an der Oberfläche bleiben, weil sich Zukunftsvorstellungen und Erlebnisse und Wünsche und Träume nur begrenzt sprachlos visualisieren lassen. Und weil es ohne eine gemeinsame Sprache nur schwer möglich ist, kreative Ideen gemeinsam zu entwickeln, Themen zu durchdringen, ein Drehbuch oder Interviewfragen zu erarbeiten.

Wie hilflos man ist ohne Sprache, haben wir in dieser Klasse erfahren. Dieses Projekt hat uns verdeutlicht, was Geflüchteten, die ohne Vorbildung in Deutschland ankommen, abverlangt wird. Wie wahnsinnig schwer es ist, eine neue Sprache zu lernen, ohne die eigene richtig zu können. Wie wichtig Sprache ist, um eine Ausbildung zu finden, eine Arbeit, bestenfalls mit einem Chef, der die Jugendlichen nicht über den Tisch zieht. Auch das haben wir erlebt.

Welche Farbe ergibt gelb und blau?

In der ersten Klasse, der Vabo 2, haben wir über gesellschaftliche Teilhabe gesprochen, auch über politisches Engagement. Wir haben darüber diskutiert, warum so viele Geflüchtete in Deutschland in Heimen leben müssen, was Propaganda ist, warum einer aus Gambia flieht, und warum die Taliban, Zitat eines Schülers, "spinnen". Drei Mädchen haben ein Referat gehalten über Frauenrechte in Saudi-Arabien. Das Titelblatt ihrer Powerpoint-Präsentation zeigte eine verschleierte Frau hinter Gittern.

Mahamoud filmt mit dem Profigerät von Kameramann Steffen Braun.
Mahamoud filmt mit dem Profigerät von Kameramann Steffen Braun.

In der zweiten Klasse ging es um Projektarbeit mit jungen Menschen, denen das Wissen fehlt, das Kinder hier im Kindergarten lernen. Welche Farbe ergibt gelb und blau? Wie schneidet man mit einer Schere etwas aus? Natascha Popovic war, so sagt sie, am Anfang "völlig überfordert". Sie hat eigentlich Deutsch für Gymnasien studiert. Sie erzählt von einem bildlich dargestellten Dialog in einem Lehrbuch, Person A in rot und Person B in schwarz unterhalten sich. "Grundschüler erkennen sofort, dass A und B miteinander sprechen. Aber bei Menschen, die noch nie in der Schule waren, haben sich im Gehirn die Strukturen nicht gebildet, um das zu erkennen." Die Lehrerin hat an den Wochenenden viele Fortbildungen gemacht und dort gelernt, dass Alphabetisierung nicht nur heißt, Buchstaben zu lehren. Mittlerweile gibt sie selbst Fortbildungen im Vabo-Bereich.

Für uns hat das vor allem bedeutet, uns bei jedem Satz daran zu erinnern, langsam und einfach zu sprechen. Ohne Konjunktive, im Präsens, denn Zeiten im Deutschen sind schwer. Verständigt haben wir uns über das Vorspielen von Szenen, über Bilder oder Zeichnungen an der Tafel. Arabische Lehrfilme für Geflüchtete haben wir als Brücke benutzt, um den Aufbau von Video-Beiträgen im Fernsehen zu erklären.

Ungezwungene Neugier im Schauwerk Sindelfingen

Wie sich die Welt verändern kann, wenn man den Blickwinkel verändert, haben wir im Museum Schauwerk in Sindelfingen erfahren, das unserer Klasse freien Eintritt gewährt hat. Es geht um spiegelnde, sich bewegende Objekte im Raum, die sich teilweise komplett verändern, wenn der Betrachter einen Schritt zur Seite geht. Unsere Klasse war begeistert. Anders als deutsche Schüler, denen von klein auf beigebracht wird, mit großem Abstand in eine Kunstausstellung zu gehen, haben diese Schüler mit den Kunstwerken interagiert, respektvoll zwar, aber mit eben der neugierigen Nähe und Unvoreingenommenheit, die die Werke verlangen.

Um den Aufbau eines Films mit verschiedenen Szenen zu verdeutlichen, haben wir die Schüler Storyboards malen lassen. Um anschaulich zu machen, wie eine Reportage funktioniert, waren wir gemeinsam in der Wilhelma. Mit dabei war eine Gymnasialklasse, die eine Patenschaft für die Alphabetisierungsklasse übernommen hat. Einen kleinen Übungs-Beitrag über den Unterschied von Dachkonstruktionen in Deutschland (Giebeldach) und Syrien (Flachdach) haben wir in der Werkstatt der Schule gedreht.

Die Schüler führen ein Interview in der Cafeteria.
Die Schüler führen ein Interview in der Cafeteria.

In einer Schulstunde haben wir das Thema "Wie sieht unser Traumhaus aus" bearbeitet. Die Schüler haben Collagen geklebt, mit Bildern aus Einrichtungskatalogen, Zeitungen und Magazinen. Einer wünschte sich Schafe im Garten, in einer Garage standen drei Oldtimer und ein Rennwagen. Mohammad, der gerne Koch werden will, räumte der Küche in seinem Haus sehr viel Platz ein und klebte gleich noch einen Backofen mit Croissants mitten rein.

Die Fortschritte der Klasse waren mit jeder Woche greifbar und mit einigen der Schüler ist mittlerweile schon eine Unterhaltung möglich. Das irakische Geschwisterpaar hat anfangs kaum ein Wort gesprochen. Mittlerweile übersetzt die junge Frau für ihre Mutter, besucht jede Woche eine christliche Gemeinde, und beginnt gerade, Freundschaften zu knüpfen. Raid, der schüchterne Bruder, hat in den vergangenen Ferien hunderte Vokabeln gelernt. Wenn man ihn fragt, was er sich für die Zukunft wünscht, sagt er nur: "In die Schule gehen." Lernen. Um später in Deutschland arbeiten zu können, weil er nicht mehr zurück will in den Irak. Einige Schüler, sagt Natascha Popovic, wird die Berufsschule einmal in Ausbildungsverhältnisse vermitteln können. Aber einige werden nicht das sprachliche Niveau erreichen, das eine normale Berufsschulklasse erfordert. Diesen Schülerinnen und Schülern wird sie helfen, einen Arbeitsplatz zu finden.

Schüler zucken zusammen, wenn es draußen knallt

Manchmal waren wir überrascht: Zum zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahl in Frankreich haben wir eine Urne an die Tafel gemalt, einen Mann und eine Frau. Einer der Schüler ist aufgestanden, hat einen Wahlzettel mit Kreuz neben die Urne gemalt und das weibliche Strichmännchen durchgestrichen.

Und manchmal sind wir an Grenzen gestoßen, die eigentlich nur ein Psychologe finden sollte. In einem Magazin war ein doppelseitiges Foto abgebildet, das einen zerbombten Straßenzug in Aleppo zeigte. Auf einem anderen Foto eine Seite später war eine Frau zu sehen, im Staub sitzend, wie sie schützend ihr Baby an sich drückt. Einer der Schüler trennte das doppelseitige Bild heraus, schnitt die Frau und das Kind aus der folgenden Seite und klebte sie in die zerstörte Stadt. Dann packte er das Bild vorsichtig in seinen Rucksack. Ein anderes Mal fragten wir einen jungen Mann, wie er nach Deutschland gekommen ist. Plötzlich begann er zu weinen, weil einer seiner Brüder im Krieg umgekommen ist. Natascha Popovic erzählt, wie Schülerinnen und Schüler manchmal zusammenzucken, wenn es draußen knallt oder plötzlich laut wird, sie erzählt von Schülern, die plötzlich hysterisch werden oder aggressiv. Auch in Sindelfingen ist der Krieg in Syrien präsent.


Der erste Film. Hergestellt von Netzwerk Schnittbild, der Produktionsfirma von Steffen Braun.

In dieser Klasse voller Syrer und den zweien aus dem Irak, ist Abschiebung kein Thema. Aus der ersten Projektklasse allerdings wurde gleich zu Beginn ein Junge abgeschoben, ein zweiter im Laufe des Schuljahrs, abgeholt morgens um 5 Uhr aus einer Vierer-WG unbegleiteter Minderjähriger. Zwei Afghanen aus der Vabo 2 bangen trotz Ausbildungszusage seit Monaten, ein junger Mann aus dem Kosovo lebt mit seiner Familie seit mehr als einem Jahr in ständiger Angst. Er hatte ein Praktikum in einem Kindergarten gemacht. Das hat ihm gut gefallen, nur eine Ausbildungsstelle gab es nicht gleich. Auf dem Sommerfest der Gottlieb-Daimler-Schule kommt er gut gelaunt mit einer Apfelschorle in der Hand aus der Küche. Er lernt jetzt auf dem Bau, erzählt er. Ob es ihm Spaß macht? "Ich brauche das für die Papiere", sagt er dazu nur. Dann flitzt er weiter.

In diesen zwei Jahren haben wir mit tollen und engagierten jungen Menschen gearbeitet und eine Schule mit Lehrkräften, Sozialarbeitern und Verantwortlichen kennengelernt, die sich mit gesundem Pragmatismus aber mit Herz dafür einsetzen, geflüchteten Jugendlichen eine Perspektive zu geben. Wir haben den Jugendlichen in unseren beiden Film-Projekten jeweils auf eine ganz andere Art einen Blick hinter die Kulissen der Medienwelt ermöglichen können. Wir haben über die Arbeit vor und hinter der Kamera vermittelt, dass ein gutes Ergebnis oft nur im Team zu erreichen ist.

Auch wir haben viel gelernt. Dass wir diesen Krieg nur aus den Medien kennen. Dass wir abgestumpft sind von den immer gleichen Fluchtgeschichten, dass wir Geflüchtete als eine Art Masse wahrnehmen und nicht mehr als Individuen. Wir haben über die immer gleichen Medienbilder unsere Sensibilität verloren. Es ist gut und notwendig, wenn uns ab und zu eine Situation daran erinnert, dass jeder Geflüchtete ein eigenes Leben hat und dass die meisten von ihnen mit verwundeter Seele in unseren Klassenzimmern, Unterkünften und Ämtern sitzen.

Steffen Braun und Anna Hunger.
Steffen Braun und Anna Hunger.

 

Kontext-Redakteurin Anna Hunger und Kameramann Steffen Braun begleiteten dieses Schuljahr eine Flüchtlingsklasse in Sindelfingen. Wöchentlich unterrichteten sie in der Klasse. Gemeinsam haben sie mit den Jugendlichen einen Film gedreht – ein Kontext-Medienprojekt für jugendliche Migranten. Der Film wird am kommenden Freitag im Böblinger Kino gezeigt.


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