KONTEXT Extra:
Erinnern an Gerda Taro

Am 26. Juli 1937 wurde Gerda Taro im Spanischen Bürgerkrieg von einem Panzer überfahren. Die wohl erste weibliche Kriegsfotografin war da gerade mal 26 Jahre alt. Anlässlich ihres 80. Todestages wird morgen, am 26. Juli, auf dem Stuttgarter Gerda-Taro-Platz ein Erinnerungsabend stattfinden.

Gerta Pohorylle, so ihr bürgerlicher Name, wird 1910 als Tochter eines jüdischen Kaufmanns aus Galizien in Stuttgart geboren. Hier verbringt sie Kindheit und Jugend, ehe sie 1929 mit ihrer Familie nach Leipzig zieht. Bald engagiert sich die überzeugte Sozialistin gegen die aufkommende nationalsozialistische Diktatur, setzt sich aber 1933 mit einer Freundin nach Paris ab. Dort lernt sie ein Jahr später den ungarischen Fotografen André Friedemann kennen, wird seine Schülerin und Geliebte. Die beiden nennen sich fortan Robert Capa und Gerda Taro. Nach dem faschistischen Putsch General Francos geht sie mit Capa nach Spanien, um den Bürgerkrieg auf Seiten der Republikaner zu dokumentieren. Ein Jahr später stirbt sie während eines Angriffs der deutschen Legion Condor. Ihr Trauerzug, angeführt von Pablo Neruda, wird zu einer Demonstration gegen den Faschismus.

Gerda Taros Leben und Werk bleiben lange vergessen, erst mit der Umbenennung des vorher namenlosen und unscheinbaren Platzes zwischen Dannecker- und Alexanderstraße im Jahr 2008 nimmt sich die Stadt Stuttgart der Erinnerung an eine ihrer großen Töchter an. Mehr über ihr Leben wird morgen Abend zu hören sein. Ab 18 Uhr sprechen die Autorin ihrer Biografie, Irme Schaber, und der Historiker Michael Uhl, Joe Bauer moderiert, Stefan Hiss wird für passende musikalische Begleitung sorgen. Bei schlechtem Wetter findet die Veranstaltung im Theater am Olgaeck statt. (25.7.2017)

Dazu: Fotografien gegen den Krieg, Kontext-Ausgabe 132, und Die Frau hinter Taro, Kontext-Ausgabe 284


Lindenhof kriegt eine Million vom Land

Das Theater Lindenhof ist ein Unikum in der baden-württembergischen Bühnenlandschaft, ein Regionaltheater in dem nicht einmal 1000 Seelen zählenden Dorf Melchingen, das mit Aufsehen erregenden Inszenierungen, etwa 2016 einem Stück mit syrischen Geflüchteten, immer wieder weit ins Land hinaus wirkt. Seit langem allerdings stehen in dem 1981 gegründeten Theater umfangreiche Umbauarbeiten an, um die Standards für Zuschauer und Schauspieler auf ein zeitgemäßes Niveau zu heben, unter anderem einen barrierefreien Zugang zu gewährleisten.

Für dieses Vorhaben gibt es nun eine Förderung von einer Million Euro vom Land. Am Freitag überreichte Peter Hauk (CDU), Minister für den ländlichen Raum, Lindenhof-Intendant Stefan Hallmayer den Zuschussbescheid. Eine stattliche Summe, Hallmayer ist dennoch "nicht überrascht" über die Höhe. "Wir hatten ja Anträge in bestimmten Höhen gestellt, das ist alles vorbesprochen worden." Schon bisher wird das Theater von den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb, der Sitzgemeinde Burladingen und vom Land gefördert, insofern entsprächen auch der Finanzierungsmix für den Umbau dieser Konstruktion. Trotzdem ist der Intendant ungeheuer froh über die jetzt bewilligte Landesförderung, denn immerhin habe es über acht Jahre von den ersten Plänen bis jetzt gedauert, die Umbaufinanzierung sicher zu stellen. "Es hat schon viel Überzeugungsarbeit bedurft", sagt Hallmayer, und auch nach dem Wechsel vom früheren zuständigen Minister Alexander Bonde (Grüne) zu Peter Hauk nach der Landtagswahl 2016 habe man wieder neuen Anlauf nehmen müssen. "Aber wir haben gemerkt, dass von allen Fraktionen eine außergewöhnliche Wertschätzung für das Theater da war."

Nun kann sofort mit dem Bauen begonnen werden, "der Bagger ist schon da", so Hallmayer. An den auf 2,5 Millionen Euro veranschlagten Baukosten beteiligen sich auch die angrenzenden Landreise und die Gemeinde Burladingen, und mit 750 000 Euro Eigenmitteln auch die Stiftung Theater Lindenhof. "Einen Teil davon haben wir schon", sagt Hallmayer, "für einen Teil wollen wir noch Unternehmen als Partner werben." (23.7.2017)


Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


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Schüler der Vabo-Klasse 0 im Schulhof der Sindelfinger Gottlieb-Daimler-Schule. Fotos: Joachim E. Röttgers

Schüler der Vabo-Klasse 0 im Schulhof der Sindelfinger Gottlieb-Daimler-Schule. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 328
Gesellschaft

Eine gemeinsame Sprache finden

Von Anna Hunger
Datum: 12.07.2017
Begonnen hat es mit einem Kontext-Artikel vor zwei Jahren. Über eine Flüchtlingsklasse in Sindelfingen. Daraus wurde ein eigenes Projekt, weil auch JournalistInnen manchmal mehr tun wollen als schreiben. Das diesjährige Kontext-Bildungs-Projekt mit der Alphabetisierungsklasse der Gottlieb-Daimler Schule geht nun zu Ende.

Zum Sommerfest der Vabo-Klassen an der Gottlieb-Daimler-Schule ist Highlife auf dem Schulhof. Hinter dem Schulgebäude ist ein Bogenschieß-Parcours aufgebaut, ein Breakdancer gibt einen Tanz-Workshop, Graffiti-Profis haben eine Wand aufgebaut und Malen mit den Schülern. Raid und Raida aus der aktuellen Projekt-Klasse verkaufen Waffeln, Mohammad steht am Grill. Flammen schießen in die Höhe, während Mohammad das nächste Fleisch auf den Rost wirft, dann Hackfleischspieße, selbstgerollt, Zucchini, Aubergine, Paprika. Mohammad möchte eine Ausbildung zum Koch machen. Neben ihm am Grill steht Omar, aus der ersten Medienprojekt-Klasse – ein Syrer, der Ingenieurwesen studieren möchte. Seit einem Jahr besucht er nun das Pfarrwiesengymnasium in Sindelfingen. Mathe sei kein Problem, aber Bio sei schwer, erzählt er.

Innen im Schulgebäude laufen Fotostreams auf einem Fernseher, Bilder von Kennenlerntagen in einem Schullandheim, die von der Schule für jede neue Vabo-Klasse organisiert werden, um sich zu beschnuppern. In einem der Klassenzimmer sind unsere beiden Projekt-Filme zu sehen. Einen haben wir vor einem Jahr mit der Vabo-2-Klasse gemacht, die auch Omar besucht hat. Die Schülerinnen und Schüler haben dafür vor kurzem einen Landespreis der Europastiftung verliehen bekommen. Der andere Film ist im Laufe des vergangenen Schuljahrs mit der Alphabetisierungsklasse Vabo 0 entstanden und wird am kommenden Freitag im Böblinger Kino gezeigt.

Üben mit kleinen Kameras: Mohamed ...
Üben mit kleinen Kameras: Mohamed ...
... und Raída.
... und Raída.

Jeweils ein halbes Jahr haben wir, der Kameramann Steffen Braun und ich, mit den beiden Klassen gearbeitet. Wir haben den Schülern gezeigt, wie eine Kamera funktioniert, wie man Ton aufnimmt, moderiert und ein Thema recherchiert. Unser Ziel war es, Medienkompetenz zu vermitteln und darüber hinaus das Sprechen zu üben. Vor einer Kamera zu stehen oder eigene Ideen und Recherchen vor der Klasse zu referieren, ermöglicht zudem einen selbstbewussten Umgang mit der im Laufe eines Schuljahrs immer weiter wachsenden Sprachfähigkeit. Entstanden sind aus alldem zwei völlig unterschiedliche Filme in verschiedenen Stadien der Integration.

Zwei sehr verschiedene Klassen

Unsere erste Klasse mit Klassenlehrerin Ulrike Deyhle war eine fortgeschrittene Sprachklasse. Sie bestand aus Jugendlichen mit schulischer Vorbildung, die lesen und schreiben konnten, teilweise sehr gut Englisch sprachen. Es war eine Klasse mit Schülerinnen und Schülern aus allen Ecke der Welt: aus Brasilien, den USA, aus Syrien, dem Kosovo, Gambia, Afghanistan, Kroatien und Mazedonien. Deutsch war das verbindende Element, über das sich alle verständigen konnten. Sprache und Schrift waren unser Medium, um Ideen zu sammeln, Erinnerungen zu behalten, Drehbücher zu schreiben und Interviewfragen zu notieren. Der Horizont der Klasse war breit. Die meisten hatten einen Fluchthintergrund, aber jeweils aus verschiedenen Gründen: Krieg, Armut, politische Verfolgung. Dieser erste Film ist ein politischer geworden, über Europa aus den Erfahrungen einer Flüchtlingsklasse.

Klassenlehrerin Natascha Popovic mit Ahmed (links) und Abdul.
Klassenlehrerin Natascha Popovic mit Ahmed (links) und Abdul.

Der zweite Film ist sehr viel spielerischer entstanden, mit weniger politischem Anspruch, auf einem niedrigeren Bildungs-Level. Die meisten Jugendlichen der Vabo 0 von Natascha Popovic sind sogenannte primäre Analphabeten, junge Menschen, die ihre eigenen Sprache nicht lesen und schreiben können, die vorher noch keine Schule besucht haben oder nur ganz kurz. Sie haben beim Ausmalen von Bildern gelernt, wie man einen Stift hält, bei kleinen Feldern nicht über den Rand und bei großen bis zum Rand zu malen. Sie üben die noch fremden Buchstaben und Worte in Lernheften, die für die erste Klasse bestimmt sind. Von links nach rechts statt von rechts nach links. Viele schreiben noch nicht, sie malen die Worte. Wer noch nie in der Schule war, braucht für alles etwas länger.

Die Vabo 0 besteht vor allem aus syrischen Jugendlichen und einem Geschwisterpaar, Yesiden aus dem Nordirak. Natascha Popovic ist für die meisten die allererste Lehrerin. Zu Weihnachten hat sie ihre Klasse zu sich nach Hause eingeladen. Zum Sommerfest hat sie mit ihren Töchtern einen Kleiderflohmarkt organisiert, ein ganzes Klassenzimmer voller Schuhe, T-Shirts, Jacken, Accessoires, Kinderpullover und Säuglings-Strampler, fein zusammengelegt präsentiert, alles kostenlos. Und sie hilft, wenn es Probleme gibt, egal welcher Art.

Der Film mit ihrer Klasse musste eher an der Oberfläche bleiben, weil sich Zukunftsvorstellungen und Erlebnisse und Wünsche und Träume nur begrenzt sprachlos visualisieren lassen. Und weil es ohne eine gemeinsame Sprache nur schwer möglich ist, kreative Ideen gemeinsam zu entwickeln, Themen zu durchdringen, ein Drehbuch oder Interviewfragen zu erarbeiten.

Wie hilflos man ist ohne Sprache, haben wir in dieser Klasse erfahren. Dieses Projekt hat uns verdeutlicht, was Geflüchteten, die ohne Vorbildung in Deutschland ankommen, abverlangt wird. Wie wahnsinnig schwer es ist, eine neue Sprache zu lernen, ohne die eigene richtig zu können. Wie wichtig Sprache ist, um eine Ausbildung zu finden, eine Arbeit, bestenfalls mit einem Chef, der die Jugendlichen nicht über den Tisch zieht. Auch das haben wir erlebt.

Welche Farbe ergibt gelb und blau?

In der ersten Klasse, der Vabo 2, haben wir über gesellschaftliche Teilhabe gesprochen, auch über politisches Engagement. Wir haben darüber diskutiert, warum so viele Geflüchtete in Deutschland in Heimen leben müssen, was Propaganda ist, warum einer aus Gambia flieht, und warum die Taliban, Zitat eines Schülers, "spinnen". Drei Mädchen haben ein Referat gehalten über Frauenrechte in Saudi-Arabien. Das Titelblatt ihrer Powerpoint-Präsentation zeigte eine verschleierte Frau hinter Gittern.

Mahamoud filmt mit dem Profigerät von Kameramann Steffen Braun.
Mahamoud filmt mit dem Profigerät von Kameramann Steffen Braun.

In der zweiten Klasse ging es um Projektarbeit mit jungen Menschen, denen das Wissen fehlt, das Kinder hier im Kindergarten lernen. Welche Farbe ergibt gelb und blau? Wie schneidet man mit einer Schere etwas aus? Natascha Popovic war, so sagt sie, am Anfang "völlig überfordert". Sie hat eigentlich Deutsch für Gymnasien studiert. Sie erzählt von einem bildlich dargestellten Dialog in einem Lehrbuch, Person A in rot und Person B in schwarz unterhalten sich. "Grundschüler erkennen sofort, dass A und B miteinander sprechen. Aber bei Menschen, die noch nie in der Schule waren, haben sich im Gehirn die Strukturen nicht gebildet, um das zu erkennen." Die Lehrerin hat an den Wochenenden viele Fortbildungen gemacht und dort gelernt, dass Alphabetisierung nicht nur heißt, Buchstaben zu lehren. Mittlerweile gibt sie selbst Fortbildungen im Vabo-Bereich.

Für uns hat das vor allem bedeutet, uns bei jedem Satz daran zu erinnern, langsam und einfach zu sprechen. Ohne Konjunktive, im Präsens, denn Zeiten im Deutschen sind schwer. Verständigt haben wir uns über das Vorspielen von Szenen, über Bilder oder Zeichnungen an der Tafel. Arabische Lehrfilme für Geflüchtete haben wir als Brücke benutzt, um den Aufbau von Video-Beiträgen im Fernsehen zu erklären.

Ungezwungene Neugier im Schauwerk Sindelfingen

Wie sich die Welt verändern kann, wenn man den Blickwinkel verändert, haben wir im Museum Schauwerk in Sindelfingen erfahren, das unserer Klasse freien Eintritt gewährt hat. Es geht um spiegelnde, sich bewegende Objekte im Raum, die sich teilweise komplett verändern, wenn der Betrachter einen Schritt zur Seite geht. Unsere Klasse war begeistert. Anders als deutsche Schüler, denen von klein auf beigebracht wird, mit großem Abstand in eine Kunstausstellung zu gehen, haben diese Schüler mit den Kunstwerken interagiert, respektvoll zwar, aber mit eben der neugierigen Nähe und Unvoreingenommenheit, die die Werke verlangen.

Um den Aufbau eines Films mit verschiedenen Szenen zu verdeutlichen, haben wir die Schüler Storyboards malen lassen. Um anschaulich zu machen, wie eine Reportage funktioniert, waren wir gemeinsam in der Wilhelma. Mit dabei war eine Gymnasialklasse, die eine Patenschaft für die Alphabetisierungsklasse übernommen hat. Einen kleinen Übungs-Beitrag über den Unterschied von Dachkonstruktionen in Deutschland (Giebeldach) und Syrien (Flachdach) haben wir in der Werkstatt der Schule gedreht.

Die Schüler führen ein Interview in der Cafeteria.
Die Schüler führen ein Interview in der Cafeteria.

In einer Schulstunde haben wir das Thema "Wie sieht unser Traumhaus aus" bearbeitet. Die Schüler haben Collagen geklebt, mit Bildern aus Einrichtungskatalogen, Zeitungen und Magazinen. Einer wünschte sich Schafe im Garten, in einer Garage standen drei Oldtimer und ein Rennwagen. Mohammad, der gerne Koch werden will, räumte der Küche in seinem Haus sehr viel Platz ein und klebte gleich noch einen Backofen mit Croissants mitten rein.

Die Fortschritte der Klasse waren mit jeder Woche greifbar und mit einigen der Schüler ist mittlerweile schon eine Unterhaltung möglich. Das irakische Geschwisterpaar hat anfangs kaum ein Wort gesprochen. Mittlerweile übersetzt die junge Frau für ihre Mutter, besucht jede Woche eine christliche Gemeinde, und beginnt gerade, Freundschaften zu knüpfen. Raid, der schüchterne Bruder, hat in den vergangenen Ferien hunderte Vokabeln gelernt. Wenn man ihn fragt, was er sich für die Zukunft wünscht, sagt er nur: "In die Schule gehen." Lernen. Um später in Deutschland arbeiten zu können, weil er nicht mehr zurück will in den Irak. Einige Schüler, sagt Natascha Popovic, wird die Berufsschule einmal in Ausbildungsverhältnisse vermitteln können. Aber einige werden nicht das sprachliche Niveau erreichen, das eine normale Berufsschulklasse erfordert. Diesen Schülerinnen und Schülern wird sie helfen, einen Arbeitsplatz zu finden.

Schüler zucken zusammen, wenn es draußen knallt

Manchmal waren wir überrascht: Zum zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahl in Frankreich haben wir eine Urne an die Tafel gemalt, einen Mann und eine Frau. Einer der Schüler ist aufgestanden, hat einen Wahlzettel mit Kreuz neben die Urne gemalt und das weibliche Strichmännchen durchgestrichen.

Und manchmal sind wir an Grenzen gestoßen, die eigentlich nur ein Psychologe finden sollte. In einem Magazin war ein doppelseitiges Foto abgebildet, das einen zerbombten Straßenzug in Aleppo zeigte. Auf einem anderen Foto eine Seite später war eine Frau zu sehen, im Staub sitzend, wie sie schützend ihr Baby an sich drückt. Einer der Schüler trennte das doppelseitige Bild heraus, schnitt die Frau und das Kind aus der folgenden Seite und klebte sie in die zerstörte Stadt. Dann packte er das Bild vorsichtig in seinen Rucksack. Ein anderes Mal fragten wir einen jungen Mann, wie er nach Deutschland gekommen ist. Plötzlich begann er zu weinen, weil einer seiner Brüder im Krieg umgekommen ist. Natascha Popovic erzählt, wie Schülerinnen und Schüler manchmal zusammenzucken, wenn es draußen knallt oder plötzlich laut wird, sie erzählt von Schülern, die plötzlich hysterisch werden oder aggressiv. Auch in Sindelfingen ist der Krieg in Syrien präsent.


Der erste Film. Hergestellt von Netzwerk Schnittbild, der Produktionsfirma von Steffen Braun.

In dieser Klasse voller Syrer und den zweien aus dem Irak, ist Abschiebung kein Thema. Aus der ersten Projektklasse allerdings wurde gleich zu Beginn ein Junge abgeschoben, ein zweiter im Laufe des Schuljahrs, abgeholt morgens um 5 Uhr aus einer Vierer-WG unbegleiteter Minderjähriger. Zwei Afghanen aus der Vabo 2 bangen trotz Ausbildungszusage seit Monaten, ein junger Mann aus dem Kosovo lebt mit seiner Familie seit mehr als einem Jahr in ständiger Angst. Er hatte ein Praktikum in einem Kindergarten gemacht. Das hat ihm gut gefallen, nur eine Ausbildungsstelle gab es nicht gleich. Auf dem Sommerfest der Gottlieb-Daimler-Schule kommt er gut gelaunt mit einer Apfelschorle in der Hand aus der Küche. Er lernt jetzt auf dem Bau, erzählt er. Ob es ihm Spaß macht? "Ich brauche das für die Papiere", sagt er dazu nur. Dann flitzt er weiter.

In diesen zwei Jahren haben wir mit tollen und engagierten jungen Menschen gearbeitet und eine Schule mit Lehrkräften, Sozialarbeitern und Verantwortlichen kennengelernt, die sich mit gesundem Pragmatismus aber mit Herz dafür einsetzen, geflüchteten Jugendlichen eine Perspektive zu geben. Wir haben den Jugendlichen in unseren beiden Film-Projekten jeweils auf eine ganz andere Art einen Blick hinter die Kulissen der Medienwelt ermöglichen können. Wir haben über die Arbeit vor und hinter der Kamera vermittelt, dass ein gutes Ergebnis oft nur im Team zu erreichen ist.

Auch wir haben viel gelernt. Dass wir diesen Krieg nur aus den Medien kennen. Dass wir abgestumpft sind von den immer gleichen Fluchtgeschichten, dass wir Geflüchtete als eine Art Masse wahrnehmen und nicht mehr als Individuen. Wir haben über die immer gleichen Medienbilder unsere Sensibilität verloren. Es ist gut und notwendig, wenn uns ab und zu eine Situation daran erinnert, dass jeder Geflüchtete ein eigenes Leben hat und dass die meisten von ihnen mit verwundeter Seele in unseren Klassenzimmern, Unterkünften und Ämtern sitzen.

Steffen Braun und Anna Hunger.
Steffen Braun und Anna Hunger.

 

Kontext-Redakteurin Anna Hunger und Kameramann Steffen Braun begleiteten dieses Schuljahr eine Flüchtlingsklasse in Sindelfingen. Wöchentlich unterrichteten sie in der Klasse. Gemeinsam haben sie mit den Jugendlichen einen Film gedreht – ein Kontext-Medienprojekt für jugendliche Migranten. Der Film wird am kommenden Freitag im Böblinger Kino gezeigt.


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Ausgabe 330 / Alarm im Autoland / Schwa be / vor 19 Stunden 23 Minuten
Meines Erachtens eine sehr gute Idee!!





Ausgabe 330 / Alarm im Autoland / stefan notter / vor 23 Stunden 1 Minute
bin dabei, stefaNo








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