Hier hat die Familie gelebt, ihre Urkundenmappe ist noch da. Die ehrenamtlichen Betreuer Niels Clasen und Barbara Mobley. Fotos: Joachim E. Röttgers

Hier hat die Familie gelebt, ihre Urkundenmappe ist noch da. Die ehrenamtlichen Betreuer Niels Clasen und Barbara Mobley. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 447
Gesellschaft

Zurück in die Armut

Von Gesa von Leesen
Datum: 23.10.2019
Mitten in der Nacht wird eine Roma-Familie in Stuttgart-Wangen aus dem Bett geholt. Und sofort abgeschoben nach Nordmazedonien, das als sicheres Herkunftsland bezeichnet wird. Der 15-jährige Kemal ist jetzt der einzige Ernährer. Er arbeitet auf dem Feld.

Kemal wirkt verzweifelt bei seinem Videoanruf. "Unsere Eltern sind mit uns nach Deutschland gegangen, damit wir Bildung bekommen", sagt er, "damit wir es besser haben. Jetzt sind wir wieder hier. Aber hier will man uns nicht. Weil wir Roma sind." Der Junge sitzt in einem kahlen, weiß gekalkten Zimmer in Resen, einer 9000-Einwohner-Gemeinde, in der die Roma einen Anteil von einem Prozent haben. Die meisten sind orthodoxe Christen.

Seit dem 27. September sind Kemal, seine Eltern und seine zehn Jahre alte Schwester Gjulten dort. Bis zu diesem Tag lebte die Familie Islamovski fünf Jahre lang in Stuttgart-Wangen. Die Eltern arbeiteten in einem türkischen Supermarkt, die Kinder gingen dort in die Schule. In der Nacht zum 27. September wurde die Familie von vier PolizistInnen abgeholt, nach Ludwigsburg gebracht und ein paar Stunden später über den Abschiebeflughafen Karlsruhe-Baden-Baden nach Nordmazedonien verfrachtet.

Dort erwartet die Familie – wieder – die Armut. Untergekommen bei Verwandten, ist Kemal derzeit der einzige Ernährer der Familie. "Ich arbeite zwölf Stunden am Tag auf dem Feld", berichtet der Jugendliche. "Dafür bekomme ich 20 Euro. In die Schule kann ich nicht, meine Schwester auch nicht. Die haben uns gesagt, wir müssen dafür Geld bezahlen. Aber wir haben keins."

Kemal hat immer geholfen, wenn Not am Mann war

In Stuttgart-Wangen sitzen derweil die Freunde der Familie Islamovski zusammen und überlegen, wie sie helfen können. Denn die Familie war beliebt, besonders der Junge. "Wenn Kemal hierher kam, hat er jedem die Hand gegeben. Das erlebt man nicht so häufig bei jungen Männern", erzählt Rosa Maria Lopez Alonso. Sie ist Geschäftsführerin des FIZ (Familie im Zentrum) und voll des Lobes: "Er hat hier sein Sozialpraktikum für die Schule gemacht. Und danach ist er immer wieder hergekommen, hat Kinderbetreuung übernommen, hat geholfen, wenn Not am Mann war."

Lopez sitzt an diesem Nachmittag zusammen mit der ehrenamtlichen Helferin Birgit sowie mit Nils Clasen und Barbara Mobley vom Freundeskreis Asyl. Alle wollen erläutern, wie gut sich die Familie integriert hatte. "Die Mutter Zurka sprach fließend Deutsch, weil sie als Kind schon mal ein paar Jahre in Deutschland gelebt hat", sagt Clasen. "Sie hat anderen Flüchtlingen geholfen, sie hat jede Arbeit angenommen, die sie bekommen konnte. Sie hat geputzt, dann hier im Supermarkt gearbeitet. So wie ihr Mann, Adji, auch."

Clasen und Mobley kennen die Islamovskis seit deren Ankunft in Stuttgart vor fünf Jahren. Sie haben Kemal erlebt, wie er auf einem Fest in Wangen ein Lied für seine Familie gerappt hat. "Das hat einen wirklich gerührt", erinnert sich Clasen. Der ehemalige Betriebsrat, heute Rentner, ist Zeit seines Lebens politisch aktiv. Als Gewerkschafter hat er manchen Kampf ausgefochten, doch mitten in der Nacht vor einer Wohnung zu stehen und hilflos zusehen zu müssen, wie vier Polizisten eine ganze Familie auffordern, sofort ein paar Sachen für die Abschiebung zu packen – das hat ihn tief getroffen.

"Kemal rief mich in der Nacht um 3:11 Uhr an, ich bin sofort hin, habe auch Barbara informiert." Viel tun konnten die beiden nicht. "Ich habe geholfen, die wichtigsten Papiere zusammen zu suchen", berichtet Barbara Mobley, die Übersetzerin war, heute im Ruhestand ist. "Gjulten hat so geweint, weil sie seit ein paar Tagen eine Katze hatte, die sie nicht mitnehmen durfte. Die Mutter war völlig aufgelöst. Es war furchtbar." Sie informierte die Polizeibeamten darüber, dass der Vater erst kürzlich einen Herzinfarkt gehabt hatte. "Die haben uns gesagt, ein Arzt würde feststellen, ob er reisefähig wäre", erzählt sie weiter. Ob das tatsächlich geschehen ist, wissen sie nicht. Kemal habe am Telefon gesagt, da wäre kein Arzt gewesen. Mobley und Clasen sind immer noch aufgewühlt von der nächtlichen Abschiebung. Auch wenn sie wussten, dass diese irgendwann bevorstand.

"Warum müssen solche Leute gehen?"

Der Asylantrag der Islamovskis war 2016 abgelehnt worden, ebenso die Klage dagegen. "Ja, sie hatten Post bekommen mit der Aufforderung, auszureisen", weiß auch Lopez. Clasen ergänzt: "Aber sie hatten ja für den 8. Oktober einen Termin beim Ausländeramt in Stuttgart. Das hatte uns in relativer Sicherheit gewiegt." Sie haben gedacht, vor diesem Termin würde nichts passieren, und dass es da eine Chance gebe, die Abschiebung zu verhindern.

Doch das Regierungspräsidium Karlsruhe, zuständig für Abschiebungen, interessierte sich nicht für den Termin auf der Ausländerbehörde. Auf Anfrage erklärte es schriftlich: "Die Familie war bereits seit 2017 vollziehbar ausreisepflichtig und ist der Aufforderung und ihrer Pflicht zur freiwilligen Ausreise nicht nachgekommen. Es bestand insofern keine Notwendigkeit, den Termin am 08.10.19 abzuwarten."

"Das ist doch unmenschlich", findet Clasen. "Warum müssen solche Leute gehen? Leute, die arbeiten, Steuern zahlen, Kinder, die hier in die Schule gehen, damit sie einmal eine bessere Zukunft haben als ihre Eltern."

Doch um Menschlichkeit geht es in der Asyl- und Flüchtlingspolitik in Deutschland und auch in einem Bundesland mit einem grünen Ministerpräsidenten nicht. Denn, so schreibt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: "Nordmazedonien gehört zu den sicheren Herkunftsstaaten. Bei einer Einstufung als sicheres Herkunftsland gilt grundsätzlich die Regelvermutung, dass dort keine staatliche Verfolgung zu befürchten ist und dass der jeweilige Staat grundsätzlich vor nichtstaatlicher Verfolgung schützen kann."

Doch was verstehen eine Behörde und die Politik unter Verfolgung? Ist es keine Verfolgung, wenn Roma-Kindern wie Kemal und Gjulten, der Schulbesuch mittels einer obskuren Zahlungsaufforderung verwehrt wird? Ist es keine Verfolgung, wenn Menschen keine Arbeit, keine Wohnung finden, weil sie Roma sind?

Für Kretschmann ist Nordmazedonien sicher

Nein, beschloss die schwarz-rote Bundesregierung 2014. Damals erklärte sie per Gesetz Bosnien-Herzegowina, Serbien und Mazedonien zu sicheren Herkunftsstaaten. Im Bundestag stimmten Linke und Grüne dagegen. Eben weil durch Organisationen wie Pro Asyl und Amnesty International bekannt war, dass Roma in diesen Westbalkan-Ländern Opfer von rassistischen Übergriffen und Kampagnen sind. Im Bundesrat stimmten alle Länder mit grüner Regierungsbeteiligung gegen das Gesetz oder enthielten sich. Alle, bis auf eines: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann stimmte zu und verhalf dem Gesetz damit zur Mehrheit.

Dass sich die Verhältnisse für Roma in den benannten Ländern seit 2014 offenbar nicht verbessert haben, erklärte die Europäische Kommission erst am 29. Mai dieses Jahres. In ihrem Bericht über die Fortschritte der Westbalkan-Staaten hinsichtlich eines EU-Beitritts stellt sie fest: "Die Roma sind nach wie vor sozialer Ausgrenzung, Marginalisierung und Diskriminierung ausgesetzt."

Die deutschen Asylrechtsbehörden interessiert das nicht. Die Freunde der Islamovskis in Stuttgart-Wangen schon. Sie haben dafür gesorgt, dass Möbel und Kleidung zu den Islamovskis transportiert wurden. Sie besorgen die Schulbescheinigungen, damit die Kinder in Nordmazedonien belegen können, dass sie in der Schule waren. Im FIZ werden derzeit Unterschriften für eine Petition gesammelt, um die Familie zurück nach Stuttgart holen zu können. Der Verkauf unzähliger selbst gebackener Kuchen und Torten im FIZ brachte gut 1000 Euro. "Wir geben nicht auf", erklären Lopez, Clasen und Mobley übereinstimmend. Kemal macht das Mut. Am Telefon sagt er traurig-trotzig: "Es ist wohl Schicksal. Aber ich bin ein Berg. Ich halte durch."


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3 Kommentare verfügbar

  • Mila
    vor 2 Tagen
    Wo bitte haben diese Menschen Steuern bezahlt? Sie hatten kein genehmigtes Asyl und auch keine Duldung. Somit konnten sie keine Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung annehmen. Sprich, sie haben schwarz gearbeitet? Wie konnten diese Kinder bei uns zur Schule gehen? Das haben wir alle mit unseren Steuern bezahlt. Die Familie tut mir leid, die Situation dort ist bestimmt nicht schön und ich wünsche bestimmt niemandem, so leben zu müssen.
  • Ruby Tuesday
    vor 2 Wochen
    Es ist doch kurios, da fliegt ein Jens Spahn um die halbe Welt nach Mexico, sucht Arbeitskräfte und in Stuttgart lebt eine gut integrierte Familie, die wegen einer nicht nachvollziehbaren Rechtslage abgeschoben wird. Es wäre sinnvoll, Nachbarn, Helfer, Gemeinderäte und der Bürgermeister hätten ein Mitspracherecht.

    Was macht das eigentlich mit ehrenamtlichen Betreuern, die solchen Integrationsprozeß viele Jahre begleiteten? Bleibt bei ihnen nicht eine ganz böse dunkle Erinnerung zurück? An ein Land, das sich Rechtsstaat nennt und kein bis ein unterentwickeltes Verständnis für Menschen in Not hat.

    Man muß wohl schon sehr stark sein um eine Posttraumatische Belastungsstörung zu vermeiden, wurden doch gerade Mitbürger, Nachbarn, ja Freunde praktisch aus dem gemeinsamen Lebensmittelpunkt gerissen und "in die Wüste" geschickt.

    Übrigens kein Mensch ist ein Berg, das würde ja bedeuten, er hätte ein Herz aus Stein. Dass ein Regierungspräsidium als reiner Vollstrecker einer mitleidlosen Rechtsprechung agiert, hatten wir schon einmal. Darauf kann ein demokratischer Rechtsstaat sehr gut verzichten - also holt sie zurück. Ich bin sicher, dass würde allein wegen der Nachbarn, nicht einmal Reisekosten erfordern.
  • Frank
    vor 2 Wochen
    Mit Verlaub. Warum.sollte ich fremden Menschen Geld geben, die ich nicht kenne, und die noch nie etwas für mich getan haben? Und damit meine ich nicht alleine diese bedauernswerte Familie, sondern das ganze Zwagssystem an sich.

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