Demo "Für eine Welt, in der niemand fliehen muss" am 9. 12. in Stuttgart. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 351
Politik

Zurück in den Krieg

Von Emran Feroz
Datum: 20.12.2017
Angeblich soll es in Afghanistan sichere Gebiete geben. Wo genau, sagen die Verantwortlichen nicht dazu, dennoch wird wieder abgeschoben. Die Zahl der zivilen Opfer erreicht derweil Höchststände, in Gesprächen fürchten betroffene Geflüchtete um ihr Leben.

Farhad wirkt nervös. Es ist ihm sichtlich unangenehm, über das, was ihm zurzeit widerfährt, zu sprechen. Kein Wunder, denn der 24-jährige Afghane, der gegenwärtig irgendwo in der Nähe von Frankfurt lebt, hat vor einigen Wochen einen negativen Asylbescheid erhalten. Ihm droht die Abschiebung.

Zwei Jahre lebte Farhad in einem Flüchtlingsheim in Frankfurt. 2014 floh er aus der afghanischen Provinz Uruzgan im Süden Afghanistans. Bereits zum damaligen Zeitpunkt eskalierte dort die Lage. Zahlreiche Distrikte Uruzgans werden von den militanten Taliban kontrolliert. Mehrmals gelang es den Aufständischen in den vergangenen Jahren beinahe, auch die Provinzhauptstadt, Tarin Kot, zu erobern. Farhads Heimatdorf in Uruzgan liegt abgeschieden – und von Sicherheit fehlt weiterhin jede Spur. Taliban-Kämpfer und Soldaten der afghanischen Armee bekämpfen sich regelmäßig. Hinzu kommen Luftangriffe der NATO sowie Spezialeinsätze des US-Militärs. Zivile Opfer gehören zum Alltag.

In diesen Alltag will Farhad auf keinen Fall zurückkehren. Deswegen ist er mittlerweile untergetaucht. Seit einiger Zeit versteckt sich der junge Afghane bei verschiedenen Freunden und Bekannten. Die Angst, mitten in der Nacht von der Polizei geweckt zu werden, lässt ihm keine Ruhe. "Ich habe von vielen Geflüchteten gehört, die von den Beamten ohne Vorankündigung abgeholt wurden. Kurz darauf befanden sie sich im Flieger nach Kabul. Der Gedanke daran hat mich verrückt gemacht. Ich konnte kaum mehr schlafen und hatte Angst", berichtet er. Für ihn war es demnach der nächste logische Schritt, das Heim zu verlassen – zumindest vorübergehend.

"Ich hoffe weiterhin, dass sich die Lage ändert und die deutsche Bundesregierung Abschiebungen nach Afghanistan ein für alle Mal stoppt. Geflüchtete aus Syrien oder aus dem Irak haben doch auch keine Abschiebungen zu befürchten. Warum dann Afghanen?", fragt Farhad.

Wenn Stahl und Beton wichtiger sind als Menschenleben

Vor zwei Wochen erst fanden zwei Sammelabschiebungen statt. Vom Frankfurter Flughafen wurden 49 Geflüchtete nach Afghanistan zurückgebracht. Unter ihnen sollen auch ein "Gefährder" sowie einige Straftäter gewesen sein, aber auch "hartnäckige Mitwirkungsverweigerer" will Bundesinnenminister Thomas de Maizière konsequent abschieben. Die Bundesregierung begründet ihr Vorgehen weiterhin mit dem Argument, dass es in Afghanistan "sichere Gebiete" gebe, in denen die Lebensumstände zumutbar seien.

Welche Regionen damit gemeint sind, bleibt allerdings unklar. Bis heute wurde seitens der Verantwortlichen weder der Name einer Provinz noch einer Stadt genannt, in der es angeblich sicher sein soll. Die afghanische Hauptstadt Kabul, in der die Abgeschobenen landen, zählt mittlerweile zu den unsichersten urbanen Gebieten Afghanistans. Bombenanschläge, die zahlreiche unschuldige Menschen in den Tod reißen, sind zu etwas Alltäglichem geworden.

In Deutschland ist vor allem jener Anschlag, der sich Ende Mai im Stadtteil Wazir Akbar Khan ereignete, in Erinnerung geblieben. Bei dem Attentat wurden über 100 Menschen getötet. Doch da Wazir Akbar Khan auch als "Diplomatenviertel" bekannt ist, in dem sich unter anderem auch die deutsche Botschaft befindet, lag der Fokus vieler Schlagzeilen eher auf Stahl und Beton als auf afghanischen Menschenleben. Bei dem damaligen Angriff wurde auch das Botschaftsgebäude beschädigt. Zynischerweise wurden kurz darauf die Abschiebungsflüge aus Deutschland eingestellt. Nicht etwa, weil Kabul zu gefährlich für abgeschobene Geflüchtete ist, sondern weil die Botschaftsmitarbeiter den bürokratischen Aufwand, der mit den "Rückkehrern" verbunden ist, kurzzeitig nicht bewältigen konnten.

"Vielleicht haben Sie ja etwas angestellt"

Wenn Mohammad so etwas hört, wird er wütend. Seit mehr als sechs Jahren lebt der Geflüchtete in Stuttgart. 2011 floh er aus seiner Heimatprovinz Paktia im Osten Afghanistans. Mohammad spricht gutes Deutsch und arbeitete bei einer Reinigungsfirma. Er bezahlte Steuern. Integrierte sich. Für ihn war klar: Seine Zukunft ist in Deutschland. Doch dann – im Mai, während in Afghanistan die Sicherheitslage eskalierte – kam der Abschiebebescheid. Deutschland, Baden-Württemberg, wo unter einer grüngeführten Landesregierung mehr abgeschoben wird als in Bayern, wollte Mohammad nicht mehr haben. Er solle sich auf seine Rückreise vorbereiten, die auch "freiwillig" stattfinden könne.

"Der Brief war wirklich eindeutig. Ich bekam es mit der Angst zu tun und überlegte, unterzutauchen oder die Abschiebung anzutreten", meint Mohammad. Die Behörden, an die sich der Afghane mit seinem allem Anschein nach letzten Bescheid wenden wollte, reagierten kalt und mit Desinteresse. "Vielleicht haben Sie ja etwas angestellt". Oder: "Wir können da leider auch nichts machen." Derartige Sätze hörte er immer und immer wieder.

Dann wendete sich das Blatt doch noch zum Guten. Nachdem ein Anwalt Mohammad klarmachte, dass ihn eine Ausbildung vor der Abschiebung retten könne, fand er eine Stelle bei einem Malerbetrieb in Stuttgart. "Ich bin erleichtert und kann wieder aufatmen. Wer weiß schon, wo ich jetzt wäre, wenn ich diese Stelle nicht bekommen hätte? In Afghanistan wäre ich vielleicht schon tot", sagt Mohammad.

Eine Abschiebung für Mohammad und Farhad würde nicht nur die Rückreise nach Kabul bedeuten. Da die beiden Afghanen keinerlei Verwandte in der Hauptstadt haben, müssten sie in ihre Heimatprovinzen zurückkehren. Allein der Weg dorthin ist lebensgefährlich. In ganz Afghanistan herrscht Krieg, in manchen Provinzen weniger als in anderen. Doch die Gefahr lauert überall – und die Zahlen dazu sprechen für sich. Laut den Vereinten Nationen wurden 2016 über 11 500 Zivilisten am Hindukusch getötet. In den ersten drei Quartalen des Jahres 2017 wurden mindestens 8 019 zivile Opfer gezählt.

Das sind Höchststände, die auf absehbare Zeit nicht abnehmen werden. Hinzu kommt: Die tatsächlichen Zahlen liegen mit großer Sicherheit weitaus höher. Die Methode, mit der die Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) seit 2009 als einzige Organisation getötete Zivilisten im Land zählt, gilt als konservativ: Für die offizielle Bestätigung eines einzelnen Opfers sind drei verschiedene Quellen notwendig. In einem Land wie Afghanistan, mit vielerlei Kriegsgeschehen, Terroranschlägen, Drohnen-Angriffen und brutalen Übergriffen von lokalen Milizen oder US-Spezialkräften, ist das nicht bloß für abgelegene Regionen mehr als nur schwierig.


Die Geflüchteten, deren Beispiele in diesem Artikel angeführt sind, wollen anonym bleiben. Ihre Namen wurden daher von der Redaktion geändert.


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4 Kommentare verfügbar

  • Andromeda Müller
    am 22.12.2017
    Meine Meinung :
    U.a. am Beispiel Afghanistan wird wieder wunderbar die Perversität der "Politik" der "westlichen Wertegemeinschaft" illustriert : Reisewarnung , aber sicheres Herkunftsland.
    Die amerikanischen , deutschen und sonstigen Soldaten verstecken sich in den Kasernen ,
    - außer nächtlichen Todeskommandos von "Spezialeinheiten" und 24 h Drohnentod , und den täglichen Bürgerkrieg internalisiert man bei bleibenden Gewinnen für die westlichen
    "Caterer" des Krieges. Eine Doppel-Loose (Afghanen gegen Afghanen) - Win-Situation.
    Man lese Hrsg. Mario Tal : "Umgangssprachlich Krieg" und Ahmed Rashid:"Decent Into Chaos".
    "Die Taliban" gibt es gar nicht mehr . Sie stellen inzwischen eher eine breite aufständische und repräsentative Masse der afghanischen Bevölkerung dar , die ausländische Söldner , Armeen und ihrer ebenso kriminellen afghanischen Komparsen unendlich leid sind.
    Die "demokratischen" Wahlen , die Medien und die Regierung mit ihren Ministern sind
    eine Farce und Bedrohung für jede Entwicklung . Dies unter der Protektion und der Regie der "westlichen Wertegemeinschaft" namens USA +.
    Meine Meinung : Eine Politik von Kriegsverbrechern , Drogenlords und Wirtschaftskriminellen , - bzw. alles in einem - , für Kriegsverbrecher ,Drogenlords und Wirtschaftskriminelle (z.B. Alfred McCoy : "Die CIA und das Heroin" ; man erinnere sich an die Iran-Contra-"Affäre"; ).
    (Frauenrechte und Landreform waren Anliegen der kommunistischen Najibullah- Regierung . Deswegen sind die traditionellen Clans und von den USA ins Leben gerufenen und ausgebildeten radikalen Mudjaheddin-Verbände überhaupt auf deren Anwerbung angesprungen) .
    Man versteht sich ausgesprochen gut. Der westliche Rubel rollt , das Drogengeld wird in Waffen , Luxuslimousinen und die ganzen "märchenhaften" Bauprojekte der Mega-Klasse
    am persischen Golf gebuttert/gewaschen , bzw. in Luxusvillen in Kabul (U.a. LMD und INAMO lesen).

    Our friends im Jemen-Hungertod-Krieg , der nichts weiter als ein weiterer Absatzmarkt für die "westliche Wertegemeinschaft" darstellt , der jederzeit als medialer Trigger für den großen Krieg gegen "die schiitischen Terroristen" nutzbar ist (Ooh , Huthi-Rakete auf Riad oder so ähnlich) , der ein bequemes Übungsfeld für saudische Piloten und ihren mit der UAE verbündeten , radikalen sunnitischen Salafisten darstellt ("unsere" Waffenbrüder !),
    und über den so wenig berichtet und geschwiegen wird. Aber über Saudi-Arabien 2030 . Ganz tolles Projekt ! (?)

    Ach , und ganz vergessen , der Putsch in Saudi-Arabien , incl. der Zerstörung ganzer
    schiitischer Stadtviertel ( bitte aufmerksam lesen : beides in Saudi-Arabien stattgefunden trotz , - doch wohl Menschenrechte verteidigende - , US-Divisionen in der Nachbarschaft !)
    Berichterstattung ?
    Man kann ja nicht alles lesen , bei allem was man so geboten kriegt , nicht wahr ?
  • Rolf Schmid
    am 20.12.2017
    Afghanistan soll - noch immer - nicht SICHER sein? Dabei reiste unsere Kriegsministerin, immerhin eine siebenfache Mutter, soeben wieder einmal dort hin! Deshalb kann DAS doch nicht wahr sein, sonst würde diese Mutter so vieler Kinder - und natürlich auch der rund 900 deutschen Soldaten in Afghanistan - doch nicht noch "eine Aufstockung des Bundeswehr-Kontingents" beabsichtigen, sondern den sofortigen ABZUG aller Deutschen Soldaten aus einem Land, in dem die sog. "Aufständischen" inzwischen um die 80% des ganzen Landes - ausser wenigen Städten - beherrschen!
    Irgend etwas, vermutlich sogar das Allermeiste, was hier von der Regierung, besonders dem Innen- und der Kriegsministerin über Afghanistan gesagt und entschieden wird, kann nicht stimmen ! Deshalb zum Schluss die Frage: Wer oder WAS steckt in Tat und Wahrheit hinter der Afghanistan-Politik von unserer Regierung, der Parlamentsmehrheit, die soeben wie Mandatsverlängerung um weitere 6 Monate beschlossen hat?
    Die Interessen des Deutschen Volkes, das steht jedenfalls ziemlich fest, können es NICHT sein!
  • Wolfgang Zaininger
    am 20.12.2017
    Nach Jahren der Intervention und Milliarden, ausgegeben für die angebliche "Verteidigung unserer Demokratie am Hindukusch" ist dort nichts sicher! Aber wie halten wir es mit Geflüchteten, die sich hier nicht (wie Mohammad) um Arbeit und Anpassung an die hiesigen Rechtsverhältnisse bemühen? Eine offene Flanke für die Rechte!
    • Matti Illoinen
      am 21.12.2017
      Schon vielleicht einmal daran gedacht, dass die Mehrheitsgesellschaft gar keine Integration wollte und will? und das auch schon mindestens seit dem die ersten "Gastarbeiter" nach Deutschland geholt hat? Warum sonst hat man bis heute keine Einwanderungsgesetzte in Deutschland erlassen, sondern nur bis heute eine Gastarbeiterpolitik betrieben? In diesem Wort "Gastarbeiter" steckt doch von Anfang an Ausgrenzung, Ablehnung und Diskriminierung, ob bei Kindergartenplätze, Wohnungssuche oder bei Arbeitsplätzen. Die Mehrheitsgesellschaft sollte jedenfalls nicht "Ursachen und Wirkung verwechseln"

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