Die Initiatorin von "Dipdii Textiles", Anna Heringer, zwischen den Exponaten der Schau "Kleider machen Orte". Foto: Joachim E. Röttgers

Die Initiatorin von "Dipdii Textiles", Anna Heringer, zwischen den Exponaten der Schau "Kleider machen Orte". Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 447
Gesellschaft

Eine Frau für Bangladesch

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 23.10.2019
Aus Bangladesch stammt ein Großteil unserer Bekleidung – produziert zu Billiglöhnen für bekannte Labels und Ketten. Dass es auch anders geht, zeigt die ifa-Galerie in Stuttgart mit einem Projekt der Architektin Anna Heringer.

Die zwei Fischteiche entstanden, als die Bauern Baumaterial für ihre Häuser ausgegraben haben. Bambus, das zweite Baumaterial, wächst auf einem Feld, das allen gehört – Allmende hieß so etwas früher bei uns. Die Reisfelder und Gemüsegärten rundum bewirtschaftet jede Familie für sich. Wasser kommt aus Quellen vor Ort, Strom aus Sonnenkollektoren, das ist besser als darauf zu warten, dass die Regierung unzuverlässige Leitungen verlegt.

Der Plan, anhand dessen Anna Heringer die Verhältnisse in Rudrapur erläutert, ist auf einen Wandteppich gestickt. Rudrapur ist ein Ort mit ungefähr fünf- bis sechstausend Einwohnern im Norden von Bangladesch. Die Architektin weist darauf hin, dass die Siedlung einen "unglaublich geringen ökologischen Fußabdruck" hinterlässt. Lehm, von Hand verarbeitet, ist vollkommen klimaneutral, hinterlässt keinerlei Müll oder Schadstoffe und bietet obendrein ein viel besseres Raumklima als alle anderen Baustoffe. Bambus als schnell nachwachsender pflanzlicher Rohstoff ist die ideale Ergänzung für zugbeanspruchte Bauteile.

Dass es ein Wandteppich ist, an dem Anna Heringer die Verhältnisse in Rudrapur vor Augen führt, ist kein Zufall. Geht es doch in der Ausstellung der ifa-Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen darum, ein Projekt vorzustellen, das den Frauen vor Ort ermöglicht, Geld zu verdienen, ohne sich in die Sweatshops von Dhaka begeben zu müssen. Ein Projekt, das als Gegenmodell zur Ausbeutung in den globalen Lieferketten gelten kann.

Modeunternehmen wollen Schmuddelimage loswerden

Bangladesch ist nach China der größte Bekleidungsexporteur der Welt. 80 Prozent der Exporterlöse des Landes stammen aus der Textilindustrie. Bangladesch hat die niedrigsten Löhne weltweit, sagt das Netzwerk "Kampagne für Saubere Kleidung". Das ist der Grund, warum die Modeketten dort produzieren lassen. Das führt aber auch zu einem Wachstum der Wirtschaft des Landes. Und normalerweise ist es fast die einzige Chance für Frauen, ihr eigenes Geld zu verdienen.

Ein goldglänzender Kubus im Ausstellungsraum weist auf diese Zusammenhänge hin. Er zeigt, mit wie wenig Raum die Arbeiterinnen der Fabriken in Dhaka in ihren wenigen Freizeitstunden auskommen müssen. Doch der Glanz der Umhüllung, der auf die feine Welt der Mode verweist und das Geld, das man damit verdienen kann, hat Kratzer bekommen. Eingraviert sind Namen von Arbeiterinnen, die beim Einsturz der Fabrik Rana Plaza 2013 ums Leben gekommen sind. Die Wände der Hütte sind tapeziert mit Zeitungsberichten zum Thema.

Seit dem Fabrikeinsturz hat sich einiges getan. Modeunternehmen, die dort produzieren ließen – nicht nur Primark, auch Benetton, KiK oder Mango –, wollten so schnell wie möglich ihr Schmuddel-Image loswerden – ohne freilich mehr zu bezahlen. Die Regierung erließ Sicherheitsvorschriften und Mindestlöhne, wie sie die Fabrikbesitzer unter diesen Bedingungen freilich nicht immer zahlen können. ArbeiterInnen sollen in allen Betrieben Gewerkschaften gründen dürfen. Gleichzeitig werden Streiks mit Polizeigewalt niedergeknüppelt. Für umgerechnet weniger als 100 Euro im Monat arbeiten die Frauen sechs Tage die Woche, zehn Stunden am Tag, Überstunden nicht mitgerechnet. Von solchen Löhnen können die Frauen auch in Bangladesch nicht leben.

Umweltschonend bauen – mit Lehm und Bambus

Anna Heringer ist mit 19 Jahren zum ersten Mal nach Rudrapur gekommen. In Linz hat sie anschließend Architektur studiert. Ihre Diplomarbeit war eine Schule in Rudrapur, die dann tatsächlich gebaut wurde: das Modern Education and Training Institute (METI). Sie wird betrieben von der lokalen Initiative Dipshikha, die seit 1979 besteht und sich für Entwicklung im ländlichen Raum einsetzt. Eine Berufsschule für Elektriker folgte, genannt Dipshikha Electrical Skill Improvement (DESI). Und, ganz neu, eine Schule für Behinderte, in deren oberer Etage sich die Textilwerkstatt "Dipdii Textiles" befindet.

Ihr Büro hat Heringer in dem bayrischen Kleinstädtchen Laufen nahe Salzburg, wo sie aufgewachsen ist. Sie hat nicht nur in Bangladesch, sondern auch in China, Zimbabwe und Deutschland gebaut und war bereits zwei Mal zur Architekturbiennale in Venedig eingeladen. Sie lehrt unter anderem an der ETH Zürich und in Harvard und leitet seit 2010 den Unesco-Lehrstuhl für Earthen Architecture, Building Cultures and Sustainable Development (Lehmarchitektur, Baukultur und nachhaltige Entwicklung).

Ihr Cousin Emmanuel Heringer ist Korbflechter und damit auch Experte für Bambusgeflechte. Weitere Partner sind der Vorarlberger Tonkünstler und Lehmbauexperte Martin Rauch und der Architekt Eike Rosswag, Leiter des Natural Building Lab an der TU Berlin. Aber die entscheidenden Impulse erhielt Anna Heringer durch ihren Aufenthalt in Rudrapur. Eine nachhaltige Entwicklung entsteht, so die Architektin, wenn man von dem ausgeht, was vor Ort vorhanden ist. Bambus und Lehm, Baumwolle und natürliche Farben. Hier sind die Bewohner von Rudrapur selbst Experten. Heringer hat viel von ihnen gelernt.

Bangladesch kann mehr als Billig-T-Shirts

"Bei Bangladesch denken die Leute immer an Billig-T-Shirts", bedauert sie. "Dabei hat das Land eine reiche, uralte eigene Textiltradition." Bengalische Textilien waren in vorkolonialer Zeit berühmt und wurden weltweit gehandelt. Die Bewohner von Rudrapur haben die alten Techniken nicht verlernt. Es sind zumeist Frauen, die mit Nadel und Faden arbeiten. Bei der schweren Arbeit auf den Feldern können sie mit ihren Männern nicht mithalten.

Heringer erklärt die äußerst nachhaltige Verwendung der Baumwollstoffe: Frauen tragen den Sari, Männer den Wickelrock Lungi. Die Stoffe sind dünn und nach wenigen Jahren aufgetragen. Sie werden dann aber noch nicht entsorgt, sondern in mehreren Schichten aufeinandergelegt und vernäht. So entstehen die Unterlagen und Decken für das Schlaflager. Da sie aus den Kleidungsstücken bestehen, die die Familienmitglieder früher getragen haben, tragen sie zugleich Erinnerungen in sich. Erst wenn diese Decken nicht mehr taugen, werden sie normalerweise auseinandergeschnitten und zu Putzlappen verarbeitet.

Hier setzt nun die Arbeit von "Dipdii Textiles" ein. Die Werkstatt kauft den Dorfbewohnern die aufgetragenen Decken ab, besser gesagt, sie gibt ihnen neue Sari-Stoffe dafür, damit sie nicht etwa auf die Idee kommen, Billig-T-Shirts zu kaufen und damit die nicht-nachhaltige, zerstörerische Entwicklung selbst weiter voranzutreiben. Aus den zerschlissenen Decken nähen die Frauen nun Wandteppiche, ärmellose Shirts, Westen oder Kissenbezüge.

Architektur kann Lebensverhältnisse verbessern

Die ifa-Galerie ist derzeit auch ein Popup-Store, wo diese Waren zu erwerben sind. Sie sind nicht so billig wie bei Primark. Ein Shirt kostet 140, für Schüler und Auszubildende 90 Euro. Aber es sind eben auch keine Massenprodukte, sondern Einzelstücke. Charakteristisch sind die changierenden, etwas blassen und doch bunten Farben, da sie aus mehreren Lagen dünner, teil abgewetzter, in verschiedenen traditionellen Naturfarben gefärbter Stoffe aufgebaut sind.

Anna Heringer schaudert bei der Vorstellung, Kleidungsstücke könnten bald vollautomatisch genäht werden. Allein in Bangladesch könnten Millionen Menschen arbeitslos werden. Und das alles nur, um noch billigere T-Shirts herzustellen, die dann noch schneller verbraucht würden. Auch die menschliche Arbeitskraft ist eine Energie, gibt sie zu bedenken. Handarbeit kostet Zeit, ist aber klimaneutral und ressourcenschonend. Ohnehin brauchen die Menschen Arbeit. Warum nicht sie sinnvoll beschäftigen und damit die Umwelt entlasten?

Klimawandel, Artensterben, Plastikmüll, Umweltgifte, Ressourcenverbrauch: Längst ist klar, dass es so nicht länger weitergehen kann. Reduzieren heißt das Zauberwort, mit weniger effizienter arbeiten. Wie das geht, hat Anna Heringer in Rudrapur gelernt. Sie hat dafür 2007 den Aga-Khan-Preis erhalten, einen der renommiertesten Architekturpreise der Welt. Grundrisse und Ansichten ihrer Gebäude in Rudrapur hängen in der ifa-Galerie auf Teppiche gestickt an der Wand.

Die Ausstellung ist nicht im eigentlichen Sinne ein Store, sie dient eher dazu, "Dipdii Textiles" und die Methoden, nach denen in Rudrapur gearbeitet wird, bekannt zu machen. Denn die sind vorbildlich – nicht nur für das ländliche Bangladesch, sondern für die ganze Welt. Und Architektur ist für Anne Heringer der Weg, das Lebensumfeld der Menschen zu gestalten und zu verbessern. Oder wie auf einem Wandteppich steht: "Architecture is a tool to improve lives" – Architektur ist ein Werkzeug, Lebensverhältnisse zu verbessern.


Info:

Die Ausstellung "Kleider machen Orte" läuft bis zum 5. Januar 2020, sie ist dienstags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Am 28. November hält Gisela Burckhardt vom Verein Femnet, einem Mitglied der Kampagne für Saubere Kleidung, einen Vortrag über die Bedingungen, unter denen internationale Modelabels in Bangladesch produzieren lassen.


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