Ministerialrat Harald Reh am Fair-o-mat im Umweltministerium. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ministerialrat Harald Reh am Fair-o-mat im Umweltministerium. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 341
Wirtschaft

Fair gedreht

Von Anna Hunger
Datum: 11.10.2017
Blackout, totaler Stromausfall, die ganze Stadt versinkt in Chaos und Anarchie, denn die letzten Lebensmittel der Menschheit stecken in elektronischen Snackautomaten fest … Sollte es mal so weit kommen, empfiehlt sich ein Besuch im Umweltministerium. Denn da steht ein Fair-o-mat, der tut ganz ohne Strom.

Die Cashew-Riegel sind Bombe. Knackig, süß, großartig. Dringend muss nach dem Verzehr des ersten noch ein zweiter her und der Mann am Eingang des Umweltministeriums lässt schon durchblicken, dass er eigentlich "der Empfang" sei und keine Wechselstube für Ein-Euro-Stücke. Dann kruschtelt er im Geldbeutel und rückt doch eins raus, das Sekunden später im Schlitz des Fair-o-maten verschwindet. Herrlich.

Mag sein, dass es die Vorfreude auf den fairen Riegel ist, vielleicht verknüpft das Hirn mit der kurbelnden Drehbewegung auch rosawolkige Kindheitserinnerungen an Kaugummiautomaten, in denen hosentaschenweise zehn Pfennigstücke verschwanden. Der Fair-o-mat im Umweltministerium ist nicht einfach nur ein schnöder Snackautomat. Er ist ein kleines, anachronistisches Erlebnis: Euro oben reinwerfen, den roten Schraubknopf drehen, damit der die Drehwirkung von außen auf die Innenfächer überträgt, und plumps, da liegt er im Ausgabefach, der Cashew-Riegel. Und weil man sich den Riegel in Handarbeit selbst herausgedreht hat, bleibt das gute Gefühl, einem Gerät mal nicht ausgeliefert zu sein. Wir kennen und hassen es alle: vor einem Normalomaten zu stehen, in dem der gewünschte Snack mit der Zellophan-Falte in der Metallspirale hängenbleibt. Beim Fair-o-mat hat man die Macht selbst, zumindest vom Gefühl her.

Gutes Gefühl macht auch das, was rauskommt – ausschließlich fair gehandelter Süß- oder Salzkram, denn wer einen Fair-o-maten kauft, verpflichtet sich, nur faire Produkte einzufüllen, so haben es die Erfinder Klaus Hamelmann, 57 Jahre alt, und Hendrik Meisel, 29, festgelegt.

Beide arbeiten im Fairtrade-Bereich und saßen 2010 in der Wuppertaler Schwebebahn. Sightseeing, erzählt Meisel. An einer Station entdeckten sie einen Snackautomaten. Könnte man sowas nicht auch für faire Produkte …? Und wenn schon fair innen, warum dann nicht auch außen? Also kauften die beiden zwei gebrauchte, konventionelle Automaten und rüsteten sie zu komplett stromfreien um – ohne Kühlung, rein mechanisch, und installierten sie im Rathaus und im Jugendamt in Castrop-Rauxel. Über die Lokalpresse bekam "Sat 1" Wind von der Sache und machte einen kleinen Film. Meisel steht darin stolz neben dem Automaten, Ziel sei, den "fairen Handel an Orte tragen, wo er vorher vielleicht nicht war", sagt er in die Kamera. Das war vor sechs Jahren.

Stadt für Stadt erobert der Weltfairbesserer die Welt.
Stadt für Stadt erobert der Weltfairbesserer die Welt.

Eine Woche später meldete sich der Weltladen aus Aachen, dann der aus Wesel, die in den Rathäusern ihrer Städte auch faire Automaten haben wollten. Anfangs haben Hamelmann und Meisel alle Automaten noch selbst umgebaut. Mittlerweile übernimmt das ein ansässiges Unternehmen. "Wir hatten ja überhaupt nicht vor, eine Firma zu gründen", sagt Meisel. Aber unverhofft kommt eben oft und heute stehen rund 150 Stück in Deutschland und drumherum. Der nördlichste in Wesselburen bei Büsum im Haus der Jugend der Evangelischen Kirche, der östlichste in Frankfurt/Oder gleich an der polnischen Grenze, der südlichste steht im österreichischen Wörgl am Realgymnasium BORG Schwaz. Der westlichste in Eupen, Belgien.

Voll öko: Fair-o-maten werden aus ausgemusterten Normalos gefertigt

Die Automaten für die fairen Verkaufsstellen sind alle gebraucht und haben rund fünf Jahre auf dem Buckel. "Wir kaufen alle auf, die ausgemustert werden", sagt Meisel. Bisher war der Fair-o-mat in klassischem Schwarz gehalten. Seit neuestem gibt's die Standard-Edition aufgemöbelt in Wunschfarben – "Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ob 'grasgrün', 'hellblau' oder 'krass pink' alles ist möglich."

1200 bis 1450 Euro kostet der Fair-o-mat in Grundausstattung. Finanziert werden sie meistens über Crowdfunding (gerade frisch vom Förderverein Gymnasium Neckartenzlingen zum Beispiel), mittels privater Unterstützer (wie der örtlichen Sparkasse, der Bäckerei und dem Elternbeirat des Leibniz-Gymnasiums in Altdorf bei Nürnberg) oder aus Bezirksmitteln wie in Altona. Da steht seit Januar der erste Fair-o-mat Hamburgs im Rathaus, bestückt und betrieben vom Weltladen Ottensen. "Wir freuen uns, dass nach fast vier Jahren dieses Projekt in der Fairtrade-Stadt Hamburg jetzt umgesetzt wurde", zitiert das Abendblatt Hans Christoph Bill vom Weltladen und schreibt: "Die Premiere dieses vergleichsweise harmlosen Geräts hatte sich vom Beschluss des Altonaer Umweltausschusses im Jahr 2013 bis zur Aufstellung im Januar 2017 hingezogen", unter anderem aus Angst der Verwaltung, dass der faire Mat Konkurrenz zu dem normalen Snackautomaten im Kundenzentrum sein könnte.

In Stuttgart gibt es derzeit vier Fair-o-maten. Drei davon stehen an der Uni Hohenheim. 2015 stellte die Initiative "Global Campus", ein studentisches Netzwerk für globales Denken und Handeln, gemeinsam mit der Ökumenischen Hochschulgemeinde den ersten in der Bibliothek auf. Verkaufshits: getrocknete Mangos, Zartbitter-Schokolade und Sesam-Riegel.

Kurz darauf war Umweltminister Franz Untersteller anlässlich der Nachhaltigkeitstage zu Besuch bei den Fair-o-mat-Freunden in Hohenheim und war so angetan von dem Gerät, dass die Studierenden seinem Ministerium kurzerhand einen ausliehen – bis sich das UM selbst einen zulegte.

Heute steht der hauseigene Fair-o-mat an der Wand des Foyers, gefüllt mit fairer Schokolade, Gummibärchen – und eben diesen göttlichen Cashew-Riegeln. Ähm, Entschuldigung, ob Sie vielleicht nochmal diesen Fünf-Euro-Schein hier? Und der Mann am Empfang rollt mit einem Schmunzeln die Augen auf zwölf und kramt den Geldbeutel aus der Hosentasche.


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