Einziger Lichtblick des Stücks: Larissa Aimée Breidbach (4. v. l.) in "Wie kann ich dich finden, zu mir ziehen und überreden zu bleiben" am Mannheimer Nationaltheater. Foto: Christian Kleiner

Einziger Lichtblick des Stücks: Larissa Aimée Breidbach (4. v. l.) in "Wie kann ich dich finden, zu mir ziehen und überreden zu bleiben" am Mannheimer Nationaltheater. Foto: Christian Kleiner

Ausgabe 341
Kultur

Expertin für gespaltene Seelen

Von Martin Eich
Datum: 11.10.2017
Schauspieler haben es in Deutschland schwer, farbige Schauspieler schwerer. Vielfach hängen Intendanten, Regisseure und Caster einem überholten Gesellschaftsbild an und besetzen auch so. Was Theater und Film dabei verloren geht, beweist Larissa Aimée Breidbach nicht nur in Mannheim.

Manchmal ist die Kunst, die verdichten und dramatisieren sollte, noch seichter als die missionsgemäß aufzuhübschende Realität. Wie gerade im Studio des Mannheimer Nationaltheaters. Auf der sparsam bestückten Bühne banalisieren ausdauernd acht Mittelklasse-Erwachsene mittleren Alters, mittlerer Weltoffenheit, mittlerer Perspektiven – und diese Grundkonstruktion vermag, es kann nicht verwundern, beim Zuschauer kaum Interesse zu wecken. Was Regisseurin Friederike Heller aber nicht daran hindert, ihre Uraufführung von Anja Hillings "Wie kann ich dich finden, zu mir ziehen und überreden zu bleiben" auf zwei Stunden auszudehnen. Und so bahnt sich das Verhängnis seinen Weg. Immer da, wo Hilling die realen Zumutungen jeder Existenz streift – das, was Hoffnung, gar Utopie grau und traurig werden lässt –, versenkt sie im nächsten Augenblick den aufkeimenden Konflikt in einem verbalen Kokettierschleier, dreht aus heraklitischem Pathos wort- und gestenreiche, aber wahrheitsleere Pirouetten.

Der Abend wäre gänzlich umsonst, gäbe es nicht Larissa Aimée Breidbach und ihre Figur Calista. Sie agiert zurückhaltend, setzt dem Grellen, Anbiedernden, Gefallsüchtigen der Vorlage zuverlässig den Reiz der Verknappung entgegen. Man hat den Eindruck: Da spielt jemand, der weiß, dass Worte einen Hof brauchen, sollen sie mehr als sich selbst benennen, dass Sätze ohne Resonanzraum keine Irritationen auslösen, sondern glatt bleiben. Weitgereist sei ihre Figur, behauptet das Stück, und vielleicht weil das nicht nur für die Rolle, sondern auch für ihre Darstellerin gilt, mutiert in den wenigen guten Momenten dieser Inszenierung der Mannheimer Theateralltag zu etwas Vorzeigbarem: zu einem täuschend leichten Sprung aus eben diesem.

Dass die 34-Jährige überhaupt auf der Bühne steht, ist nicht selbstverständlich. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater kam aus Burkina Faso, und vom Idealbild des blonden deutschen Gretchens ist Breidbach deshalb weiter entfernt, als es der Karriere förderlich ist. Auch wenn die Funktionäre von Theater- und Kinoszene in offenen Briefen, Interviews und Sonntagsreden gerne und ständig anderes behaupten – Chancengleichheit gibt es nicht. Geht es darum, farbige Schauspieler zu engagieren, fehlt es meist an gutem Willen und selten an Ausreden.

Schwarz schminken statt farbige Darsteller suchen

Wie im Dezember 2011, als das Deutsche Theater (DT) in Berlin für das Stück "Clybourne Park" eine weiße Darstellerin schwarz schminken wollte – eine auch als "Blackfacing" bekannte Praxis –, woraufhin der texanische Autor des Stückes Bruce Norris dem Theater die Aufführungsrechte entzog. Intendant Ulrich Khuon behauptete, keinen Farbigen für die Rolle gefunden zu haben – obwohl bereits damals nur wenige Kilometer vom eigenen Haus entfernt das von Lara-Sophie Milagro gegründete afrodeutsche Ensemble "Label Noir" residierte, das sicherlich zu jeder Hilfestellung bereit gewesen wäre, sofern es der DT-Chef nur vertrauensvoll kontaktiert hätte. In einem Interview mit der 3sat-Sendung "Kulturzeit" verbat sich Khuon, der seine Karriere in Konstanz begann und inzwischen zum Präsident des Deutschen Bühnenvereins aufgestiegen ist, Kritik an seiner Besetzungspolitik. Denn Darsteller spielten nur, sie seien nicht. Im Jahr zuvor hatte er noch das Gegenteil behauptet und in einem Gastbeitrag für das Branchenblatt "Theater heute" den Trend zu mehr Authentizität, das Einbinden von Migranten begrüßt ("Der partizipative Ansatz, die interkulturellen Fremdheitserfahrungen in die Theater quasi authentisch hineinzutragen (…), das ist eine richtige Antwort auf dieses Defizit."). Wer erklären will, warum zivilisatorischer Fortschritt in der Bühnenlandschaft mitunter von jeder Schnecke deklassiert wird, dem sei diese Episode empfohlen.

"Ich habe keine Heimat, versuche aber hartnäckig, eine zu finden": Schauspielerin Larissa Aimée Breidbach. Foto: Christine Fenzl
"Ich habe keine Heimat, versuche aber hartnäckig, eine zu finden": Schauspielerin Larissa Aimée Breidbach. Foto: Christine Fenzl

Auch Breidbach hat, wenn auch anders, die Erfahrung gemacht, auf ihre Hautfarbe reduziert zu werden. Meist unterschwellig und selten so ungeniert wie von jenem Regisseur, der ihr während einer Probe seine Prioritäten verdeutlichte: "Ich habe Dich engagiert, weil Du ein halbschwarzer Mensch bist. Mehr musst Du da nicht spielen." Weil noch keine vergleichende Studie Berufsalltag oder Einkommensverhältnisse farbiger Darsteller untersucht hat, fehlen empirische Belege, aber aus Gesprächen lässt sich ableiten, dass solche Ausfälle kein Einzelfall sind und der ohnehin robuste Ton, den viele Intendanten und Regisseure gegenüber Schauspielern anschlagen, im Umgang mit dunkelhäutigen Kollegen noch einige Nuancen schärfer ausfällt.

Ironisch mutet es vor diesem Befund an, dass hierzulande die Zahl der vor allem aus dem angelsächsischen Kulturraum importierten Stücke in den Spielplänen zunimmt, die diese Disparität und den dahinter stehenden Grundkonflikt zwischen Individuum und Mehrheitsgesellschaft thematisieren. Etwa "Race" von David Mamet oder "Geächtet" von Ayad Akhtar. In beiden war Breidbach, Expertin für die Ausstellung gespaltener Seelen, zu sehen. Kein Wunder. Die Garbo habe Unschuld verkörpern können, hat der britische Kritiker-Papst Kenneth Tynan einmal gesagt, und die Dietrich Amoralität. Wenige Darstellerinnen vermögen beides glaubhaft auf Bühne und Leinwand zu bringen. Breidbach gehört dazu. Wahrscheinlich der Kollateralnutzen eines Lebens, in dem hinter Zuordnung und Identität stets Fragezeichen prangten.

"Mach was Solides", rieten ihre Lehrer

Es ist ein milder Spätsommertag des vergangenen Jahres, und Breidbach marschiert zügig durch den Park Babelsberg in Potsdam. Am Vorabend spielte sie am Hans-Otto-Theater in der Premiere von "Geächtet", jetzt hat sie einige Tage frei. Nicht weit entfernt, nahe des Holländischen Viertels, wohnt sie. Nur ein paar Dutzend Kilometer weiter, in Brandenburg, liegen sogenannte "National befreite Zonen", wie nicht nur NPD-Vertreter Landstriche nennen, in denen es Anfeindungen gegen Ausländer und Farbige bereits nicht mehr in die Lokalpresse schaffen, weil sie alltäglich sind. "Eine wirkliche Identität ist schwer zu definieren und schwerer zu finden. In mir existierte lange ein Schamgefühl, in einer weißen Gesellschaft zu leben", sagt Breidbach. Wer so fühlt, sucht Geborgenheit, auch beruflich. Beinahe hätte das Theater deshalb auf sie verzichten müssen. "Ich habe schon früh mit der Bühne geliebäugelt, aber die Unsicherheit hat mich abgeschreckt. Meine Lehrer rieten mir: Mach was Solides." Dazu zählten offenbar Amerikanistik, Politologie und Medienwissenschaften, die sie nach einem glänzenden Abitur in Bonn studierte. Erst als sie während eines Seminars über Lessings Trauerspiel "Emilia Galotti" szenisches Gespür offenbarte, bewarb sie sich nach der Kurz-Kritik ihres Professors ("An Ihnen ist ein Talent verlorengegangen") an beinahe allen deutschen Schauspielschulen. In Potsdam, nach dem 16. Vorsprechen und wenige Tage vor ihrem 25. Geburtstag, wurde sie angenommen.

Hier fühlte und fühlt sie sich akzeptiert, aber – das Wort meidet sie – nicht heimisch. Vaterlos im Bergischen Land aufgewachsen, prägen sie die Erfahrungen ihrer Kindheit noch heute. "Das Anderssein, das Nichtdazugehören habe ich mitgenommen." In Engelskirchen, Lindlar, Morsbach und Waldbröl erfuhr sie offenen Rassismus. Und erkannte eine Verbindung: "Ich bin auch mit rassistisch-sexistischen Klischees konfrontiert worden, beides vermischt sich häufig. Seit meiner Jugend reagierten Männer auf Zurückweisungen häufig mit Empörung, als hätten sie Anrecht auf diese schwarze Frau."

In Burkina Faso ist sie "die Weiße"

Erst Bonn und seine Rheinische Friedrich-Wilhelm-Universität, dann die Schauspielschule in Potsdam: Fixsterne eines Naturells, das ausbrechen und sich definieren will, weil es sich definieren muss. Als sie vor sieben Jahren Burkina Faso, die Heimat ihres Vaters, besuchte, wurde sie dort "La Blanche" gerufen, "die Weiße". Dort weiß, hier schwarz – nicht viele dürften besser über die Beliebigkeit äußerlicher Festlegungen referieren können als Breidbach, Traum jedes Integrationsbeauftragten.

Ihrem Spiel ist das anzumerken, es entzieht sich der Ratio und wurzelt im Unbestimmbaren, dort wo Kunst entsteht. Dennoch zeigt es eine seltene Bewusstheit, wie sie nur kombinierten Gegensätzen entwachsen kann. Synchronbegabungen sind im darstellenden Gewerbe keine Seltenheit, sie gehören zum Alltagsgeschäft und sind Einstellungsvoraussetzung. Zum Spielen, Tanzen und Singen gesellen sich aber bei Breidbach politische Wachheit und Verständnis für normierende Mechanismen hinzu, eher unromantische und seltene Ergänzungen. Passend antwortet sie, wenn man sie nach ihren Zielen fragt: "Es wäre toll, wenn ich einmal Hedda Gabler verkörpern würde und sich niemand an der Hautfarbe aufhängt." Und sonst? Sie überlegt einige Sekunden. "Ich habe keine Heimat, versuche aber hartnäckig, eine zu finden."


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