Frauen in Indien sind Macherinnen, keine Opfer.

Frauen in Indien sind Macherinnen, keine Opfer.

Ausgabe 445
Kultur

Gender Healing

Von Anna Hunger
Datum: 09.10.2019
Westliche Medien zeigen indische Frauen vor allem als Opfer. Selten als Gestalterinnen dieses riesigen, diversen Landes. Shammi Singh, Filmemacher aus Ditzingen, möchte das ändern. Mit einer neuen Doku geht er jetzt auf Deutschland-Tour.

Es ist nicht anders als in Deutschland: Wer in Indien ein Smartphone besitzt, hat eine App ganz sicher – WhatsApp. Meesha Gandhi und ihre Kolleginnen vom TechLab in Mumbai sind gerade dabei, eine Art Info-Newsletter zu entwickeln, ausschließlich von Frauen für Frauen soll er per WhatsApp versendet werden und Wichtiges zu Gesundheitsthemen, Politik, Finanztipps oder auch mal Business Hacks direkt aufs Handy liefern. Den Frauen nützliche Infos direkt und ungefiltert an die Hand geben. Gandhi und ihre Mitstreiterinnen würden gerne flächendeckend informieren, das ist der Plan. Ihr Newsletter soll das ganze Land erobern, alle Frauen erreichen, sie stärken und ermächtigen. Das große Problem: In Indien wird alle 60 Kilometer eine andere Regionalsprache gesprochen. "Die Diversität in diesem Land ist schön", sagt Ghandi. "Aber sie ist Wahnsinn!"

Der Filmemacher Shammi Singh, 31 Jahre alt, nennt diesen Wahnsinn, das Überbordende, den immensen Reichtum an Eindrücken, Lebensformen und Stilen immer wieder "krass". Krass sind in Indien die Unterschiede zwischen arm und reich, zwischen den lauten, dichten Großstädten und den Gegenden ohne Strom oder fließendes Wasser. Mit den Regionalsprachen, die sich alle paar dutzend Kilometer ändern, wandelt sich auch die Kultur, die Religion, die Art der Speisen, die Art der Kleidung, der Grad der Entwicklung – wie in einem Kaleidoskop ergeben sich immer andere Bilder, je nachdem, in welche Himmelrichtung man schaut. Und so divers das Land ist, so divers sind die Feminismen, die sich langsam, aber sicher in Indien ausbreiten. Über die Frauen, die die Bewegung tragen, hat Singh seine Dokumentation gedreht: "Women's voice – India's choice", heißt sie. Ab dem kommenden Freitag geht sie auf Deutschland-Tour.

Plötzlich kam #Metoo

Shammi Singh hat das Heimatland seines Vaters viele Male bereist, ist immer wieder fasziniert von einer geballten Ladung an Eindrücken, die einem den Atem rauben. Er ist ein politischer Mensch, schon seit seiner Schulzeit. Schülersprecher, mit 21 jüngster Gemeinderat für die Grünen in Ditzingen, er hat dort den Jugendgemeinderat mitbegründet, später Politik und Rhetorik studiert. Mittlerweile ist er selbstständig in Stuttgart, fotografiert, filmt, gestaltet Websites und berät.

Als die #MeToo-Debatte von den USA nach Deutschland schwappte, wurde Singh plötzlich oft gefragt, ob man denn guten Gewissens nach Indien reisen könnte, so als Frau? Vielleicht war das der Schlüsselmoment, in dem dem linken Grünen plötzlich auffiel, dass indische Frauen in westlichen Medien nahezu ausschließlich als Opfer dargestellt werden. Als Entrechtete in einem patriarchal geprägten Land, das zwar bereits eine Präsidentin hatte und in dem über die vergangenen Jahrzehnte viele Gesetze für Frauen und Mädchen erlassen wurden. In dem aber physische und psychische Gewalt gegen Frauen noch immer gesellschaftsfähig sind, weibliche Föten abgetrieben werden oder Mädchen mit Säure übergossen, weil Töchter durch die Mitgift bei einer Heirat teurer sind als Söhne. "Ich dachte, darüber hinaus muss es doch noch so viel mehr geben", sagt Singh. Ein "Dazwischen". Also hat er seine Kamera eingepackt und hat sich auf die Suche gemacht.

Wo er vor einigen Jahren vor allem westliche Touristen getroffen hat, traf er nun viele indische. Und reisende Frauen. Manchmal ergaben sich Interviews einfach durch Zufall, manchmal fand er Gesprächspartnerinnen über Empfehlungen. 20 Frauen hat er getroffen: Studentinnen, Unternehmerinnen, Literatinnen, Aktivistinnen, die sich bei NGOs engagieren – alle sehr politisch und kämpferisch. Frauen, die keine Opfer sind, sondern eine Gesellschaft mitgestalten, die sich im Wandel befindet.

Da gibt es Harshada Mandavkar. Sie arbeitet für EmpowHer, eine Organisation, die sich um Infrastruktur in ländlichen Bereichen kümmert. Denn Frauen, die jeden Tag mehrere Stunden damit zubringen, Wasser aus einem entfernten Fluss zu holen, haben keine Zeit zu arbeiten, keine Zeit für Reflexion oder ihre Wünsche und Träume.

Sruthi George, geschätzt Mitte 20, erzählt, wie sie sich gefreut hat über ihre erstes selbstverdientes Geld. Wie sie überlegt hat, was sie davon kauft. Sie arbeitet für Industree, ein Projekt, das Handwerkerinnen zusammenschließt und Absatzmärkte generiert für Körbe, Kissen und Kleidung, und Frauen damit ein nachhaltiges Einkommen ermöglicht. Denn "ökonomische Stärkung führt immer auch zu einer sozialen Stärkung", zu mehr Freiheiten. "Der Wandel muss von den Frauen selbst kommen", sagt sie. "Es gibt immer noch welche, die sagen, das kann ich nicht tun, weil ich ein Mädchen bin, ich kann nicht rausgehen, weil ich eine Frau bin. Wir müssen aufhören, abhängig zu sein von Vätern, Ehemännern und Brüdern."

Dann gibt es Sheroes, ein Café, das Frauen unterstützt und Arbeit gibt, die Opfer von Säureattentaten wurden, Opfer des alten Indien. "Diese Frauen haben mich sehr beeindruckt", erzählt Shammi Singh. "Weil sie genau das Gegenteil von dem tun, was die Männer mit ihren Attacken wollten. Sie verstecken sich nicht. Sie machen aus ihrer Schwäche eine Stärke."

Mankiran Dhillon kommt aus Delhi. Sie erzählt, wie es ist in Indien als Frau aufzuwachsen und immer gesagt zu bekommen, welche Art von Kleidung man tragen soll. Heute macht sie Oberteile, Röcke und Kleider mit Haltung. Ihr Label heißt Mayray – may there always be hope.

Überall der Schlamassel mit den Schranken in den Köpfen

Vatsala Shrivastava, die Journalistin, taucht immer wieder wie ein roter Faden in Singhs Dokumentation auf, und ordnet das ins große Ganze ein, was die Interviewten erzählen. Einmal berichtet sie, wie sie auf dem Land einem Mädchen begegnet sei, das in Jeans und Spaghettiträger-Top zu ihrer Hochzeit unterwegs war. "So willst du gehen?", habe sie gefragt. Und die junge Frau sagte: "Ja, natürlich!" Damit die Schwiegerleute gleich wissen, dass sie es mit einer modernen Frau zu tun haben.

Sie selbst war, wie nahezu alle Frauen in Indien, bereits betroffen von sexualisierter Gewalt. Und sehr beeindruckt, als der Metoo-Moment in ihrem Land ankam, und sich die noch junge indische Frauenbewegung kraftvoll formierte. So viele hätten ihre Stimme erhoben, erzählt Vatsala. Und das überall. Im ganzen Land.

Die Journalistin betreibt auch einen Blog. Dort schreibt sie über Männer. Solche, die verstanden haben, sagt sie. "Und wir haben so süße Männer hier, solche, die ihre Töchter unterstützen, die für ihre Frauen einstehen, die keine Angst haben vor der Unabhängigkeit ihrer Freundinnen und Frauen." Vasala nennt das "Gender healing".

Dreieinhalb Monate war Shammi Singh in Indien unterwegs. Insgesamt ein Jahr hat er an seiner Doku gearbeitet. Die Hintergrund-Musik komponiert, Texte eingesprochen, Schnitt und Nachbearbeitung gemacht. Ob er etwas gelernt hat aus seiner Recherche?

Singh lacht. "Vor allem, dass es kein indisches Problem ist, wenn in den Köpfen Schranken existieren", sagt er. "Wir hier in Deutschland sind in einem so hochentwickelten Land und wir kriegen es nicht hin, mit der Hälfte der Bevölkerung anständig umzugehen." Die indische Journalistin Vatsala bringt es auf den Punkt: "It is a mindset" – alles Einstellungssache. Und die zu ändern, das braucht Zeit. Überall.


Infos und Tourtermine zu "Women's voice – India's choice" gibt's hier.


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1 Kommentar verfügbar

  • Ruby Tuesday
    am 14.10.2019
    Leider ist es so, dass Frauen in ihrer Gesamtheit wiederholt als Opfer gezeigt werden. Über die immense Vielzahl von erfolgreichen Frauenkooperationen in aller Welt erfahren wir nur über Nischenproduktionen oder das Internet. Fast scheint es unsere "zivilisierte" Technokratenwelt fürchtet sich davor zuzugeben, dass die Errichtung demokratischer Regionen nicht aus Gewehrläufen und Panzerkanonen kommen kann.

    Seh ich allein auf die Verheerungen der sogenannten demokratischen Länder, bevorzugt Amerika zurück, finde ich zeitgleich einen Hinweis auf das Kartell der Kolonialmächte.
    Zu wie vielen "Freiheitskämpfen" haben allein Amerika, China, Frankreich, Russland angestachelt und die Menschen plötzlich ihrem Schicksal überlassen.

    Jüngstes Beispiel das Kurdengebiet. Kambodcha, Korea, Vietnam, Ungarn, DDR, Tchechoslowakei, Afghanistan, Afrika und Naher Osten?

    Gerade wird der Versuch unternommen, die kurdische Vielvölkerregion zu vernichten und ein hirnloser Haufen von EU-Politikern überlegt scheinbar ernsthaft, ob man nach Paragraf 5 der Natostatuten, dem Agressor Türkei nicht Beistand leisten muß. In diesem Zusammenhang möchte ich auf verschiedene seemoz-Beiträge hinweisen.

    https://www.seemoz.de/lokal_regional/biji-berxwedana-rojava/ aber auch auf den Blog https://anfdeutsch.com/frauen/msd-wuerdigt-ermordete-kurdische-politikerin-havrin-khalaf-14571 Frauen und Männer haben die Region stabilisiert und wieder aufgebaut - mit größtem Erfolg. Beispiele, die es Wert sind näher betrachtet zu werden. Insofern wünsche ich der Dokumentation den größten Erfolg und hoffe, dass er zahlreiche FilmemacherInnen ermutigt, aktiv zu werden.

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