Ausgabe 286
Medien

Frauengeschichten

Von Anna Hunger
Datum: 21.09.2016
Manche Geschichten können nur von Frauen erzählt werden. Pauline Tillmann hat diesen Erzählungen eine eigene Nische im Internet freigeräumt: Seit eineinhalb Jahren ist ihr digitales Magazin "Deine Korrespondentin" online.

Es gibt Regionen auf der Welt, in denen nur Frauen einen Zugang zu anderen Frauen haben, und nur sie haben die Möglichkeit, aus deren Leben zu erzählen. Pauline Tillmann, 33 Jahre alt, hat diesen Erzählungen eine Ecke im Internet freigeräumt. Sie ist die Chefredakteurin des digitalen Magazins "Deine Korrespondentin" mit Sitz in Berlin, gemacht von freien Journalistinnen im Ausland, von Korrespondentinnen für die ARD, Deutsche Welle, Arte, oder die Neue Züricher Zeitung, aus Frankreich, Afghanistan, Indien, Chile oder Myanmar. Von Frauen. Über Frauen. Für alle. Das ist ihr Motto. Mittlerweile ist es voll schrecklicher und schöner Reportagen, Porträts und Miniaturen.

Chefredakteurin Pauline Tillmann. Foto und Screenshots: Deine Korrespondentinnen
Chefredakteurin Pauline Tillmann. Foto und Screenshots: Deine Korrespondentinnen

Veronika Hartmann, Korrespondentin für die NZZ und N24 in Istanbul, schreibt über die "Muschelfrauen aus Mesopotamien", die vor ihren Häusern sitzen und Miesmuscheln knacken, um sie zu verkaufen. Şehriban, eine der Muschelfrauen, sitzt vor dem Haus, in das sie mit 13 eingezogen ist. "Es war mein Hochzeitstag, und man hatte mich auf einen Stuhl gesetzt, aber meine Beine waren noch so kurz, dass meine Füße in der Luft baumelten." Das Geheimnis der Muscheln ist ihre Würze: Zimt und eine Prise Heimweh.

Sabine Rossi macht Radio für das ARD-Studio Kairo und porträtiert Rasha Magdy, Frontfrau der ägyptischen Haevy-Metal-Band Enraged, die sagt: "Als Mädchen oder Frau in Ägypten aufzuwachsen ist beschissen. Es ist furchtbar. Ein Schicksal, das ich niemandem wünsche." 

Lea Gölnitz, Journalistin für das Nachrichtenportal Entwicklungspolitik Online, hat die "Menstruationsaktivistin" Monalisa Padhee getroffen, die in Indien dafür kämpft, dass Frauen auch während ihrer Periode in Tempel dürfen und nicht in Holzverschläge gesperrt werden.

Veronika Eschbacher ist Korrespondentin für die USA und Afghanistan. Sie hat Jessamyn Stanley aus North Carolina getroffen, die unter lauter athletischen, weißen Frauen nicht nur als dicke, schwarze Yoga-Lehrerin unglaubliche Erfolge feiert, sondern auch mit Nacktbildern auf Instagram und Facebook. "Am unwohlsten fühlen sich Amerikaner, wenn sie Brüste und Vaginen sehen. Und um Himmels willen, es sollen schon gar keine Brüste oder eine Vagina einer Larger-body-Frau sein", sagt sie im Interview. Titel des Artikels: "Hoch die Mittelfinger! Eine Fat Femme über die Rückeroberung des eigenen Körpers".

Die Korrespondentinnen schreiben über das Altwerden von Frauen, das in Afghanistan ganz anders ist als in Lyon. Über die Pille, die in Japan verpönt ist, und über Zwangssterilisations-Quoten in Indien, über Olivia Mejías, die in Chile als einzige weibliche Geologin in der Mine El Teniente arbeitet, dem größten unterirdischen Kupferbergwerk der Welt, über Bahar Sohaili, eine radikale Frauenrechtsaktivistin in Kabul. In allen ihren Texten geht es um Frauen, die Ketten sprengen. Laute und sehr leise, die ihren Glanz und ihre Kraft auf kleinster Fläche innerhalb eng gesteckter Grenzen entfalten. Um inspirierende, wundervolle Frauen, deren Geschichten erzählt werden müssen.

"Es gibt so viele starke Frauen auf der Welt, von denen man nichts hört und sieht, weil die Mainstreammedien so wenig über Frauen berichten", sagt Pauline Tillmann und zitiert eine Studie, nach der alleine in einem offenen Land wie Deutschland fünfmal mehr über Männer geschrieben wird und sich ein Drittel der Frauenberichterstattung um Angela Merkel dreht. Und nicht nur die Protagonisten der Artikel sind Männer, meistens schreiben auch Männer. Männer sind Experten, sie sitzen in Talkshows, der Begriff Auslandskorrespondent ruft sofort den Peter-Scholl-Latour-Typ ins Hirn. "Dabei", sagt, Pauline Tillmann, "gibt es so viele kompetente Frauen mit jahrelanger Expertise in Sachen Ausland." Neun davon schreiben für sie.

Pauline Tillmann kommt aus Ellwangen und hat ganz klassisch mit 17 als Praktikantin bei der Schwäbischen Zeitung angefangen. Mit 20 begann sie sich mit Russland zu beschäftigen, Osteuropa wurde ihr Steckenpferd, von 2011 bis 2015 arbeitete sie als freie Auslandskorrespondent in St. Petesburg, unter anderem für die ARD. Mit einem Recherchestipendium reiste Tillmann durch die USA, ihr Thema: die Zukunft des Journalismus. Sie war in New York, im Silicon Valley, besuchte diverse Medien-Start-ups und veröffentlichte 2015 ein E-Book über ihre Reise. "Ich war ganz entfacht von diesem Pioniergeist", sagt sie, kam zurück nach Deutschland und erarbeitete ein Konzept für eine eigene, kleine Zeitung. Eine, die Frauen sichtbarerer machen soll, die mit speziellen Fokus zeigen will, wie die Welt funktioniert und welche Rolle Frauen in ihr spielen.

Mit sechs Kolleginnen hat sie eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. 5000 Euro wollten sie sammeln, 6555 sind es geworden. Seit Mai 2015 ist "Deine Korrespondentin" online, und aus der Journalistin Pauline Tillmann wurde eine Unternehmerin, Entrepreneurin, wie sie sagt, im Pool derer, die herausfinden wollen, wie die Zukunft des Journalismus aussieht. Im Moment jedenfalls, sagt sie in einem Interview, befände sich der in einer Art "Schockstarre". "Bloß kein Risiko eingehen. Bloß keine Leser vergraulen. Dabei geht es in diesen Zeiten genau darum: mutig neue Dinge zu wagen."

Dass aber auch gute Ideen einen langen Atem brauchen, hat sie schnell gemerkt. Vor allem, wenn's ums Geld geht. Finanziert wird das Magazin bisher über Zweit- und Drittverkäufe der Artikel an gedruckte Zeitungen, was mehr schlecht als recht funktioniert. Zwei Monate lang hat Tillmann eine Bezahlschranke eingerichtet, dann schaffte sie sie wieder ab. "Trial and error", sagt sie, Deutschland sei dafür noch nicht bereit. Mittlerweile denkt Tillmann darüber nach, einen Großsponsor oder eine Sponsorin zu suchen, der oder die ihrem digitalen Magazin eine finanziell stabile Basis schafft – was auch einfacher klingt, als es ist, denn JournalistInnen sind eben keine MarkentingexpertInnen. "Niemals hätte ich gedacht, wie viel Arbeit es ist und wie viel Mühe es kostet, ein eigenes Magazin zu machen." Und wie schwer es ist, Menschen zu finden, die bereit sind, für guten Journalismus Geld zu zahlen. Denn nur von Idealismus finanzieren sich ihre Autorinnen nicht. 

In einem Testimonial für die Korrespondentinnen schreibt Carolin Neumann, freie Journalistin, "Innovationsschürferin" und Mitgründern des Branchennetzwerks Digital Media Women: "Wir brauchen mehr weibliche Vorbilder, die Mädchen und Frauen zeigen, was möglich ist!" Mehr Journalistinnen, die über Frauen schreiben.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!