KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere eins bis drei Punkt oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


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Singen-Südstadt: Fast 23 Prozent hat die AfD hier geholt. Foto: Patrick Pfeiffer

Singen-Südstadt: Fast 23 Prozent hat die AfD hier geholt. Foto: Patrick Pfeiffer

Ausgabe 341
Gesellschaft

Ratlos in Singen

Von Michael Lünstroth
Datum: 11.10.2017
In einigen Singener Stimmbezirken hat jeder Vierte AfD gewählt. Im reichen Süden, in einer klassischen Arbeiterstadt ohne große wirtschaftliche Sorgen. Wie konnte das passieren?

Es gab so ein paar Momente in den vergangenen Monaten, da ahnte Claudia Weber, dass in ihrer Stadt etwas kippen könnte. Etwa als sie in Diskussionen immer wieder den Vorwurf an die Politik hörte, dass zwar für Bankenrettung, Griechenlandkrise und Flüchtlingsaufnahme viel Geld da sei, beim "normalen Volk" aber ständig gespart werde. Oder als ihr ein russischstämmiger Deutscher erklären wollte, der öffentliche Rundfunk in Deutschland bringe nur Falschmeldungen. Es grummelte bei den Menschen. Wie sehr, das zeigte sich am 24. September: Die AfD erreichte bei der Bundestagswahl in Singen 16,5 Prozent der Zweitstimmen. In einigen Bezirken lagen die Zahlen noch deutlich darüber: 28 Prozent waren es beispielsweise im Wahlbezirk 77 in der Südstadt. Insgesamt kommt die AfD in dem Stadtteil auf 22,7 Prozent.

Ex-Stadträtin Claudia Weber (SPD). Foto: privat
Ex-Stadträtin Claudia Weber (SPD). Foto: privat

Mehr- und Einfamilienhäuser wechseln sich hier ab, breite Straßen, Supermärkte, Drogerien, Apotheken – das Nahversorgungsnetz ist gut, Busse fahren regelmäßig, manchmal grüßen sich die Menschen auf der Straße sogar. Das soll also das Problemviertel der Stadt sein? Es ist jedenfalls auch der Bezirk, in dem Claudia Weber lebt. Das AfD-Ergebnis hat sie wütend gemacht: "Ich bekomme es nicht in meinen Schädel, wieso so viele Menschen bei uns für diese Partei gestimmt haben. Singen ist eine weltoffene Stadt, die Kulturen leben hier gut miteinander", sagt sie. Eigentlich kann man sich auf ihr Urteil verlassen. Die 68-Jährige kennt ihr Quartier wie kaum eine andere. Sie organisiert Straßenfeste, kümmert sich um Nachbarschaftshilfe, ist aktiv in ihrer Kirchengemeinde und war mehr als 20 Jahre lang Stadträtin für die SPD. Aber jetzt ist auch sie vor allem eines: ratlos. Die größte Frage derzeit in der Stadt: Wie konnte aus der Arbeiterstadt eine AfD-Hochburg werden?

Singen also, tief im Süden Baden-Württembergs, nahe am Bodensee. Knapp 48 000 Einwohner und ansonsten ziemlicher Durchschnitt. Finanziell geht es der Stadt weder besonders gut noch besonders schlecht. Schulden drücken auf den Haushalt wie auch andernorts, die Arbeitslosigkeit ist in den vergangenen Jahren gesunken, die Kriminalitätsrate gestiegen. Brennpunkte in der Stadt? "Gibt es nicht", sagt die Polizei vor Ort. Die Internationalität Singens – der Ausländeranteil liegt bei knapp 23 Prozent – wurde bislang mehrheitlich als Gewinn verstanden. Im Gemeinderat ist die CDU die größte Fraktion. Der letzte SPD-Oberbürgermeister verließ 1993 das Singener Rathaus, seither stellt die Union den Verwaltungschef. Das alles klingt nicht unbedingt nach einer frustrierten Stadt. Einerseits. Andererseits ist es auch ein bisschen erstaunlich, dass jetzt alle so überrascht sind in Singen. Schon 2016 hatte es eine Vorwarnung gegeben: Bei der Landtagswahl war die AfD erfolgreich, holte 20 Prozent der Stimmen in der Stadt, den Wahlkreis vertritt seither auch Wolfgang Gedeon, dessen antisemitische Schriften bislang nicht zu einem Parteiausschluss geführt haben, im Landtag.

Wahlbeteiligung in Bezirken bei 15 Prozent

Erklärungsversuche: Natürlich habe das Abschneiden der AfD auch eine soziale Dimension, ist Claudia Weber überzeugt. Hartz-IV und Armut seien auch in der Singener Südstadt ein Thema. Aber das alleine will Weber nicht gelten lassen. "Auffällig ist, dass die Zustimmung zur AfD vor allem in jenen Wahlbezirken hoch ist, in denen viele Spätaussiedler aus Rumänien, Polen, Russland und vom Balkan wohnen", sagt Weber. Durch ihre Arbeit in der Kirchengemeinde kenne sie viele dieser Menschen und wisse, wie diese denken. "Es herrscht ein anderes Demokratieverständnis vor als bei uns, es gibt auch eine gewisse Uninformiertheit über politische Prozesse und Zusammenhänge." Und als dann im Sommer 2015 die Flüchtlinge kamen, habe sich die Unzufriedenheit immer weiter ausgebreitet. Nicht sofort spürbar. Singen hat in den vergangenen Jahren mehr als 1300 Flüchtlinge aufgenommen, große Proteste gegen Unterkünfte gab es kaum. Entladen habe sich alles erst bei der Wahl, sagt Weber. Vielleicht auch aus psychologischen Gründen, vermutet sie: "Die meisten Aussiedler haben sehr hart für ihre Integration in die deutsche Gesellschaft gearbeitet. Die Flüchtlinge haben ihnen vielleicht Angst gemacht, weil sie ihren Status bedroht sahen. Vielleicht spielte auch Neid eine Rolle nach dem Motto: 'Als wir kamen wurden keine Willkommens-Schilder hochgehalten'." Auf die Frage nach der Verantwortung der Politik, winkt Weber ab: "Klar, auf Bundesebene bräuchten wir längst ein Einwanderungsgesetz, aber die Stadt selbst hat immer sehr viel für die Integration getan. Daran kann es nicht liegen", ist die 68-Jährige überzeugt.

Berliner Platz in der Südstadt, im Hintergrund die Hochhäuser Romulus und Remus. Foto: Patrick Pfeiffer
Berliner Platz in der Südstadt, im Hintergrund die Hochhäuser Romulus und Remus. Foto: Patrick Pfeiffer

Dazu gibt es in der Stadt allerdings auch andere Ansichten. "Es war ein Fehler, die Stadt kulturell zu entkernen. Das rächt sich jetzt", sagt zum Beispiel Gerhard Zahner, Anwalt und Autor mit dem Gespür für besonders brisante regionale Stoffe. Was er damit meint, ist vor allem die Aufgabe von öffentlichen Plätzen, auf denen man sich begegnen musste. Das Loslösen der Milieus voneinander, die Auflösung des Miteinanderlebens habe auch zu dem Ergebnis vom 24. September geführt, ist sich Zahner sicher. Die Entwicklung sei aber insgesamt langfristiger: "Schaut man die Zahlen zur Wahlbeteiligung an, dann muss man sagen, dass sich Singen in den vergangenen Jahren auch ein Stück weit entdemokratisiert hat." Tatsächlich: 48 Prozent bei der letzten OB-Wahl im Jahr 2013, 36,6 Prozent bei der Kommunalwahl 2009. Und bei der Kommunalwahl 2014 sank die Wahlbeteiligung in einigen Bezirken der Südstadt auf nur 15 Prozent.

Das ist der Punkt, an dem man den Oberbürgermeister der Stadt befragen muss. Bernd Häusler (CDU) ist seit 2013 Chef im Singener Rathaus. Wie der damit umgeht, dass eine Menge Menschen in der Stadt sich nicht mehr für Politik interessieren? "Wir als Kommune nehmen unsere Bürgerinnen und Bürger mit, lassen sie teilhaben und mitbestimmen an den Projekten und Vorhaben, die in unserer Stadt geplant werden. Wir setzen dabei insgesamt auf eine transparente und offene Informationspolitik", antwortet der Kommunalpolitiker. Die ganze AfD-Debatte hält er für überhitzt. Das sei auch kein Singen-spezifisches Thema. Er verweist auf andere Städte mit ähnlichen Zahlen. Sorgen bereiteten ihm die Ergebnisse der Partei in seiner Stadt jedenfalls nicht, notiert er. Erklären kann er die Resultate aber auch nicht: "Warum das so ist, da kann ich nur spekulieren. Offenbar sind da diffuse Ängste vor Wohlstandsverlust und die Flüchtlingsdebatte die Auslöser dafür." Trotzdem stellt sich ja die Frage – wie reagieren auf diese Ängste? Antworten sind in Singen gerade noch eher vage. Es seien Projekte geplant, "in deren Mittelpunkt der offene Austausch und das konstruktive Miteinander stehen", erklärt Bernd Häusler.

Kein Interesse am Gemeinwohl

Der Wahlerfolg der AfD in Singen lässt sich so nicht verstehen. Das geht eher, wenn man sieht, wie unterschiedlich heute auf die Lage der Stadt geblickt wird. Der Oberbürgermeister sagt, Singen habe kein Kriminalitätsproblem, die Menschen fühlten sich in der Stadt nicht so unsicher, wie oft behauptet werde und das Klima in der Stadt sei "sehr gut". Die AfD hat im Wahlkampf und auch auf Kontext-Nachfrage ein anderes Bild von Singen gezeichnet: Das Sicherheitsempfinden der Singener Bevölkerung erreiche schon seit Jahren immer neuere Tiefstände, durch die Nähe zur Schweizer Grenze floriere der Drogenhandel und das Zusammenleben der Kulturen gestalte sich allzuoft anstrengend, meint Michael Hug vom Kreisvorstand Konstanz. Es gibt längst zwei Versionen von dieser Stadt, die nicht mehr zusammenpassen. Wie überall im Land – die AfD argumentiert mit Empfindungen und Wahrnehmungen, bedient Ängste und Unzufriedenheit. Da kann der Oberbürgermeister noch so viele Befragungen und Statistiken zitieren, am Ende hat in diesem Wahlkampf sehr oft das Gefühl gesiegt. Michael Hug trägt aber noch andere Gründe für das gute Abschneiden seiner Partei vor: Das liege auch daran, "dass in Singen ein nicht unerheblicher Anteil der Einwohner sich aus Spätaussiedlern zusammensetzt, die von Haus aus eher wertkonservativ geprägt sind und in der Vergangenheit bei der CDU beheimatet waren", schreibt er in einer E-Mail.

Wie lässt sich all das jetzt einordnen? Eine Anfrage an den Konstanzer Politikwissenschaftler Marius Busemeyer: Wie konnte die AfD in der Arbeiterstadt Singen so stark werden? Soziale oder kulturelle Gründe? "Da die realen sozialen Probleme im reichen Süden Baden-Württembergs im Vergleich etwa zu den neuen Bundesländern deutlich weniger stark ausgeprägt sind, liegt die Vermutung nahe, dass in Singen tatsächlich eher kulturelle Faktoren den Ausschlag gegeben haben." Dazu komme wie überall in Deutschland der Populismus-Faktor, so Busemeyer: "Parteien, die sich um seriöse und ganzheitliche Politikvorschläge bemühen, haben gegenüber denjenigen, die sich bei Wahlversprechen nicht an solche Beschränkungen halten, immer einen Nachteil. Erst recht in Zeiten, in denen Menschen immer weniger Zeit und Motivation aufbringen wollen und können, sich mit politischen Fragen auseinanderzusetzen." Sein Gegenmittel dagegen: "Mehr Räume für öffentliche Debatten jenseits der Feuilletons und Meinungsseiten der Qualitätszeitungen schaffen."

Andreas Kämpf vor der "Gems". Foto: Patrick Pfeiffer
Andreas Kämpf vor der "Gems". Foto: Patrick Pfeiffer

Aus der Theorie zurück in die Praxis. Zu Andreas Kämpf und seinem soziokulturellen Zentrum "Die Gems". Hier kann man sehen, wie Populismus-Prävention durch kulturelle Bildung gehen kann. Vor ein paar Monaten haben sie eine Theatergruppe für Hauptschüler gegründet – mit Jugendlichen aus der Südstadt. Auch wenn der Start holprig war, am Ende standen die jungen Menschen selbstbewusst mit einem eigens erarbeiteten Stück vor 200 Menschen auf der Bühne. "In diesem Projekt konnte man sehen, wie viel man verändern kann, wenn man den jungen Menschen eine Chance gibt, sich zu entwickeln." Seit fast 30 Jahren macht Andreas Kämpf Kulturarbeit in der Stadt, schon deshalb ist er kein Träumer. Aus dem Ergebnis der AfD müsse die ganze Stadt lernen, so Kämpf: "Ziel müsste es sein, die Südstadt noch mehr einzubeziehen und sie zum Teil des kulturellen Ganzen zu machen." Er selbst würde gerne mehr in diesem Bereich machen, stößt aber dabei an finanzielle und räumliche Grenzen. Der Bund sei hier als Geldgeber gefragt, findet Kämpf. Er weiß ja, dass es längst um die Zukunft und die nächsten Generationen geht. Die Gegenwart? Fast schon verloren, befürchtet der Gems-Geschäftsführer: "Wir haben das bei den Theaterprojekten immer wieder gemerkt – es fehlt oft am Grundinteresse. Manche Eltern kommen einfach nicht zu den Aufführungen ihrer Kinder. Die interessiert das nicht. Wenn sie sich nicht mal für ihre Kinder interessieren, wie kann man da glauben, sie würden sich für Politik oder so etwas wie das Gemeinwohl interessieren?"


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