KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere eins bis drei Punkt oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Die Ärzte Niklas Gebele (links) und Markus Löble. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die Ärzte Niklas Gebele (links) und Markus Löble. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 340
Gesellschaft

Therapie gegen Rechts

Von Anna Hunger
Datum: 04.10.2017
Göppingen und seine Umgebung sind braunes Pflaster. Immer wieder haben Neonazis in der alten Arbeiterstadt zu Aufmärschen aufgerufen. Am Rande der Stadt, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum Christophsbad sitzen ein Psychiater und ein Psychologe, die das Übel an der Wurzel packen wollen.

Es kam schon vor, dass ein Patient mit einem Hakenkreuz-Anstecker vor ihm saß. Zu solchen Gelegenheiten sagt Markus Löble zu seinem Gegenüber, Hakenkreuze brächten ihn immer durcheinander. "Und die meisten", sagt er, "nehmen den Stecker dann ab." Zu Löble ins Besprechungszimmer kommen keine Nazis. Sondern PatientInnen. "Oft sind das zutiefst hilfebedürftige Menschen." Mit Problemen, Ängsten und einem Leben hinter der radikalen Fassade.

Markus Löble ist Psychiater, 55 Jahre alt, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Klinikum Christophsbad in Göppingen. Sein Kollege Niklas Gebele, 35, ist der leitende Psychologe des Hauses. Sie sitzen an der Quelle in einem kleinen, aber wichtigen Fachgebiet, mittendrin in politischen Debatten an den Schnittpunkten zwischen Schule, Gesellschaft, Eltern und Kindern. Beide arbeiten unter anderem zum Thema Extremismus – linkem, rechtem, islamistischem.

Bunter Arbeitsplatz: die Klinik in Göppingen.
Bunter Arbeitsplatz: die Klinik in Göppingen.

Im April hielt Löble auf einem Fachtag "Demokratie leben" in Göppingen einen Vortrag zum Thema Populismus, gemeinsam mit Hajo Funke, Rechtsextremismus-Experte, auch im NSU-Untersuchungsausschuss. Am 10. Oktober, dem Welttag der seelischen Gesundheit, veranstalten die beiden Therapeuten in ihrer Klinik einen Vortragsabend mit Diskussion unter dem Titel "Populismus und Radikalisierung aus psychiatrischer Sicht". 

"Man kann sich nicht in einer Klinik verschanzen, wenn unsere Arbeit effizient sein soll", sagt Löble. Als Jugendpsychologen begreifen sich die beiden als Front gegen die zunehmende Radikalisierung. Denn Politik greift immer am Ende einer Entwicklung an. Die Psychologie versucht, die Anfänge zu finden. 

Die Arbeiterstadt Göppingen war mal rot und wehrhaft 

Die beiden Männer arbeiten auf schwierigem Pflaster. Göppingens Ruf ist mau, und das nicht erst seit gestern. Schon 2012 bemühte sich die Stadt durch neues Corporate Design und den Claim "Landkreis Göppingen. Überraschend. BESSER." um ein anständiges Image. Um dann 2014 in einer Studie zur Sympathie, Bekanntheit, Einzigartigkeit und Schönheit von größeren Städten in Baden-Württemberg auf Platz 20 von 20 zu landen. Die Stadt ist bekannt für Handballer von "Frisch auf!", für Märklin-Eisenbahnen und für Neonaziaufmärsche.

Neonazi-Aufkleber in der Göppinger Innenstadt.
Neonazi-Aufkleber in der Göppinger Innenstadt.

Der Dritte Weg, eine rechtradikale Kleinpartei, ist dort stark vertreten, die Autonomen Nationalisten, 2014 vom Innenministerium verboten, haben in der Vergangenheit immer wieder zu Aufmärschen durch die Fußgängerzone aufgerufen. Zur Bundestagswahl hat die AfD in Stadt und Kreis überdurchschnittlich gute Ergebnisse eingefahren: 15,8 Prozent in Göppingen, Spitzenreiter im Kreis ist Uhingen mit 17,3 Prozent. Stadtrat Christian Stähle von der Linken sagt, das läge daran, dass sich vor allem die Peripherie am Fuße der Schwäbischen Alb so abgehängt fühle, unbeachtet, wie viele Gebiete im Osten.

Dabei war Göppingen, die Arbeiterstadt, mal rot und wehrhaft. SPD und KPD waren groß, das Bürgertum liberal. Als die noch junge NSDAP in den Zwanzigerjahren im Hotel "Zu den Aposteln" in der Göppinger Fußgängerzone tagen wollte, hängte der damalige Wirt ein Schild an die Tür und wies die Parteischergen ab. Während in Berlin 1933 der Fackelmarsch am Brandenburger Tor stattfand, organisierte die lokale KPD eine antifaschistische Demo.

Auch heute gibt es Widerstand gegen die Neonazi-Szene und die Populisten der Kreisstadt und ihrer Umgebung. Die Initiative "Kreis Göppingen nazifrei" ruft immer wieder zu Gegendemonstrationen und Veranstaltungen auf, Stolpersteine erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus. Wie den Unternehmer Albert Schuler, der sich im Umfeld der "Weißen Rose" bewegte und 1943 von den Nazis ermordet wurde. Heute sind die Schuler-Werke als Zulieferer für Daimler einer der größten Arbeitgeber in Göppingen.

Göppingens Fußgängerzone, im Hintergrund das heruntergekommene Hotel "Apostel-Hotel".
Göppingens Fußgängerzone, im Hintergrund das heruntergekommene Apostel-Hotel.

Und es gibt die beiden Ärzte aus der Jugendpsychiatrie. Der Klinik-Neubau ist bunt und hell, ein freundlicher Ort für die Heilung junger PatientInnen. Bei der Bundeswehr hatte Markus Löble ein Schlüsselerlebnis. Damals, sagt er, habe er nicht verstehen können, dass ein Ex-Marinerichter wie Hans Filbinger tatsächlich Ministerpräsident werden kann. "Und so einer wollte, dass ich an der Waffe ausgebildet werde und Dienst am Vaterland tue." So wurde Markus Löble zum Linken.

Am Fuß der Schwäbischen Alb fühlt man sich abgehängt 

"Armut ist ein pathogener Faktor", sagt Löble. Pathogen heißt krankheitserregend. Denn Armut grenzt aus und löst Scham aus. Ganz oft, sagt der Psychiater, säßen Kinder in seinem Besprechungszimmer, von denen er denke: "Dieses Kind braucht keinen Psychiater, es braucht eine anständige Wohnung. Wenn das nicht gegeben ist, können manche Betroffene nicht einfach so sagen, dass es ok ist, dass der Staat Flüchtlinge aufnimmt. Wir brauchen sozialen Wohnungsbau und keine Paläste den Versicherungen." 

Löble hat einmal eine kleine Geschichte geschrieben. Es geht um zwei Mädchen, Sophia und Fatime, Freundinnen, die in den Sankt-Franziskus-Kindergarten gehen, den einzigen am Ort. Irgendwann erzählen sie der Kindergärtnerin, dass sie auch Erzieherinnen werden wollen. Die Frau freut sich und Sophia wird eine Chance bekommen. Fatime leider nicht, sie sei ja keine Christin, sagt die Kindergärtnerin, "so sind die Regeln". Auf der Vorderseite von Löbles Papier endet die Geschichte mit dem Nachhause-Weg der beiden Mädchen: "Von außen sieht man nichts Besonderes. Zwei Kinder, die nach Hause laufen. Innerlich aber, das spüren beide, laufen sie zum ersten Mal getrennt voneinander nach Hause. So ist das, wenn man älter wird." Diesen Mechanismus nenne man fachlich "Othering", sagt Löble, vom Englischen "other", anders. "Das erschafft schon früh das Bewusstsein, 'du gehörst nicht dazu'." Auf der Rückseite seines Papiers ist es egal, welcher Religion Fatime angehört, beide Mädchen haben dieselbe Chance. Der letzte Satz lautet denn auch: "Alle drei sind sich einig, dass es ein gutes Gefühl ist, einen Plan für die Zukunft zu haben."

1,5 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland stünden nur Christen zur Verfügung, sagt Löble. In kirchlich betriebenen Krankenhäusern, Kindergärten, und so weiter. "Kein Wunder, dass sich Moslems nicht mit diesem Staat identifizieren." Gebele fügt hinzu: "Das sind absehbare Mechanismen, nicht völlig undurchschaubar, das ist nicht wie ein Unwetter über uns."

Uhingen ist die AfD-Hochburg im Kreis Göppingen.
Uhingen ist die AfD-Hochburg im Kreis Göppingen.

Kirchliche Arbeitgeber sollten auf die Religionszugehörigkeit verzichten, Gedanken- und Gewissensfreiheit garantieren, fordert Löble. Altersarmut bekämpfen, keine homogenisierten Krabbelgruppen, Schulen oder Arbeitsplätze, will sein Kollege. Eine funktionierende Sozialpolitik, in der auch ein Krankenpfleger seine Familie ernähren kann, keine Doppelbotschaften von der Politik. Das sind die politischen Forderungen der beiden Therapeuten für eine Gesellschaft, der man den Boden nimmt, auf der radikale Ansichten keinem können.

Niklas Gebele bezeichnet sich als "passives Kohl-Kind", war in seiner Jugend eher in der Richtung selbstverwaltete Jugendhäuser unterwegs als auf Demos. Mit Beginn seiner beruflichen Laufbahn wurde ihm bewusst, wie sehr alles zusammenhängt – Popmusik, Mainstream, Politik. Und die Psyche.

Ein Gefühl von Kränkung und Ausgrenzung

Radikalisierung, egal in welche Richtung, beschreibt er als immer gleichen Prozess der Ausgrenzung, des Nichtverstanden-Werdens. "Kinder und Jugendliche sind dem am stärksten ausgesetzt, und die leben häufig in prekären Verhältnissen. Radikalisierung ist ein sozialpsychologischer Prozess. Ein Gefühl von Kränkung, Identitätsunsicherheit, Ausgrenzung. Hetze und radikale Gruppen im Internet sprechen diese angreifbaren Leute an, bieten scheinbar Sinn, Zugehörigkeit und Identität."

Gebele hat diese Entwicklung vom Kind zum Radikalen einmal für Anakin Skywalker beschrieben, der im Star-Wars-Universum vom begabten Jungen zum Bösewicht Darth Vader wird. "Wenn die helle Seite, die für Demokratie und Menschenrechte eintritt, die Ängstlichen und innerlich Zerrissenen nicht wahrhaft annehmen will, sondern nur umerziehen, treibt sie diese der dunklen Seite mit ihren vereinfachenden Antworten direkt in die Arme." So endet Gebeles Analyse. Und so lässt sie sich auf das Heute und die Realität übertragen.

Uhlinger Antifa klebt gegen Rechts.
Uhlinger Antifa klebt gegen Rechts.

"Es geht viel um Narrative", sagt Psychiater Löble. "Darum, wie man Geschichten erzählt. Wie die AfD ihre Geschichte erzählt und die andere Seite ihre. Wenn man ein Dorffest macht, und Neonazis auslädt, sind sie ausgegrenzt. Aber wenn sie da sind, werfen sie wenigstens nicht mit Steinen. Das gemeinsame Narrativ ist dann: Mensch, sind wir ein tolles Dorf. Da können Populisten dann gar nicht anknüpfen."

"Jeder Einzelne ist in der Pflicht den Dialog zu fördern," sagt Gebele. "Ich betrachte es als Luxus, als etwas sehr Schönes, wenn man sich gegenseitig zuhören kann." Wenn man Gelegenheit habe, die Geschichte des Menschen zu hören, dann verstehe man dessen Situation oft. Wie sieht das Leben des Gegenübers aus, wie ist seine Familiengeschichte, gelingt es den Menschen dahinter zu sehen, nicht die Ideologie? "In dem Moment", sagt Löble, "entsteht eine Beziehung." Manchmal müsse man sich zum genauen Hinschauen zwingen, auch wenn es einem nicht passe. 

"Wie man sich streitet, ist wichtig", sagt Niklas Gebele. "Man muss menschenverachtenden Ideologien entgegentreten. Aber gewaltsam gegen Menschen vorzugehen, egal welcher Ideologie sie angehören, das geht nicht." Dann zitiert er den Philosophen Karl Popper: "Lasst Ideen sterben, nicht Menschen."

 

 

Info:

Der Vortragsabend "Populismus und Radikalisierung aus psychiatrischer Sicht" im Klinikum Christophsbad beginnt am Dienstag, 10. Oktober, um 17.30 Uhr mit der Vernissage der Ausstellung "Von kreativ bis kunstpirativ" in der Galerie beim Café am Park, Faurndauer Straße 6-28 in Göppingen. Mehr dazu unter diesem Link.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!