Viele Dörfer und Kleinstädte: AfD-Hochburg Rems-Murr-Kreis. Foto: Joachim E. Röttgers

Viele Dörfer und Kleinstädte: AfD-Hochburg Rems-Murr-Kreis. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 340
Gesellschaft

Die Mitte-Performance

Von Oliver Stenzel (Interview)
Datum: 04.10.2017
Wieder war die AfD im Rems-Murr-Kreis bei einer Wahl besonders erfolgreich. Warum rechte Orientierungen hier trotz blühender Wirtschaft so stark sind, hat eine Forschungsgruppe der Uni Tübingen schon 2008 untersucht. Ein Gespräch mit dem Erziehungswissenschaftler Josef Held.

Herr Held, in einigen Gemeinden des Rems-Murr-Kreises erzielte die AfD ihre höchsten Ergebnisse im Großraum Stuttgart: in Rudersberg mit 18,4, in Großerlach mit 18,8 und in Spiegelberg mit 23,3 Prozent der Zweitstimmen. Hatten Sie mit solchen Ergebnissen gerechnet?

Ich war mir unsicher, aber habe eigentlich schon erwartet, dass die AfD hier stark sein wird. Und zwar nicht nur im Rems-Murr-Kreis, den wir in unserer 2008 veröffentlichten Regionalstudie "Rechtsextremismus und sein Umfeld" untersucht haben, sondern auch im Zollernalbkreis, der im Mittelpunkt unserer aktuellen Studie steht, in der wir die politischen Orientierungen vor allem von Auszubilden untersucht haben. Denn in beiden Kreisen besteht eine Tendenz hin zum Rechtspopulismus, es gibt einen bestimmten Hintergrund, der schon sehr lange nach rechts tendiert, zum Teil schon eine lange Tradition hat.

In Ihrer Studie von 2008 haben Sie gezeigt, dass Rechtsextremismus kein Phänomen nur wirtschaftlich schwacher Regionen ist. Welche Erklärungen gibt es dafür?

Der allgemeine Grundkonsens in der Forschung war lange, dass diejenigen, denen es wirtschaftlich schlecht geht, nach rechts tendieren würden. Das haben wir schon in den 1990er Jahren in Frage gestellt, weil damals schon andere Ergebnisse vorlagen. Das hat sich in der Studie zum Rems-Murr-Kreis bestätigt, und nun 2017 in der zum Zollernalbkreis auch. Wir haben sowohl bei der damaligen als auch bei der jetzigen Studie untersucht, ob die Menschen Angst vor ihrer Zukunft haben. Das war nicht der Fall. Wir haben dafür die Zustimmung zu bestimmten Aussagen abgefragt: Der Aussage "Meine Zukunft sieht gut aus" haben 2017 90 Prozent der jungen Auszubildenden zugestimmt, der nächsten Aussage "Es beunruhigt mich, dass die Zukunft so unsicher ist" haben dann rund 50 Prozent zugestimmt.

» Der Aussage "Meine Zukunft sieht gut aus" haben 90 Prozent der Auszubildenden zugestimmt, der nächsten Aussage "Es beunruhigt mich, dass die Zukunft so unsicher ist" haben dann rund 50 Prozent zugestimmt.

Woher kommen dann die rechten Orientierungen?

Offenbar gibt es bei vielen eine allgemeine Verunsicherung in Bezug auf Zukunftsfragen, weil es rings um uns an vielen Stellen brennt, die ganze Weltlage ist unsicherer geworden. Um damit umzugehen, gibt es verschiedene Lösungen, und besonders populär sind die Alternativen, sich entweder abzuschließen oder sich zu öffnen. Und das Sich-Abschließen geht dann meistens ins Völkische. Die Haltung "Wir wollen keine Fremden aufnehmen" hat oft diesen Hintergrund. Deutschland den Deutschen sozusagen. Und das wird natürlich durch die neuen Medien noch unterstützt, indem dann richtige Milieublasen entstehen. Besonders gestützt werden solche Orientierungen zudem durch das eigene Milieu vor Ort, das soziale Umfeld, wie wir in der Rems-Murr-Studie von 2008 feststellten. Deswegen ist die politische Kultur in einer Gegend von großer Wichtigkeit für die individuellen politischen Orientierungen.

Aber woran liegt es, dass es gerade in einigen Gegenden des Rems-Murr-Kreis solche offenbar starken stützenden Milieus gibt?

Für den Rems-Murr-Kreis ist charakteristisch, dass es viele Dörfer und kleine Städtchen gibt und deswegen der Bezug auf die eigene Gegend sehr naheliegt. Erstaunlicherweise ist es aber so, dass gerade die Orte, die den Charakter von Heimat beispielsweise durch Industrieansiedlungen verloren haben, stark dafür plädieren, dass die eigene Gegend das Wichtigste ist. Diesen "Lokalismus" haben wir verantwortlich gemacht für die Offenheit zum Rechtsextremismus. Das hat wieder etwas zu tun mit dem Sich-Abschließen-Wollen in Zeiten der Globalisierung und Sich-Aufwerten in der eigenen Gegend, und damit verbunden dem Bedürfnis, andere abwerten zu wollen.

Sie haben eingangs von teils langen Traditionen rechter Tendenzen im Rems-Murr-Kreis und im Zollernalbkreis gesprochen. Wie lässt sich das erklären?

Es braucht mehr politische Bildung, nicht weniger, fordert Josef Held.
Es braucht mehr politische Bildung, nicht weniger, fordert Josef Held. Foto: Joachim E. Röttgers

Wir haben uns die Geschichte verschiedener Orte angeschaut und dabei festgestellt, dass diejenigen Orte, die im Nationalsozialismus aufgefallen waren, zu einem guten Teil noch heute relativ hohe Werte für die Zustimmung zu Rechtspopulismus haben. Ich möchte jetzt keine Ortsnamen nennen, aber es waren einige dabei, bei denen wir uns über diese hohe Aufgeschlossenheit für den Rechtspopulismus gewundert hatten, und das konnten wir dann aus der Geschichte ableiten.

In bestimmten Gemeinden des Rems-Murr-Kreises hatten rechtsextreme Parteien wie NPD, DVU oder Republikaner in den vergangen Jahrzehnten relativ hohe Wahlergebnisse, aber niemals auch nur annähernd so hohe Werte wie jetzt die AfD. Könnte das heißen, dass bei der Bundestagswahl aus den bislang die Rechten tolerierenden Milieus nun auch ein großer Teil selbst rechtspopulistisch gewählt hat?

Dazu kann ich schlecht etwas sagen. Ich glaube zumindest nicht, dass der Rechtsextremismus zugenommen hat, weil die Situation heute eine ganz andere ist als 2008 und die Jahre davor. Damals war es so, dass es unterscheidbare rechtsextreme Gruppen gab, die in bestimmte Gegenden eingedrungen sind und um Akzeptanz gekämpft haben. Das gibt es heutzutage kaum mehr. Die AfD tritt ganz anders auf, der Rechtspopulismus ist ganz anders gestrickt als der Rechtsextremismus. Der Rechtsextremismus propagiert ein geschlossenes Weltbild, der Rechtspopulismus ist sozusagen nach außen hin total offen, er greift alles auf, was ihm gerade gelegen kommt. Ob das alles passt zum rechten Gedankengang, ist egal, es ist mehr eine Fundgrube. Sie können als Wähler sagen, das gefällt mir an der AfD, das andere nicht, aber wegen dem, was mir gefällt, wähle ich sie. Es hat also nicht die Zustimmung zum Rechtsextremismus zugenommen, sondern der Rechtspopulismus hat eine Organisationsform gefunden. Das ist neu. Und neu ist auch die Entwicklung, dass die meisten, die in nach rechts tendierenden Milieus leben, der Meinung sind, dass sie selbst gar nicht rechts, sondern dass sie Mitte sind. Das haben wir in unserer neuen Studie über Auszubildende im Zollernalbkreis als "Mitte-Performance" bezeichnet.

Also eine Selbst-Verortung, die sich nicht mit den tatsächlichen politischen Orientierungen deckt?

In der Mitte verorten sich in unserer jetzigen Untersuchung knappe 70 Prozent, und an den Rändern ist es ruhig. Interessant ist, dass diejenigen, die sich selber als weder links noch rechts bezeichnen, gleichzeitig die Leute aus ihrer Gegend eher rechts einordnen. Sie sehen sich sozusagen von einem rechten Milieu umgeben, das offenbar stärker ist als ihre eigenen Tendenzen, und deswegen meinen sie, dass sie eher Mitte sind. So kompliziert ist das. Und noch etwas hat sich verändert: Das regionale Milieu ist insgesamt etwas stärker nach rechts gegangen.

Obwohl es sich eher in der Mitte einordnet?

Wenn wir Auszubildende gefragt haben, würdest du dich eher rechts einordnen, haben sie in der Regel gesagt: Nein, auf keinen Fall. Und dann haben wir Fragen gestellt zum Autoritarismus und zum Nationalismus, und da ist die Zustimmung höher ausgefallen als 2008.

» Das regionale Milieu ist insgesamt etwas stärker nach rechts gegangen.

Sie schreiben in Ihrer aktuellen Studie auch, dass gerade die Befragten, für die Sie den Begriff der Mitte-Performance verwenden, sich zum Teil deutlich gegenüber der AfD abgrenzen – obwohl sie oft de facto deren Positionen artikulieren. Wählen diese Leute irgendwann trotzdem AfD?

In Einzelfällen schon. Aber dieses Phänomen der "Mitte-Performance" heißt, dass man sich nicht auf eine deutlich als rechts erkennbare Partei einlassen will.

Aber sind diese Menschen, auch wenn sie sich selbst noch abgrenzen, nicht durch ihre Haltungen ein Potenzial für die AfD in der Zukunft?

Doch, das sind Grundtendenzen, die vorhanden sind, und die in den Milieus auch verankert sind. Und deswegen denke ich, dass sie ein Potential darstellen. Die AfD versucht dieses Potential zu heben, indem sie sehr widersprüchlich agiert.

Ihre aktuelle Studie trägt den Titel "Rechtspopulismus und Rassismus im Kontext der Flüchtlingsbewegung". Inwieweit liegt die Zunahme rechter Orientierungen an der Flüchtlingsbewegung?

Ich glaube nicht, dass die rechten Orientierungen nur dadurch aktiviert wurden. Das Entscheidende ist, dass die Fluchtbewegung einen lokalen und einen internationalen Aspekt hat. Der lokale ist sehr nah an den Leuten dran – mitten im aktuell untersuchten Kreis gab es eine Landeserstaufnahmestelle mit zweieinhalbtausend Geflüchteten, die natürlich auch ausgeschwärmt sind, einkaufen gegangen sind. Alle haben darüber gesprochen, und dann entstehen Gerüchte über Geflüchtete, und diese beschränken sich nicht darauf, dass da und dort irgendetwas passiert ist. Sondern sie sind ein Symbol dafür, dass alles drunter und drüber geht, nicht nur lokal und national, sondern international. Und das hat einen Schub ausgelöst. Dieses internationale Moment wurde aber von den Parteien im Vorfeld der Wahl gar nicht thematisiert. Die AfD dagegen greift es auf, indem sie sagt: Keine Flüchtlinge. Weil die angeblich Terroristen mitbringen oder Ähnliches. Das ist für mich ein wichtiger Grund, warum die Leute nach rechts gehen und gleichzeitig meinen, sie seien nicht rechts: Weil die rechte Lösung, die versprochen wird, nämlich Abschottung, eine einfache Antwort ist auf die Verunsicherung durch die Globalisierung.

Nach dem Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Weissach im Tal demonstrierten 500 Menschen gegen Fremdenhass und die Unterkunft wurde an Ort und Stelle wiederaufgebaut. Foto: Martin Storz
Nach dem Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Weissach im Tal demonstrierten 500 Menschen gegen Fremdenhass und die Unterkunft wurde an Ort und Stelle wiederaufgebaut. Foto: Martin Storz

Wie könnte man, vor dem Hintergrund der Erkenntnisse aus Ihrer Studie, rechten Tendenzen entgegenwirken?

Am stärksten war die Gegenbewegung bei denen, die in irgendeiner Weise mit Geflüchteten zu tun hatten. Die Engagierten waren meistens Leute nicht aus linken Gruppen, sondern aus kirchlichen Gruppen, die auch wirklich bereit waren, sich hinzustellen und zu sagen: Nein, so geht man nicht mit Geflüchteten um. Und deswegen haben wir auch als eine Strategie ausgemacht: Begegnung ist wichtig. Eine andere Schlussfolgerung, die wir gezogen haben: Dass man diesem starken Bezug auf Gerüchte entgegenwirken müsste. Zum Teil haben die von uns befragten Auszubildenden gesagt: Ich hab's doch selbst gesehen! Oder eben nur: Ich hab's gehört, weil mein Nachbar hat gesagt, der war doch dort.

Was ist gegen diese Gerüchtegläubigkeit zu tun?

Wir haben bei Rückfragen festgestellt, dass es bei den meisten um die politische Bildung ganz schlecht bestellt ist. Sie haben zwar ein diffuses Gefühl, dass die Welt aus den Fugen geraten ist, aber mehr nicht. Und deswegen finde ich es sehr problematisch, dass in den Schulen die politische Bildung zurückgefahren wird und in Baden-Württemberg etwa ersetzt wird durch Wirtschaftskunde. Es muss Diskussionen geben in Schulen und Berufsschulen. Außerdem finde ich wichtig, dass es regionale Veranstaltungen gibt, die sich gegen den Rechtspopulismus richten. Und dass Gegenbewegungen unterstützt werden. Wir arbeiten ja als Forschungsgruppe sehr stark mit Gewerkschaften zusammen, Ausgangspunkt für beide Studien waren Anfragen von der IG Metall. Gleichzeitig ist es aber so, dass die Gewerkschaften sich selbst sehr stark vor allgemeinpolitischen Fragen zurückgezogen haben. Das ist auch ein Grund, warum sich der Rechtspopulismus so gut ausbreiten konnte.


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