KONTEXT Extra:
Gleise frei für den Güterverkehr

Nein, ein konkretes Datum, bis wann Züge zwischen Rastatt und Baden-Baden wieder verkehren können, das gibt es immer noch nicht. Nachdem am Freitag (18.08.) Vertreter der Deutschen Bahn und betroffener Kommunen im Verkehrsministerium zusammenkamen, teilte dieses mit: "Alle Beteiligten haben die Hoffnung, dass bis zum Ende der Sommerferien in Baden-Württemberg die Rheintalstrecke wieder durchgängig befahren werden kann." Das sind ganz andere Töne, als der ursprüngliche Zeitplan der Deutschen Bahn, in dem der 28. August angepeilt wurde. Das kommende Schuljahr beginnt im Südwesten am 11. September. Verbindlich ist das Datum nicht, die Bahn betont weiterhin, derzeit seien keine Prognosen möglich, bis wann die Reparaturmaßnahmen abgeschlossen sind.

Das Verkerhrsministerium teilte außerdem mit, man werde der Bahn in "gewissen Grenzen" entgegenkommen. Das bedeutet eine zwischenzeitliche Einschränkung des Personenverkehrs, Schienenersatzverkehr wird ab Samstag (19.08) auf den betroffenen Strecken eingerichtet. So sollen mehr Kapazitäten für Güterzüge geschaffen werden, die aktuell auf Umleitungen angewiesen sind. Unumwunden heißt es dazu in einer Pressemitteilung: "Bis zur Wiederherstellung der Trasse zwischen Rastatt und Baden-Baden werden auf den genannten Strecken in der Nacht Lärmbeeinträchtigungen für die Anlieger durch ein erhöhtes Güterzugaufkommen die Folge sein." Die Maßnahme sei jedoch zeitlich befristet und solle spätestens zu Beginn des neuen Schuljahres aufgehoben werden. Der Regionalverkehr dürfe zudem, wie es aus dem Ministerium heißt, nicht in den Hauptverkehrszeiten beeinträchtigt werden, daher gebe es zwischen 6 und 9 Uhr sowie 15 Uhr und 19 Uhr keine Zugausfälle.

Weiterhin kritisiert das Verkehrsministerium die Kollegen auf Bundesebene. Die Zurückhaltung bei der Ertüchtigung von Nebenstrecken räche sich nun. Minister Winfried Hermann beklage das bereits seit seinem Amtsantritt.

Betroffene Fahrgäste finden hier detaillierte Informationen zum Ersatzfahrplan. (18.08.2017)


"Runder Tisch" zu Rastatt

Bis zu 200 Güterzüge donnern tagtäglich durchs Rheintal. Im Hochsommer sind es weniger, dennoch stauen sich die Transporte – in der Planung – inzwischen zurück bis Rotterdam. Die grün-schwarze Landesregierung hat zwar keine direkten Zuständigkeiten rund ums Gleisdesaster der Deutschen Bahn in Rastatt. Das Verkehrsministerium bietet der DB aber an, die Folgen abzumildern. Noch in dieser Woche findet ein "Runder Tisch" in Stuttgart statt, um über Ausweichstrecken und Umleitungsverkehre zu reden. Unter anderem werden Kommunalpolitikern in betroffenen Städten und Gemeinden über die möglichen Belastungen rund um die Uhr informiert. Es dürfte nach den bisherigen Planungen "einen 24-Stunden-Güterbetrieb auf ziemlich beschaulichen Strecken“ geben, sagt ein Sprecher. Die Bahn teilte bereits mit, "ihren Kunden 200 Umleitungstrassen mit unterschiedlichen technischen Anforderungen anbieten zu können".  

Ebenfalls eingeladen nach Stuttgart sind Vertreter der DB Netz, der DB Region und der Nahverkehrsgesellschaft. Das Verkehrsministerium mit seinen Fachleuten prüft auch, wie und an welchen Strecken der Takt des Regionalverkehrs ausgedünnt werden könnte, um vorübergehend Güter zu transportieren. Das Angebot gilt aber nur bis zum Schulbeginn im September, weil nach den Ferien das Fahrgastaufkommen deutlich steigt. Die DB selber nennt als eine Umleitungsstrecke die Neckar-Alb-Bahn über Horb–Tübingen–Reutlingen–Plochingen. "Wegen der Umleitung der Güterzüge sind Anpassungen im Regionalzugverkehr auf der Neckar-Alb-Bahn notwendig", heißt es in einer Pressemitteilung weichgespült, und dass die DB "für die auftretenden Beeinträchtigungen und die verstärkte Nutzung der Neckar-Alb-Bahn für den Güterverkehr Anwohner und Fahrgäste um Verständnis bittet". Die notwendigen Umleitungsmaßnahmen für den Güterverkehr seien zeitlich befristet, "bis die durchgehende Sperrung der Rheintalbahn wieder aufgehoben werden kann". Ein konkretes Datum dafür wird nicht (mehr) genannt. Experten rechnen mit einer Wiederinbetriebnahme frühestens in der zweiten Septemberhälfte. 

Dazu: https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/333/der-schienen-gau-4546.html


Tunnel-Flop

Es sollte die Weltpremiere werden für die neue Stabilisierungsmethode per Eisring im Tunnelbau. Monatelang war an den Vorkehrungen getüftelt worden. Jetzt ist eine der meist befahrenen Eisenbahnstrecken Europas erst einmal bis mindestens 26. August gesperrt. In Rastatt-Niederbühl, dort, wo die Züge künftig aus dem Tunnel kommen werden, unterquert die Strecke den Bahndamm. Und die darauf liegenden Geleise sackten ab.

Die Konstruktion ist komplex, Stuttgart 21 lässt grüßen: Der Tunnel ist 4,3 Kilometer lang, führt in zwei Röhren von Ötigheim nach Niederbühl, unter der Murg, unter einer tief liegenden Straße, die ihrerseits unter der Rheintalstrecke durchführt, dann zügig wieder nach oben. Eingefroren wurde ein geschlossener Ring. Alle Beteiligen erklärten immer wieder, damit in actu auf einer Baustelle, keine Erfahrungen zu haben. Die Gewissheit, dass das Manöver gelingt, war dennoch groß. Bautechniker untersuchen bereits das Fiasko, möglicherweise ist der Regen der vergangenen Tage verantwortlich.

Das "Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21" ist "wenig überrascht von der Leichtfertigkeit, mit der die Deutsche Bahn offensichtlich Tunnelbauarbeiten unter einer der Hauptstrecke des deutschen Bahnverkehrs betrieben hat". Dass es keinen Plan B gebe, zeige die Selbstüberschätzung der DB und, auch hier, das Versagen des Aufsicht führenden Eisenbahnbundesamts, so Bündnissprecher Norbert Bongartz. Es sei im Vorfeld der Bauarbeiten in Rastatt "mit Händen zu greifen gewesen, dass ein Tunnelbau so knapp unter den bestehenden Bahngleisen und in Sandboden hoch riskant ist". Keinen Pfifferling seien die vollmundigen Beteuerungen der Bahn wert, sie habe die Tunnelbauarbeiten mitten im Stadtgebiet Stuttgarts voll im Griff. Auch wenn da die Überdeckung bei den Tunnelbaustellen zumeist deutlich höher ist: "Angesichts der besonderen geologischen Situation in Stuttgart muss auch hier über die schon bekannten Schäden hinaus mit Bauproblemen ganz anderer Größenordnung gerechnet werden." (14.8.2017)


Malen nach Zahlen

Das ist aber ein gelungener erster Platz! Die CDU habe mit sagenhaften 55 Prozent die Nase vorn beim Frauenanteil auf den Landeslisten für die Bundestagswahl. Das teilte jetzt Landeswahlleiterin Christiane Friedrich mit. Erst nach der Union kommen Grüne und Linkspartei mit je 50 Prozent und die SPD mit gut 46 Prozent. Jedoch, die schönen Zahlen sind Blendwerk.

Denn nahezu alle CDU-Abgeordneten werden auch 2017 wieder direkt in den Bundestag gewählt werden, als SiegerInnen in ihrem Wahlkreis. Davon gibt es 38 im Südwesten. Und in ihnen spiegelt sich die CDU-Wirklichkeit im Jahre 2017: in 35 wurden Kandidaten nominiert und nur in drei Kandidatinnen: Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium und Vorsitzende der Frauenunion, die Stuttgarterin Karin Maag und die bisher jüngste Volksvertreterin Ronja Kemmer.

Selbst in Mannheim, Heilbronn und Böblingen sind ausscheidende CDU-Männer, darunter auch Landeschef Thomas Strobl, durch Männer ersetzt. Dabei hatte der doch zur "politischen Grundmelodie" erklärt, dass "mehr Frauen zum Tragen kommen". Doch auch in Berlin ist die baden-württembergische Landesgruppe derzeit mit nur acht weiblichen Abgeordneten vertreten und am Ende des Bundesvergleichs zu finden.

Der Männeranteil auf allen im Land antretenden Listen ist laut Landeswahlleiterin Friedrich immerhin von 71 Prozent zurückgegangen auf 66 Prozent. Spitzenreiter in der Männerstatistik für die Wahl am 24. September ist die AfD mit 87 Prozent. Gefolgt werden die Rechtspopulisten von den Liberalen, die es 2017 im Land auf nur 19 Prozent Kandidatinnen bringen. Das bedeutet sogar einen Rückschritt im Vergleich zu vor vier Jahren und gut 21 Prozent bedeutet. (9.8.2017)


Kontext-Vorstand ruft zu Flashmob auf

"Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!", sagt unser zweiter Vereinsvorsitzender Jürgen Klose. Und weil er das schier nicht glauben kann, hat er gestern am Nachmittag vor lauter Zorn kurzfristig zu einem Flashmob aufgerufen. Etwa 20 Spontandemonstrierer standen wenig später vor dem Stuttgarter Rathaus – mit Fahrradhupen und Trillerpfeifen! Hier Jürgen Kloses Rede:

"Ich habe zu diesem Protest heute aufgerufen, weil ich zornig bin über die 'Ergebnisse' des Diesel-Gipfels. Ich wollte mein Adrenalin wieder loswerden!

Papst Gregor der Große (6. Jhdt.) soll gesagt haben: 'Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.' Das ist sozusagen mein Leitmotiv. Guckt euch auf YouTube das Video mit Georg Schramm an, dann wisst ihr was ich meine!

Wir sind zornig auf das peinliche Schaulaufen von Politik und Autoindustrie auf dem gestrigen Dieselgipfel!

Wir sind zornig auf die unverantwortliche Bundeskanzlerin. Sie lässt lieber Urlaubsfotos aus Südtirol verbreiten als den Automanagern die Leviten zu lesen!

Wir sind zornig auf die Bundesregierungen gleich welcher Couleur, die sich zum Büttel der Autoindustrie degradieren ließen statt ihrer Aufsichtspflicht für Verbraucher und Umwelt nachzukommen!

Wir sind zornig auf die vom Gipfel ausgesandte Botschaft 'Wir tun was!' - nur besonders wehtun durfte es den Autokonzernen nicht!

Wir sind zornig auf den Versuch, uns mit Placebos abzuspeisen: Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!

Wir sind zornig auf die jahrelange Missachtung von Grenzwerten und auf den offensichtlichen und schon länger bekannten Schwindel mit den Abgastests und der Mogelsoftware! 

Wir sind zornig auf die Täuschung der Verbraucher und den erfüllten Tatbestand des Betrugs (§263 StGB). Täuschungshandlung, Vermögensschaden, Bereicherungsabsicht - alle juristischen Tatbestände sind erfüllt! Strafen? Fehlanzeige!

Wir sind zornig auf die völlige Missachtung des Verursacherprinzips: Wer zahlt den Dieselbesitzern den Wertverlust ihrer Autos. Warum gibt es keinen Schadenersatz?

Wir sind zornig, dass die Autoindustrie anscheinend nach dem Leitmotiv handelt 'Profit vor Gesundheit' und 'Gier vor Umweltschutz'!

Wir sind zornig auf die Autokonzerne, die eine der Kernbranchen dieser Republik schwer beschädigen und damit Zehntausende von Arbeitsplätzen gefährden! Zukunftsvorsorge sieht anders aus!

Wir alle haben ein Recht auf saubere Luft, eine intakte Umwelt und gesunde Lebens- und Arbeitsbedingungen!

Wir alle wollen eine Abkehr vom Autowahn und die Umkehr zu einem anderen, menschen- und umweltfreundlicheren Verständnis von Mobilität!

Wir alle wollen Stuttgart vom Makel der Feinstaub- und Stauhauptstadt befreien!

Wir bleiben zornig, bis wir am Ziel sind!

Danke für eure Unterstützung!" (4.8.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Immer mehr Menschen sind auf Unterstützung angewiesen: Tafelladen in Stuttgart. Fotos: Joachim E. Röttgers

Immer mehr Menschen sind auf Unterstützung angewiesen: Tafelladen in Stuttgart. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 324
Debatte

Reiche müssen teilen lernen

Von Gastautor Paul Schobel
Datum: 14.06.2017
Wer in Deutschland von Armut spricht, der müsse auch vom Reichtum reden, mahnten die beiden großen Kirchen in ihrem "Sozialwort" aus dem Jahre 1997. Doch was bleibt von diesen großen Worten? Die Reichen verstecken sich und die Armen fallen aus der Gesellschaft.

Man stochere im Nebel, beklagt die Zunft der Reichtumsforscher. Ihre dürftigen Erkenntnisse beruhen zumeist auf Selbstangaben der Betuchten. Und da ist Vorsicht geboten. Denn wenn es darum geht, große Vermögen vor den neugierigen Blicken der Steuerbehörden oder gar der Öffentlichkeit zu verbergen, kennt die Phantasie der Vermögenden keine Grenzen. Steuer-Oasen in mancher Herren Länder bieten lukrative Parkplätze, auch weil auf diesen Inseln der Glückseligkeit auch schmutzige Kohle reingewaschen und wieder in saubere Kreisläufe eingeschleust werden kann. Was also den Reichtum im Lande anbelangt muss man sich mit Vermutungen und ein paar dürren statistischen Daten zufrieden geben. Soviel scheint sicher: 10 Prozent der Gesellschaft, die sehr reichen Leute, verfügen über fast 60 Prozent des gesamten Volksvermögens. Eine solche Schrägverteilung hat man einst in den 68ern mit Bananenrepubliken in Südamerika in Verbindung gebracht.

Etwas transparenter als mit den Vermögen, aber nicht weniger schräg, verhält es sich mit den Einkommen. Bar jedweder Tradition in Deutschland kam der Unfug abstruser Managergehälter über den großen Teich geschwommen und wurde freundlich empfangen. Die Höhe dieser Bezüge samt dazugehöriger Optionen und Renten ist durch nichts zu rechtfertigen. Sie mit "Leistung" auch nun annähernd in Verbindung zu bringen, wäre ein schlechter Witz. Wahrscheinlich geht es nur um reines Imponiergehabe, aber um sich aufzuplustern könnten sich die Herrschaften statt der Millionen auch Pfauenfedern in den Hintern stecken. Das wäre deutlich billiger. Vorerst bleibt nur, diese Spitzengehälter mit Haftung zu belegen, sie wegzusteuern oder wenigstens nach oben zu begrenzen.

Stuttgart ist eine Stadt für Reiche.
Stuttgart ist eine Stadt für Reiche.

Vor dem Hintergrund solchen Überflusses wirkt die Armut besonders krass. Wer wachen Sinnes durchs Leben geht, dem springt sie an Bahnhöfen und in den Bannmeilen der Städte schon von weitem ins Auge. Jene "un-verschämte" Armut, so extrem, dass sie sich schon gar nicht mehr versteckt. Gewiss – Obdachlose und Bettler gab es schon immer, aber ihre Zahl nimmt erschreckend zu. Von der "verschämten" Armut ganz zu schweigen. Man nimmt sie von außen kaum wahr. Sie wird still ausgelitten. Und nur manchmal ausgestritten von Langzeitarbeitslosen zum Beispiel, die wie durch eine Falltür in die Armut abgestürzt sind.

Die Agenda-Politik hat Arbeit zur Ramschware verbilligt

Den Menschen im Niedriglohn geht es kaum anders. Sie machen sich krumm und erwirtschaften über ihre Arbeit nicht einmal ein Existenzminimum. Das ist nicht nur erbärmlich, sondern beleidigend, denn man bekommt in barer Münze bescheinigt: Deine Arbeit ist nichts wert! Der gesetzliche Mindestlohn, der vielfach ausgetrickst und unterlaufen wird, lindert ja nur, schafft aber kein menschenwürdiges Auskommen und schon gar keine soziale Sicherheit. Da ist der Weg in die Altersarmut schon vorgezeichnet. Das hat sie geschafft, die unselige Agenda-Politik, nämlich die Arbeit zur Ramsch-Ware zu verbilligen und damit ein weiteres Tor in die Armut aufzustoßen. Darüber hinaus wurden Millionen von Langzeitarbeitslosen ins gesellschaftliche Abseits katapultiert. Man scheint sich allenthalben mit einem harten Kern zu arrangieren und ist trotz angeblicher Vollbeschäftigung und Arbeitskräftemangels nicht bereit, die Betroffenen in den Arbeitsmarkt zu reintegrieren.

Vom Lohn sollte man gut leben können.
Vom Lohn sollte man gut leben können.

Auch alleinerziehende Mütter rangieren in der Armuts-Skala weit oben. Das ist vor allem auch seelisch katastrophal. Viele von ihnen leiden an der Not einer Trennung und haben vor allem ein oder gar mehrere Kinder zu erziehen. Bleiern legt sich nun auch noch die materielle Sorge über dieses Szenario. Das lähmt die Betroffenen und ist einfach menschenverachtend. Umso mehr, als auch die Kinder die Auswirkungen der Armut in der Schule zu spüren bekommen. Wer nicht mithalten kann bei Klamotten und Smartphones wird an- und fertiggemacht.

Armut in Deutschland ist immer Armut in einem reichen Land. Das will psychisch ausgehalten sein. Wer arm ist, wird zum Außenseiter, zur Randfigur. Man erkennt die Armen heute wieder am Gebiss. In kalten Wintern stehen sie täglich vor der Entscheidung: Hungern oder frieren? Satt werden und es auch noch geheizt und gemütlich haben – beides geht oft nicht. Wird gar noch der Strom abgedreht (und nicht sofort begleitende Hilfe in Anspruch genommen), kann man sich nur noch die Bettdecke über den Kopf ziehen oder – sofern man ein entsprechendes Ticket besitzt – die kalten Tage in der S-Bahn als Dauerfahrgast überbrücken.

Freiwillige Helfer sind Lückenbüßer einer lückenhaften Sozialpolitik

Vesperkirchen, Tafelläden und Kleiderkammern haben Hochkonjunktur. Dort kommt es neuerdings zum Verdrängungswettbewerb zwischen Geflüchteten und der Stammkundschaft. Manche Läden brauchen schon Türsteher und fertigen in Kontingenten ab. Hut ab vor all den freiwilligen Helferinnen und Helfern, die sich da reinhängen und es aushalten. Sie sind die Lückenbüßer einer lückenhaften Sozialpolitik, die es mit dem Grundgesetz nicht so genau nimmt. Denn in einem Sozialstaat darf es niemanden geben, der aufgrund miserablen Einkommens aus dem Markt herausfällt.

"Arme soll es bei euch gar nicht geben", so lautet eine der Grundregeln in der Bibel, sozusagen die "Sozialcharta" eines palästinensischen Nomadenstamms von anno dunnemal (Buch Deuteronomium 15,4). In einem reichen Land haben Arme gleich gar nichts zu suchen! Ein politischer Konsens, um den zu erzielen Armut permanent problematisiert und skandalisiert werden muss. Das passiert nicht zuletzt vor dem makabren Hintergrund, dass sich niemand ganz sicher fühlen kann, nicht auch in Armut abzustürzen.

Haben ebenfalls Hochkonjunktur: Vesperkirchen.
Haben ebenfalls Hochkonjunktur: Vesperkirchen.

Langzeitarbeitslosigkeit ist eine solche Rutschbahn. Trennungen, Schicksalsschläge, Krankheit werfen viele aus der gewohnten Bahn. Schon geht der Arbeitsplatz hops und steht die Räumungsklage an. Wohnraum ist kaum noch bezahlbar, lange Pflegebedürftigkeit zehrt das Vermögen auf. Es sind Menschen wie Du und ich, auf die ich im Umgang mit Armen treffe.

Soziale Reformen laufen nicht ohne politischen Druck. Was gegenwärtig am meisten notwendig wäre, ist bekannt: Armutsbekämpfung, Sozialer Wohnungsbau, Qualifizierung und Begleitung von Langzeitarbeitslosen, ausreichende Renten über eine Bürgerversicherung, die alle Einkommen zur Finanzierung heranzieht, Rückbau der prekären Arbeitsverhältnisse – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Das alles bedarf – schon um der Gerechtigkeit und erst recht um der Finanzierbarkeit willen – einer tiefgreifenden Steuerreform.

Die Reichen müssen lernen, dass "Helfen" nicht genügt, sondern dass sie teilen müssen. Ich halte es mit dem Kirchenvater Augustinus: "Der Überfluss der Reichen, ist das Eigentum der Armen." Oder Johannes Chrysostomus: "Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen bedeutet, diese zu bestehlen ... Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, sondern ihnen."

Die Linken schaffen es nicht, die Betroffenen zu mobilisieren

Bleibt zum Schluss die schmerzlichste Frage: Warum verweigern sich die Betroffenen, warum verhelfen sie nicht zu parlamentarischen Mehrheiten? Die Verheißung der SPD, sich wirklich zu einer "Gerechtigkeitspartei" mausern zu wollen, lockte keine Arbeitslosen und Armen an die Urnen. Genau so wenig, wie die "Linke" mit ihren Programmen bei ihnen verfängt. Das Misstrauen sitzt abgrundtief. Schlimmer noch: Viele der Ausgegrenzten gehen den Populisten auf den Leim, werden anfällig für ihre plumpen Parolen. Sie lassen sich umgarnen von kurzen, primitiven und daher immer falschen Antworten. Rassisten und Faschisten scheint es zu gelingen, viele von Armut und Arbeitslosigkeit Gezeichnete aus der politischen Apathie herauszukitzeln und zu mobilisieren. Mehr noch sind es die potenziellen Verlierer, die – oft völlig zurecht – den gesellschaftlichen Absturz befürchten.

Demokratischen Parteien ergeht es heute wie den Kirchen: Glockengeläut, bunte Prospekte und aufgeblasene Homepages locken "die da unten" so wenig hinterm Ofen hervor, wie das übliche Wahlkampf-Gedöns. Stattdessen müssen wir hingehen und verspieltes Vertrauen wiedergewinnen. Es bedarf mutiger ParteigängerInnen auf Straßen und Plätzen, in den Elendsquartieren, bei den Job-Centern, in Tafelläden, Wärmestuben und Hungerküchen. Wer sich von Gott und der Welt verlassen fühlt, braucht nicht viele Worte, sondern Zuwendung, Nähe und Solidarität. Arbeitslose und Arme gehören in die Mitte einer Gesellschaft und nicht an deren Rand! Denn wenn sie sich wahrgenommen, ernst genommen, gemeint fühlen, gehören sie (wieder) dazu.

Gastautor Paul Schobel.
Gastautor Paul Schobel.

 

Info:

Der Neue Montagskreis beschäftigt sich am Montag, 19. Juni, ab 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart mit dem Thema "Arm, reich – gerecht geht anders ...!". Über soziale Gerechtigkeit diskutieren unser Gastautor, der Pfarrer und Autor Paul Schobel und Hilde Mattheis, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion mit dem Publikum.

Anmelden können Sie sich unter anmeldung--nospam@neuer-montagskreis.de.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!