KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Antijüdische Krawalle in Stuttgart 1873

Als Antisemitismus zu Gewalt wurde

Antijüdische Krawalle in Stuttgart 1873: Als Antisemitismus zu Gewalt wurde
|

Datum:

Vor 150 Jahren hielten drei Tage lang antijüdische Krawalle Stuttgart in Atem. Von der Geschichtswissenschaft wurde das Ereignis lange übersehen oder totgeschwiegen – bis der Tübinger Historiker Martin Ulmer es in seiner Doktorarbeit rekonstruierte. Und damit auch lang gehegte Mythen zerstörte.

Im Frühjahr 1873 scheint über Stuttgart schon länger die Sonne, zumindest sinnbildlich. Zwei Jahre nach der Reichsgründung boomt die Stadt, Wirtschaft und Gewerbe wachsen rasant, ebenso die Bevölkerungszahl, die Schwelle von 100.000 Einwohnern ist gerade überschritten und jährlich werden es Tausende mehr. Es gibt Arbeit und guten Verdienst im Übermaß. Von der Wirtschaftskrise, die ab Mitte 1873 als "Gründerkrach" bekannt wird, ist noch nichts zu spüren.

Am Dienstag, dem 25. März 1873 geht nachmittags ein uniformierter Soldat zum Einkaufen in das Geschäft der jüdischen Textilhändlerin Helene Baruch in der Hirschstraße 9, nahe dem Marktplatz und dem Rathaus. Bald kommt es zwischen ihm und Frau Baruch zu Meinungsverschiedenheiten über die Qualität der Waren, der Soldat beleidigt Frau Baruch, auf beiden Seiten fallen deutliche Worte, und als der Soldat einen Angestellten schlägt, fordert ihn Frau Baruch auf, das Geschäft zu verlassen. Er weigert sich, Frau Baruch ruft die Polizei. Nachdem diese eingetroffen ist, kommt es auch mit ihr zum Streit, der Soldat bedroht die Beamten mit seinem Bajonett, wirft einen zu Boden. Es folgt ein Handgemenge, an dessen Ende der Soldat leicht verletzt auf dem Boden liegt.

Der Streit hat inzwischen viele Passanten angelockt, vor dem Geschäft sammelt sich eine Menschenmenge von bald tausend Leuten, aus der, als der Soldat abgeführt wird, gerufen wird: "Der Jude muss heraus" und "Hep-Hep" – letzteres war ein populärer antisemitischer Ruf, der den überregionalen "Hep-Hep-Krawallen" von 1819 seinen Namen gegeben hatte. Schnell fliegen Steine gegen die Scheiben der Kleiderhandlung Baruch, Einzelne versuchen, in das Geschäft einzudringen, die Polizei, zahlenmäßig weit unterlegen, kann den Randalierern nur mühsam Einhalt gebieten.

Mordgerücht als Katalysator

Es folgt die nächste Eskalationsstufe. Ein Mordgerücht verbreitet sich wie ein Lauffeuer: Der Soldat sei getötet worden, und zwar von einem Juden. Immer mehr Menschen strömen in die Innenstadt, sammeln sich auf dem Marktplatz und stehen dort völlig überforderten Polizisten gegenüber. Um halb acht Uhr abends ruft Oberbürgermeister Theophil Friedrich Hack das Militär zu Hilfe. Aus der Stuttgarter Garnison rückt eine Reiterschwadron an. Der gelingt es, den Marktplatz zu räumen und die Menschenmenge in die umliegenden Gassen abzudrängen – die Hirschstraße ist bereits abgesperrt. Viele ziehen in nahe Gasthäuser, schaukeln sich in ihrem Judenhass weiter hoch, gehen wieder auf die Straße, werfen Scheiben von jüdischen Geschäften ein. 40 Personen werden von der Polizei verhaftet, doch die Beamten werden oft mit Steinen beworfen und massiv behindert. Gegen zwei Uhr nachts ist schließlich Ruhe. Vorübergehend.

Zwei weitere Nächte mit ähnlichem Ablauf folgen, die Polizei wird als "Judenschutztruppe" geschmäht und in der dritten Nacht bewaffnen sich einige Randalierer mit Äxten und plündern das jüdische Bekleidungsgeschäft Süskind. Was die Plünderer nicht selbst einstecken, wird auf die Straße geworfen und von Vorbeigehenden selbstverständlich mitgenommen, wie das "Neue Tagblatt" berichtet. Dann versanden die Krawalle allmählich. Die Bilanz: Mehrere Dutzend Verletzte sowohl bei Polizei als auch bei Randalierern, zahlreiche jüdische Geschäfte und Wohnungen in der Innenstadt sind beschädigt, wie durch ein Wunder kommt niemand ums Leben.

Erst 2011 wurden die Krawalle wieder ausgegraben

Was sich an jenen Tagen im Jahr 1873 ereignete, war der erste und zugleich einer der schwersten antijüdischen Krawalle im Deutschen Kaiserreich – und einer der wenigen, die in einer Großstadt stattfanden. Innerhalb der deutschen Länder waren es zudem die schwersten Ausschreitungen gegen Juden seit der Revolutionszeit 1848/49. Und doch tauchten sie fast 140 Jahre in keinem Geschichtsbuch auf, zumindest nicht ihr antijüdischer Charakter. Einzig in der 1886 erschienen Stuttgarter Stadtchronik werden sie erwähnt, allerdings nur als "bedrohliche Ruhestörungen". Ausgegraben und ausführlich rekonstruiert hat sie erst der Tübinger Historiker und Kulturwissenschaftler Martin Ulmer in seiner 2011 erschienenen Dissertation "Antisemitismus in Stuttgart 1871 bis 1933".

Gestoßen ist Ulmer auf die Krawalle bei Recherchen im Berliner Centrum Judaicum, wo er einen Bericht darüber in einer Ausgabe der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom April 1873 fand. Daraufhin analysierte er drei Stuttgarter Tageszeitungen aus jener Zeit. Und stieß auf ausführliche Berichte und Kommentare. Warum fand davon nichts den Weg in die Geschichtsbücher?

Genau erklären kann Ulmer das auch nicht. Dass sich traditionelle Historiker lieber auf staatliche Aktenbestände stützen als auf Alltagsquellen wie Zeitungen, mag eine Rolle gespielt haben. Aber Ulmer hat noch eine Vermutung: "Es hätte halt nicht zum Bild des liberalen Musterländles gepasst." Vor allem nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur wurde der Mythos eines liberalen, toleranten, kaum antisemitischen Württembergs und Stuttgarts vor 1933 gepflegt – auch vom früheren Stuttgarter Stadtarchivar Paul Sauer. Der verfasste nicht nur ein Standardwerk zur Geschichte Stuttgarts von 1871 bis 1914 ("Vom Werden einer Großstadt"), sondern auch mehrere Veröffentlichungen über das jüdische Leben in Württemberg und Stuttgart bis zu dessen Vernichtung durch die Nazis, die durchaus hohen Respekt in der Forschung genießen. Doch zugleich habe Sauer "den Antisemitismus in Stuttgart immer runtergedimmt", sagt Ulmer.

Lieber nicht drüber reden

Auch Sauer hätte das Ereignis freilich nicht ignorieren können, wenn es zuvor im kollektiven Gedächtnis der Stadt präsent geblieben wäre – woran aber laut Ulmer 1873 niemand Interesse hatte. "In den Zeitungsberichten von damals deutet sich die große Erleichterung an, dass es vorbei ist, und fortan wurde der Deckmantel des Schweigens darüber gelegt." Auch die Angst vor negativer Presse kann sich Ulmer als Grund vorstellen, warum die Massenkrawalle in Stuttgart "tabuisiert" waren – verbunden mit der Befürchtung, dass das Selbstbild des liberalen Stuttgarts und Württembergs durch ihre Bekanntheit zerstört worden wäre.

Kratzer an dem idealisierten Bild gibt es schon länger. So umfassend, präzise und quellengesättigt widerlegt wie von Ulmer in seiner 2011 veröffentlichten Doktorarbeit wurde es aber zuvor wohl nie. Allerdings kann eine wissenschaftliche Publikation wie diese mit vergleichsweise überschaubaren Auflagen nicht auf Anhieb die nötige Breitenwirkung entfalten, um einen über Generationen gehegten und gepflegten Mythos sofort zu pulverisieren. Dieser wird sich wohl noch eine Zeit lang halten.

Tiefe Wurzeln der Judenfeindschaft

Dabei reichen die antisemitischen Traditionen in Stuttgart und Württemberg wie in anderen Teilen Deutschlands weit zurück. Christliche Judenfeindschaft gab es schon im Mittelalter, die Ressentiments änderten sich auch in der Neuzeit nicht. Mit der Modernisierung im 19. Jahrhundert kam ein anti-emanzipatorisches Denken dazu, das sich gegen die zunehmende gesellschaftliche Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung richtete. Mit dem Antimodernismus, der die Umwälzungen der kapitalistischen Moderne kritisierte, kam ein antisemitischer Antikapitalismus auf, der sich ausschließlich gegen "jüdische Kapitalisten" richtete. Und der übersteigerte Nationalismus seit der Reichsgründung basierte stark auf Feindbildern wie dem als "undeutsch" betrachteten Juden.

Das alles waren keine württembergischen Besonderheiten. Im gesamten Deutschen Kaiserreich etwa etablierte sich der Nationalprotestantismus, eine politische Strömung, die sich gegen Demokratie, Liberalismus, Sozialismus und zugleich Kapitalismus richtete und dies alles mit einem scharfen Antisemitismus verknüpfte. Der Berliner Hofprediger Adolf Stoecker wurde einer der Protagonisten dieser Bewegung, seine Schriften und Reden dienten als Katalysator für eine antisemitische Welle im Kaiserreich – aber erst ab Ende der 1870er.

Krawalle von unten, ohne ökonomische Ursachen

Bei den Stuttgarter Krawallen war ein Großteil sowohl der alten traditionellen als auch der neuen ideologischen Komponenten des Antisemitismus zu finden, wie Ulmer nachweist, er sieht "ein Bündel von Ursachen". Und das alles noch vor der Wirtschaftskrise des "Gründerkrachs", die oft als Beschleuniger antijüdischer Einstellungen im Kaiserreich gesehen wird. Eine wirtschaftliche Mangelsituation gab es aber im Stuttgart des März 1873 nicht, dies fällt als Ursache aus. Auch deshalb kritisiert Ulmer, dass "ein Teil der Antisemitismusforschung noch stark von politisch-ökonomischen Erklärungsmodellen beeinflusst" sei. Wie wenig aussagekräftig wirtschaftliche Faktoren allein sind, zeigen noch heute die konstant hohen Wahlergebnisse rechter Parteien in Teilen Baden-Württembergs.

In Stuttgart gab es 1873, noch lange vor dem organisierten Antisemitismus im Kaiserreich, einen dynamischen Antisemitismus von unten. Und dessen tiefe Verwurzelung wurde in breiten Schichten an mehreren Stellen deutlich. So hätte ohne das Stereotyp des jüdischen (Ritual-)Mords aus der traditionellen christlichen Judenfeindschaft das Mordgerücht nicht so eine Wirkung entfalten können. Die "Hep-Hep"-Rufe, Merkmale der antijüdischen Unruhen von 1819, beweisen zudem, dass "antisemitische Codes weit verbreitet waren, dass es ein kollektives Wissen darüber gab", sagt Ulmer – "jeder verstand sie". Dass das vermeintliche Mordopfer dann auch noch ein Soldat war, Repräsentant des im Kaiserreich hoch angesehenen Militärs, triggerte den antisemitischen Nationalismus. Und die gezielten Plünderungen am dritten Tag machten endgültig deutlich, "dass der Krawall nicht ein revolutionärer Aufstand gegen die Obrigkeit war", urteilt Ulmer. Stattdessen: "eine antisemitische, gewaltsame, anti-emanzipatorische Revolte gegen die exponierte bürgerliche Stellung der Stuttgarter Juden."

Der damaligen Obrigkeit war die Wirkung der Krawalle auf die öffentliche Ordnung offenbar genauso wenig geheuer wie die Benennung ihrer Ursachen. Die Justiz wurde unmittelbar danach tätig – und leistete ihren Teil zur Verdrängung. Zwar wurden verhaftete Steinewerfer und Aufrührer im Schnellverfahren zu teils hohen Strafen verurteilt. Aber als Strafgrund wurde stets nur Aufruhr gegen die staatliche Ordnung angegeben. Die antisemitische Motivation der Täter kam vor Gericht nicht zur Sprache.

Bis 1938 sollte es in Stuttgart keine so großen Ausschreitungen gegen Juden mehr geben – die Ursachen aber blieben. In seiner Studie hat Ulmer die württembergische Metropole mit anderen Großstädten des Deutschen Reichs verglichen und kommt zum Ergebnis, dass Stuttgart zwar keine extreme Hochburg der Judenfeinde war, dass der Antisemitismus hier aber doch "leicht überdurchschnittlich" war. "Der Antisemitismus war in der politischen Kultur in Stuttgart sehr verankert, das würde ich schon als These wagen", sagt der Historiker.


Info:

Am morgigen Donnerstag, dem 16. März 2023 sprechen Martin Ulmer und Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus, im Stadtarchiv Stuttgart über "Das vergessene Pogrom – Die antisemitischen Krawalle in Stuttgart im Jahr 1873". Beginn ist um 19 Uhr.

Zum Weiterlesen: Martin Ulmer, "Antisemitismus in Stuttgart 1871 bis 1933. Studien zum öffentlichen Diskurs und Alltag", 2011 erschienen im Metropol-Verlag, 478 Seiten, 28 Euro.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


1 Kommentar verfügbar

  • gerhard manthey
    am 16.03.2023
    Antworten
    Und wer die fiktiv-wahre Geschichte von 1732 bis 1738 -der Hinrichtung Oppenheimers lesen möchte und den Taten Herzog Eberhard Ludwigs, dem Zwist von Johanna Elisabeth von Baden-Durlach und Christine Wilhelmine Friederike von Gravenitz liest Lion Feuchtwangers "Jud Süß".
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!