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Jüdisches Leben in Württemberg

Vertreibung und Assimilation

Jüdisches Leben in Württemberg: Vertreibung und Assimilation
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Lange bildeten die Juden in Württemberg den ärmsten Teil der Bevölkerung, erst im 19. Jahrhundert gelang einigen von ihnen ein beispielloser Aufstieg. Manche wurden sehr reich, bewahrten dabei aber eine soziale Haltung.

Ohne Kilian von Steiner wäre die Geschichte der Industrialisierung im Königreich Württemberg und darüber hinaus kaum zu denken. Bei BASF und WMF, der Daimler Motoren-Gesellschaft und der Union Deutsche Verlagsgesellschaft – damals die größte Verlagsgruppe Süddeutschlands –, bei der Gründung der Deutschen Bank und diversen weiteren Banken: Überall war er beteiligt.

1833 in Laupheim geboren, hatte Steiner in Tübingen und Heidelberg Jura studiert und war 1865 in die Hauptstadt Stuttgart gezogen. Dort gründete er im folgenden Jahr mit dem späteren württembergischen Innenminister Julius Hölder, dem Farbenfabrikanten Gustav Siegle, dem Bankier Eduard Pfeiffer und dem Juristen Robert Römer die nationalliberale Deutsche Partei – bald die wichtigste im Land –, die für eine Einigung Deutschlands unter preußischer Führung eintrat.

Hölder und Römer gingen in die Politik, Steiner, Pfeiffer und Siegle in die Wirtschaft. 1869 gründeten sie die Württembergische Vereinsbank, die über Kredite, Allianzen sowie die Förderung von Fusionen und Geschäften der industriellen Entwicklung Auftrieb verschaffte. So leiteten Steiner und sein Vertrauter  Alfred Kaulla, Prokurist bei der Vereinsbank, den Bau der Anatolischen Eisenbahnen, der "Bagdadbahn", im Osmanische Reich ein – viele württembergische Unternehmen, darunter die Maschinenfabrik Esslingen, profitierten davon. Und die Waffenfabrik Mauser in Oberndorf, die Pulverfabrik Rottweil und die Patronenfabrik in Karlsruhe (in den Gebäuden des heutigen ZKM) – damals der größte Arbeitgeber der Stadt – führte Steiner zu einem großen Rüstungskonzern zusammen.

Der württembergische König Wilhelm II. verlieh Steiner 1895 den Adelstitel. Noch im selben Jahr erwarb dieser das Schloss Großlaupheim, das freilich um die Jahrhundertmitte bereits seinem Vater gehört hatte. Ebenfalls 1895 war er zugleich die treibende Kraft hinter der Gründung des Schwäbischen Schillervereins, des heutigen Schiller-Nationalmuseums in Marbach, zu dessen Sammlungen er 800 Handschriften als Grundstock beisteuerte.

1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Ein Edikt Kaiser Konstantins im Jahr 321 ermöglichte es Juden im gesamten Römischen Reich, städtische Ämter auszuüben. Dieses im Vatikan aufbewahrte Dokument gab Anlass zur Gründung eines Vereins, der nun 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland feiert. In Württemberg ist jüdisches Leben allerdings erst seit dem 11. Jahrhundert dokumentiert. (dh)

Die Karriere Kilian von Steiners illustriert die beispiellosen Aufstiegsmöglichkeiten, die sich jüdischen Bürgern im 19. Jahrhundert aufgrund der liberalen Politik des Königreichs Württemberg eröffneten. Ein Jahrhundert zuvor hatte es noch ganz anders ausgesehen. Noch um 1830 lebte "ein großer Teil der Juden in den Landgemeinden in bitterer Armut", wie der frühere Stadtarchivar Paul Sauer in einem Überblick zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Stuttgarts schreibt, die zu jener Zeit bereits zu prosperieren begann.

Die größte jüdische Gemeinde Württembergs befand sich damals jedoch in Laupheim. 1843 lebten hier 710 Jüdinnen und Juden, ein Fünftel der Bevölkerung, während die Stuttgarter Gemeinde zur selben Zeit nicht mehr als 230 Mitglieder zählte. Die Geschichte der Laupheimer Juden beginnt 1730, als der Ortsherr Carl Damian von Welden einen Schutzbrief für 20 jüdische Familien ausstellt. Ein Abraham Klissendörfer aus dem nahe gelegenen Illereichen hatte um die Aufnahme von vier Familien gebeten. Der Freiherr nahm gleich zwanzig. Er war verschuldet und brauchte Geld – die "Schutzjuden" konnten helfen.

Seit dem Mittelalter durfte, wer jüdischer Konfession war, weder ein Handwerk noch Landwirtschaft betreiben. Dafür waren Juden nicht ans Zinsverbot gebunden und daher als Geldgeber geschätzt. Zwar erklärte die Kirche im 13. Jahrhundert das Geldwesen zur "lässlichen Sünde" und stützte sich nun vor allem auf Bankiers aus Florenz. Weltliche Herrscher bedienten sich dagegen weiterhin häufig der Dienstleistungen jüdischer Kreditgeber. Sie stellten sie unter Schutz und verlangten dafür eine Abgabe.

Immer wieder verfolgt und vertrieben

Daran hatte sich im 18. Jahrhundert im Prinzip nichts geändert – außer dass sich die Herrschaften immer neue Steuern ausdachten, die sie ihren Schutzbefohlenen auferlegen konnten. Aber das war nicht das größte Problem. Schwieriger war mit dem Neid und den Vorurteilen umzugehen, die gerade den wohlhabenden Juden von Seiten der Untergebenen entgegenschlugen. Insbesondere während der großen Pestwelle um 1350 kam es an vielen Orten im heutigen Deutschland zu Pogromen.

Das Leben der jüdischen Bevölkerung war unsicherer geworden. In der Freien Reichsstadt Esslingen etwa ist nach einem Pogrom 1348 zwar schon 1365 wieder jüdisches Leben dokumentiert. Doch 1435 wurden sie ausgewiesen. Um 1530 wollte die Stadt wieder Juden ansiedeln und erbaute dafür eine Häuserzeile in der heutigen Schmalen Gasse, die früher Judengasse hieß. Doch schon sieben Jahre später beugte sie sich die dem Druck Württembergs, das Esslingen 1519 angegriffen hatte: Die Juden mussten die Stadt wieder verlassen.

Esslingen war kein Einzelfall. Bis auf Wimpfen und Buchau wiesen alle Reichsstädte im Verlauf des 15. Jahrhunderts die Juden aus der Stadt. Und das Herzogtum Württemberg legte sich 1498 ebenfalls darauf fest, sie aus dem ganzen Land zu vertreiben. Längerfristig gelang es den Herzögen zwar nicht, dies durchzuhalten; ab 1710 erlaubten sie einigen "Hofjuden", sich wieder in Stuttgart niederzulassen. Diese bekamen es jedoch mit dem Hass der niederen Stände zu tun. Prominentes Opfer war der 1738 hingerichtete Joseph Süß Oppenheimer, über den die Nazis später den Propagandafilm "Jud Süß" drehten.

Gezwungen zum Wandergewerbe

Aus den Städten und aus dem Herzogtum vertrieben, blieb den Juden, soweit sie nicht in Richtung Osteuropa auswanderten, drei Jahrhunderte lang kaum etwas anderes übrig, als sich auf dem Land mit Wandergewerben durchzuschlagen. Damit befanden sie sich in Gesellschaft einer großen Zahl umherziehenden "fahrenden Volks": der Sinti und Jenischen, Korbwarenhändler, Musiker, Schausteller und Hausierer. In der Figur des zum Wandern verdammten "ewigen Juden", erstmals verbreitet in einem Volksbuch aus dem Jahr 1602, fand dieses Schicksal, verbrämt zur göttlichen Strafe, seinen literarischen Widerhall. Insbesondere als Viehhändler suchten viele ihr Auskommen, so sehr, dass etwa in Spiegelberg im Schwäbischen Wald das Wort "Jud" geradezu zum Synonym für Viehhändler wurde.

Doch auch die "Schutzjuden" hatten kein sicheres Dasein und waren Willkür ausgesetzt. Wenn ein Ortsherr starb, konnte es jederzeit passieren, dass der Nachfolger sie wieder auswies. In Laupheim war dies anders. Zu den zwanzig Familien kamen bald weitere 27 und dann nochmals 40 hinzu. Die Siedlung am Judenberg, heute als Ensemble unter Denkmalschutz, wurde zu klein, und wer es zu etwas Wohlstand gebracht hatte, baute sein eigenes Haus in der Umgebung, insbesondere nachdem das vormals österreichische Laupheim 1806 ans Königreich Württemberg gelangt war.

Beispielhaft zeigt sich dies an der Familie Steiner. Kilian Steiners Urgroßvater Viktor Ben Simon war bald nach der Mitte des 18. Jahrhunderts nach Laupheim gekommen. Über ihn und seinen 1762 geborenen Sohn Simon Viktor ist wenig bekannt. Dessen drei Söhne Viktor, Heinrich und Joseph schafften den Aufstieg vom Hausierhändler zum Kaufmann, Hopfenhändler und Werkzeugfabrikanten, der 1790 geborene älteste Sohn Viktor – Kilian Steiners Vater – sogar zum Schlossbesitzer.

Schrittweise Gleichstellung

Voraussetzung war die Politik des Königreichs Württemberg, das in mehreren Schritten vor allem durch ein Gesetz "in Betreff der öffentlichen Verhältnisse der israelitischen Glaubens-Genossen" im Jahr 1828 eine zunehmende Gleichstellung anstrebte. Nunmehr konnten Juden ihren Beruf frei wählen und sich niederlassen, wo sie wollten, was vor allem als Maßnahme gegen den Hausierhandel gedacht war. Das Gesetz war umstritten, auch wenn die Juden, wie Innenminister Christoph Friedrich von Schmidlin betonte, "in 84 weit entlegenen Orten zerstreut, kaum den zweihundertsten Theil unserer Bevölkerung und – mit wenigen Ausnahmen – den ärmsten Theil der Bevölkerung" bildeten.

Nur wenige vermögend, die meisten sehr arm: Dieses Verhältnis hat sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts verschoben zu einem Gegensatz zwischen der wachsenden, wohlhabenden Gemeinde in Stuttgart und den Ärmeren auf dem Land. Das Königreich strebte eine Assimilierung der Juden an, die der Stuttgarter Rabbiner Joseph Maier mit Energie vorantrieb. So kam es zum Konflikt mit den orthodoxen Landgemeinden. Predigt in deutscher Sprache und ein Gesangbuch wie bei den Protestanten, dazu in der 1861 neu erbauten Stuttgarter Synagoge auch noch eine Orgel: Das empfanden die Orthodoxen als Zumutung.

Vielfältige soziale Aktivitäten

Was den Reformen dann doch zu einem glänzenden Erfolg verhalf, waren die Bildungs- und Aufstiegschancen. Und die über die Jahrhunderte der Not gewachsene soziale, solidarische Haltung der Reichen, die sich in wohltätigen Stiftungen wie dem Esslinger Waisenhaus Wilhelmspflege zeigt. 1841 in Stuttgart gegründet für jüdische Waisenkinder aus dem ganzen Land, zog das Heim 1913 in ein neu erbautes, stattliches Haus hinter der Esslinger "Burg", das heutige Theodor-Rothschild-Haus.

Insbesondere bei dem Bankier Eduard Pfeiffer reichte diese soziale Haltung auch über die jüdische Gemeinde hinaus. Er gründete den Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen, der sich wie niemand sonst um die Wohnungsversorgung der Armen kümmerte, und den "Stuttgarter Consum- und Ersparnisverein", eine Genossenschaft, die in späteren Zeiten halb Stuttgart mit Lebensmitteln versorgte. Von Mitbürgern wie Steiner und Pfeiffer hat Stuttgart in jeder Hinsicht profitiert: die Wirtschaft ebenso wie die Armen, aber auch die Kultur. Erst der Nazi-Terror hat das gute Verhältnis zerstört.


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