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Comic über Beate und Serge Klarsfeld

Historische Klatsche

Comic über Beate und Serge Klarsfeld: Historische Klatsche
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Mehr als die Ohrfeige für Kiesinger: Ein neuer französischer Comic würdigt das jahrzehntelange Engagement von Beate und Serge Klarsfeld gegen alte und neue Nazis, das sogar in ein deutsches Gesetz mündete. Eine Hommage an ein Ehepaar, das immer wieder gegen Windmühlen zu kämpfen schien – und dabei oft Erfolg hatte.

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Wie bei vielen anderen ehemaligen Funktionsträgern des Nazi-Regimes spielte auch Kurt Georg Kiesingers NS-Vergangenheit in der jungen Bundesrepublik lange keine Rolle. Dass der in Ebingen geborene Politiker sehr früh schon, im Februar 1933, in die NSDAP eingetreten war, dass er während des Krieges in der Rundfunkpolitischen Abteilung des Außenministeriums auch für antisemitische und Kriegspropaganda im Ausland zuständig war, dass er also wahrscheinlich mehr als nur ein "Mitläufer" war, als der er 1948 eingestuft wurde, das alles schien noch in seiner Zeit als baden-württembergischer Ministerpräsident (1958 bis 1966) kein Thema zu sein. Erst, als der 1947 in die CDU eingetretene Kiesinger 1966 Bundeskanzler werden sollte, meldeten sich etwa mit Günther Grass, Karl Jaspers oder Heinrich Böll prominente Kritiker zu Wort. Und die anschwellende Studentenbewegung sah in ihm ein Symbol für die mangelnde Aufarbeitung der NS-Diktatur und der Re-Integrierung von deren Eliten.

Der Protest und die Benennung der Verstrickungen zog damals mitunter juristische Verfolgung nach sich. Als etwa der Künstler Jürgen Holtfreter für die Stuttgarter Plakatgruppe eine Collage mit dem Titel "Ein Mann hat seine festen Freunde" anfertigte, die Kiesinger zwischen Hitler und dem spanischen Diktator Franco zeigte, und die im Juli 1969 in ihrer "Plakat"-Zeitung veröffentlicht wurde, da erstattete der gescholtene Bundeskanzler Anzeige "wegen Verunglimpfung von Verfassungsorganen". Und weil ein gewisser Peter Grohmann Verantwortlicher im Sinne des Presserechts war, wurde die Polizei in dessen damaliger Fellbacher Wohnung mit einem Durchsuchungsbefehl vorstellig, fand aber nichts. Grohmann, der regelmäßig Kolumnen für Kontext verfasst, hat die Episode in seinen Erinnerungen "Alles Lüge außer ich" verewigt. Der Fall schaffte es aber auch in den "Spiegel", wo zudem der Ursprung der Collagen-Idee erläutert wurde. Kiesinger hatte sich nach einem Spanien-Besuch öffentlich als Diktatoren-Bewunderer gezeigt: "Bei Franco hat mich die präzise Analyse und die Klarheit seiner Gedanken beeindruckt."

Dass der Fall der inkriminierten Collage es damals in das Hamburger Nachrichtenmagazin schaffte, hing womöglich auch damit zusammen, dass Kiesingers Vergangenheit einige Monate zuvor weltweit bekannt gemacht worden war – durch eine wahrhaft historische Klatsche: Am 7. November 1968 hatte die Journalistin Beate Klarsfeld auf dem CDU-Parteitag in Berlin das Podium bestiegen und Kiesinger eine Ohrfeige gegeben, dazu "Nazi, Nazi!" gerufen. Die Folgen waren eine Verurteilung zu einem Jahr Gefängnis, die die damals 29-jährige Frau allerdings nie antreten musste. Ein anderes Resultat war die gesteigerte Aufmerksamkeit für alte Nazis, die unbehelligt geblieben waren. Und bis dato gute Chancen hatten, auch unbehelligt zu bleiben, unter anderem, weil die Bundesrepublik Altnazis, die in anderen Ländern wegen ihrer Verbrechen verurteilt worden waren, in der Regel nicht auslieferte.

Filmwürdige Lebensgeschichten

Mit der berühmten Ohrfeige beginnt auch ein neuer Comic der beiden Franzosen Pascal Bresson und Sylvain Dorange, der so heißt wie seine beiden Hauptpersonen: "Beate & Serge Klarsfeld". Knapp 30 Seiten widmen sich der Aktion, die für viele das einzige sein mag, was sie mit dem Namen Klarsfeld verbinden. Dass aber das ganze Werk rund 200 Seiten umfasst, zeigt schon, dass das Leben des deutsch-französischen Ehepaars noch viel mehr bereit hält – und zwar spielfilmtauglichen Stoff, den Bresson als Autor und Dorange als Zeichner so dramaturgisch gekonnt, packend und faktengesättigt zu erzählen wissen, dass es einen nicht wundern würde, wenn Filmproduzenten schon für eine Adaption Schlange stünden.

"Die Nazijäger" heißt der Band im Untertitel, denn das waren und sind die Klarsfelds nach der Kiesinger-Aktion die meiste Zeit gewesen: Sie begnügten sich nicht damit, alte Nazis und deren Verstrickungen öffentlich bekannt zu machen, sondern begannen, aktiv NS-Täter zu suchen, um sie vor Gericht zu bringen. Eine anstrengende und aufreibende Lebensaufgabe, aber für beide eine Art Mission, die sich auch aus ihren Lebensgeschichten und ihrer unterschiedlichen Herkunft ergibt, wie der Comic verdeutlicht: Nachdem Beate und Serge Klarsfeld sich 1960 in Paris kennen gelernt und verliebt haben – sie ist dort als deutsches Au-Pair-Mädchen –, erzählt ihr Serge bei einem ihrer ersten Treffen von der Geschichte seiner jüdischen Familie. Und dass sein Vater 1943 von der SS in Nizza verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Beate ist geschockt, auch weil die NS-Geschichte in ihrer Familie – und auch in Deutschland insgesamt – nur sehr wenig thematisiert wurde.

Als Kiesinger 1966 zum Bundeskanzler gewählt wird, drängt es Beate, aktiv zu werden. Erst schreibt sie Artikel gegen Kiesinger, wegen derer sie ihre Stelle beim Deutsch-Französischen Jugendwerk verliert. Die Ohrfeige ist dann die logische Folge. "Mir wurde bewusst, dass mein gesammeltes Material über Kiesinger nichts bewirkt, wenn ich es nicht mit spektakulären Gesten verbreite, über die die sensationsgierige Presse berichten würde", sagt sie später in einem Radio-Interview. Was zeigt: Die Klarsfelds, vor allem Beate, waren auch im Herstellen von Öffentlichkeit, in der PR für ihre Anliegen immer sehr versiert.

Das wird auch bei einer eigentlich gescheiterten Aktion deutlich: 1971 versuchen die Klarsfelds mit einigen Getreuen in Köln den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Kurt Lischka zu entführen, der für die Deportation von über 70.000 Juden in Frankreich verantwortlich war. Das geht gründlich schief, sie müssen vor der Polizei fliehen, doch statt sich zu verstecken, trifft sich Beate Klarsfeld mit Journalisten und spricht offen über den Kidnapping-Versuch – mit klarer Botschaft: "Wenn ich verhaftet werde, ist das der Beweis, dass die Behörden lieber mich ins Gefängnis stecken, als die Kriegsverbrecher, die in Deutschland frei herumlaufen, an die Justiz auszuliefern."

12 Jahre auf Jagd

Erst im Jahr 1979 wird Lischka, der in Frankreich schon 1950 in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, in Köln der Prozess gemacht, der mit einer Verurteilung zu zehn Jahren Freiheitsstrafe endet. Ermöglicht wurde auch dies im Grunde durch das Engagement der Klarsfelds: 1975 ratifizierte der Deutsche Bundestag ein Zusatzabkommen mit Frankreich, das eine juristische Verfolgung von in Frankreich verurteilten NS-Verbrechern auch in Deutschland ermöglicht – und das als "Lex Klarsfeld" bekannt wird.

Dieses Abkommen wird im Comic kaum erwähnt, die Abstimmung im Bundestag, bei der Beate Klarsfeld anwesend war, kommt nicht vor. Was nicht weiter stört, faktengesättigt ist der Band ohnehin schon, und rund zwei Drittel seines Inhalts sind einem speziellen Fall gewidmet: der Jagd nach Klaus Barbie, dem ehemaligen Gestapo-Chef von Lyon, der wegen seiner Grausamkeit auch als "Schlächter von Lyon" bekannt war.

1971 finden Beate und Serge im Pariser "Centre de Documentation Juif Contemporaire" erste Dokumente, die Barbies Verantwortung belegen, und von nun an heften sie sich an seine Fersen – 12 Jahre lang. Denn Barbie ist in Südamerika untergetaucht, wurde erst vom CIA gedeckt, später wird er in Bolivien von der Regierung unter Diktator Hugo Banzer Suárez protegiert und trainiert dort auch Armeeeinheiten in Foltermethoden. 1983 gelingt schließlich, nach einem Regierungswechsel in Bolivien, die Auslieferung nach Frankreich, vier Jahre später beginnt in Lyon der Prozess gegen Barbie, an dem Serge Klarsfeld als Klägeranwalt teilnimmt. Der Prozess steht auch am Ende des Comics, gefolgt von einem Epilog, in dem die Klarsfelds für den Kampf gegen rechts werben, auch wenn der oft wie einer gegen Windmühlen erscheint. "Der, der kämpft, kann verlieren, aber der, der nicht kämpft, hat schon verloren", sagt Beate Klarsfeld im vorletzten Panel.

Das Werk entstand im Austausch mit den Klarsfelds

Es ist durchaus eine Hommage, fast schon eine Heldengeschichte, die Bresson und Dorange hier erzählen, und das sollte es wohl auch sein: Ein Buch zu machen "darüber, wie zwei Menschen einen Teil ihres Lebens geopfert haben, um das Böse zu bekämpfen, ist meine Art, den Jüngeren zu erklären, was passiert ist, und dass man vor allem nichts vergessen darf, denn eines Tages kann das Böse zurückkommen!", sagt Autor Pascal Bresson, der sich auch schon in anderen Comics mit dem Holocaust auseinandergesetzt hat. Dokumentarische Genauigkeit war ihm dabei wichtig: "Auf keinen Fall durfte ich einen Fehler machen bei den Orten, Daten, den Aktionen oder einem Namen – zum einen aus Respekt für ihre Erinnerungsarbeit, aber auch für die Jüngeren."

Recht ungewöhnlich dürfte dabei sein, dass Autor und Zeichner mit ihren Sujets in engem Kontakt waren: Das Werk entstand in ständigem Austausch mit Beate und Serge Klarsfeld, die Bresson und Dorange ihr Archiv zugänglich machten. Und beide, selber Freunde von "Bandes dessinées", wie Comics in Frankreich heißen, waren auch mit der grafischen Darstellung ihrer selbst einverstanden.

Womit wir beim Zeichenstil wären: Die großen Textmengen der Geschichte verleiten Sylvain Dorange zum Glück nicht dazu, auf eine eigene Bildsprache zu verzichten und nur die Sprechblasen zu illustrieren, im Gegenteil. Sein Stil ist, vor allem bei Gebäuden und Interieurs, detailliert und dabei effizient, auch ohne allzu große perspektivische Sperenzchen wechselt er im Sinne der Dramaturgie virtuos zwischen Totalen und Nahdarstellungen, zeigt sich zudem als Meister stimmungsvoller Farbgebung, weit weg von der bisweilen allzu cleanen und knalligen Optik digitaler Colorierungen.

Die Figuren zeichnet Dorange, im Gegensatz zur akkurat gestalteten Umgebung, in einem sehr reduzierten, manchmal leicht karikaturistischen Stil, was mal bestens funktioniert – etwa bei Kiesinger oder Serge Klarsfeld, der trotz minimalistischen Strichs und seiner zu einer imposanten Haartolle überzeichneten Lockenpracht erstaunlich erkennbar bleibt – und mal weniger gut, wie bei Beate Klarsfeld: Ihr gibt Dorange eine vogelartig spitze Nase und meist zu Schlitzen verengte Augen, die sie oft ziemlich grimmig erscheinen lassen – was mit dem eher sanftmütig wirkenden Gesicht der Vorlage wenig zu tun hat. Gleichzeitig strahlt diese Comic-Beate durch diesen Ausdruck eine enorme Entschlossenheit und Energie aus. Und das passt dann doch wieder zur echten.


Pascal Bresson und Sylvain Dorange: Beate & Serge Klarsfeld. Die Nazijäger. Aus dem Französischen von Christiane Bartelsen. Carlsen Verlag, Hamburg 2021, 208 Seiten, 28 Euro.


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1 Kommentar verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 09.06.2021
    Antworten
    Klatschen, historisch?
    Klatschen auf Schenkel, unterstützt durch lautes Lachen, das konnten Ewiggestrige bereits vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, waren diese doch an den vorbereitenden Gründungsprozeduren vielzählig beteiligt! [1]
    9.6.2021 Mann ohrfeigt Frankreichs Präsidenten…
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