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Friedrich Engels in Karikatur und Comic

Die zweite Geige des Kommunismus

Friedrich Engels in Karikatur und Comic: Die zweite Geige des Kommunismus
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Jüngst jährte sich Friedrich Engels' 200. Geburtstag. Der Wuppertaler Verlag Edition 52 hat sich mit gleich zwei Bänden des Weggefährten von Karl Marx angenommen: einem Comic und einer Karikaturen- und Text-Sammlung.

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Was den Nachruhm angeht, befindet sich Friedrich Engels gegenüber seinem Freund und Weggefährten Karl Marx zweifellos etwas im Hintertreffen. Zu Marx' 200. Geburtstag im Jahr 2018 feierte seine Heimatstadt Trier ihren bekanntesten Sohn und Philosophen mit rauschebärtigen Ampelmännchen und bekam eine riesige Marx-Statue aus China geschenkt. Friedrich Engels' 200. Geburtstag am 28. November 2020 fiel dagegen mitten in den Corona-Lockdown, was so manche Erinnerungsbemühungen torpedierte: So mussten beispielsweise sowohl die Eröffnung als auch die weiteren Begleitveranstaltungen der Engels-Ausstellung im Stuttgarter Gewerkschaftshaus ausschließlich online stattfinden, können aber so immerhin noch nachgeschaut werden.

Dabei stehe Engels völlig zu Unrecht im Schatten von Marx, merkte taz-Wirtschaftsredakteurin Ulrike Hermann in einem sehr lesenswerten Geburtstagsartikel an. Mit seinen 1844 und 1845 erschienen Schriften "Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie" und "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" – letzteres ein Pionierwerk der empirischen Sozialforschung – brachte der Wuppertaler Fabrikantensohn Marx erst auf die Ökonomie als Gegenstand seiner späteren Forschungen und gab ihm dafür gleich schon Richtung und Ansätze vor. Und auch später unterstützte Engels Marx nicht nur finanziell. Sowohl beim "Kommunistischen Manifest" als auch bei "Das Kapital" sei Engels der gewesen, der die Werke "durch sein Drängen erst ermöglicht" hätte, sagt Erhard Korn von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden Württemberg in einem Podcast zur Ausstellung in Stuttgart, so wie er "alles, was später als Marxismus bekannt wurde, überhaupt erst ermöglicht hat". So sieht es auch Hermann: "Engels war es, der den Marxismus bleibend prägte", als er den ziemlich chaotischen Nachlass seines Freundes, vor allem den zweiten und dritten Band des "Kapitals" ordnete und herausgab.

Engels-Gesichter aus einem sehr feinen Verlag

Müsste man folglich nicht vom "Engelsismus" sprechen, wie etwa der Marburger Politikwissenschaftler Georg Fülberth einmal fragte? Warum lieber nicht, lässt der Karikaturist Freimut Woessner Engels ziemlich überzeugend erklären: Engelsismus höre sich "einfach leicht schräg an" (siehe Karikatur rechts). Nun ist diese Aussage, so schlüssig sie sein mag, leider nicht verbürgt, wohl aber diese: "Ich habe mein Leben lang das getan, wozu ich gemacht war, nämlich zweite Violine spielen, und glaube auch, meine Sache ganz passabel gemacht zu haben. Und ich war froh, so eine famose erste Violine zu haben wie Marx", sagte Engels einmal zu seinem Freund Johann Philipp Becker.

Die Woessner-Karikatur findet sich in einem Büchlein namens "Engels-Gesichter", und damit kommen wir endlich zu etwas, was Engels in Bezug auf Erinnerungspflege Marx voraus hat: Mit Wuppertal eine Geburtsstadt, in der ein so feiner Verlag wie Edition 52 seinen Sitz hat. Neben dem von André Poloczek herausgegebenen Band "Engels-Gesichter", der "Cartoons und komische Texte zum 200. Geburtstag" versammelt, hat der Verlag im vergangenen Jahr auch gleich noch einen Comic zum Leben des Geburtstagskindes veröffentlicht: "Engels – Unternehmer & Revolutionär" von Christoph Heuer, Fabian Mauruschat und Uwe Garske.

Im Vorwort der "Engels-Gesichter" wartet Herausgeber Poloczek gleich mit einem wohl kaum bekannten Detail zu dem berühmten Wuppertaler auf: Engels war selbst Karikaturist! Nun, ohne Veröffentlichungsabsicht, seine Zeichnungen kursierten nur im privaten Kreis, hatten aber doch bildsatirisches Potential. Das beweist eine im Band dokumentierte Karikatur zu einem Treffen der "Freien", einer Berliner Junghegelianer-Gruppe, in deren Kreis Engels 1842 verkehrte. Links über der offenbar hitzig diskutierenden Gruppe schwebt ein Eichhörnchen, was auf den preußischen Kultusminister Friedrich Eichhorn verweisen soll, so Poloczek. Der Rest des Bandes versammelt Werke der Crème der deutschen Karikaturisten- und Cartoon-Szene wie Katharina Greve, Klaus Stuttmann, F.W. Bernstein, Kittyhawk oder Gerhard Seyfried, außerdem kurze Texte von AutorInnen wie Thomas Gsella, Corinna Stegemann oder Kurt Tucholsky. Die nehmen nicht immer streng Bezug auf Engels und Marx, sondern befassen sich auch im allerweitesten Sinne mit deren Themen, ob Kommunismus, Dialektik, politische Utopien, Arbeitswelt, Mindestlohn etc. Einerlei, unterhaltsam ist's auf jeden Fall.

Strenger biographisch ist da der Comic von Zeichner Christoph Heuer, den er zusammen mit dem Sozialwissenschaftler Uwe Garske und Journalist und Historiker Fabian Mauruschat als Szenaristen umsetzte. Fünf Jahre dauerte es von der ersten Idee bis zum fertigen Werk, und Heuer erinnert sich, dass er Engels Biographie kurz nach Recherchebeginn "dramaturgisch sehr problematisch" fand. "Denn sein Leben verlief, abgesehen von wenigen, sehr dramatischen Abschnitten, wie das fast normale Leben eines Bourgeois im 19. Jahrhundert", sagt Heuer, sein Hauptbetätigungsfeld sei der Schreibtisch gewesen. Zugleich habe er in zwei verschiedenen Welten gelebt, und diese Ambivalenz spiegelt sich schon im Untertitel des Comicbandes wider: "Unternehmer und Revolutionär".

Ausbeuter mit Herz

Engels war ein enorm erfolgreicher Unternehmer und Börsenspekulant, dabei laut Heuer "ein rücksichtsloser Ausbeuter so wie fast alle anderen auch", auf der anderen Seite bis zu seinem Ende ein Sozialrevolutionär, der mit seinen Gewinnen die sozialistische Bewegung rund um den Globus finanzierte – und natürlich seinen Freund Karl. "Diese nicht nur scheinbaren Widersprüche kann und darf man nicht trennen", sagt Heuer, man könne sie aber auch nicht so einfach im Zusammenhang erzählen. Die Lösung war dann keine chronologische, sondern eine nonlineare Dramaturgie, mit mehreren Erzählsträngen aus verschiedenen Lebensabschnitten, wobei immer drei bis sechs Stränge in Kapitel mit thematischen Oberbegriffen geordnet sind. So vereint das Kapitel "Revolution" Engels Engagement beim Eberfelder Aufstand 1849, Karl Marx' Beerdigung in London 1883 und seinen letzten Tag als Schüler im Gymnasium Eberfeld 1837. Und das Kapitel "Hölle" beginnt 1878, als seine Frau Mary im Sterben liegt, springt zurück ins Manchester des Jahres 1843, wo Engels Mary kennen lernt und zum ersten Mal die schlimmen Lebensbedingungen der Industriearbeiter sieht und dadurch den Anstoß für seine Werk über die Lage der Arbeiterklasse bekommt.

Diesen und vielen anderen Strängen zu folgen, erfordert mitunter einiges an Konzentration, aber es lohnt sich. Heuers, Mauruschats und Garskes Werk ist weit entfernt von einer klassischen Biographie, es behandelt zum größten Teil nur Abschnitte aus Engels' ersten 30 Lebensjahren, und Karl Marx kommt überhaupt nur zwei Mal vor. Aber nachdem sich der Band seiner Hauptfigur über so unterschiedliche wie gut ausgewählte biographische Fragmente genähert hat, werden am Ende tatsächlich Grundzüge von Engels Motivation und Charakter plausibel, wird nachvollziehbar, wie sich seine sehr unterschiedlichen Seiten wohl gegenseitig bedingten. Das ist schon eine großartige erzählerische Leistung, und auch optisch machen Heuers Zeichnungen mit ihren starken Schwarz-Weiß-Kontrasten und dem virtuosen Umgang mit Perspektiven einiges her. Als stilistisches Vorbild könnte Heuer dabei auch Alan Moores Comic-Meisterwerk "From Hell" gedient haben – zumindest ist der Band im Anhang zu "Information & Inspiration" erwähnt.

Während "From Hell" eine Geschichte um den Londoner Serienmörder Jack the Ripper erzählt, die zwar nie aufgeklärt, aber lange vergangen ist, weist im Engels-Comic ein Epilog auf die bleibende Relevanz von Engels' und Marx' Werk. Das System des Kapitalismus gibt es ja nach wie vor, die Orte der menschenunwürdigsten Ausbeutung haben sich nur mehr in die Peripherie der Schwellen- und Entwicklungsländer verlagert, ob nach Bangladesch oder in den Kongo. Im letzten Bild steht ein in die Gegenwart gehievter Engels mit einer Frau auf einer Parkbank – und fordert die Revolution.


Christoph Heuer, Fabian Mauruschat & Uwe Garske: "Engels – Unternehmer & Revolutionär“"; Wuppertal, Edition 52, 156 Seiten, 18 Euro.

André Poloczek (Hrsg.): "Engels-Gesichter“", Mit Arbeiten von u.a.: Uwe Becker, F. W. Bernstein, Katharina Greve, Thomas Gsella, Frank Hoppmann, Olaf Joachimsmeier, Petra Kaster, Kittihawk, Dorthe Landschulz, Mario Lars, Wolf-Rüdiger Marunde, Til Mette, Denis Metz, Ari Plikat, André Poloczek, Gerhard Seyfried, Corinna Stegemann, R. M. E. Streuf, Klaus Stuttmann, TOM, Kurt Tucholsky, Karsten Weyershausen und Miriam Wurster; Wuppertal, Edition 52, 120 Seiten, 22 Euro.

Die Ausstellung "200 Jahre Friedrich Engels – Argumente eines Kritikers" ist noch bis zum 22. Januar im Willi-Bleicher-Haus (Willi-Bleicher-Str. 20, 70174 Stuttgart) zu sehen. Begleitende Podcasts und Ausstellungstafeln gibt’s auch online zum Herunterladen.


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1 Kommentar verfügbar

  • Peter Hermann
    am 21.01.2021
    Antworten
    "...hat sich mit gleich zwei Bänden dem Weggefährten von Karl Marx angenommen..."
    Nehmen wir mal zu Gunsten von Oliver Stenzel an, daß der Vorspann zu seinem Artikel nicht von ihm, sondern von der Praktikantin stammt. Sich einer Sache oder hier eines Weggefährten annehmen, das geht nämlich mit dem…
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