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Veranstaltungsreihe "30 Tage im November"

Erinnern für morgen

Veranstaltungsreihe "30 Tage im November": Erinnern für morgen
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In Stuttgart und Umgebung haben sich 230 Organisationen zusammengetan, um einen Monat lang für Demokratie und Menschenrechte die Trommel zu rühren. Sie wollen die schlafende Mitte wecken.

Vor mehr als 78 Jahren verübten SS-Truppen ein Massaker im toskanischen Bergdorf Sant'Anna di Stazzema, bei dem schätzungsweise 560 Menschen – darunter vor allem Frauen, Kinder und ältere Personen – auf unmenschlichste Art und Weise getötet wurden. Am vergangenen Sonntag wurde im Zuge der von den Anstiftern initiierten Veranstaltungsreihe "30 Tage im November" daran erinnert. Italienische und deutsche Teilnehmer:innen des diesjährigen Friedenscamps in Sant'Anna berichteten von ihren Erfahrungen, ihren Eindrücken und dem, was sie daraus für die Gegenwart und die Zukunft ableiten.

Bedauerlicherweise fanden sich nur um die 50 Besucher:innen im Erinnerungsort Hotel Silber ein – mehr als die Hälfte davon gehörte zu den Camp-Teilnehmer:innen oder dessen Organisationsteam. Sie alle trugen einen Sticker mit dem Symbol des Friedenscamps von Sant'Anna: eine gelbe Blume mit blauen Blüten, die an ein Vergissmeinnicht erinnert. "Nicht vergessen"; "non dimenticare" – diese Worte fielen immer wieder an diesem emotionsgeladenen Abend.

Für den diesjährigen Camp-Teilnehmer Tamer Varol wurde durch die im Camp gesammelten Erfahrungen "Geschichte aus den Gesichtern der Zeitzeugen sichtbar und aus ihren Stimmen hörbar". Das helfe ihm, heute und morgen zu einem wachsamen Bürger der Europäischen Union zu werden, der sich einsetzt für die Demokratie und den Frieden. Denn in einem sind sich die jungen Menschen im Saal einig: "Mai più Sant'Anne!" – "Nie wieder Sant'Annas!"

Splitter im Kopf und in der Seele

Eben dies definierte Peter Grohmann, einer der Koordinatoren der Anstifter, als Ziel der Veranstaltungsreihe 30 Tage im November: Bezüge in die Gegenwart herstellen und zeigen, wie und ob so etwas heute oder in naher Zukunft wieder passieren könnte. Im Camp geschah diese Erinnerungsarbeit auf verschiedenste Art und Weise. Eine Gruppe wählte den künstlerischen Zugang, um "die Ereignisse von damals mit der Erfahrung der heutigen Teilnehmer:innen zu verbinden". Die Werke sprechen für sich: zwei Gesichter, zwei unterschiedliche Lebenswelten und doch tragen beide die Erinnerung wie ein Mahnmal weiter.

Eines der Bilder, die am Sonntagvormittag vorübergehend am Stuttgarter Landesgericht angebracht worden waren, zeigt zu einer Hälfte die Camp-Teilnehmerin Sofia Ceragioli und zur anderen Hälfte ihren Großvater Mario Ulivi, einen der Überlebenden des SS-Massakers. Seit dem 12. August 1944 habe er nie wieder über diesen Tag gesprochen – jetzt möchte Sofia zu seiner Stimme werden und so die Erinnerung weitergeben, "wie er es nie konnte". Die Bilder tragen den Titel "Splitter der Erinnerung" – symbolisch für die Metallsplitter, die am Kopf, im Nacken und an den Armen Mario Ulivis nach dem Massaker gefunden wurden. "Aber auch, weil Splitter schmerzen. Genauso wie die Erinnerung an diesen Tag", meinte Ulivis Enkelin.

Schlussendlich scheinen tatsächlich nur Splitter der damaligen Gräueltaten die Vergangenheit überdauert und im Gedächtnis der Gegenwart Platz gefunden zu haben. Die Machtübernahme durch die postfaschistische Partei Fratelli d´Italia mit Ministerpräsidentin Giorgia Meloni in Italien, die nicht zuletzt von weiten Teilen der Bevölkerung in Sant'Anna di Stazzema mitgetragen wurde, empfinden viele der anwesenden jungen Menschen als "beängstigend". Für Alexander Bak, einem deutsch- und italienischsprachigen Teilnehmer des diesjährigen Friedenscamps, war der so oft prognostizierte Wahlausgang eine direkte Folge der mangelhaften Aufarbeitung: "Die Form der Erinnerungsarbeit, wie wir sie bisher geleistet haben, reicht nicht aus, denn ein großer Teil davon geschieht nur passiv." Zur jährlichen Gedenkfeier am 12. August in Sant'Anna di Stazzema kämen unzählige politische Akteur:innen, Personen von der Presse und anderen öffentlichkeitswirksamen Ämtern. An den restlichen 364 Tagen im Jahr interessiere sich jedoch kaum jemand dafür.

Nicht nur in Italien werden Postfaschisten gewählt

Bereits Enio Mancini, der das Massaker überlebte,hatte davor gewarnt und darauf hingewiesen, dass es ohne Erinnerung keine Zukunft gebe. In diesem Sinne haben sich die Teilnehmer:innen des Friedenscamps fest vorgenommen, die gehörten Geschichten weiterzugeben und somit immer mehr Menschen zu Zeuginnen und Zeugen zu machen, die sich ihrem "Kampf für die Erinnerung und den Frieden sowie gegen deren Gegner anschließen". Denn das Problem sei nicht eine bestimmte Nation, weder die Deutschen noch die Italiener. Alexander Bak ist sich sicher: "Das Problem ist einzig und allein der Faschismus an sich."

30 Tage im November

Ausstellungen, Vorträge, Debatten, Lesungen, Kabarett – der Wert der Menschenrechte lässt sich vielfältig erkunden. Hier ein paar Beispiele, um neugierig zu machen und einen Blick ins Programm zu werfen.

Freitag, 4. November, 19 Uhr, Mörikestr.4, Stuttgart: Verschwörer und Faschisten – Björn Höcke, die Identiären und die Corona-Pandemie. Vortrag mit Diskussion von Götz Schubert. Eine Veranstaltung von den Humanisten Ba-Wü.

Sonntag, 6. November, 18:30 Uhr im Laboratorium, Wagenburgstr. 140, Stuttgart: Open World Music – Jam mit der Ziryab-Akademie. Organisiert vom Forum der Kulturen.

Mittwoch, 9. November, 16 Uhr, Stauffenbergplatz Stuttgart: Die Nacht als die Synagogen brannten. Lesung der Namen von Ermordeten. Organisatoren: Die AnStifter u.v.a.

Doch wie am besten warnen vor der heraufziehenden Gefahr, die sich in Italien gerade besonders drastisch zeigt, aber auch andere Länder weltweit betrifft? "Es muss auch der Wurm drin sein in der Erinnerungsarbeit", sagt Peter Grohmann im Gespräch mit Kontext. "Ich habe mich mein Leben lang engagiert, es hatte immer zu tun auf der einen Seite mit Gewalt, dem Kapitalismus, auf der anderen Seite mit der Hoffnung auf ein besseres Morgen. Dann macht man das seit 60, 70 Jahren, und dann siehst du, dass der Rechtsradikalismus zunimmt, die Gewalt zunimmt, die Sehnsucht nach Autoritäten und der Antisemitismus." Warum ist so vieles nicht angekommen?

Den Fragen, wie, was und ob wir aus der Vergangenheit gelernt haben, welche Schlüsse sich für die Zukunft ziehen lassen, damit soll sich die Reihe "30 Tage im November. Vom Wert der Menschenrechte" intensiv auseinandersetzen. Grohmann erinnert sich, wie der Titel zustande kam: Mit Aktiven aus der Erinnerungskultur habe er sich vor einigen Jahren über das Gedenken an die Pogromnacht 1938 unterhalten. Viele hätten gesagt, in Stuttgart gibt es eine Veranstaltung in Cannstatt, am Mahnmal für die Opfer des Faschismus am Karlsplatz, die jüdische Gemeinde macht auch etwas – warum sollte man denn da noch etwas machen? "Und da habe ich gesagt: 30-mal zu dem Thema etwas zu machen, würde immer noch nicht reichen, weil der Antisemitismus ja zunimmt." Deswegen gelte es, in Erinnerung zu rufen, wie scheinbar stabile Systeme ins Wanken geraten, wie Machtwechsel wie damals in Deutschland geschehen konnten. "Wir wollen an morgen erinnern", sagt Grohmann.

Stabile Systeme können ins Wanken geraten

Es sind dann ein paar mehr als 30 Veranstaltungen geworden – über 140 in Stuttgart, Ludwigsburg und Tübingen– und auch mehr als 30 Tage. Die Reihe endet am 4. Dezember mit der Friedensgala der Anstifter, begonnen hat sie bereits am 27. Oktober,  der auch Peter Grohmanns 85. Geburtstag war. Reiner Zufall, "das passiert, wenn man die Dinge delegiert und sagt, ich habe die ganze Woche Zeit", betont der Anstifter-Initiator lachend – und ist sonst nur voll des Lobes über das große Team von Organisator:innen und Helfer:innen.

Die letzte große Veranstaltungsreihe der Anstifter fand vor vier Jahren statt.  "Vielfalt. 0711 für Menschenrechte" beging den 70. Jahrestag der Erklärung der Menschenrechte durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen. Schon damals war es ein ungemein breites Bündnis aus zivilgesellschaftlichen Institutionen und Kultureinrichtungen. "30 Tage" knüpft daran im Grunde an, doch das Bündnis ist noch breiter geworden. Am Ende waren es 230 Organisation, die mitmachen.

Mit dabei sind auch Institutionen wie das Landgericht, das Hauptstaatsarchiv oder die Landesbibliothek, die vor vier Jahren noch freundlich abgewinkt haben. Und in seiner ganzen jahrzehntelangen Arbeit kann sich Grohmann nicht an eine Anfrage erinnern wie die der Stadt Stuttgart, ob die umfangreiche Veranstaltungszeitung nicht an alle Schulen in der Stadt geliefert werden könne – 12.000 Stück. Hat sich also doch etwas geändert? Ist das Gefühl, dass die Lage für die Demokratie ernster wird, auch bei vielen anderen da? Der Anstifter Grohmann gibt die Hoffnung nicht auf. Und er hofft auch, nicht nur die sowieso schon Bekehrten zu erreichen: "Es gibt viele Menschen, die schlafen und sogar das Ende der Demokratie verschlafen würden. Die gilt es aufzuwecken."


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Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 2 Tagen 22 Stunden
Sehr interessant!


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