Plakatiert ist schon, ein paar Vorab-Veranstaltungen steigen bereits. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 391
Gesellschaft

Gemeinsam stark für Menschenrechte

Von Rainer Lang
Datum: 26.09.2018
1948 verkündete die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Erklärung der Menschenrechte. Deren Bedeutung will 70 Jahre danach das Stuttgarter Gemeinschaftsprojekt "Vielfalt: 0711 für Menschenrechte" ins öffentliche Bewusstsein heben – mit Aktionen, Vorträgen, Debatten und künstlerischen Interventionen.

Er sei "erstaunt darüber, wie viel Unwissenheit über Menschenrechte besteht", sagt "Stiftung Geißstraße"-Vorstand Michael Kienzle. Bei manchen gehe es nicht über den Anspruch hinaus, den eigenen Diesel in Stuttgart weiter fahren zu dürfen. Dabei seien "Menschenrechte die Grundlage unserer Existenz" fügt Kienzle beim Netzwerktreffen des Projekts "Vielfalt: 0711 für Menschenrechte" am 18. September hinzu.

Es besteht ganz offensichtlich Aufklärungsbedarf. Um das zu leisten und für die Menschenrechte Flagge zu zeigen, haben Peter Grohmann und sein Bürgerprojekt Die AnStifter sowie die Stiftung Geißstraße daher im Juni begonnen, für das Gemeinschaftsprojekt zu mobilisieren. Die Resonanz, die über die Stadtgrenzen Stuttgarts hinausgeht, hat auch die gut vernetzten Initiatoren überrascht – selbst der Arbeitskreis Asyl aus Benningen in der Nähe von Heilbronn unterstützt das Vorhaben. "Wir haben nicht erwartet, dass es so voll wird", sagte denn auch ein gut gelaunter Grohmann beim letzten Netzwerktreffen. Die gesamte Teilnehmerliste von "Vielfalt: 0711 für Menschenrechte" ist mittlerweile auf rund 200 Beteiligte angewachsen, auch Kontext unterstützt die Aktion. Nach Angaben der Organisatoren stößt sie auch in den Parteien auf positive Resonanz – nur nicht bei der AfD, die das Ganze als "Wohlfühlveranstaltung" ablehne.

Anlass für die Aktion ist die Verkündigung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen vor 70 Jahren, am 10. Dezember 1948. Da die Menschenrechtskonvention 30 Artikel umfasst, haben die Stuttgarter Organisatoren dazu aufgerufen, an den 30 Tagen zwischen dem 11. November und dem 10. Dezember, "unsere Menschenpflicht zur Stärkung der Menschenrechte wahrzunehmen".

Von Theateraufführungen bis Suppenküchen

So bunt die Schar der Unterstützer aus Initiativen, Gruppen, Institutionen, Organisationen, Theater, Stadträten, Professoren und Studenten ist, so bunt sind auch die angekündigten Beiträge, die vier Wochen lang die Bedeutung der Menschenrechte ins öffentliche Bewusstsein heben sollen – das Spektrum reicht von Aktionen, Vorträgen und Debatten bis hin zu künstlerischen Interventionen. So plant das Theater Lokstoff eine Aufführung im Container und das Junge Ensemble Stuttgart eine Veranstaltung mit der Kinderbeauftragten der Stadt. Studierende der Merz-Akademie wollen eine Ausstellung am Österreichischen Platz machen, die Evangelischen Frauen in Württemberg haben Frauenrechte als Thema. Die SPD will sich einbringen genauso wie die Türkische Gemeinde Baden-Württemberg, die Grünen planen Infostände, die Caritas plant eine Suppenküche unter der Paulinenbrücke. Bei "100% Mensch" geht es um sexuelle Gleichstellung. Und das Interesse von Schulen wecken will das Jugendhaus Mitte. Es bietet Workshops an, bei denen Jugendliche angeleitet werden, einen Werbespot zu Menschenrechten zu drehen. Jungfilmer können aber auch von sich aus einen Beitrag einreichen (über diesen Link).

Auch wenn der offizielle Auftakt erst am 14. November im Stuttgarter Rathaus stattfindet, los geht es schon davor: Am 5. Oktober etwa startet eine Veranstaltungsreihe, in der die Stiftung Geißstraße in Zusammenarbeit mit dem Hannah-Arendt-Institut die Menschenrechte in ihrem ganzen Umfang und ihrer Bedeutung darstellen will – "zur Einführung und Vorbereitung" der vielen Aktionen ab Mitte November. In den drei Vorträgen und Debatten sollen die Geschichte der Menschenrechte, Anspruch und Probleme sowie der Bezug zu Artikel 1 des Grundgesetzes ("Die Würde des Menschen ist unantastbar") dargestellt werden. Deutlich werden soll dabei auch, dass die Menschenrechte mehr sind als die Freiheit von staatlicher Bevormundung, sondern das Recht auf Bildung oder auch auf soziale Sicherung mit einschließen.

Außerdem wird es auch eine "Vielfalt-Zeitung" geben, in der, neben einem Verzeichnis der Veranstaltungen, die Bedeutung der Menschenrechte erläutert und Beispiele präsentiert werden, wo gegen diese grundlegenden Rechte verstoßen wird. Um aktuelle Probleme wie eine menschenwürdige Pflege, das Recht auf Wohnen, die zunehmende Beschränkung der Pressefreiheit oder fremdenfeindliche Aktionen in Deutschland soll es genauso gehen wie um Menschenrechtsverstöße in der Textilbranche bei der Billigproduktion in Asien. Trotz der vielen Negativbeispiele solle die Zeitung aber keine "Jammer-Postille werden", meint Kienzle, sie solle vielmehr "kämpferisch unsere Arbeit darstellen und Zuversicht für die Zukunft" verbreiten.

Schriftzug 0711 für Menschenrechte

Rund 200 Vereine und Initiativen in und um Stuttgart haben sich zu "Vielfalt: 0711 für Menschenrechte" zusammengetan, um vom 11. November bis zum 10. Dezember 70 Jahre Menschenrechtskonvention zu feiern. Lust, mitzufeiern? Hier die Veranstaltungen. (sw)

Trotz der großen Resonanz und der vielen geplanten Aktionen – angesichts der grundsätzlichen Bedeutung der Menschenrechte macht sich Peter Grohmann etwas Sorgen darüber, dass der Kreis der Unterstützer nicht breit genug sei. Der Kabarettist und Anstifter-Koordinator sieht über den üblichen Kreis der Unterstützer hinaus noch "Schwachstellen", vor allem bei Schulen und Universitäten. Zwar seien die Merzakademie und die Akademie der bildenden Künste dabei, "aber beide Unis fehlen noch". Alle anzusprechen, überfordere die Organisatoren allerdings, weswegen Grohmann beim Netzwerktreffen um Hilfe bat. Auch Geflüchtete und Asylbewerber sollen eingeladen werden. Und Michael Kienzle forderte dazu auf, alle Bezirksbeiräte anzuschreiben, denn diese könnten beantragen, dass im Bezirk etwas gemacht werde. Außerdem wies er darauf hin, dass die Kirchen angefragt worden seien, über die Konfessionen hinweg am 10. Dezember die Glocken zu läuten.

Jetzt geht es in die letzte Runde. Werbematerial ist gedruckt, Plakate können aufgehängt werden. "Es wäre schön, wenn wir jetzt optisch in Erscheinung treten würden", forderte Grohmann beim Netzwerktreffen. Die Vorbereitungen laufen bei allen Beteiligten auf Hochtouren. Es gibt noch viel zu tun.


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4 Kommentare verfügbar

  • Manfred Fröhlich
    am 27.09.2018
    Es genügt nicht, unseren Kindern die Grundrechte zu lehren, sondern diese auch "vorbildlich" zu leben.
    Es genügt nicht, die Menschenrechte privat zu achten, aber diese im beruflichen Alltag zu verletzen. Oder diese verletzen zu müssen, um das Firmeninteresse zu erfüllen. Oder den Arbeitsplatz nicht zu verlieren!
    Es genügt nicht, die Menschenrechte im Inland zu leben, aber im Ausland menschenunwürdige Verträge mit faulen Kompromissen zu schließen.

    Grundlage für generell alle Verträge im In- und Ausland sind:
    VÖLKERRECHTE – MENSCHENRECHTE – GRUNDRECHTE – VERFASSUNGSRECHTE
    AEMR Dez. 1948 – EMRK Nov. 1950 – GG Mai 1949 – Landesverfassungen der BRD
    Hinzugekommen: EU-GR-Charta Proklamiert Dez. 2000 – AEUV in Kraft seit 1. Dez. 2009

    Wenn ich "König von Deutschland" wär ... dann würde ich die Globalisierung genau so umgestalten. - Und natürlich stets http://0711menschenrechte.de unterstützen!
  • Sonja Mohn
    am 26.09.2018
    "Wohlfühlveranstaltung" ist es das nicht auch? Eine Veranstaltungspalette von Menschen, denen es gut geht für Menschen, denen es gut geht?
    Es muss nicht schlecht sein, denn auch Wohlfühlzonen können einen Synergieeffekt haben!
    Aber mir säuseln gerade jetzt zuviele merkwürdige Leute was von GG, Menschenrechte, Demokratie und Freiheit!
    (Wenn mir hier in Stugitown ein Grüner sagt: der Krieg in Kuweit sei gut für die Freiheit der Frauen.. wird mir schlecht!)
    (Sind nicht in den Wohlfühlzonen viele, denen es in erster Linie um IHRE Freiheit, IHRE Rechte und IHR 'selbstbestimmtes Leben' geht?
    "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden" scheint in immer weiterer Ferne zu rücken!)

    Und kann mir mal jmd sagen, warum sich mitte-linke Gruppierungen oft und zunehmend als 'goodwashing'- Anlagen mißbrauchen lassen?
    (Das Phänomen wird immer massiver, drängender und, ja, ich nenn das kimineller!!)
    Vll sollte man also nicht nach "noch mehr Mitmacher" rufen, sondern nach "trau, schau, wem?")
    • Sonja Mohn
      am 28.09.2018
      "er sei erstaunt wie viel Unwissenheit über Menschenrechte besteht" so der Grüne Kienzle....
      Kann es sein, dass die größte (gewollte) Unwissenheiten über Menschenrechte in den Filderblasen der Macht und in den Filderblasen der "Kriegsgewinnler" existieren?
      Ehrlich: mich überkommt ein Unbehagen! Erinnert mich an "Kirchenromantik"!

      Ein nachdenkenswerter, o.k polemischer, Artikel bei Cicero
      Www.cicero.de/innenpolitik/gruene-bayern-landtagswahl-katharina-schulze-oekoliberalismus-linksgruen
  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 26.09.2018
    „Es gibt noch viel zu tun.“ – So der letzte Satz in diesem Artikel.
    Gemeinsam stark für Menschenrechte – So die Überschrift.
    „… auf positive Resonanz – nur nicht bei der
    AfD, die das Ganze als "Wohlfühlveranstaltung" ablehne.“

    [b]Verfassungsfeinde[/b] können sich dort _nicht_ wohlfühlen, wo ihnen die [b]Grundlage[/b] für _ihre_ [b]Feindseligkeit[/b] entzogen wird: Information der Öffentlichkeit zu tatsächlichem, um sich eine eigene Meinung bilden zu können – anhand der Tatsachen!!! [b][1][/b]

    Grundlage und Ausgangspunkt:
    VÖLKERRECHTE – MENSCHENRECHTE – GRUNDRECHTE – VERFASSUNGSRECHTE
    AEMR Dez. 1948 – EMRK Nov. 1950 – GG Mai 1949 – Landesverfassungen der BRD
    Hinzugekommen: EU-GR-Charta Proklamiert Dez. 2000 – AEUV in Kraft seit 1. Dez. 2009

    Na da ist ja umfangreiches und vielfältiges geboten, längst zugehörig zur allgemeinen Bildung.
    Weimarer Verfassung vom 11. August 1919
    VIERTER ABSCHNITT
    [i]Bildung und Schule[/i]
    Artikel 148
    (1) In allen Schulen ist sittliche Bildung, staatsbürgerliche Gesinnung, persönliche und
    berufliche Tüchtigkeit im Geiste des deutschen Volkstums und der Völkerversöhnung zu
    erstreben.

    (2) Beim [b]Unterricht[/b] in öffentlichen [b]Schulen[/b] ist Bedacht zu nehmen, daß die [b]Empfindungen
    Andersdenkender[/b] nicht verletzt werden.

    (3) [b]Staatsbürgerkunde und Arbeitsunterricht sind Lehrfächer der Schulen. Jeder Schüler
    erhält bei Beendigung der Schulpflicht einen Abdruck der Verfassung.[/b]

    (4) Das [b]Volksbildungswesen[/b], einschließlich der [b]Volkshochschulen[/b], soll von Reich, Ländern
    und Gemeinden gefördert werden.

    *** Es muss halt auch gewollt sein gelebt zu werden – von jedem/r Einzelnen ***


    [b][1][/b] 1. Antrag GG Art. 37 https://c.gmx.net/ernest.petek@gmx.de/Yx2VDaWMS8WCUOx-tTA7zg/334629611683976322
    B.13 - 2014.09.24 Mi. Schr. über MP, über Stickelb. an OGV Erthle.pdf Auszug Seite 2
    – [b]Artikel 3[/b] RECHT AUF LEBEN UND FREIHEIT
    Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.
    --- dies bedeutet, dass es in keinem Unterzeichnerstaat die Todesstrafe
    geben darf; auch nicht in den USA ---

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