Nahe dem Stuttgarter Hauptbahnhof, wo heute vier Wohnhochhäuser stehen, befand sich früher der Galgenberg. Dort wurde Joseph Süß Oppenheimer 1738 erhängt. Foto: Martin Storz

Nahe dem Stuttgarter Hauptbahnhof, wo heute vier Wohnhochhäuser stehen, befand sich früher der Galgenberg. Dort wurde Joseph Süß Oppenheimer 1738 erhängt. Foto: Martin Storz

Ausgabe 135
Debatte

Stuttgarter Justizmord

Von Helmut G. Haasis
Datum: 30.10.2013
Vor 275 Jahren wurde Joseph Süß Oppenheimer auf dem Stuttgarter Galgenberg gehenkt. Am 7. November wird der Landtag des jüdischen Justizopfers gedenken – erstmals. Süß-Biograf Hellmut G. Haasis kritisiert, dass bis heute Teile der Nazipropaganda verbreitet werden.

Wenn die Deutschen einen widerlichen Juden vorzustellen wünschten, stürzten sie sich seit dem Nazifilm von Veit Harlan gerne auf eine schwammige Pappfigur namens "Jud Süß". "Ein Schuft", schrieb beispielsweise Klaus Harpprecht 1981 in der FAZ. Er habe Württemberg ausgeraubt und den Tod verdient, meint der in Stuttgart geboren Meister der frankophilen Bildung. So stehe es in allen Lexika, auch im neuen Brockhaus. Quellenforschung war für Harpprecht offenkundig unnötig wie ein Kropf.

Die Wahrheit über Joseph Süß, der in Württemberg immer ein Ausländer aus der Kurpfalz blieb, interessierte wenige – weder zur Zeit des gehassten Finanzberaters selbst noch später. So veröffentlichte der Stuttgarter Märchendichter Wilhelm Hauff 1827 die böse Erzählung "Jud Süß". Seitdem gehört der Finanzberater aus Heidelberg unausrottbar ins Zentrum des deutschen Antisemitismus. Lion Feuchtwanger, ausgerechnet ein jüdischer Autor, klopfte mit seinem Roman "Jud Süß" (1925) den Judenhass fest. Der Nazifilmer und Goebbels-Liebling Veit Harlan hat in seinem Werbefilm "Jud Süß" (1940) für den Holocaust wesentliche Bausteine Feuchtwangers verwendet.

Wer war der historische Joseph Süß? 

Süss beginnt seine Laufbahn als kleiner Heidelberger Geldverleiher, der erst in Mannheim mit der Pacht des kurpfälzischen Stempelpapiers zu Geld kommt. 1733 holt ihn der neue württembergische Herzog Carl Alexander als Berater und Kreditgeber nach Stuttgart. Doch die Landstände, eine unkontrollierbare Finanzmacht, besitzen in Württemberg das Budgetrecht und geben dem Herzog fast nichts ab.

Carl Alexander, ein österreichischer Generalfeldmarschall, besitzt lediglich Einkünfte aus den Staatdomänen, die kaum für seinen privaten Haushalt ausreichen. Durch einen erfahrenen Finanzberater will der Herzog deshalb zu eigenen Einnahmen kommen. Joseph Süß soll diese Aufgabe übernehmen.

Süß ist Pragmatiker und ein erfolgreicher Geschäftsmann. In Sachen Religion lässt er sich nicht bevormunden, er ist Freidenker und Aufklärer, wenn auch ein jüdischer. Als der Herzog ihn 1734 zum württembergischen Residenten in Frankfurt ernennt, ist Süß anerkannter Interessenvertreter Württembergs. In Mannheim musste er sich noch als Jude ansprechen lassen, in Frankfurt ist das vorüber; er ist der erste Jude, der nicht mehr im Getto leben muss. Und in Stuttgart verbietet er sich strikt, als Jude tituliert zu werden.

Schon vom ersten herzoglichen Auftrag an, neue Münzen zu prägen, boykottiert die württembergische Regierung Joseph Süß. In ganz Deutschland fehlen damals Münzen, obwohl das Münzrecht beim Landesherrn liegt, nicht bei der patrizischen Clique der Landstände. Als in der Münze die Holzkohle ausgeht, die nötig ist, um das Edelmetall zu schmelzen, glänzt die Regierung durch Nichtstun. Süß dagegen erreicht, dass der Herzog sofort Husaren, seine Polizeitruppe, in den Schwäbischen Wald schickt und bei den Schmieden Holzkohle beschlagnahmt. Immer wieder wird der herzogliche Berater aus der Kurpfalz als Hochverräter beschimpft. Zum Beispiel, als ihn der Herzog zum "Geheimen Finanzrat" ernennt. Denn ein Jude dürfe keine Ämter übernehmen. Um seine Geschäfte zu fördern, will sich Süß in Wien in den Adelsstand erheben lassen. Wiederum schreien seine Feinde "Hochverrat". Wien verlangt, Süß müsse sich taufen lassen. Aber der will nicht, denn er habe mit seiner Religion gut gelebt.

Machtkampf zwischen Herzog und Patriziern

Wie kann der Herzog sonst noch zu Geld kommen? Süß rät, Staatsmonopole einzuführen und zu verpachten. Das ist damals ein überall in Europa gängiges Modell des Merkantilismus. So gründet Carl Alexander in Ludwigsburg eine Porzellanmanufaktur. Der Handel mit Holz, Leder und Salz soll verpachtet werden. Es kommen 50 solcher Wirtschaftsprojekte zusammen, freilich nur auf dem Papier. Der Herzog stirbt zu früh, um diese Monopole zu realisieren. Aber bis heute will die Lüge nicht sterben, Süß habe damit das Land ausgesaugt.

Streit um Kaminfegerordnung

Da seit Jahrzehnten die Fachwerkhäuser in württembergischen Städten niederbrennen, will Herzog Carl Alexander eine "Kaminfegerordnung" erlassen, nach der Hausbesitzer für den Dienst der Kaminfeger sowie für eine Brandkasse des Landes Geld abführen müssen. Ein Italiener entwarf die Verordnung. Das Patriziat tobt, denn es will alle Abgaben selbst eintreiben und nach Gutdünken verwenden. Auch bei diesem Streit geben sie Süß die Schuld, der damit gar nichts zu tun hatte. Ergebnis: Die Kamine bleiben unkontrolliert, die Städte brennen weiterhin nieder.

Nach dem Tod des Herzogs erfinden die Patrizier eine Geschichte, die beim Prozess gegen Süß ein wichtige Rolle spielt. Um die Alleinherrschaft der evangelischen Kirche und der Landstände zu brechen, habe Süß mit dem katholischen Herzog mithilfe von 10 000 katholischen Soldaten des Fürstbischofs von Würzburg einen Staatsstreich durchführen wollen. So der Vorwurf beim "Geheimen Kriminaltribunal". Süß habe in Stuttgart zudem alle Landeskassen ausgeraubt, das Land wirtschaftlich ausgesaugt und nur seine Leute in die neue Kabinettsregierung gesetzt. Alles Unfug.

Auch ein weiterer Vorwurf ist erfunden: Mit der Münze habe Süß Millionen Gulden gestohlen. Tatsächlich ließ Süß Münzen im Wert von zwölf Millionen Gulden prägen und machte einen Gewinn von nur 85 000 Gulden. Die Gewinnrate: 0,7 Prozent. Lächerlich wenig. Süß bittet seit 1735 den Herzog mehrmals, ihn aus den Regierungsgeschäften zu entlassen. Er werde von Regierungsbeamten häufig mit dem Galgen bedroht, falls der Herzog ihn nicht mehr schützen könne. Herzog Carl Alexander lacht: Er könne aus Erfahrung sagen, an Drohungen sterbe man nicht. Solange er, der Herzog, lebe, sei Süß sicher. Mit der Aussicht auf Heirat mit einer Bankierstochter aus dem französischen Metz beharrt Süss auf ein "Absolutorium", ein damals übliches Rechtsinstrument für jüdische Geschäftsleute am Hof. Schließlich sichert ihm der Herzog völlige Straffreiheit zu, und die Entscheidung wird im württembergischen Amtsblatt abgedruckt. 

Folter auf dem Hohenasperg

Doch kaum ist der Carl Alexander am 12. März 1737 an einer Lungenembolie gestorben, da schlägt die Regierung zu. Baron Röder, den Süß bei einer Unterschlagung von 140 000 Gulden ertappt hatte, lässt Süß vor dem Alten Schloss in Stuttgart festnehmen. Der Baron hat weder einen Haftbefehl noch eine Anweisung, es genügt seine Uniform als Major. Süß wird nach einer Woche Hausarrest auf die Festung Hohenneuffen transportiert. Den Weg zum Justizmord schlagen die Richter schon vor der ersten Sitzung ein, sie halten in einem Protokoll fest, dass Süß auf jeden Fall hingerichtet werde.

Nach sechs Wochen verlegt man Süß auf den Hohenasperg. Nun trifft ihn die schon früher angedrohte Folter. Süß wird "längs geschlossen": eine Hand knapp an einen Fuß gekettet, bei Bedarf lässt sich die Kette noch weiter verkürzen, damit der Gefangene unter Kreuzschmerzen leidet. Die Folter wird sieben Monate lang angewendet, auch nachts. Süß greift von Anfang an den kriminellen Charakter der Prozessführung an. Er appelliert an kaiserliche Instanzen in Wien und an das Reichskammergericht in Wetzlar. Doch sein aufgezwungener Pflichtanwalt Mögling (Tübingen) hintertreibt alle Appelle nach außen. Er verdient beim Verrat seines Mandanten 1000 Gulden, womit man damals in Tübingen ein schönes Haus in der Oberstadt kaufen kann.

Das Kriminalgericht verletzt in dem Geheimprozess Dutzende geltender Rechtsvorschriften. So bekommt Süß nie eine Klageschrift vorgelegt, selbst seine kastrierte Verteidigungsschrift wird vom Gericht nie diskutiert. Süß hätte mit allen Belastungszeugen konfrontiert werden müssen. Auch das geschieht nicht. Alle jüdischen Händler werden in Beugehaft genommen und mit wirtschaftlichem Niedergang bedroht. Erpresste Zeugenaussagen gelten aber schon damals als ungültig. Zudem sind die meisten Richter voreingenommen, weil sie Süß schon lange hassen.

Joseph Süss fragt jeden, der zu ihm in die Todeszelle kommt, ob er ihm auch nur einen einzigen Grund nennen könne, der den Galgen rechtfertige. Keiner weiß einen. Damit ahnt der Gefangene die Ratlosigkeit des Kriminalgerichts, das dann ohne einen juristischen Grund das Todesurteil fällt. Nur einer tanzt aus der Reihe, Wolfgang Adam Schoepff, Juraprofessor in Tübingen: Eine Todesstrafe sei nicht möglich, wenn man keine Gründe angebe. Schoepff stammt aus Schweinfurt, ist also Ausländer und folglich unsicher. Er bekommt gerade noch die Kurve und knickt ein: "Er glaube, Süß habe den Galgen meritiert [verdient]." Eifrig fügt er einen Grund an: "Majestätsverbrechen, quasi Hochverrat." Zudem habe der Angeklagte das Land "in den Ruin gebracht". Das glaubte man dann 275 Jahre lang.

Eine Woche in der Todeszelle

Süß bleibt eine Woche in der Todeszelle im Herrenhaus auf dem Richtplatz, heute der Marktplatz, wo sich auch der Kriminalgerichtssaal befindet. Dort bittet er zwei Mitglieder der jüdischen Gemeinde, an alle Gemeinden in Deutschland zu schreiben, dass er als öffentlich bekennender Jude gestorben sei. Der Schächter Salomon schreibt ein bewegendes hebräisches Totengedenkblatt. Gedruckt wird es in Fürth bei Nürnberg. Als es herauskommt, stürzen sich Pfarrer der Gegend voller Hass darauf und übersetzen es, übersät mit antisemitischen Fußnoten. Weil die Gemeindeleitung ein Pogrom befürchtet, kauft sie die ganze Auflage auf und verbrennt sie. Am 2. Februar 1738 wird Joseph Süß aus der Zelle geführt und auf einem "Schinderkarren", eskortiert von 120 Grenadieren, zum Galgenberg vor die Stadt gefahren. Heute stehen an dem Ort vier Hochhäuser aus den 1950er-Jahren. 

So stellt der Kupferstecher Jakob Thekot 1738 den Abtransport von Josef Süß (unten in der Mitte, etwas erhöht auf dem „Schinderkarren“) vom heutigen Marktplatz aus dar. Ziel ist der Galgenberg. Im Hintergrund das Herrenhaus mit Kriminalgerichtssaal
So stellt der Kupferstecher Jakob Thekot 1738 den Abtransport von Joseph Süß (unten in der Mitte, etwas erhöht auf dem "Schinderkarren") vom heutigen Marktplatz aus dar. Ziel ist der Galgenberg. Im Hintergrund das Herrenhaus mit Kriminalgerichtssaal und Todeszelle. Rechts am Bildrand das Rathaus. Quelle: Württembergische Landesbibliothek

Mühsame Aufarbeitung des Justizmordes

Nachtrag der Redaktion: Der wenig aufgearbeitete Justizmord an Joseph Süß wird am 7. November Thema einer Gedenkveranstaltung des baden-württembergischen Landtags im Haus der Katholischen Kirche sein. Sie geht auf eine Anregung des grünen Landtagsabgeordneten Thomas Poreski zurück. Sprechen wird Justizminister Rainer Stickelberger (SPD). Die Gemeinderäte der Stadt Stuttgart werden sich am selben Tag ebenfalls mit Joseph Süß befassen – eine Viertelstunde lang zu Beginn der Sitzung. 

Die Stadt Stuttgart hatte 1998 auf Anregung der Stiftung Geißstraße einen Platz nach Süß benannt. Er liegt im Zentrum an der Einfahrt der Tiefgarage eines Kaufhauses und grenzt an den Dreifarbenhaus genannten Puff. Unterstützt hatte die Namensgebung Ende der 90er-Jahre auch der Bezirksbeirat Mitte, allerdings unter der Maßgabe, dass der Platz aufgewertet und der Person des Namensgebers entsprechend gestaltet wird. Trotz vielfacher Anfragen und Anträge und obwohl längst Pläne vorliegen, sei aber bis heute nichts geschehen, kritisiert Veronika Kienzle (Grüne), die Vorsteherin des Stadtbezirks. Die Bezirksbeiräte in Stuttgart-Mitte wollten aber nicht lockerlassen.

Das Gremium unterstützt außerdem eine Gruppe von Kreativen, die für 2014 einen interaktiven Süß-Oppenheimer-Rundgang planen. Er soll den Bürgern die Gelegenheit geben, in das spannende Leben von Joseph Süß einzutauchen und sich mit dem Justizmord von 1738 zu beschäftigen. Die Gruppe um die Dramaturgin und Hochschuldozentin Beate Ehrmann, Hellmut Haasis und die Kommunikationsdesignerin Carola Wüst will "gegen Legendenbildung ankämpfen und auf spielerische Weise Geschichte auch jenen vermitteln, die lieber ein Smartphone als ein dickes Buch in Händen halten", erklärt Beate Ehrmann.

 

Der Schriftsteller, Historiker und Joseph-Süß-Biograf Hellmut G. Haasis hat 2013 den von Carl Herzog von Württemberg gestifteten Ludwig-Uhland-Preis erhalten (seine Rede zur Preisverleihung ist hier nachzulesen). Er hat sich sieben Jahre lang im dem Fall Süß Oppenheimer beschäftigt und dabei vor allem die umfangreichen Prozessakten studiert. Sie sind im Regal 7,5 Meter lang. Seine Süß-Biografie ist 1998 bei Rowolt erschienen. Titel: "Joseph Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß. Finanzier, Freidenker, Justizopfer". Erst vor Kurzem hat Haasis im Ausland ein Exemplar des jüdischen Totengedenkblatts für Süß gefunden. Es kann im "Totengedenkbuch für Joseph Süß Oppenheimer" (erschienen 2012) nachgelesen werden  samt neuer Übersetzung; das einmalige historische Dokument ist als Faksimile eingelegt.


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