Ausgabe 135
Gesellschaft

Angst vor der Giftmüll-Katastrophe

Von Jürgen Lessat
Datum: 30.10.2013
Im Heilbronner Salzbergwerk kam es zu einem Felsabbruch. 700 Tonnen Gestein fielen in der Untertagedeponie auf eingelagerten Sondermüll. Seitdem geht im Unterland die Angst vor einer Umweltkatastrophe um. Kein Grund zur Sorge, sagen Bergwerksbetreiber und Aufsichtsbehörde: Die Endlagerstätte für Giftmüll ist sicher.

Keiner weiß, wann genau es in den Tiefen des württembergischen Unterlands rumpelte. Sicher ist inzwischen nur, dass sich Untertage im Heilbronner Salzbergwerk ein gewaltiger Firstabbruch ereignete. Rund 700 Tonnen Gestein polterten von der Decke der Kammer "NW 390 Süd" des Bergwerks. Entdeckt wurde der Vorfall in rund 200 Meter Tiefe Anfang des Jahres. Die betroffene Kammer war, wie der gesamte Bereich in diesem Teil des Bergwerks, seit Anfang der 90er-Jahre zugemauert. Grubenarbeiter stießen auf den Trümmerberg, als sie die Kammer öffneten, um sie mit Schüttmaterial zu verfüllen.

Ans Licht der Öffentlichkeit gelangte die Neuigkeit vom unterirdischen Felsabbruch jedoch erst Wochen später. Nicht durch den Eigentümer des Schachts, die Südwestdeutsche Salzwerke AG, und auch nicht durch das Heilbronner Rathaus. Vielmehr berichtete die Schweizer Publikation "Beobachter" erstmals darüber. Das Verbrauchermagazin schilderte Sicherheitsbedenken, die das eidgenössische Umweltamt nach dem Gesteinsabbruch gegenüber der unterirdischen Lagerstätte hege. Denn die Felsbrocken, die rund 30 Lastwagen füllen, waren auf Hunderten Kunststoffsäcken mit giftigen Filterstäuben gelandet. Diese "Big Bags" sind in der Kammer gestapelt – zur Endlagerung, also für immer.

Schacht Heilbronn: Untertagedeponie im Unterland. Foto. SSW AG
Schacht Heilbronn: Untertagedeponie im Unterland. Foto. SSW AG

Der "Beobachter"-Bericht löste unter den Bürgern vor Ort Alarmstimmung aus. Die Angst vor einer drohenden Umweltkatastrophe geht um. Denn seit dem Jahr 1987 wird der ausgebeutete Teil des Salzbergwerks Heilbronn als Untertagedeponie genutzt. Was nach harmloser Müllentsorgung klingt, ist tatsächlich ein Endlager für Problemstoffe. Der abfallrechtliche Planfeststellungsbeschluss vom 11. August 1998 – Aktenzeichen 8983-04.41-2/4 – liest sich wie die Inventarliste eines Giftschranks. Rund 500 verschiedene Abfallsubstanzen aus der industriellen Produktion, der Müllverbrennung und von oberirdischen Deponien dürfen im Salzstock eingelagert werden. Unter den erlaubten Stoffgruppen sind fast 200 hochgiftige Substanzen, darunter Hochofenschlacken, Asbestabfälle, Arsenverbindungen und zyanidhaltiger Galvanikschlamm. Mit Einzelgenehmigung ist auch die Einlagerung krebserregender Altbestände von Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämfungsmitteln, PCB-haltiger Mineralöle und verunreinigter Laborrückstände möglich. Sie sollen dort zumindest für die nächsten 10 000 Jahre sicher lagern.

Inzwischen lagern unter Heilbronn nach Angaben des Freiburger Bergamts rund 13 Millionen Tonnen Müll. Etwa 1,3 Millionen Tonnen sind teils hochgiftige Abfälle. Darunter auch 2292 Tonnen leicht radioaktive Rückstände aus deutschen Kernkraftwerken, wie erst durch Recherchen örtlicher Umweltschützer bekannt wurde. Jährlich liefern Güterzüge und Lastwagen rund 800 000 Tonnen deponierbaren Abfall aus ganz Süddeutschland und der Schweiz an. Das Gros des Lagerguts bleibt auch in Zukunft so giftig, wie es heute ist. Es darf niemals aus dem Salzstock entweichen.

Umweltschützer hegen Zweifel an Sicherheit

Gerade daran sind nach dem Gesteinsabbruch Zweifel aufgekommen. "Dort unten tickt eine gigantische Zeitbombe, seitdem das Salzbergwerk zu Europas größter Giftmülldeponie ausgebaut wird", sagt Eberhard Jöst, dessen Wohnhaus im Heilbronner Stadtteil Neckargartach direkt über dem Stollensystem steht. Für den pensionierten Gymnasiallehrer hat der Vorfall das Vertrauen in den amtlichen Nachweis der Langzeitsicherheit, Voraussetzung zur Genehmigung der Endlagerung von Sondermüll, erschüttert. "Das Bergwerk ist eine große Gefahr für die Bevölkerung", befürchtet Jöst. Anders als Betreiber wie Behörden befürchtet er, dass der Millionen Jahre alte Salzstock in Bewegung geraten ist. Durch Risse und Klüfte könnte Wasser unter Tage eindringen. Sollte es jemals dazu kommen, drohen die eingelagerten Giftstoffe das Grundwasser und damit die Trinkwasserversorgung im Unterland weiträumig zu verseuchen. In  einem Aufsatz hat Jöst die Geschichte der Mülleinlagerung unter Heilbronn dokumentiert.

Abfall fassweise gestapelt bis zur Decke. Foto: SSW AG
Abfall fassweise gestapelt bis zur Decke. Foto: SSW AG

Erst Ende Juli nahmen die Salzwerke schließlich Stellung zu dem Vorfall – indem sie einen vorläufigen Untersuchungsbericht des Landesamts für Geologie, Rohstoffe und Bergbau in Freiburg auf der Unternehmens-Homepage veröffentlichten. Radartechnik und seismische Messungen sowie die Auswertung von geologischen Daten würden bestätigen, dass die Mächtigkeit und Integrität der oberen, abdichtenden Schichten über der Salzlager­stätte stabil und ausreichend vorhanden sei, hieß es darin beruhigend. Die Salzlagerstätte zeige keine Anomalitäten und Auffälligkeiten. "Eine Gefähr­dung der Stand­sicherheit der Grubenbaue ist nicht gegeben", so das Fazit von Landesamt und Salzwerken. Bis zum Herbst werde man eine aktualisierte Bewertung des Langzeit­sicherheits­nachweises vornehmen, wurde versprochen.

"Was tatsächlich den Abbruch verursacht hat, wurde der Öffentlichkeit bislang nicht verraten", kritisiert Gottfried May-Stürmer vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) die Öffentlichkeitsarbeit. "Die geologischen Profile zeigen im Bereich der betroffenen Kammer Verwerfungen", gibt der BUND-Regionalgeschäftsführer zu bedenken. Bewegungen an diesen Verwerfungen kämen als Auslöser des Felsabbruchs infrage. Zudem variiere die Mächtigkeit der Steinsalzschicht gerade in der Abbruchregion deutlich, teilweise sei die Salzschicht nur etwa 25 Meter mächtig. Wo sich Gestein bewegt, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Wasserströme auftreten. Mit detaillierten Fragen hatte sich May-Stürmer bereits Anfang Juni an das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau gewandt. Auf eine Antwort der am Regierungspräsidium Freiburg angesiedelten Aufsichtsbehörde musste er bis Mitte Oktober warten. In dem dürftigen Schreiben betonte die Behörde nur, dass man keine Gefährdung der Untertagedeponie sehe. Konkretere Auskünfte seien erst nach einer "ersten Besprechung zu den bisherigen Ergebnissen intensiver geologischer und geotechnischer Untersuchungen" möglich.

Genaueres erfuhr auch der Heilbronner Gemeinderat bislang nicht, wo Grüne und Linke beim parteilosen Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach nachbohrten. Statt aufzuklären, beschimpfte der Oberbürgermeister während einer Sitzung im April den Autor des "Beobachters" als Schweizer "Enthüllungsjournalisten, der Halb- und Viertelwahrheiten und Fantasien" niedergeschrieben habe, wie die "Heilbronner Stimme" berichtete. Was nicht der Wahrheit entsprach, belegte Himmelsbach indes nicht.

Aktuelle Expertenrunde sieht keine Gefährdung

"Das Gestein folgt der natürlichen Statik", erklärt Joachim Müller-Bremberger, Sprecher des Freiburger Regierungspräsidiums, auf Kontext-Anfrage den Firstabbruch. Das Kammergewölbe habe sich so eingestellt, dass es sich künftig statisch selbst trägt, gibt er das Ergebnis einer aktuellen Diskussion unter Fachleuten wieder. Am vergangenen Freitag (25. Oktober 2013) kam das Expertengremium in Heilbronn zusammen, um die jüngsten geologischen Untersuchungen zu diskutieren. Die zwölfköpige Runde, der auch ein Vertreter der Schweizer Bundesumweltamts angehörte, kam zu dem Schluss, dass die Stabilität der Untertagedeponie und auch die Langzeitsicherheit des Bergwerks weiter gewährleistet ist. 

Stollensystem der Bergwerke Heilbronn und Kochendorf. Foto: SSW AG
Stollensystem der Bergwerke Heilbronn und Kochendorf. Foto: SSW AG

Die Aufregung Himmelsbachs kommt nicht von ungefähr: Der Heilbronner OB ist Aufsichtsratsvorsitzender der Südwestdeutschen Salzwerke AG. Das Unternehmen mit über 1100 Beschäftigten gehört zu 46,6 Prozent der Stadt Heilbronn. Das Land Baden-Württemberg hält 45 Prozent, weitere sechs Prozent liegen bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Zwei Prozent der Anteilsscheine befinden sich in Streubesitz. Bei dieser Aktionärsstruktur sind Interessenkonflikte vorprogrammiert. Ein Stadtoberhaupt, das sich in erster Linie um das Wohl der Bürger sorgen soll, muss sich im Nebenjob auch um den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens kümmern, das mit der Einlagerung giftiger Abfälle gutes Geld verdient. Auch die anderen Aufsichtsräte müssen sich zweiteilen, um Bürger- und Unternehmensinteressen unter einen Hut zu bringen. Etwa Alexander Throm, der für die CDU im Landtag und als Fraktionsführer im Heilbronner Gemeinderat sitzt. Oder Finanzstaatsekretär Ingo Rust (SPD) und Ministerialdirektor Helmfried Meinel aus dem grün geführten Umweltministerium, die das Gremium ergänzen. An ihre Eigentümer schütteten die Salzwerke im vergangenen Jahr eine Dividende von insgesamt 8,2 Millionen Euro aus.

Noch viel Platz für den Müll der Zukunft

In Heilbronn und in der benachbarten Grube Kochendorf wird seit 100 Jahren Salz abgebaut. Im Jahr 2012 wurden beide Gruben mit einem Verbindungsstollen verbunden. In beiden Bergwerken sind über 800 Kilometer Stollen unter Tage im Salz entstanden. Die Hauptwege gleichen einer Autobahn im Dunkeln. Die Kammern sind zwischen 10 und 20 Meter hoch und jeweils 200 Meter lang. Allein im Bergwerk Heilbronn sind über 1000 Salzkammern ausgegraben, in die noch Hunderttausende Fässer und Big Bags passen. Die Hohlräume unter Tage haben inzwischen ein Volumen von rund 60 Millionen Kubikmeter. Mithin viel Raum, um in den nächsten Jahrzehnten weiteren Giftmüll für die nächsten 10 000 Jahre endzulagern. Wie die Betreiber auf Dauer sicherstellen wollen, dass in nachfolgenden Generationen das Wissen über die Giftstoffe im Heilbronner Untergrund nicht in Vergessenheit gerät, ist völlig unklar. Sollte sich der Heilbronner Salzstock jedoch noch während der Einlagerungsphase als unsicher für die dauerhafte Deponierung giftiger Abfälle erweisen, wären Dividendenzahlungen der Salzwerke an die Eigentümer wohl für immer ausgeschlossen. Bergung und sichere Entsorgung des eingelagerten Mülls würden Unsummen verschlingen.


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