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"Den Arsch lupfen"

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Leidenschaftlich widerständig: Der Betzinger Historiker, Schriftsteller und Verleger Hellmut G. Haasis, Biograf von Georg Elser und Joseph Süß Oppenheimer, erhält den Uhland-Preis. Porträt eines heiteren Rebellen.

Der Betzinger Historiker Hellmut Haasis. Foto: Martin Storz

"Verstehet ihr eigentlich mein Schwäbisch?", fragt Hellmut G. Haasis irgendwann die rund 50 Berufsschüler in der Aula der Robert-Bosch-Schule in Stuttgart-Zuffenhausen. Kein Widerspruch, die sanft dialektlastige Sprache des 71-Jährigen scheint die im Schnitt ein halbes Jahrhundert jüngeren Zuhörer nicht zu überfordern. Es ist Freitag, halb elf Uhr vormittags, und Haasis soll den Schülern etwas über den Hitler-Attentäter Georg Elser erzählen. Er kennt sich damit aus wie kein anderer, hat 1999 mit "Den Hitler jag ich in die Luft" die bis dahin umfangreichste Elser-Biografie veröffentlicht. Ein Buch, das wesentlich dazu beitrug, dass der gescheiterte Attentäter heute bekannter ist und positiver bewertet wird als früher.

Dass die Schüler nicht auf ihren Stühlen wegdämmern, liegt wohl auch an Haasis' Vortragskunst. Eine gewöhnliche Lesung ist das nicht, Haasis erzählt frei und lebendig, baut szenische Elemente ein, verstellt die Stimme, karikiert Nazijargon – es hat bisweilen eher etwas von einer Performance.

Weil Elser ein einfacher Schreiner gewesen sei, ein Einzeltäter ohne politisches Programm und ohne Partei, sei er nach dem Krieg im Gegensatz zum bürgerlichen Widerständler Stauffenberg kaum beachtet worden, erzählt Haasis. Seine große Sympathie für den widerständigen Einzeltäter versteckt er nicht – und versucht, den Schülern den Menschen Elser nahezubringen, seine Persönlichkeit, seine Motive. Immer wieder schwärmt er von dessen handwerklichen Fähigkeiten – er habe immerhin die einzige Bombe gebaut, die richtig funktioniert habe, der adlige Offizier Stauffenberg dagegen habe bei seinem Attentatsversuch den Explosionsdruck falsch eingeschätzt. "Stauffenberg war kein guter Techniker", sagt Haasis den Berufsschülern, "deswegen lernt ihr hier Technik." Und fügt eilig an: "Obwohl ihr jetzt bitte keine Bomben bauen sollt! Wenn einem heute ein Politiker nicht passt, muss man sich politisch engagieren."

Schon als Student spürte er Nazis nach

Er selbst, der 1942 in Mühlacker geboren wurde und heute im Reutlinger Stadtteil Betzingen wohnt, hat sich früh engagiert in seinem Leben. In der Studentenbewegung, später in der Friedens- und Anti-AKW-Bewegung, im Protest gegen Stuttgart 21 und immer wieder gegen alte und neue Nazis. 

Haasis: Ich hab nicht geglaubt, dass Marx alle Probleme lösen kann. Foto: Herbert Grammatikopoulos1962 hatte es angefangen, die "Spiegel"-Affäre trug zur Politisierung bei. Schon als frischgebackener Student der Theologie, Geschichte und Politikwissenschaft begann er, den alten Nazis im Unibetrieb nachzuspüren. Später in den 60ern "hab ich bei der APO am Rande mitgemacht, den SDS hab ich mir auch angeschaut", aber schon früh seien ihm die zu dogmatisch gewesen. "Ich war noch linksliberal, ich hab nicht geglaubt, dass Marx alle Probleme lösen kann." Im Reutlinger Gemeinderat saß Haasis in den 80ern auch kurz für die Grünen, 2009 kandidierte er auf der Liste der Linken, ohne ein Mandat zu erringen. Seine politische Haltung definiert er aber nicht über eine Partei, sondern versteht sich als "libertärer Sozialist". 

Als Historiker hat er geforscht über Menschen, die sich engagiert haben, ob deutsche Jakobiner oder sardische Freiheitskämpfer. Haasis interessieren die noch unentdeckten Nischen in der Geschichte, die Vergessenen, die Unterdrückten. Da ist es kein Wunder, dass sein umfangreichstes Werk "Spuren der Besiegten" heißt. "Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben, da wird es allerhöchste Zeit, dass wir die Geschichte der Besiegten recherchieren."

Über drei Bände hinweg befasst Haasis sich in "Spuren der Besiegten" mit Freiheitsbewegungen von den alten Germanen bis zur Anti-Atomkraft-Bewegung. Und auch wenn es diese Bewegungen nicht nur im Südwesten gab, sei doch "der süddeutsche Anteil sehr stark", so Haasis. "Das sage ich nicht, weil ich hier daheim bin, sondern das liegt einfach daran, dass wegen des Bevölkerungsdrucks hier viel mehr los war. Die ersten Bauernaufstände waren hier im Südwesten."

Für seine Arbeiten über die Freiheitsbewegungen im südwestdeutschen Raum bekommt Haasis nun den Ludwig-Uhland-Preis. Der mit 10 000 Euro dotierte, von Carl Herzog von Württemberg gestiftete Preis wird ihm an diesem Freitag, den 26. April – Uhlands Geburtstag ­– im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses verliehen.

Dass Haasis diese Auszeichnung nun für seine historischen Forschungen erhält, dürfte ihm eine besondere Genugtuung sein. Denn immer wieder ist er von akademischen Historikern für vermeintlich ungenaue Methoden, undifferenzierte Darstellungen und unwissenschaftliches Arbeiten kritisiert worden. Dabei leistete er in den letzten Jahrzehnten oft genug Pionierarbeit, förderte bislang Unbekanntes zutage.

"Haasis ist Historiker aus Leidenschaft. Ausgestattet mit detektivischem Spürsinn, geht er nicht auf den ausgetrampelten Pfaden der Forschung, sondern dort, wo er noch fündig werden kann", schrieb schon 1980 Volker Ullrich in der Wochenzeitung "Die Zeit" in der Rezension zu einem Haasis-Buch. Das gilt auch heute noch. Und fündig wurde er oft.

Er nennt sich selbst am liebsten den "Geschichtsausgräber"

"Ich habe immer mit großem Vergnügen Archivarbeit gemacht", sagt Haasis, "die normalen Historiker schreiben ja lieber von den Kollegen ab." Eine vielleicht etwas überzogene Spitze, aber seine Forschungen geben ihm recht: Für seine Elser-Biografie etwa wertete er viele bislang unberücksichtigte Dokumente aus, die diffamierende Legenden über den Hitler-Attentäter gründlich widerlegten oder Leerstellen über die Umstände seines Todes schlossen, er identifizierte sogar den SS-Mann, der Elser ermordete. In davor erschienenen Darstellungen habe es, so Haasis, zu Elsers letzten Tagen immer geheißen, über den weiteren Verbleib wisse man nichts. "Dabei muss man bloß mal den Arsch lupfen und nach München und Berlin in die Archive gehen."

Viel Neues förderte Haasis auch bei der Arbeit für seine 1998 erschienene Biografie von Joseph Süß Oppenheimer zutage, dem 1738 in Stuttgart hingerichteten Finanzberater des württembergischen Herzogs Carl Alexander, der nicht nur den Nazis als antisemitische Hetzfigur diente. Haasis wertete erstmals die 121 Bände Prozessakten aus dem Stuttgarter Hauptstaatsarchiv akribisch aus und konnte zweifelsfrei beweisen, dass es sich bei der Hinrichtung um einen Justizmord handelte. Joseph Süß Oppenheimer lässt Haasis auch heute noch nicht los. Aktuell engagiert er sich in den Projekt "Waschküche". Dort, wo früher Oppenheimers Galgen stand, steht heute eine Heißmangelstube. Haasis will dort einen Gedenkort schaffen.

Einen "Geschichtsausgräber" nennt sich Haasis selbst, und in den letzten vier Jahrzehnten hat er viel ausgegraben, seine Publikationsliste ist kaum überschaubar. Warum hat ein so leidenschaftlicher Forscher keine akademische Karriere angestrebt? "Diese Frage ist mir abgenommen worden", sagt Haasis und lacht laut. "Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen, die zwei Doktorarbeiten geschrieben haben, die beide abgelehnt wurden." Den ersten Versuch habe er 1969 in Tübingen gemacht. Nach abgeschlossenem Studium reichte er im Fach Theologie seine Dissertation "Mündigkeit: Geschichte einer bürgerlichen Emanzipationsforschung" ein. Zu freigeistig sei die Arbeit wohl gewesen, sie wurde abgelehnt –was Haasis auch als Racheakt einer verknöcherten Universität an einer kritischen Generation sieht.

Nachdem fast 30 Jahre später seine Oppenheimer-Biografie erschienen war, ermunterten ihn zwei befreundete Professoren, diese sei doch etwas für eine Promotion. Haasis fand im renommierten Potsdamer Geschichtsprofessor Julius Schoeps, einem Experten für deutsch-jüdische Geschichte, einen bereitwilligen Doktorvater, die Arbeit wurde eingereicht, alles schien zu laufen. Dann starb der Unidekan, der Neue besetzte die Zulassungskommission um und schien Haasis von Anfang an nicht sehr gewogen. "Er hat sich wohl gedacht: ein Seiteneinsteiger, der hier nicht vertreten ist, der so alt ist, der nicht unseren Jargon schreibt, der keiner Schule angehört – das geht nicht." 2005 endete auch Haasis' zweiter Promotionsversuch, nach sieben Jahren, mit einer Ablehnung.

Haasis: Die normalen Historiker schreiben ja lieber von den Kollegen ab. Foto: Herbert Grammatikopoulos

Der vereitelten akademischen Karriere trauert Haasis kein bisschen nach. Zu widerborstig wäre dieser heitere Rebell wohl dafür gewesen, zu schräg, zu scharf und polemisch, und zu vielseitig. Seit Beginn der 1970er hat Haasis nicht nur historisch geforscht, er arbeitete auch als politischer Publizist, Verleger, Rundfunkautor für den SWR und als schwäbischer Mundartkünstler – für seinen komplett auf Schwäbisch verfassten Roman "Em Chrischdian sei Leich", in dem er eine Trauerfamilie über das Leben des namensgebenden Toten snnieren lässt, erhielt er 1990 den Thaddäus-Troll-Preis.

Und als sei dies nicht genug, tritt er auch noch als "Märchenclown Druiknui" in Schulen auf – seit 40 Jahren, anfangs noch unter anderem Namen. "Mein liebstes Publikum sind Grundschüler", sagt Haasis. Er erzählt ihnen bei den Auftritten Geschichten, die dann jedes Mal anders werden, "denn durch die Reaktionen der Kinder wirst du mit erzogen". Die Schüler hätten daran eine Riesenfreude, "und es ist das Einzige, wo ich auch anständig verdien", sagt Haasis.

Der Clown, das sieht man aktuell in Italien, ist ja mitunter auch dem Rebellischen nicht fern. Was zur Frage führt: Worin sieht eigentlich Haasis das Widerständige in seinem Wesen begründet? Er zögert nicht lange: "In der Geschwisterfolge. Ich war sicher von klein auf ein Dickkopf, und wenn du zwei ältere Geschwister über dir hast – meine Schwester ist sieben, mein Bruder vier Jahre älter –, dann hast du die ersten zehn, fünfzehn Jahre nichts zu lachen. Du bisch immer der Arsch." Was die Geschwister schon dürfen, darf der Kleine noch lange nicht, er wird dauernd von ihnen geärgert – "und da hab ich natürlich dagegengehalten".

Ist es da ein Zeichen von Altersmilde, wenn jemand, der so viel über die Unterdrückten in der Geschichte geforscht hat, mit dem Uhland-Preis nun eine Auszeichnung von einem Adligen, von Carl Herzog von Württemberg, entgegennimmt? "Er ist ja ein konstitutioneller Monarchist", sagt Haasis und lacht laut, "aber ich hab natürlich nachgeschaut. Wenn in der Familie ganz große Verbrecher gewesen wären, hätte ich's mir schon überlegt." Er fand nichts, der jetzige Herzog verleihe den Preis nicht, um berühmt zu werden und dränge sich auch sonst nicht in die Öffentlichkeit. Und sein Großvater Philipp Albrecht sei überdies einer der wenigen Monarchisten gewesen, die sich den Nazis im Dritten Reich widersetzt hätten, "ein monarchistischer Widerständler". Und grinsend fügt Haasis hinzu: "I han scho früher in der Geschichte die Entdeckung gmacht, dass net jeder vom Adel ein Riesenseggl isch."

 

Texte von und zu Haasis gibt es unter "Wortgeburten:aktuell".

 


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2 Kommentare verfügbar

  • Hellmut G. Haasis
    am 02.12.2014
    Antworten
    dez. 2014. dieser nachbarin kann in ihren drängenden fragen geholfen werden. dieser haasis, durch die liebe zum betzinger geworden, hat 1989 einen miniverlag gegründet, weil seine besten ideen ein riesenbetrieb nie hätte herausbringen können. große betriebe legen mehr wert auf abgeflachtes. mein…
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