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Stuttgarter Kabelattentat 1933

Hitler das Wort entzogen

Stuttgarter Kabelattentat 1933: Hitler das Wort entzogen
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Am 15. Februar 1933 stoppten vier junge Kommunisten mit Hilfe eines Beils die Radio-Übertragung einer Hitler-Rede aus der Stuttgarter Stadthalle. Der Journalist Rolf Schlenker hat darüber einen kleinen Roman geschrieben.

Fast wäre die Aktion in letzter Minute schiefgegangen. Um 20:20 Uhr steigt Hermann Medinger, Winzersohn aus Stetten im Remstal, mit Hilfe von Eduard Weinzierl, Maler aus Stuttgart, auf das Dach eines Schuppens im Hinterhof der Neckarstraße Nummer 220. Hier, in vier Metern Höhe, ist eine der beiden Stellen, an denen das Übertragungskabel oberirdisch verläuft, an der Hauswand entlang, und Medinger soll es nun mit einem Winzerbeil durchtrennen. Bevor er dazu kommt, werden die beiden von zwei Wachposten, einem Postbeamten und einem SA-Mann, entdeckt. Medinger reagiert blitzschnell: Hier wohne seine Freundin Anna, deren Vater von ihm nichts wissen dürfe, und deshalb habe er, um sie zu besuchen, fensterln wollen. Das erzählt er offenbar so glaubhaft, dass die beiden Posten ihm die Geschichte abkaufen und ihn und Weinzierl ohne weitere Schikanen abziehen lassen. Nun müssen sie einen zweiten Versuch starten.

Währenddessen hat Adolf Hitler um 20:22 Uhr mit seiner Rede in der Stuttgarter Stadthalle vor 10.000 begeisterten Anhängern begonnen. Seit gut zwei Wochen ist er Reichskanzler, am 5. März stehen Neuwahlen zum Reichstag an, und Stuttgart hat er zur ersten Station seiner Wahlkampfreise erkoren. Ursprünglich wollte Hitler vor dem Neuen Schloss sprechen, was der württembergische Staatspräsident Eugen Bolz von der Zentrums-Partei aber nicht zulässt und ihm die Stadthalle zuweist. Als Ausgleich setzt Hitlers Wahlkampfleiter Joseph Goebbels durch, dass die Rede auf den Stuttgarter Marktplatz und in ganz Süddeutschland im Rundfunk übertragen wird. 55 Minuten hat Hitler schon gesprochen, hat ausgiebig gegen Bolz gehetzt, als die Übertragung plötzlich mitten in der Rede abbricht.

Der zweite Versuch ist erfolgreich gewesen. Medinger und Weinzierl haben sich mit ihren Co-Saboteuren Wilhelm Bräuninger, Hilfsarbeiter aus Stuttgart-Zuffenhausen, und Alfred Däuble, Zimmermann aus Stuttgart-Münster, erst in einem Restaurant getroffen, ehe sie gemeinsam zur Werderstraße 14 gehen, wo das Kabel auch oberirdisch verläuft. Auch hier stehen zwei Posten, sie werden von Weinzierl und Bräuninger abgelenkt, während Däuble auf Medingers Schultern steigt und das Kabel durchhaut. Es ist 21:17 Uhr.

Nur acht Minuten später endet die Rede Hitlers, der wie viele seiner Zuhörer von der Aktion gar nichts mitbekommt und sich auch später nicht dazu äußert. Doch für die lokalen NS-Größen ist es eine furchtbare Blamage, und auch Goebbels ist empört. Er lässt, wie er in sein Tagebuch schreibt, noch am Abend "die verantwortlichen Herren vom Rundfunk antanzen und geige ihnen die Meinung, dass ihnen Hören und sehen vergeht." Am nächsten Morgen kursiert schon ein Flugblatt der KPD: "Wir Antifaschisten haben Hitler das Wort entzogen!", heißt es darauf.

Widersprüchliche Erinnerung

Vier junge Kommunisten, die Hitler zum Schweigen bringen – "das Kabelattentat war die erste und für lange Zeit letzte nennenswerte Widerstandsaktion gegen Hitler", sagt Rolf Schlenker, "im Grunde bis zu dem Attentat am 9. November 1939 durch Georg Elser". Dennoch sei es in Stuttgart immer eine kleine Geschichte gewesen. Deswegen hat Schlenker, Sachbuchautor, Fernseh- und Wissenschaftsjournalist, ein Buch über die Ereignisse und Beteiligten geschrieben: "Ein Beil gegen Hitler."

Nun ist es nicht so, dass das Kabelattentat ein schwarzer Fleck im Stadtgedächtnis ist. Aber die Erinnerung daran ist bis heute seltsam widersprüchlich. Einerseits wird die Aktion mitunter mythisch überhöht, als Ausdruck eines vermeintlich kollektiven Charakters: Das Attentat sei Beleg dafür, dass Stuttgart im Nationalsozialismus eine liberalere, widerständigere, weniger gleichgeschaltete Stadt gewesen, Hitler hier weniger beliebt gewesen sei – und der Führer habe nach der Sabotage vom 15. Februar aus Verärgerung die Stadt auch nie mehr besucht. Alles Legenden. Stuttgart war eine recht durchschnittliche Stadt in der NS-Zeit, die Gleichschaltung schien hier eher noch reibungsloser und geräuschloser funktioniert zu haben als anderswo. Und Hitler war danach noch mehrmals in der Stadt, die er seit der Frühzeit der NSDAP sehr schätzte.

Andererseits bleiben die vier Attentäter und ihre Hintermänner nach dem Krieg weitgehend vergessen, ihre Namen sind unbekannt, es gibt keinen Ort, der an sie erinnert. "Vielleicht, weil es Kommunisten waren", mutmaßt Schlenker, "und es im beginnenden Kalten Krieg nicht opportun war, Linke zu ehren." So wie überhaupt der kommunistische Widerstand gegen die Nazis im Westen während der Zeit des Kalten Krieges fast totgeschwiegen wurde. Und nach 1989 blieb es weitgehend dabei – die Erinnerungstraditionen fehlten, es konnte an wenig angeknüpft werden.

Wegen Quellenmangels wurde es ein Roman

Schlenker hat den Beteiligten nun zumindest literarisch ein kleines Denkmal gesetzt. Über zehn Jahre arbeitete er an dem Buch, die Recherchen zogen sich lange hin. "Ein Aha-Effekt war das Buch 'Endstation Mauthausen' von Elmar Blessing, der den Leidensweg von Theodor Decker recherchiert hatte." Decker war der Ideengeber des Attentats, kommunistischer Gewerkschafter und Betriebsratsvorsitzender im Telegrafenbauamt. Durch seine Tätigkeit wusste er genau, an welchen Stellen das Übertragungskabel oberirdisch verlief. Blessings Buch brachte Schlenker auf die Idee, die beiden Geschichten zu kombinieren – die teils sehr gut dokumentierte von Decker und die der vier Attentäter, über die nur sehr wenig bekannt ist.

Was Schlenker an dem Thema schon früh faszinierte, war die Frage der Motivation, der Zivilcourage: "Durch diese Geschichte wird man sofort hineingezogen in eine Diskussion", so der Autor. "Wie hätte ich mich in dieser Situation verhalten? Hier eine politisch-moralische Überzeugung, für die man einzutreten bereit war, dort eine Familie, für die man Verantwortung trug."

Die schlechte Quellenlage – viele Prozessakten sind im Krieg verbrannt – beeinflusste auch den Charakter des Buches: Hatte Schlenker anfangs vor, ein journalistisches Sachbuch zu schreiben, entschloss er sich wegen der vielen nicht recherchierbaren Aspekte, daraus einen historischen "Tatsachenroman" zu machen. Die Leerstellen und Dialoge gestaltete er erzählerisch aus, "wie es plausibel hätte stattfinden können", und eine Randfigur, ein Kollege Deckers, ist fiktiv.

Bei historischen Romane mag man an schwere, dicke Schmöker denken – das ist "Ein Beil gegen Hitler" nicht. Knapp über 100 Seiten nur umfasst die Geschichte, doch die sind ungemein spannend, packend, tragisch und erhellend. Denn Schlenker zeichnet anhand der Ereignisse und seiner Protagonisten auch sehr plastisch nach, wie rasant sich eine Demokratie in eine brutale Diktatur verwandelt, beschreibt en passant die Gleichschaltung der Institutionen, geht auf soziale und kulturelle Aspekt ein, und auf die Orte, an denen das Geschehen stattfand. So entsteht ein lebendiges Bild dieser Zeit.

Relativ ausführlich behandelt Schlenker auch den Reichstagsbrand in Berlin in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933, der für Nazis willkommener Anlass war, mit der rücksichtslosen Verfolgung ihrer politischen Gegner, vor allem von KPD und SPD, zu beginnen. Was aber hat das mit den Ereignissen in Stuttgart zu tun? "Die Verhaftungen, die bereits in der Nacht (zum 28. Februar, O.S.) begannen, waren nur möglich, weil die entsprechenden Listen in den Tagen nach dem Stuttgarter Kabelattentat aktualisiert worden waren", schreibt Schlenker.

"Es gab auf jeden Fall eine zeitliche Koinzidenz", erklärt Schlenker auf Kontext-Nachfrage, "ob hier auch eine Kausalität bestand, kann ich nicht sagen, das ist nicht belegt. Belegt ist aber, dass erst nach dem Kabelattentat Telegramme verschickt wurden, die Listen der politischen Gegner zu aktualisieren."

Vor Gericht hatten die Attentäter Glück – der Tippgeber nicht

Belegt ist, dass zumindest die vier Attentäter erstaunlich glimpflich davon kamen. Erst Ende 1935 und Anfang 1936 wurden sie nach und nach gefasst. Medinger entkam der Polizei sogar zuerst durch eine Flucht aus einem Klofenster, schlug sich ins Saarland durch, kam aber wegen Heimweh und Sorge um seine Frau im April 1936 wieder zurück nach Stetten im Remstal – und wurde durch einen Denunzianten schnell verhaftet. Dennoch bekamen er und Weinzierl, Bräuninger, Däuble und der ebenfalls verhaftete Hintermann Rudolf Futterknecht vor dem Oberlandesgericht Stuttgart nur milde Strafen, im Schnitt zwei Jahre Gefängnis. Die Anklage hatte zwar auf "Hochverrat" plädiert, das Gericht folgte dem aber nicht, unter anderem, weil die KPD zum Zeitpunkt des Attentats noch nicht verboten gewesen sei. "Ein Prinzip, das im Gegensatz zur nationalsozialistischen Rechtsprechung stand, und das ausgerechnet im Zuständigkeitsbereich des 'Blutrichters' Hermann Cuhorst", sagt Schlenker, "das ist schon sehr überraschend." Alle vier Attentäter überlebten den Krieg.

Weniger gut erging es Theodor Decker, auch wenn sich kein Hinweis darauf findet, dass die Nazis je auf seine Beteiligung am Kabelattentat kamen. Zweimal wurde der kommunistische Gewerkschafter verhaftet, das erste Mal Anfang März 1933 im Zuge der Verhaftungswelle gegen politische Gegner der Nazis. Nach acht Monaten erst im Hotel Silber und dann im Lager Heuberg kam er wieder frei und zu seiner Familie. Dann wieder im Januar 1935, und da kam er nicht mehr zurück – sein langer Leidensweg durch verschiedene Lager und Gefängnisse endete mit seinem Tod am 27. Januar 1940 im KZ Mauthausen. Ob er an den Strapazen von Haft und Zwangsarbeit starb oder hingerichtet wurde, ist unbekannt.

Unbekannt ist auch, mit welcher Begründung Decker im Oktober 1935 in Stuttgart wegen "Verbrechens der Vorbereitung zum Hochverrat" verurteil wurde. "Die Prozessakten sind alle verbrannt", sagt Schlenker. Klar ist aber immerhin, wer seine zweite Verhaftung zu verantworten hatte: Der spätere Ehemann von Deckers Ehefrau Gertrud, der mit einer Denunziation seinen Nebenbuhler aus dem Weg schaffen wollte – in Gesprächen mit Gertrud hatte er einiges von den Untergrundtätigkeiten des Gewerkschafters für die Kommunisten in Erfahrung gebracht. Wovon Deckers Sohn Hans erst 55 Jahre später, im Sommer 1990, erfuhr.

Bald auch als Film?

"Ein Beil gegen Hitler" erinnert mit seinem Wechsel aus szenischen, dialoglastigen Passagen und deskriptiven historischen Schilderungen mitunter an das Skript zu einem Doku-Drama. Kein Zufall: Schlenker ist nicht nur Sachbuchautor, sondern auch Dokumentarfilmer, entwickelte etwa Idee und Buch für die vierteilige SWR-Doku "Schwarzwaldhaus 1902", die 2003 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, und arbeitete bis 2020 in der Kultur- und Wissenschaftsredaktion des SWR. Hat er auch schon an eine filmische Umsetzung seines Buches gedacht?

"Ja, das würde ich gerne machen", antwortet Schlenker, "ich habe auch schon beim SWR angeklopft deswegen." Auch wegen Corona ging es hier jedoch zuletzt wenig voran. "Aber eigentlich müsste es eine Home Story für den SWR sein, eine originäre Baden-Württemberg-Geschichte", findet der Autor. Zumal der SWR der Nach-Nachfolgesender des Südfunks ist, der damals die unterbrochene Hitler-Rede übertrug – und die heutigen Sendergebäude auf dem Gelände erbaut wurden, wo 1933 noch die später im Krieg zerstörte Stuttgarter Stadthalle stand.

Ob der Sender das Potenzial erkennt und umsetzt, bleibt also noch abzuwarten. Schlenker wäre es auf jeden Fall schon ein Anliegen, dass sich 2023, zum 90. Jahrestag des Kabelattentats, die Stadt um ein angemesseneres Erinnern bemüht.­
 

Rolf Schlenker: 1933 – Ein Beil gegen Hitler, Silberburg-Verlag, 128 Seiten, 15,99 Euro


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6 Kommentare verfügbar

  • Fabricius
    am 27.02.2021
    Antworten
    Sachbeschädigung unter den beschriebenen Umständen ist Sabotage, aber kein Attentat. Heldenhaft war die Aktion auf jeden Fall.
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