Ausgabe 189
Zeitgeschehen

Die Schule als Waffe

Von Holger Reile (Interview)
Datum: 12.11.2014
Ein lange hoch angesehener Mann: Hans Robert Jauß, Professor für Romanistik in Konstanz. Verschwiegen hat er seine Nazikarriere als SS-Obersturmführer, geadelt noch von der Lokalpresse kurz vor seinem Tod 1997. Jetzt kommt er als Bühnenstück ins Theater. Geschrieben von dem Konstanzer Rechtsanwalt und Bühnenautor Gerhard Zahner. Mit ihm sprach Holger Reile.

Herr Zahner, ein Stück über einen, zugegeben, einst bekannten Wissenschaftler mit Nazivergangenheit. Wen interessiert das heute noch?

Das habe ich mich anfangs auch gefragt, aber dann bin ich bei meiner Recherche an der Universität Prag drauf gekommen, dass Herr Jauß an einer Junkerschule in Kienschlag unterrichtet hat und Chef einer Inspektion war, die damals nichts anderes tat, als in rascher Zeit SS-Offiziere ideologisch und waffentechnisch für den Krieg vorzubereiten.

Autor Gerhard Zahner: "Jauß muss ein angstfreier Offizier gewesen sein." Foto: privat
Autor Gerhard Zahner: "Jauß muss ein angstfreier Offizier gewesen sein." Foto: privat

Und da hatte ich mein Thema: Schule als Waffe, die Universität als Waffe, mit dem Bogenschlag zur Gegenwart, in der solche Institutionen die modernen Kriege mit Soldaten versorgen. Jauß hat lange an der Universität Konstanz gelehrt und seine Vergangenheit immer verschwiegen. Für die Universität erwächst daraus die Aufgabe, das Thema Junkerschule und Schule als Waffe aufzuarbeiten.

Was ist an einer Figur wie Jauß interessant?

Jauß ist in allem ein Musterbeispiel für einen Nazikarrieristen, und das sage ich mit großer Gelassenheit. Wissend, dass es Ärger bereitet. Immerhin ist er 1946/47 in Recklinghausen nach den Kontrollratsgesetzen als Kriegsverbrecher zu einer Geldstrafe verurteilt worden, was man auch noch nicht weiß. Die Verurteilung basiert auf seinen eigenen Angaben. Jauß kommt aus einem bürgerlichen Haus. Sein Vater war Lehrer in Göppingen und stand selbst im Verdacht, Nazi zu sein. Ein typischer Spießbürger im braunen Gewand. Sein Sohn Hans Robert trat früh ein in die NS-Jugendorganisation, brachte es dort zum Oberführer und absolvierte eine SS-Ausbildung in München, wo in den Unterlagen als Ausbildungsort ein "D" zu finden ist.

D – wie Dachau?

Eventuell Dachau – ich weiß es nicht. Es war damals nicht unüblich, dass Waffen-SS-Soldaten "zur Verbitterung", wie es hieß, in Konzentrationslagern einen Teil ihrer Ausbildung ableisteten, um später im Sinne des Nationalsozialismus als Waffe eingesetzt zu werden.

Das Studienbuch von Jauß. Foto: privat
Das Studienbuch von Jauß. Foto: privat

Jauß macht dann einen rasanten Aufstieg, bringt es im Alter von 24 Jahren zum SS-Hauptsturmführer, also zum Hauptmann, führt eine Brigade an und ist Eins-a-Offizier von General Krukenberg, der mit seiner Charlemagne, dieser legendären Freiwilligenarmee der Franzosen, ganz zu Kriegsschluss versuchte, Berlin zu verteidigen. Später erklärte Jauß, dass er in Kienschlag, einer Junkerschule in der Nähe von Prag, Chef der 10. Inspektion war. Dort wurden französische und wallonische Freiwillige auch ideologisch als SS-Offiziere aufgerüstet, um sie im Krieg einsetzen zu können.

Erklären Sie uns, was es mit der Charlemagne-Armee auf sich hat.

In der Wehrmacht gab es damals rund 7000 französische Freiwillige. 1944 beschlossen die Nazis, diese Soldaten in die Waffen-SS zu integrieren, und dafür wurden die Freiwilligen teilweise in Junkerschulen ausgebildet. Dabei wurde überprüft, ob sie rassisch und ideologisch geeignet waren, den Anforderungen der Waffen-SS zu genügen. Als ich dazu im Militärarchiv in Freiburg recherchiert habe, sind mir die Haare zu Berge gestanden, als ich auf die Liste der "Unerwünschten" gestoßen bin: Über hundert der französischen Freiwilligen, die gegen den Bolschewismus kämpfen sollten, wurden als "nicht tragbar" eingestuft. Darunter Homosexuelle, Juden, Defätisten, Antinationalsozialisten oder Trinker. Die "Unerwünschten" erhielten dann hinter ihrem Namen entweder das Wort KL, also Konzentrationslager, oder AL, also Arbeitslager. Sie wurden 1944 als Gefangene in das Konzentrationslager Stutthof überstellt, eines der schlimmsten Lager zur damaligen Zeit.

Wie hat Jauß das Kriegsende erlebt?

Jauß muss ein angstfreier Offizier gewesen sein, der über hohe taktische Fähigkeiten verfügte, über einen unglaublichen Mut und eine gewisse Brutalität. Ich habe mir die Unterlagen besorgt, als damals Jauß das "Deutsche Kreuz in Gold", eine der höchsten Auszeichnungen, erhalten hat, für einen Militäreinsatz in Estland.

Gebäude der Junkerschule Prosetschnitz-Kienschlag. Screenshot
Gebäude der Junkerschule Prosetschnitz-Kienschlag. Screenshot

Seine Vorgesetzten bescheinigten ihm, mit Hurra seinen Soldaten voran in die gegnerischen Linien eingebrochen zu sein, das Feuer auf fliehende Russen eröffnet und die Stellung wieder eingenommen zu haben. Jauß war eine Art Vorzeigeoffizier, der den Tod nicht scheute und ideologisch einwandfrei war. Als die furchtbaren Massaker in Russland begangen wurden, war Jauß in der Winterschlacht mit dabei. Auch am Frankreich-Feldzug hat er teilgenommen. Er ist ein völlig anderer als später in Konstanz vermutet. Dort hat man seine Kriegszeit runtergefahren auf das Niveau: einfacher Soldat in der falschen Uniform.

Wann und wie begann seine Nachkriegskarriere?

Nach der Kriegsgefangenschaft hat er seine Studien begonnen, war an verschiedenen Universitäten, und hat seine legendäre Antrittsrede über die Rezeptionsästhetik 1967 in Konstanz gehalten. Er ist wohl ein Mann, der in jedem System Karriere macht. Ein brillanter Schreiber, ein großartiger Analytiker. Die Fähigkeiten, die er sich unter anderem als Schüler und Lehrer in den Junkerschulen erworben hat. Das hat ihm geholfen, gerade an dieser vergangenheitslosen Universität Konstanz. Da man in den 60er-Jahren keine kritischen Fragen gestellt hat, konnte Jauß sein System aufbauen und anschließend eine Weltkarriere starten. Er war einer der entscheidenden Professoren, die man nach Konstanz geholt hat, um der Universität einen Elitecharakter zu verleihen. Dadurch wurde er für Konstanz ein extrem wichtiger Professor. Später, Mitte der 90er-Jahre, als teilweise herauskam, wer er war, hat man sich nicht sonderlich um seine Hintergründe bemüht.

Hätte es nicht einfach gereicht, einen aufklärenden Artikel über Jauß zu schreiben? Warum jetzt ein Bühnenstück über ihn?

Der weltbekannte Professor Hans Robert Jauß. Screenshot
Der weltbekannte Professor Hans Robert Jauß. Screenshot

Das hängt mit meinem ganz persönlichen Kunstbegriff zusammen. Ich recherchiere gerne und schreibe gerne über Orte, um sie zu verändern und es geht mir auch immer um Indifferenzen. Jauß hat hier seine Antrittsrede gehalten, und im Audimax der Universität will ich mein Stück als Gegenantrittsrede aufführen. Ich will auch versuchen, die Universität zu motivieren, dies als wissenschaftlichen Stoff aufzugreifen, weil ich glaube, wir könnten Aufarbeitung als Warnung für die Gegenwart brauchen. Dazu ein entferntes Beispiel: Entlang der afghanischen Grenze sind lauter angebliche Schulen, die nichts anderes produzieren als Taliban-Soldaten für einen Krieg, der so nie aufhören wird. Nichts anderes haben die Nazis auch gemacht in ihren Junkerschulen.

Und ich möchte eigentlich auch, dass endlich die Lehrer dieser Schulen, die Verantwortlichen, an den Pranger gestellt werden und nicht immer nur die Handelnden. Ein kleiner Vermerk zum Thema noch: Ein Fünftel dieser Absolventen der Junkerschulen sind später Aufsichts- oder Führungspersonen in diversen Konzentrationslagern geworden. Die Lehrer sind mit anzuklagen. Auch sie tragen Schuld.

Die Vergangenheit von Jauß, über die in Konstanz einige sehr wohl Bescheid wussten, wurde weitgehend verschwiegen. Wenn Ihr Stück hier aufgeführt wird, könnten die Reaktionen sehr heftig werden.

Ich glaube, dass Jauß hier noch eine breite Anhängerschaft hat. Ich will mich da auch gar nicht als Märtyrer aufführen, aber das Thema Junker- und Unterführerschulen ist wichtig und sollte aufgearbeitet werden. Die Struktur Schule als Waffe muss an den Pranger gestellt werden.

Dazu ist Jauß für mich der geeignete Mann, um das an die Öffentlichkeit zu bringen. Ich bin davon überzeugt, dass Jauß viele Verteidiger haben wird, aber das ist mir völlig wurscht.

Ich ziehe das Ding durch, werde es dem Rektor der Universität schicken und ich werde ihn bitten, dass er mir die geeigneten Räume zur Verfügung stellt, damit ich versuchen kann, dieses Stück vorzustellen. Ich hoffe, dass dann auch die Studenten reingehen und über die Bedeutung von Latenz, über die Funktion eines anderen in einer Person etwas erfahren und – ich wiederhole mich bewusst – das Problem Schule als Waffe erkennen, ein Thema, das uns im 21.Jahrhundert immer wieder beschäftigen wird.

 

Das Stück wird am 19. November 2014 um 19 Uhr 30 im Audimax der Konstanzer Universität aufgeführt. Didi Danquart führt Regie, der Schauspieler Luc Feit übernimmt die Rolle von Jauß.


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