Ausgabe 187
Medien

Braune Festschrift für altgedienten Jubilar

Von Anton Maegerle
Datum: 29.10.2014
Ganz rechts außen steht der Tübinger Hohenrain-Verlag – das ist nicht nur dem Verfassungsschutz bekannt. Zum 80. hat der Verlag jetzt dem ehemaligen NPD-Landespolitiker Rolf Kosiek eine Festschrift gewidmet. Darin versammeln sich zahlreiche Autoren, die bundes- und landesweit führend in rechtsextremen Zusammenhängen tätig sind.

Der 80-jährige Rolf Kosiek ist das Gegenteil eines dumpfbackigen hirnlosen Proleten, den viele beim Stichwort Rechtsextremismus assoziieren. Er ist promovierter Physiker, Politiker, Buchautor und Lektor. In rechtsextremen Kreisen wird er als "herausragender Publizist des freiheitlich-konservativen Lagers" verehrt. Als einen "radikalen Antisemiten und Rassentheoretiker" charakterisierte ihn vor wenigen Monaten dagegen die bürgerliche "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung".

Rolf Kosiek als Redner auf dem Deutschen Kongress der Gesellschaft für freie Publizistik (GFP) 2008. Screenshot: Youtube
Rolf Kosiek als Redner auf dem Deutschen Kongress der Gesellschaft für freie Publizistik (GfP) 2008. Screenshot: Youtube

Aufgewachsen in einem national geprägten Elternhaus in Nordrhein-Westfalen, zog Kosiek 1968 als wissenschaftlicher Assistent der Universität Heidelberg für die NPD in den baden-württembergischen Landtag ein. 1973 rückte er im Alter von 39 Jahren in den NPD-Bundesvorstand auf und galt zeitweilig als Chefideologe seiner Partei. Ab 1981 war Kosiek Mitarbeiter des Grabert/Hohenrain-Verlagskomplexes, der seit 2013 unter der Bezeichnung Hohenrain-Verlag firmiert. Das Unternehmen wird vom baden-württembergischen Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) als größter organisationsunabhängiger rechtsextremer Verlagskomplex eingestuft.

Gegründet wurde das Unternehmen 1953 von Herbert Grabert unter der Bezeichnung "Verlag der deutschen Hochschullehrerzeitung". Grabert (1901–1978) war vor 1945 in Alfred Rosenbergs "Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete" tätig und wurde nach 1945 nicht in den Staatsdienst übernommen. Von 1972 bis 2013 führte sein wegen Volksverhetzung verurteilter Sohn Wigbert das Unternehmen. Seit Anfang 2013 steht dessen Sohn Bernhard an der Spitze. In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Veröffentlichungen wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfens des Andenkens Verstorbener eingezogen oder von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert.

Jahrzehntelang hat Kosiek bei Grabert/Hohenrain Bücher lektoriert und die vierteljährlich erscheinende Schrift "Deutschland in Geschichte und Gegenwart" (DGG), die älteste bestehende rechtsextreme Geschichtszeitschrift in der Bundesrepublik, betreut. Bücher von Kosiek tragen bezeichnende Titel wie "Deutsches Land in fremder Hand" oder "Die Frankfurter Schule und ihre zersetzenden Auswirkungen". Die aufklärerische Frankfurter Schule der 60er-Jahre, ins Leben gerufen von dem Philosophen Theodor W. Adorno, ist Kosieks Feindbild. Ihr wirft er eine "Kampfstellung" gegen "bewährte Grundlagen des sozialen Lebens wie die Familie oder den Staat und gegen die gemeinschaftstragenden Werte Heimat und Vaterland" vor.

Kosiek ist einer der Autoren des voluminösen fünfbändigen geschichtsrevisionistischen Machwerks "Der Große Wendig" aus dem Hause Grabert. Das umfasst Eigenangaben zufolge über 1000 "Beispiele der Richtigstellung einzelner Geschichtsvorgänge" mit "Darlegungen historischer Fälschungen, Einseitigkeiten, unberechtigten Schuldzuweisungen an Deutsche" vom Kaiserreich bis zur Gegenwart. Kosiek bezieht im "Wendig" Stellung zum Thema "Gaskammer in Auschwitzer Entlausungsanlage" und kritisiert, dass bei der Nennung des Wortes "Gaskammer" heute sofort "auf den Holocaust geschlossen" werde. Dies sei "ein Beispiel für die geistige Verengung, die mehrere Jahrzehnte der Umerziehung und der sprachlichen Hoheit der 68er verursachten".

Ein persönlicher Freund ist der rechtskräftig verurteilte Holocaust-Leugner Germar Rudolf. Nach dessen Festnahme 2006 stellte Kosiek ein unter seinem Namen geführtes Bankkonto zur Verfügung, holte ihn am Tag seiner Freilassung persönlich am Gefängnistor ab und fuhr ihn in seinem Wagen zu einem "leckeren Frühstück" (O-Ton Rudolf) zu sich nach Hause. 

Von 1991 bis 2004 stand Kosiek als Vorsitzender an der Spitze der "Gesellschaft für freie Publizistik" (GfP). 1960 von ehemaligen NSDAP-Funktionären und SS-Offizieren gegründet, gilt die GfP gilt als mitgliederstärkste rechtsextreme Kulturvereinigung in der Bundesrepublik. Ihr gehören rund 500 Publizisten, Redakteure, Buchhändler und Verleger an. Ziel der GfP ist es, "Aufklärungsarbeit" zu leisten, um die angeblich verzerrte Darstellung der Zeitgeschichte zu korrigieren und die Streichung des Volksverhetzungs-Paragrafen 130 StGB zu erreichen. Das GfP-Sekretariat firmiert unter einer Postfachadresse im hessischen Bad Soden-Salmünster. Dort wohnt Kosiek seit seinem Wegzug aus dem schwäbischen Nürtingen 2012. Der GfP gehört Kosiek weiterhin in führender Funktion als erster stellvertretender Vorsitzender an.

Internetseite des Hohenrain-Verlags. Screenshot
Internetseite des Hohenrain-Verlags. Screenshot

Als Kosiek im September dieses Jahres seinen Geburtstag feierte, erschien im Hohenrain-Verlag die Festschrift "Eine Feder für Deutschland. Festschrift für Dr. Rolf Kosiek". Kosieks "roter Faden" in seiner politischen und publizistischen Laufbahn wird in der Festschrift so charakterisiert: "Es geht immer um die gegenwärtige Notzeit unseres Volkes, die durch die Stichworte Geburtenmangel und sterbendes Volk, Umvolkung und Todesspirale, Zerstörung der Traditionen und Vernichtung des deutschen Geistes, Massenzuwanderung aus fremden Kulturkreisen und Bildung von Parallelgesellschaften, Zerstörung der Demokratie und Einführung totalitärer Beziehungen, Beschränkung der Meinungsfreiheit und Kriminalisierung Andersdenkender, Beibehaltung der Schuld- und Sühnehaltung sowie Vernachlässigung der deutschen Identität, Verherrlichung der Kapitulation und der Besetzung Deutschlands als Befreiung und Durchsetzung des Geschichtsbildes der Umerziehung umschrieben wird."

Herausgeber ist Albrecht Jebens (Jahrgang 1946). Das ehemalige CDU-Mitglied war von 1982 bis 1997 Geschäftsführer des damals unionsnahen "Studienzentrums Weikersheim" (SZW) und später GfP-Vorstandsmitglied. Über den 1997 verstorbenen Paul Karl Schmidt (alias Paul Carell), ehemals Pressechef von Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop, verfasste Jebens in der Rechtspostille "Junge Freiheit" (JF) einen lobhudelnden Nachruf und ehrte damit einen SS-Obersturmbannführer, NS-Propagandisten und Träger des "Winkels für alte Kämpfer", der 1944 "die laufenden geplanten Judenaktionen" in Ungarn begrüßt hatte. Die von Jebens in der JF bewunderte "Persönlichkeit von seltenem Format" war 1993 Gründungsmitglied der "Hans Filbinger Stiftung", eines Finanzgebers des SZW.

Albrecht Jebens auf der Internetseite der Gesellschaft für freie Publizistik. Screenshot
Albrecht Jebens auf der Internetseite der Gesellschaft für freie Publizistik. Screenshot

Zu den 35 Autoren der Festschrift zählen Szenegrößen wie der in Südafrika lebende Neonazi Claus Nordbruch, bei dem die Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) untergebracht werden sollten, und die aus dem Ländle stammende Szene-Rechtsanwältin Gisa Pahl. Ebenso Olaf Rose, NPD-Bundespräsidentschaftskandidat, Jürgen Schwab, vormals Vorzeigeintellektueller der NPD, oder Harald Neubauer, einst Generalsekretär der Partei Die Republikaner.

Vor zwei Jahren wurde Kosiek mit der von der GfP verliehenen "Ulrich-von-Hutten-Medaille" ausgezeichnet. Die Laudatio hielt Jebens. Jebens würdigte Kosieks "außerordentlichen Einsatz für freie Meinungsbildung und ein wahrhaftiges Geschichtsbild". Zu den Preisträgern gehört auch der einstige SS-Hauptsturmführer Priebke, der 2013 starb. Priebke war 1998 wegen seiner Beteiligung an dem Massaker von 1944 in den Ardeatinischen Höhlen mit 335 ermordeten Zivilisten in Rom zu lebenslanger Haft verurteilt worden. In der Haft, einem legeren Hausarrest, wurde Priebke 2007 von Kosiek besucht. Priebke bekam die "Hutten-Medaille" für "seine vorbildliche Standhaftigkeit", die "er gegenüber der herrschenden Schandjustiz zeigte und zeigt", so die Begründung der GfP.


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