Dieser australische Soldat freut sich über sein G27k-Sturmgewehr. Foto: gemeinfrei

Dieser australische Soldat freut sich über sein G27k-Sturmgewehr. Foto: gemeinfrei

Ausgabe 344
Wirtschaft

Große Kaliber gegen bekiffte Kämpfer

Von Martin Himmelheber
Datum: 01.11.2017
Das war ein kurzer Oberndorfer Sommer: Bei Heckler & Koch hatte der neue Chef offene Türen versprochen, sogar Fragen beantwortet. Vorbei. Der Neue ist gefeuert, ein hartgesottener Waffenentwickler wieder da. Der empfiehlt durchschlagskräftigere Sturmgewehre gegen gedopte Afghanen.

Bei der Aktionärsversammlung des Waffenherstellers Mitte August dieses Jahres überraschte Firmenchef Norbert Scheuch mit einer Charmeoffensive, die Kritiker wie Journalisten fast sprachlos machte. Die Rede war von einem "Opferfonds", über den die Unternehmensleitung nachdenken wollte, und einer "Wende", die Rüstungsgegner Jürgen Grässlin entdeckt haben wollte.

Was sich nach dieser denkwürdigen Aktionärsversammlung in der Oberndorfer Chefetage abgespielt hat, ist unbekannt. Jedenfalls feuerte der Aufsichtsrat keine zwei Wochen später den Vorstandsvorsitzenden Norbert Scheuch – fristlos und ohne irgendwelche Floskeln von wegen gegenseitigem Einvernehmen oder guten Wünschen für den weiteren Lebensweg. Gründe nannte der Aufsichtsrat nicht. Gemunkelt wird über Qualitätsmängel und eine viel zu breite Produktpalette. Da nutzt es Scheuch nichts, dass er die Schulden von fast 300 Millionen Euro annähernd halbiert hat, "in nicht mal zwei Jahren", wie er gegenüber der "Neuen Rottweiler Zeitung" betonte.

H&K-GegnerInnen demonstrieren 2015 in Stuttgart.
H&K-GegnerInnen demonstrieren 2015 vor der Staatsanwaltschaft in Stuttgart. Foto: Joachim E. Röttgets

Hat Scheuch die Alte Garde gegen sich aufgebracht, als er den langjährigen Waffenentwickler bei Heckler & Koch (H&K), Marc Roth, rauswarf – oder wie er es nannte "betriebsbedingt" kündigte, weil dessen Aufgaben weggefallen seien? Eine wesentliche war das umstrittene Sturmgewehr G 36. Das habe sich erledigt, so Scheuch, "wir haben den Prozess mit der Bundesrepublik Deutschland abgeschlossen".

Dieser Marc Roth ist ein ganz besonderes Kaliber. Seit Anfang des Jahrtausends berät er militärische und polizeiliche Spezialkräfte, zwischen 2003 und 2013 schwerpunktmäßig US Special Forces im Zusammenhang mit deren Anti-Terror-Einsätzen in Afghanistan und dem Irak. So seine Selbstauskunft auf polizeipraxis.de. Bei dieser Tätigkeit hat Roth viel gelernt und in einem anderen Fachblatt erstaunliche Thesen aufgestellt. Im "InfoBrief Heer" erklärt er in Ausgabe 01/2012, die militärischen Probleme der Alliierten in Afghanistan hätten auch damit zu tun, dass Drogenkonsum in Afghanistan seit der Jugend "sozialüblich" sei: "Es ist davon auszugehen, dass unsere Soldaten im Gefecht 'gedopte' Gegner beschießen, deren Schmerzempfinden durch Haschisch oder Opiate selbst bei letalen Treffern massiv reduziert ist."

Erhöhter Energietransfer in den Gegner

In der Fachsprache der Militärs erklärt er weiter: "In der Folge kann daher nur ein erhöhter Energietransfer in den Gegner weiterführen, um die Wahrscheinlichkeit seiner Außergefechtsetzung zu erhöhen." Waffenfachmann Roth hat ein probates Mittel zur Außergefechtsetzung: "Dies kann im Gewehrbereich nur mit dem Kaliber 7.62 mm NATO (doppelte Energie der 5.56 mm NATO) ausreichend realisiert werden." Es ist sicher kein Zufall, dass H&K mit dem G27k das passende Gewehr mit Kaliber 7,62 mm anbietet, was Roth in besagtem Artikel denn auch gleich noch erwähnt.

Die kritischen Fragen von Jürgen Grässlin ignoriert H&K bislang. Foto: Joachim E. Röttgers
Die kritischen Fragen von Jürgen Grässlin ignoriert H&K bislang. Foto: Joachim E. Röttgers

Roth ist wieder zurück auf dem Oberndorfer Lindenhof. Was er da tut? Mehrere Anfragen lässt das Unternehmen unbeantwortet. Ebenfalls noch nicht beantwortet hat der H&K-Vorstand die gut 100 Fragen der kritischen Aktionäre von der denkwürdigen Hauptversammlung Mitte August. Jürgen Grässlin, einer der kritischen Aktionäre und jahrzehntelanger Beobachter des Unternehmens, spricht inzwischen von "tote Hose" und bedauert, "keine Rückmeldungen" mehr zu bekommen. Weder zu den Fragen noch zur versprochenen Prüfung eines "Opferfonds" noch zum Namen eines Nachfolgers für Scheuch. Vielleicht bekommt der ja die Abfindung, die einst für Roth eingeplant war.

Wenn nicht, dann treffen sich die Parteien im Kündigungsschutzprozess vor dem Landgericht in Rottweil. Dort könnte Scheuch in einem der Besprechungsräume einem seiner Vorgänger begegnen: Peter Beyerle, der Präsident des Rottweiler Landgerichts war, ehe er H&K-Geschäftsführer wurde. Allerdings würde er ihn nur im Bilde sehen, inmitten der "Ahnengalerie" der früheren Behördenleiter.

Weiter auf der langen Bank: der Mexiko-Prozess

Die vorsorglich noch von Scheuch zurückgelegten drei Millionen Euro wegen des Mexiko-Prozesses werden wohl noch eine Weile auf der Bank liegen bleiben. Bei diesem Verfahren vor dem Landgericht Stuttgart wird über Waffenlieferungen von etwa 4500 G36-Gewehren in mexikanische Unruheprovinzen verhandelt. Heckler & Koch rechnet damit, dass "Kosten und möglicherweise auch Bußgelder auf das Unternehmen zukommen" (Scheuch), wenn die fünf angeklagten ehemaligen H&K-Mitarbeiter verurteilt werden.

Der eigentlich für diesen Herbst angekündigte Mexiko-Prozess wird so schnell aber nicht beginnen. Es gebe zwar den Eröffnungsbeschluss vom 18. Mai 2016, so ein Sprecher des Gerichts. Er habe aber eine Mail des Kammervorsitzenden vorliegen, wonach der Prozess gegen die fünf in diesem Jahr nicht mehr stattfinden werde. Pikant: Unter den Angeklagten ist eben auch dieser ehemalige Präsident des Landgerichts Rottweil, Peter Beyerle. Der hatte nach seiner Pensionierung zunächst als Justitiar bei Heckler & Koch angeheuert und war später zum Geschäftsführer aufgestiegen.

Auch im kommenden Jahr ist völlig offen, ob die 13. Große Kammer verhandeln wird. Es gebe "noch keine Terminierung", so der Sprecher des Gerichts. Als Grund nennt er die starke Belastung der 13. Großen Strafkammer durch das Porsche-Verfahren und einen weiteren Prozess, bei dem die Angeklagten zum Teil in U-Haft sitzen: "Haftsachen gehen vor." Die von H&K-Kritiker Grässlin angestrengte Anzeige wegen der illegalen Waffenlieferungen nach Mexiko stammt vom Frühjahr 2010.


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