Kritische Aktionäre am Tagungsort (v.l.n.r.): Jürgen Grässlin, Wolfgang Landgraeber, Alexander Schleicher, Stefan Möhrle, Helmut Lohrer, Magdalena Friedel und Thomas Carl Schwoerer.  Foto: Himmelheber

Kritische Aktionäre am Tagungsort (v.l.n.r.): Jürgen Grässlin, Wolfgang Landgraeber, Alexander Schleicher, Stefan Möhrle, Helmut Lohrer, Magdalena Friedel und Thomas Carl Schwoerer. Foto: Himmelheber

Ausgabe 333
Politik

Tauben im Gewehrlauf

Von Martin Himmelheber
Datum: 16.08.2017
Was war das jetzt? Der Chef von Heckler und Koch, Norbert Scheuch, stellt sich vor eine Fernsehkamera und spricht mit Journalisten. Der Boss eines Unternehmens, das sich bisher völlig gegen die Presse abgeschottet hat. Mehr noch: Die Waffenfirma denkt über einen Opferfonds nach und Jürgen Grässlin spricht von einer Wende. Dabei hat doch alles angefangen wie immer.

Von der Öffentlichkeit weitgehend verborgen hat die Heckler und Koch AG zur Aktionärsversammlung in ein Hotel und Café im idyllischen Sulz-Glatt eingeladen. Etwa zehn Kilometer vom Firmensitz Oberndorf entfernt, abgeschieden in einem Raum im Souterrain. Geladen waren nur die Aktionäre, Pressevertreter unerwünscht. Mit dabei aber sieben Rüstungskritiker, die sich Aktien des Waffenherstellers gekauft haben: Der Friedensaktivist Jürgen Grässlin, der Filmemacher Wolfgang Landgraeber, der katholische Pfarrer Alexander Schleicher aus Villingen-Schwenningen, die Friedensfreunde Stefan Möhrle, Helmut Lohrer, Magdalena Friedel und der Verleger Thomas Carl Schwoerer waren so zu einer Einladung gekommen. Dienstag, 15. August, 10 Uhr Hotel Züfle Sulz-Glatt.

Alle anderen müssen draußen bleiben. Junge, gut gebaute Männer in schwarzen Anzügen und schwarzen Krawatten achten darauf, dass niemand dem Tagungsort zu nahe kommt. Das Gelände sei privat und dürfe nicht betreten werden, lassen die dunklen Herren die kleine Journalistenschar wissen. Sie beobachten jeden ihrer Schritte. Die Vorhänge des Hauses sind zugezogen, die Jalousien heruntergelassen. Nur die Speisekarte mit "Vitello Tonnato vom Kalb" zu 10,80 Euro bleibt sichtbar. Gelegentlich kurvt ein Streifenwagen am Tagungsort vorbei, doch sonst tut sich nichts. Alles friedlich in Glatt. Die Security-Leute vertreiben sich die Zeit mit Lustigkeiten und langsam lockert sich die Stimmung. "Hat der Chef Sie dazu verdonnert, den ganzen Tag hier rumzustehen", fragt einer einen Journalisten. "Ich bin mein eigener Chef." – "Ha no."

Der Hörfunkkollege sendet seinen ersten Beitrag vom Laptop aus: Bei der Aktionärsversammlung gehe es hauptsächlich um eine Kapitalerhöhung um 50 Millionen Euro durch den Hauptaktionär Andreas Heeschen. Und die Kritiker hätten dem Vorstand etwa 50 Fragen gestellt. Heckler-und-Koch-Chef Norbert Scheuch habe ausrichten lassen, er werde für Interviews nicht bereit stehen.

Der Vorstand dankt höflich für alle Fragen

Kurz vor 12 Uhr entsteht ein bisschen Bewegung. Die Heckler-und-Koch-kritischen Aktionäre kommen vom "Sperrgebiet". Helmut Lohrer berichtet vom "sehr höflichen Ton", der Vorstand bedanke sich jeweils für ihre Fragen. Erstaunte Gesichter, auch weil die Kritiker so um die 80 Fragen gestellt haben. Darauf war die Waffenfirma offenbar nicht vorbereitet. Das "Backoffice" und die Stenografen funktionierten nicht so wie bei Großkonzernen, bemängelt ein erfahrener Aktionär. Deshalb sei jetzt auch Pause, damit die Antworten gefunden werden können.

Der Vorstands-Vorsitzende Norbert Scheuchen stellt sich tatsächlich den Fragen der Journalisten.
Der Vorstands-Vorsitzende Norbert Scheuchen stellt sich den Fragen der Journalisten. Foto: Himmelheber

Erstaunlich findet Wolfgang Landgraeber, dass nur sie Fragen gestellt haben. Außer ihnen seien noch etwa zehn weitere Personen im Raum gewesen. Später stellt Jürgen Grässlin fest, dass es seine erste Hauptversammlung war, in der die kritischen Aktionäre 100 Prozent der Fragen gestellt haben. Noch sind die sieben skeptisch, ob der Vorstand die Fragen auch ernsthaft beantwortet.

Nach einer weiteren Stunde Wartezeit kommt Thomas Schwoerer, der Vorsitzende der Deutschen Friedensgesellschaft, zu den wartenden Journalisten. Seine erste Zwischenbilanz: durchwachsen. Einerseits wolle der Waffenbauer künftig seine strengen neuen Kriterien anlegen und nur noch in "grüne Länder" liefern. Andererseits aber wollen die Oberndorfer die Altverträge erfüllen und in – heute – "tiefrote Staaten wie Indonesien und Malaysia" (Grässlin) Gewehre verkaufen. Kurz drauf kommt auch Grässlin, der sich seit drei Jahrzehnten an der Oberndorfer Waffenschmiede abarbeitet. Er ist fast schon euphorisch. Er glaubt, es sei möglich, eine "Wende bei Deutschlands tödlichstem Unternehmen herbei zu führen." Ihre Fragen würden ernstgenommen, sagt er, der Standort Saudi-Arabien werde aufgegeben, das sei eine "völlig neue Entwicklung". Heckler und Koch setze sich "an die Spitze der Unternehmen, die sagen, die restriktive Politik der Bundesregierung ist uns noch nicht hart genug."

Grässlin glaubt an die Wende in Deutschlands tödlichstem Unternehmen

Was Grässlin völlig überrascht hat: Er hatte vorgeschlagen, das Unternehmen solle einen Opferfonds einrichten, um wenigstens symbolisch ein Zeichen zu setzen. Den hatten Vorstand und Aufsichtsrat zwar abgelehnt, weil ein solcher Fonds ein juristisches Schuldeingeständnis darstellen könnte. Doch als die Kritiker erläuterten, es gehe nicht um Schuld, sondern um ein Zeichen guten Willens, versprach Norbert Scheuch, den Vorschlag im Vorstand ernsthaft zu prüfen. Man will es eigentlich nicht glauben: Heckler und Koch prüft einen Fonds für Menschen, die Opfer von Schüssen aus Heckler-und-Koch-Gewehren wurden.

Wolfgang Landgraeber, der zwei lange Dokumentarfilme über Oberndorf sowie Heckler und Koch gedreht hat, will zwar noch nicht von einer Revolution, aber von einem Paradigmenwechsel sprechen. Er staunt. Bedauerlich findet er aber, "dass die Medien so gut wie nichts erfahren".

Das Fernsehteam will gerade zusammenpacken, da kommt ein junger Mann und kündigt an, Herr Scheuch würde gerne mit den Medien sprechen, der Ausschluss der Presse sei ein Missverständnis gewesen. Es dauere nicht mehr lange. Und tatsächlich: Nach etwa einer viertel Stunde taucht der Manager auf. "Wie lange wird das gehen", fragt er die Kollegin vom Fernsehen. "Fünf Minuten." – "So lange?"

Sorgenkind des Waffenherstellers: G 36. Foto: Joachim E. Röttgers
Sorgenkind des Waffenherstellers: G 36. Foto: Joachim E. Röttgers

Was hat den Wandel bei Heckler und Koch bewirkt? Eine "kritische Bewertung des Geschäfts" sei der Grund, erläutert Manager Scheuch, "wir wollen uns mit den Unternehmensaktivitäten konform verhalten." Bei den Waffenlieferungen an Nicht-NATO-Staaten habe die Bundesregierung einen Korridor vorgelegt. "Und in diesen Korridor haben wir eine eigene Einschätzung von Ländern eingezogen, von denen wir meinen, es könnte problematisch sein, dorthin Waffen zu liefern." Erstaunlich. Hatte doch Heckler und Koch bis vor kurzem noch Waffen an die Saudis oder nach Mexiko geliefert. Und jetzt diese Wende. Grässlin: "Das ist ein großer Erfolg der Friedensbewegung, dreißig Jahre lang haben wir gebohrt."

Die Offenheit des Unternehmens ist frappierend

Im Interview spricht Scheuch auch über die "betriebsbedingte Kündigung" eines wichtigen Waffenentwicklers im Unternehmen, Marc Roth. Dessen Arbeitsplatz sei eben weggefallen. Roth war für das G 36 zuständig gewesen. Das will die Bundeswehr bekanntlich ausmustern. Zur Aktionärsstruktur mag er nichts sagen, bestätigt aber, dass nach der Kapitalerhöhung Andreas Heeschen etwa zwei Drittel des Unternehmens gehören.

Die Lieferungen nach Malaysia und Indonesien habe die Bundesregierung genehmigt. Die moralische Verantwortung dafür allein auf das Unternehmen abzuladen, halte er "nicht für in Ordnung." Zu dem von Grässlin vorgeschlagenen Opferfonds bestätigt Scheuch: "Wir werden die Idee intern diskutieren und bewerten." Er wolle dazu aber "keine abschließende Stellungnahme abgeben, weder positiv noch negativ."

Ein Weiterso wäre ein Schuss ins eigene Bein.
Ein Weiterso wäre ein Schuss ins eigene Bein.

Wegen des anstehenden Mexiko-Prozesses hat Heckler und Koch drei Millionen Euro auf die Seite gelegt. Wegen illegaler Waffenlieferungen an vier Unruheprovinzen in Mexiko stehen vermutlich im Herbst sechs ehemalige Heckler-und-Koch-Manager in Stuttgart vor Gericht. Unter ihnen der ehemalige Rottweiler Landgerichtspräsident Peter Beyerle. Sein Unternehmen rechne damit, dass, wenn es zu einer Verurteilung der Angeklagten kommt, "Kosten und möglicherweise auch Bußgelder auf das Unternehmen zukommen." Inzwischen habe er aber das Unternehmen grundlegend so umgebaut, dass in Zukunft solche Vorfälle vermieden werden könnten.

Scheuchs Offenheit ist frappierend. Presseanfragen hatte die Schwarzwälder Firma, wenn sie nicht von Wirtschaftsblättern gestellt wurden, höchst ungern, wenn überhaupt beantwortet. Und jetzt redet der neue Mann, einfach so. Genau 8 Minuten und 36 Sekunden.


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