LKW mit schwarzem Quadrat durchbricht Mauer. Ausstellung von Andreas Mayer-Brennenstuhl im Rockbund Art Museum in Shanghai, 2014. Foto: Mayer-Brennenstuhl

LKW mit schwarzem Quadrat durchbricht Mauer. Ausstellung von Andreas Mayer-Brennenstuhl im Rockbund Art Museum in Shanghai, 2014. Foto: Mayer-Brennenstuhl

Ausgabe 344
Kultur

Revolution im Quadrat

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 01.11.2017
Mit der Oktoberrevolution schien auch in der Kunst eine neue Zeit anzubrechen. Kein Werk negierte die traditionellen Werte so radikal wie das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch. Daran möchte Andreas Mayer-Brennenstuhl anknüpfen.

Eine kleine Bleistiftzeichnung von Kasimir Malewitsch steht am Beginn der Sammlung des Museum Ritter in Waldenbuch, das ganz der quadratischen Kunst gewidmet ist. Marli Hoppe-Ritter, die das Museum 2005 eröffnete, war bis vor wenigen Jahren Aufsichtsratschefin des Schokoladenherstellers Ritter Sport. Neben drei Rechtecken zeigt die Zeichnung, entstanden im selben Jahr wie das berühmte Öl-Gemälde, ein schwarzes Quadrat.

Als Malewitsch das Schwarze Quadrat 1915 zum ersten Mal ausstellte, hängte er es in wie eine Ikone in die Raumecke. Foto: Wikimedia

"Das Schwarze Quadrat" gilt heute als Ikone der Moderne. Als es 1915 in Sankt Petersburg zum ersten Mal Ende ausgestellt wurde, hängte der Künstler es wie eine Ikone in die linke obere Raumecke. Ein Nichts, pure Abstraktion, schwarze Nacht anstelle eines Heiligenbildes – eine Revolution. Das Original befindet sich heute in der Tretjakow-Galerie in Moskau, zwei spätere Exemplare in Sankt Petersburg. Domestiziert im Museum, lässt sich kaum noch die Aufbruchsstimmung erahnen, die sich mit ihrer Entstehung verband.

Suprematismus nannte Malewitsch eine Kunst, die nicht abbilden wollte, sondern aus geometrischen Formen neue, frei erfundene Welten schaffen. Erstmals malte er ein schwarzes Quadrat 1913 auf den Bühnenvorhang der futuristischen Oper "Sieg der Sonne", zu der er Kostüme, Bühnenbild und Lichtregie beisteuerte. Die Oper handelt von den Erlebnissen eines Zeitreisenden in der Welt des 35. Jahrhunderts. Die Akteure saßen im Publikum und griffen die Zuschauer an. Die Musik enthielt ungewohnte Klänge wie Vierteltöne und Maschinengeräusche, das Libretto willkürliche Worte einer Sprache eigener Erfindung: ein dadaistischer Spuk, noch bevor es die Dada-Bewegung überhaupt gab, mit Kostümen in Primärfarben, die das Triadische Ballett von Oskar Schlemmer vorwegnahmen.

Der deutsche Kunstbetrieb schielte nach Russland

Schlemmer war immer bemüht, dieses Ballett als seine ureigenste Erfindung auszugeben. Aber ganz sicher beobachteten Künstler in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg genau, was sich in Russland ereignete. Die Oktoberrevolution hatte die alte, zaristische Ordnung hinweggefegt, und in Deutschland schien nach der Flucht Kaiser Wilhelms II. und dem Kieler Matrosenaufstand Ähnliches bevorzustehen. Nach dem Vorbild der Sowjets gründete sich ein Arbeitsrat für Kunst, nach der deutschen Novemberrevolution die Novembergruppe. Es gab wenige namhafte Künstler und Architekten, die nicht einer der beiden Vereinigungen angehörten. Die Üecht-Gruppe (althochdeutsch für Morgendämmerung) um Schlemmer und Willi Baumeister, die Paul Klee an die Stuttgarter Akademie holen wollte, bezeichnete sich auch als lokale Sektion der Novembergruppe. In Berlin ließen sich George Grosz und William Heartfield 1920 auf der Ersten Internationalen Dada-Messe mit einem Schild fotografieren, auf dem stand: "Die Kunst ist tot. Es lebe die neue Maschinenkunst Tatlins."

Sehen aus wie von Schlemmer, sind aber von Malewitsch: Kostümentwürfe für die Oper "Sieg über die Sonne". Fotos: Wikimedia
Sehen aus wie von Schlemmer, sind aber von Malewitsch: Kostümentwürfe für die Oper "Sieg über die Sonne". Fotos: Wikimedia, Bild 2

Vladimir Tatlin, mit Malewitsch seit 1911 bekannt, hatte durch abstrakte Reliefbilder aus Pappe, Draht, Eisen und Email auf sich aufmerksam gemacht. Mit Alexander Rodtschenko, Anton Pevsner und dessen Bruder Naum Gabo wurde er zum Begründer des Konstruktivismus: einer abstrakten geometrischen Kunst. Malewitsch selbst war Vorsitzender der Kunstabteilung des Moskauer Stadtsowjets geworden, außerdem Aufseher der Kunstsammlungen des Kremls, "Meister" an den aus der Kunsthochschule hervorgegangenen Zweiten Staatlichen Freien Kunstwerkstätten sowie Professor in Leningrad.

Von Marc Chagall an eine Volkskunstschule nach Witebsk, heute Weißrussland, berufen, setzte er auch dort seine Vorstellungen durch. In Witebsk lehrte auch El Lissitzky, der an der Technischen Hochschule Darmstadt Architektur studiert hatte und dann auch die Architekturabteilung der Hochschule in Moskau leitete. Er entwarf eine dynamische, zwölf Meter hohe Rednertribüne für Lenin. "Schlagt die Weißen mit dem roten Keil" lautet der Titel eines seiner suprematistischen Bilder.

Mit Wassily Kandinsky, der beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs von München nach Moskau zurückgekehrt war, arbeitete Lissitzky in der Abteilung Bildende Kunst des Volkskommissariats für Bildungswesen in Moskau zusammen. Kandinsky kehrte 1921 nach Deutschland zurück und wurde kurz darauf ans Bauhaus berufen. Lissitzky, der später eine deutsche Kunsthistorikerin heiratete, pendelte zwischen der Sowjetunion und Deutschland hin und her. Er kannte viele westliche Künstler, die durch ihn von den revolutionären Neuerungen in Russland erfuhren, unter anderem durch die Erste Russische Kunstausstellung 1922 in Berlin. Die geometrisch-abstrakten Richtungen der holländischen Künstlergruppe De Stijl und des Bauhauses sind ohne die russischen Vorbilder nicht denkbar.

Für Stalin waren schwarze Quadrate zu dekadent

Eine Zeitlang sah es so aus, als ob die neue, ungegenständliche Kunst und die Revolution Hand in Hand gingen. Doch in der Politik setzte sich zunehmend die Forderung durch, die Kunst müsse für die Arbeitermassen zugänglich sein. Es war kein plötzlicher Umschwung, eher ein langsamer Prozess, der schließlich dazu führte, dass die abstrakte, moderne Kunst unter Stalin als dekadent bekämpft wurde.

El Lissitzky: "Schlagt die Weißen mit dem roten Keil", 1919. Foto: Wikimedia
El Lissitzky: "Schlagt die Weißen mit dem roten Keil", 1919. Foto: Wikimedia

Malewitsch begann Ende der zwanziger Jahre wieder figürlich zu malen. Trotzdem wurde er 1930 aus dem Staatsdienst entlassen, verhaftet und verhört. Nach seinem Tod 1935 wurden seine Werke in der UdSSR bis 1988 nicht mehr ausgestellt. Er geriet in Vergessenheit. Im Westen wurde er dagegen als Avantgarde-Pionier gefeiert – allerdings ohne dabei an die Revolution zu erinnern.

In jüngerer Vergangenheit haben verschiedene Künstler versucht, die Radikalität, die das Schwarze Quadrat als Negation aller bestehenden Kunst verkörperte, neu zu beleben. Gregor Schneider stellte 2007 vor der Hamburger Kunsthalle einen Schwarzen Kubus auf. Im Jahr darauf führte das Künstlerduo bankleer auf einer Demonstration zum 1. Mai in Aarhus einen "Black Block", einen schwarzen Würfel mit, aus dessen Innerem Sprechchöre und Blechbläserklänge drangen.

Schwarze Quadrate können heute noch provozieren

Einer, der sich wiederholt mit dem Schwarzen Quadrat auseinandergesetzt hat, ist der Nürtinger Künstler Andreas Mayer-Brennenstuhl, Stuttgartern bekannt durch seinen 2011 an die Skulptur "Stuttgarter Tor" von Thomas Lenk im Mittleren Schlossgarten angebauten Container "Unser Pavillon", der von der Stuttgart-21-Protestbewegung als Anlaufstelle adoptiert wurde. Bereits 1997 rief er die Mitglieder des kleinen Kunstvereins Oberwelt im Stuttgarter Westen zu einem "ersten revolutionären Betriebsausflug" auf und befestigte an dem kleinen Hanomag-Lkw, der die Teilnehmer zur Maidemonstration am Schlossplatz brachte, ein schwarzes Quadrat.

Andreas Mayer-Brennenstuhl: "Hinaus zum ersten revolutionären Betriebsausflug der Oberwelt e.V.-Belegschaft", 1997. Foto: Mayer-Brennenstuhl
Andreas Mayer-Brennenstuhl: "Hinaus zum ersten revolutionären Betriebsausflug der Oberwelt e.V.-Belegschaft", 1997. Foto: Mayer-Brennenstuhl

2014 war Mayer-Brennenstuhl eingeladen zu einer Gruppenausstellung im Rockbund Art Museum in Shanghai: einem erst 2010 eröffneten Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst ohne eigene Bestände. Die Ausstellung thematisierte das Verhältnis von Tradition und Moderne, von der Beobachtung ausgehend, dass in China zum wiederholten Mal ein Rückzug auf traditionelle Kunstformen stattfand.

Mayer-Brennenstuhl nannte seinen Beitrag "Die Moderne redigieren!" und baute dafür einen Lkw, der eine frei im Raum stehende Wand durchbrach. An seiner Kühlerhaube war ein Schwarzes Quadrat befestigt: wie bei der Beerdigung von Kasimir Malewitsch im Jahr 1935. Über die Wände verteilte der Künstler Plakate, Transparente und Fotos vom ersten revolutionären Betriebsausflug der Oberwelt-Belegschaft, auch übersetzt ins Chinesische.

Er schickte die Exponate nach Shanghai. Dort kamen sie nie an, denn sie wurden mit der Begründung beschlagnahmt, sie müssten desinfiziert werden. Also baute er die Installation vor Ort nach. Doch ein Katalog, der ursprünglich zur Ausstellung erscheinen sollte, wurde nie gedruckt, und auch die rekonstruierten Ausstellungsstücke wurden bei der Rücksendung beschlagnahmt: für Mayer-Brennenstuhl ein schlagender Beweis, dass die Radikalität von Malewitsch, entsprechend aktualisiert, auch heute noch provozieren kann.

Bleistiftzeichnung von Kasimir Malewitsch im Museum Ritter. Foto: Museum Ritter
Zeichnung von Malewitsch im Museum Ritter. Foto: Museum Ritter

 

Info:

Museum Ritter, Alfred-Ritter-Straße 27 in Waldenbuch. Dienstag bis Mittwoch von 11 bis 18 Uhr geöffnet.


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