Ausgabe 263
Kultur

Lost and found

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 13.04.2016
So entsorgt Stuttgart seine Avantgarde – und findet sie manchmal auch wieder: Vom Haus Hermann Finsterlins am Frauenkopf ist nur noch ein Scherbenhaufen übrig. Oskar Schlemmers letztem Wandbild wäre vor 21 Jahren fast dasselbe widerfahren.

Der Besitzer fackelte nicht lang: Ganze sechzehn Tage nachdem Kontext über das Haus des Künstler-Architekten Hermann Finsterlin im Stuttgarter Stadtteil Frauenkopf berichtete, ist davon nur noch ein Scherbenhaufen übrig. Das Objekt gehört allerdings nicht mehr wie angegeben der Immobiliengesellschaft W2 Development. Wie der Architekt Stefan Willwersch als Miteigentümer des Unternehmens schreibt, "möchte ich Ihnen korrekterweise mitteilen, dass wir seit Januar diesen Jahres nicht mehr Eigentümer dieses Grundstücks bzw. dieser Immobilie sind. Insofern möchte ich Sie bitten, weitere Namensnennungen in diesem Zusammenhang zukünftig entsprechend zu korrigieren."

Es geht um Geld. Viel Geld. Für 4,45 Millionen Euro hatte das Unternehmen Widmann Immobilien das Grundstück im August 2015 zum Verkauf angeboten. "Allerdings kann ich Ihnen leider aufgrund einer unterzeichneten Verschwiegenheitserklärung den Käufer des Grundstücks Stand heute nicht benennen", gesteht Willwersch nun, der das Objekt, Stand 11. April, von seiner eigenen Homepage allerdings noch nicht gelöscht hat.

Viele Leser reagierten entsetzt. "Ich muss gestehen, ich hatte das nicht auf dem Schirm", schrieb Landtags-Vizepräsidentin Brigitte Lösch, die sich bereit erklärte, zu sondieren, ob sich nicht doch noch etwas machen ließe. Zu spät, wie sich nun herausstellt. 2012 hatte die Enkelin des Künstlers das Grundstück verkauft, nachdem das Landesdenkmalamt skandalöserweise das frühe anthroposophische Künstlerhaus für nicht denkmalwürdig erklärt hatte. Bemühungen im Hintergrund, privates Kapital zu mobilisieren, nachdem die öffentliche Hand untätig geblieben war, blieben ohne Erfolg.

Damit verliert Stuttgart ein einzigartiges Objekt von einem der bedeutendsten Künstler der klassischen Moderne, die in der Stadt gewohnt haben. Ein wichtiger Teil des Nachlasses befindet sich in der Staatsgalerie, die den fantastischen Architekturzeichnungen allerdings seit 1988 keine größere Aufmerksamkeit mehr gewidmet hat. Der Rest ist nach wie vor kaum aufgearbeitet und befindet sich im Besitz der Erbin.

21 Jahre zuvor wäre Oskar Schlemmers letztes Wandbild "Familie", 1940 angefertigt im Privathaus des Verlegers Dieter Keller in Stuttgart-Vaihingen, beinahe ebenso der Abrissbirne zum Opfer gefallen. Der Galerist Freerk Valentien hat es 1995 in letzter Minute von der Wand abgenommen und unter dem Titel "Gerettet" in seiner Galerie erstmals öffentlich ausgestellt. Der Schlemmer-Enkel Raman betrachtete allerdings bereits die Entfernung aus dem ursprünglichen Kontext als Zerstörung, was damals sogar dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" einen dreiseitigen Artikel wert war.

Das 4,20 Meter breite und 2,55 Meter hohe Wandbild ging in die Schweiz und konnte nun, nachdem es 2014/15 in der großen Schlemmer-Retrospektive der Staatsgalerie zu sehen war, mithilfe von 250 privaten Spendern für Stuttgart zurückgewonnen werden – was das Museum mit einem Festakt feiert. "Im Jahr 1940", heißt es in der Ankündigung, "schuf Oskar Schlemmer, bereits 1933 fristlos aus dem Lehramt in Berlin entlassen, dieses innige Bild, das die Sehnsucht nach einer harmonischen Zukunft darstellt."

Ganz so ungetrübt war die Harmonie indes nicht: Wulf Herzogenrath, bis 2011 Direktor der Bremer Kunsthalle, schrieb seinerzeit, dass das Bild "Familien-Glück und Kriegs-Trauer zu einem überpersönlichen Symbol-Bild verdichtet". Schlemmer lebte damals isoliert und in Finanznöten. Ein wandhohes Profil am rechten Bildrand interpretierte Kellers Frau als das "Schicksal, wie es uns anschaut". Das leicht zu übersehende Rückenprofil eines Mannes, der links den Bildraum verlässt, führt "Der Spiegel" 1995 auf die familiären Umstände des Auftraggebers zurück: "Hausherr Keller musste an die Front, seine Frau blieb schwanger zurück."

 

Festakt zum Ankauf des Gemäldes von Oskar Schlemmer: Staatsgalerie Stuttgart, 19. April, 18 Uhr.


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2 Kommentare verfügbar

  • Horst Ruch
    am 17.04.2016
    .......immerhin brachte die Stgt. Zeitung Heißenbüttels Kontext-Artikel am folgenden Erscheinungstag auch deren Leser zum Nachdenken. Obgleich ich persönlich das Gebäude von der Architektur (auch der Anthroposophischen) nicht außergewöhnlich schützenswert empfand, war es doch Finsterlins langjähriger Wohnsitz gewesen, der nun dem Mammon ohne irgendwelche Auflage einfach so geopfert wurde. Alleine, daß der Grundbesitz in kürzester Zeit schon wieder veräußert wurde, zeigt wie die Stuttgart-Connection tickt, nämlich ihr einziges Ziel, das der schnellen wundersamen Geldvermehrung hervorragend beherrscht. Nach den Gesetzen des Marktes wird sich die Architektur dem m2- Preis des Grundstücks unterordnen müssen, unter dem Deckmantel "Wachstum", cash in die täsch.
    Baukultur, nein Danke. Viel gehört ......gibt es doch auch hier über dieses Thema an genügend vielen Vortragsreihen teilzunehmen...... nichts verstanden. Stuttgarts eigentliches Markenzeichen ist "Zerstörung", gefeiert mit dem jeweiligen OB auf dem Bagger. "Stuttgarter Baggerbisse" wären ein Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde wert.
    A propos Denkmalamt: seit knapp 20 Jahren nur noch ein zahnloser Tiger im Käfig des RP, dem Wirtschaftsministerium unterstellt, ganz unten, zwar mit Steuergeld bezahlten Beamten besetzt, deren Aufgabe darin besteht, jegliches Problem möglichst geräuschlos durchzuwinken.
    Dies war eine der ausgetüftelten schwäbischen "Groß"taten unter Ex MP Teufel, die als lex S21 in die Analen der Geschichtsbücher eingehen müßte, vergleichbar mit der lex Schilda, wo bekanntlich auch erst nach Fertigstellung des Projektes die Planlosigkeit den Bürgern präsentiert wurde.
  • CharlotteRath
    am 13.04.2016
    Stuttgart, seine Künstler und der Denkmalschutz.
    Vielleicht sollte man sie einmal sammeln, die Beispiele, wie hier mit historischem Erbe umgegangen wird?
    So gab es auf Stuttgarter Gemarkung vor nicht allzulanger Zeit auch noch eine als Landeskulturdenkmal gelistete Dampfmaschine. Prominent lächelnd für die Zeitungsblätter saß im Abrissbagger ... der damalige OB Schuster. In der anzeigengespickten Freude über die baldige schicke Neubebauung war allerdings diese Dampfmaschine den selbst ernannten Qualitätsmedien der Landeshauptstadt keine Zeile wert.

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