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Krampf im Heizungskeller

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Energiewende absurd: Seit Jahren wollen Stuttgarter Hausbesitzer ihre klimaschädlichen Stromheizungen verschrotten, können es aber nicht. Stadt und Netzbetreiber blockieren die Verlegung einer Gasleitung. Derweil versuchen Stromkonzerne, den Uraltheizungen ein grünes Image zu verpassen.

Eigentlich kein Hexenwerk: Ein Anruf beim Heizungsmonteur, der Fachmann kommt ins Haus, prüft und berät, installiert die neue Anlage. Der Staat belohnt den Austausch meist sogar, weil alte Heizkessel zu viel Kohlendioxid auspusten und dem Klima schaden. Der Ersatz von Alt gegen Neu ist Alltag in deutschen Heizungskellern – sollte man meinen.

Der Gasstreit von Rohracker

Auch Peter Mayer aus dem beschaulichen Stuttgarter Vorort Rohracker will seine in die Jahre gekommene Stromheizung loswerden. "Sie ist unwirtschaftlich und unökologisch", begründet der pensionierte Architekt, warum er auf effiziente Kraft-Wärme-Kopplung umsteigen will. Ein gasbefeuertes Mini-Blockheizkraftwerk soll nicht nur wohlige Wärme, sondern auch Elektrizität produzieren, die Mayer selbst verbrauchen oder ins örtliche Netz einspeisen kann.

Doch den riesigen Wärmespeicherblock im Keller des Doppelhauses kann Mayer auf absehbare Zeit nicht verschrotten. Der muss weiter unter Strom stehen, damit es keine kalten Füße gibt. Genauer gesagt: unter Nachtstrom, mit dem die Heizung betrieben wird. Denn die nächste Gasleitung endet einen Steinwurf entfernt weiter unten im Ort. Verzweifelt kämpft Mayer mit zwei Dutzend Nachbarn, die ebenfalls auf den Energieträger Gas umsteigen wollen, seit drei Jahren um ihre Verlängerung. Doch der Netzbetreiber Netze BW und städtische Ämter blockieren die Leitungsverlegung. Strittig sind Trassenverlauf und Kostenverteilung.

Der Gasstreit von Rohracker ist beispielhaft dafür, wie schwerfällig die Energiewende in Deutschland vorankommt. Elektrische Speicherheizungen sind ein Relikt aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Damals wurden sie als bequeme und günstige Alternative zu Kohle- oder Ölöfen propagiert. Stromheizungen brauchen keine Rohrleitungen, keinen Kamin, keinen Brennstoffkeller und arbeiten geruch- und abgasfrei, so die damaligen Botschaften. Massive Werbung, großflächige Förderprogramme und quer- und steuersubventionierte (Niederstrom-)Tarife förderten ihren Einsatz in Ein- und Mehrfamilienhäusern.

Die Energiekonzerne hatten auch andere Motive: Jede Stromheizung kurbelte die Nachfrage an, die man mit überschüssigem Nachtstrom aus den eigenen Grundlastkraftwerken befriedigen konnte. So sorgten bald Millionen Nachtspeicheröfen für eine bessere Auslastung der unflexiblen Kohlegroßkraftwerke und später auch der neu gebauten Atomkraftwerke in Deutschland.

Erst Atomstromofenvorschrift, dann Stromofenausstieg, dann auch hier: Ausstieg aus dem Ausstieg

Hausbesitzer Mayer hatte erst gar keine Wahl. Die Landeshauptstadt Stuttgart schrieb Anfang der 1980er-Jahre Stromheizungen für das neue Wohngebiet in Rohracker vor. Wohl nicht nur zur Luftreinhaltung: Das Kernkraftwerk Neckarwestheim, an dem die damaligen Technischen Werke der Stadt beteiligt waren, war kurz zuvor in Betrieb gegangen. Ein zweiter Block befand sich in Bau.

Doch die billigen Heizstromzeiten sind längst vorbei. "In den letzten Jahren haben sich die Heizkosten verdreifacht", klagt Mayer. Kostete das Heizen mit Nachtstrom in den 1990er-Jahren noch vier Cent pro Kilowattstunde, liegt der Preis heute bei durchschnittlich 20,6 Cent. Zuletzt explodierten die Tarife. 2013 schlugen die Versorger im Schnitt über 15 Prozent auf. Mehrfach hatte das Bundeskartellamt zuvor Missbrauchsverfahren eingeleitet. Zwischen 2010 und 2012 verdonnerte die Behörde rund zwei Dutzend Versorger zur Rückzahlung von rund 32 Millionen Euro an ihre Kunden, da sie überhöhte Preise verlangt hatten.

Ein Ende der Kostensprünge ist unwahrscheinlich. Zum einen, weil die Versorger offenbar immer weniger bereit sind, den Heizstrompreis durch Haushaltsstrom querzusubventionieren. Zum anderen, weil, wie Energieexperte Peter Kafke vom Verbraucherzentrale-Bundesverband erwartet, die Energiewende weitere Preisschübe beim Niedertarifstrom auslösen wird. Der Ausstieg aus der Atomkraft verknappt die Erzeugungskapazitäten im Grundlastbereich spürbar. So verbrauchten die noch rund 1,6 Millionen deutschen Nachtspeicherheizungen 2014 eine Elektrizitätsmenge von rund 13,2 Milliarden Kilowattstunden. Zum Vergleich: Block 2 des Kernkraftwerks Neckarwestheim, der Ende 2022 vom Netz gehen muss, produzierte im selben Jahr eine Brutto-Strommenge von knapp über 11,3 Milliarden Kilowattstunden.

Dabei schien die Zeit der Stromheizungen mit der Energieeinsparverordnung (EnEV) 2009 abgelaufen, die ihre schrittweise Außerbetriebnahme bis Ende 2019 vorsah. Im Mai 2013 kippte die schwarz-gelbe Bundesregierung das Verbot jedoch. Die großen Energiekonzerne, allen voran RWE und EnBW, hatten zuvor die Stromöfen als notwendig für die Energiewende ins Spiel gebracht. Dank der Lobbyarbeit dürfen Elektroheizungen nun unbegrenzt weiterbetrieben werden.

"Befürworter der Nachtspeicheröfen argumentieren, dass diese als Speicher für erneuerbare Energien verwendet werden können", erläutert Christian Stolte, Bereichsleiter Energieeffiziente Gebäude der Deutschen Energie-Agentur (dena). Dies stimme aber nur theoretisch. "Allerdings ist in einem Stromsystem mit hohen Anteilen von fluktuierenden Energien aus Sonne und Wind notwendig, dass Verbrauch und Erzeugung flexibel und kurzfristig aufeinander reagieren können", so Stolte. Alte Speicheröfen könnten dies nicht, da sie nicht über die dafür erforderliche Steuerung verfügen, die laufend mit dem Stromnetzbetreiber und Energieversorger kommuniziert. Zudem drängt Ökostrom vor allem im Hochsommer aus Sonnenkraftwerken ins Netz, zu einer Zeit, in der Speicherwärme kaum nachgefragt und verbraucht wird.

2012 bewies RWE nach eigenen Angaben, dass es doch funktioniert. Für einen Praxistest rüstete der Konzern die Speicheröfen in 50 Meckenheimer Haushalten mit Regelungstechnik nach. "Technisch funktioniert das System", beteuerte Norbert Verweyen, Technikchef der RWE-Effizienztochter, damals und versicherte: "Wenn wir nachweisen können, dass es sich wirtschaftlich rechnet, wollen wir 2014 damit auf den Markt kommen." Vermarktet werden sollte das Modell als "Windheizung" – wohl in der Hoffnung, die Assoziation der Elektroheizung mit Atom und Asbest zu vermeiden. Mittlerweile will RWE ein entsprechendes Tarifangebot frühestens für die Heizperiode 2015/2016 unterbreiten.

Von "flexiblem Wärmestrom" bis Wärmepumpe: bloß Pushups für ein veraltetes System?

Seit 2013 tüftelt auch der Karlsruher Energieversorger EnBW im Modellversuch "flexibler Wärmestrom" daran, das veraltete Heizsystem mit neuen Energieformen zu verknüpfen. Dabei kämpfte der Konzern anfangs mit unerwarteten Schwierigkeiten: In Boxberg im Main-Tauber-Kreis ließen sich nicht genügend freiwillige Teilnehmer finden, sodass das Versuchsgebiet mit 150 "Pionierhaushalten" auf angrenzende Landkreise ausgedehnt werden musste. Nach zweijähriger Versuchsdauer liest sich der Zwischenbericht vom vergangenen Juni ernüchternd. Gezeigt habe sich, dass das Prinzip funktioniert. Doch: "Die technische und energiewirtschaftliche Komplexität ist hoch", berichtet EnBW-Projektleiter Jan Gratenau. Wohl auch deshalb verlängerte die EnBW den Versuch um weitere zwölf Monate.

Für den Klimaschutz ist der Weiterbetrieb der veralteten Stromheizungen verheerend. "Bei Erzeugung und Transport von Strom geht viel Energie verloren. Das heißt konkret, dass für eine Kilowattstunde Heizenergie ca. 2,4 Kilowattstunden Energie in Form von Rohöl, Kohle oder Gas benötigt werden. Dies führt zu einem unnötig hohen CO2-Ausstoß und ist energetisch nicht sinnvoll", sagt dena-Experte Stolte. Das Angebot der Energieversorger, für Heizstrom Ökostromquellen anzuzapfen, verbessert die Bilanz nicht wirklich. Denn noch besitzt die besonders klimaschädliche Braun- und Kohleverstromung mit 43,6 Prozent einen hohen Anteil im deutschen Stromerzeugungsmix. Nach Berechnungen des Umweltbundesamts gingen so für jede Kilowattstunde Strom durchschnittlich 569 Gramm klimaschädliches Kohlendioxid in die Luft.

Experten warnen zudem vor vermeintlich sauberen Infrarot-Flächenheizungen, die bis zu 30 Prozent an Heizenergie einsparen sollen, zusammen mit hohem Komfort und sauberem Klimagewissen. "Auch die Infrarot-Flächenheizung wird mit Strom betrieben. Das ist in Deutschland nach wie vor die teuerste Energieform", erklärt Stefan Materne von der Verbraucherzentrale Energieberatung. Da die Heizung keinen Niedertarif nutzen kann, fallen im normalen Haushaltstarif gegenwärtig etwa 27 bis 30 Cent je Kilowattstunde an, für Gas hingegen rund sieben, für Heizöl umgerechnet etwa acht und für Holzpellets nur sechs Cent. Eine Infrarotheizung beschert ihrem Besitzer also im Vergleich zu Öl- oder Gasheizungen zwei- bis dreimal so hohe Kosten pro Kilowattstunde. "Der Vorteil der Infrarotheizung aufgrund vergleichsweise niedriger Investitionskosten ist damit in kurzer Zeit wieder aufgezehrt", resümiert Materne.

"Wenn Verbraucher mit Strom heizen möchten, sollten sie auf Wärmepumpen umsteigen. Die sind drei- bis viermal effizienter als Nachtspeicherheizungen", rät auch dena-Experte Stolte. Der Stuttgarter Peter Mayer und seine Nachbarn wollen auf jeden Fall weg vom Strom – und stehen weiter unter Spannung: "Uns wurde die Verlegung der Gasleitung nun für das zweite Halbjahr 2016 versprochen."


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2 Kommentare verfügbar

  • Markus Hitter
    am 26.09.2015
    Antworten
    Die Situation ist kompliziert. In der Schweiz klagen die Wasserkraftwerksbetreiber über die niedrigen Strompreise, die ihre Stauseen unwirtschaftlich machen. Gleichzeitig sinniert man dort über neue Atomkraftwerke.

    An der Leipziger Strombörse sinkt der Strompreis zweitweise ins Negative. Man wird…
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