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Flucht und Familiennachzug

Verflixte sieben Jahre

Flucht und Familiennachzug: Verflixte sieben Jahre
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Zahra ist aus Somalia geflüchtet. Nach sieben Jahren sieht sie ihre Familie wieder. Die Geschichte einer Familienzusammenführung am Stuttgarter Flughafen.

Nach außen wirkt Zahra sehr ruhig. Doch in ihren Augen, die zwischen der FFP2-Maske und ihrem Hijab glitzern, ist ihr die Aufregung anzusehen. Sie sitzt mit ihrem Sohn Rashid*, ihren Freundinnen Amina, Fatou und Ursula in der S-Bahn auf dem Weg zum Flughafen. Unruhig rutscht der sechsjährigen Rashid auf dem Sitz hin und her. Er wird in etwa einer Stunde zum ersten Mal in seinem Leben seinen Vater Bashir und seine Halbbrüder Sayid* (16) und Omar* (11) sehen.

Zahra ist seit sieben Jahren von ihrem Mann und ihren Söhnen getrennt. Ihre Freundin Ursula spricht ihr Mut zu, und dass alles klappen wird. Ursula engagiert sich in der Stuttgarter Geflüchtetenhilfsorganisation Just Human und kennt Zahra, die 2014 aus Somalia geflohen ist, seit 2015. Ursula erzählt von dem Kampf gegen die Bürokratie, der in Form von Formularen zwischen Ämtern, AnwältInnen, Botschaften und Zahra ausgetragen wurde. Nach fünf Jahren hat Zahra ihn gewonnen. Auch Amina wird ihren Sohn nach vielen Jahren endlich wieder in die Arme schließen können, Bashir hatte sich bereit erklärt, ihn zusammen mit Sayid und Omar mitzubringen.

Angekommen am Flughafen hopst Rashid auf der Rolltreppe auf und ab. "Wann kommt Papa an? Wann kommt Papa an?", fragt er aufgeregt, als sich das kleine Empfangskomitee auf den Weg zu Terminal 1 macht. Hinter Glasscheiben ruhen die Gepäckbänder und warten darauf beladen zu werden. Niemand ist zu sehen. Zarah schaut immer wieder nervös auf ihr Handy. Ursula beruhigt sie. Bashir und die Kinder hatten keine Probleme auf dem Flug von Nairobi nach Paris und dem dortigen Umstieg nach Stuttgart. Auf einem Monitor wird die Ankunft des Fliegers pünktlich angezeigt. Das seien doch gute Zeichen, sagt Ursula.

Amina und Zahra fassen sich an den Händen und warten.

Wie lange kann eine Stunde sein? Es ist die letzte Stunde von sieben Jahren, die Zahra noch von ihren Liebsten trennt. Sieben Jahre, in denen so viel passiert ist. In denen sie ihren ersten Mann in Somalia bei einem Bombenanschlag der Al-Shabaab-Miliz verloren hat. In denen sie wieder heiratete und schwanger wurde. Ihr neuer Mann Bashir wurde von ihrem Bruder verjagt, in dessen Augen war diese Bindung gegen die Scharia. Zahra wurde bedroht und sollte zu einer Abtreibung gezwungen werden. Auf Anraten ihrer Mutter und weil sie Angst um ihr Leben und das ihres ungeborenen Kindes hatte, floh sie schließlich. Aus Mangel an finanziellen Mitteln blieb Bashir zurück und kümmerte sich um die beiden Söhne Sayid und Omar.

Hochschwanger gelang Zahra mit finanzieller Hilfe von Verwandten die Flucht über Äthiopien, Sudan nach Libyen und dann im Schlauchboot über das Mittelmeer. In Seenot geraten wurde sie von der italienischen Küstenwache gerettet, die damals noch im Rahmen von "Mare nostrum" Geflüchtete auf dem Mittelmeer nicht ihrem Schicksal überließ. Von Italien kam sie schließlich über München und Karlsruhe nach Stuttgart. 2015 lernte sie Ursula kennen: im Frauencafé des Freundeskreis Neckarpark, das Ursula mitgegründet hat.

Auf dem Monitor ändert sich die Anzeige. Der Flieger aus Paris ist gelandet. Jetzt kann es nicht mehr lange dauern. Eines der beiden Gepäckbänder springt an. Koffer und Taschen purzeln von draußen herein. "Wann kommt Papa endlich!", ruft der kleine Rashid, der mit seinem Gesicht an der Scheibe klebt und Ausschau hält. Auch Zahra und Amina schauen gebannt, als die ersten Passagiere die Halle betreten und ihr Gepäck vom Laufband angeln. "Da sind sie noch nicht dabei, das sind die Passagiere aus Istanbul", erklärt Ursula.

Wieder warten. Und schließlich startet das zweite Band. Mittlerweile hängen alle an der Scheibe und halten Ausschau. "Da ist Sayid!", ruft Zahra und winkt. Sayid hat seine Mutter entdeckt und rennt auf die Scheibe zu. Hand auf Hand, Stirn auf Stirn und Freudentränen in den Augen. Neben Zahra stehen Amina und ihr Sohn auf beiden Seiten der Scheibe und ein sprachloser Rashid herzt seinen Vater Bashir und seinen Halbbruder Omar. Einzig die Scheibe trennt sie noch voneinander. Nach vielen Liebkosungen und Tränen durch die Scheibe machen sich die vier Ankommenden langsam auf den Weg, um ihre Koffer vom Band zu holen.

Bashir fällt auf dem Weg dorthin fast schon hörbar eine große Last vom Herzen. Seine Reise mit den drei Kindern hat ein gutes Ende gefunden. Auch er hatte sich am Papierkrieg der deutschen Behörden beteiligen müssen. Unter anderem musste er mit einer Genanalyse beweisen, dass er Rashids Vater ist. Auch war es nicht einfach eine Erlaubnis zu bekommen, Aminas Sohn, ein "fremdes" Kind, mitnehmen zu dürfen.

Auch Bashir hat lange und schwere Jahre hinter sich. 2018 floh er aus Angst um Sayid und Omar nach Nairobi, Kenia, unter anderem weil die Al-Shabaab-Miliz in Somalia Kinder als Selbstmordattentäter missbrauchte. Als Geflüchteter durfte er dort nicht arbeiten und einen Schulbesuch der Kinder, der nur für Kenianer kostenlos ist, konnte er sich nicht leisten. Der elfjährige Omar wird in Deutschland zum ersten Mal in eine Schule gehen. Drei Jahre des Wartens, in denen die kleine Familie hauptsächlich durch Spenden von Just Human lebte, finden hier am Flughafen Stuttgart ihr Ende.

Das Gepäckband ist stehen geblieben. Sayid hat seinen Rucksack auf und steht etwas verloren da. Sein Koffer ist irgendwo, nur nicht in dieser Halle. Die Begrüßung ohne die trennende Scheibe wird nochmal kurz verzögert, um eine Koffervermisstenmeldung beim Bodenpersonal anzuzeigen. Doch das ist schnell erledigt und am Ausgang der Halle liegen sich alle innig in den Armen. Es ist ein herzerweichendes Wiedersehen. Bis ein grantiger Zollbeamter die Familie anblafft, den Ausgang freizuhalten, weil dort auch andere Leute durchgehen wollen.

Langsam machen sich schließlich alle auf den Weg zur S-Bahn. Sie liegen sich in den Armen, halten sich an den Händen. Die Kinder sind am Rumrennen und Toben. Dass es von allem, was hätte schiefgehen können, nur ein Koffer ist, der fehlt, trübt die Freude über das Wiedersehen nicht im Mindesten. Beschwingt machen sich die wiedervereinten Familien auf den Weg nach Hause. Auch der Koffer wird ein paar Tage später den Weg dorthin finden.


* Namen geändert


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