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Wahlkampfbudgets in Baden-Württemberg

Hagel-Brief mit Überweisungsträger

Wahlkampfbudgets in Baden-Württemberg: Hagel-Brief mit Überweisungsträger
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Seit knapp fünf Monaten ist in Deutschland die neue EU-Verordnung zur politischen Werbung in Kraft. Alle wahlkämpfenden Parteien in Baden-Württemberg haben die verlangten Transparenzportale freigeschaltet. Über die Höhe der tatsächlichen Budgets sagen die aber keineswegs alles.

Die CDU im Land ist knapp bei Kasse – oder zumindest meint sie seit Monaten, dringend neues Geld zu benötigen. Vor Weihnachten, und da schon nicht zum ersten Mal, wandte sich Landes- und Fraktionschef Manuel Hagel an die Parteimitglieder mit einer guten Nachricht: Eine Spende könne mehr sein als ein finanzieller Beitrag, nämlich "ein klares Bekenntnis zu einem Land, das an sich glaubt, das den Mut hat anzupacken".

Genau dieses Bekenntnis wollten offenbar ausreichend viele Menschen aber nicht ablegen. Im Endspurt vor der Landtagswahl am 8. März ist die jüngste Welle von CDU-Bettelbriefen an potenzielle Geldgeber nicht nur noch deutlicher formuliert, sondern auch noch breiter gestreut. Das Online-Portal "apotheke-adhoc" hat öffentlich gemacht, wie Apotheker:innen von Hagel bedrängt werden: "Dem Brief liegt ein Überweisungsträger bei – bereits ausgefüllt." Als Name des Spenders sei die Apotheke eingetragen, sogar schon eine Spendennummer zugeteilt, und, als Alternative zum Zahlschein, ein QR-Code aufgedruckt.

Gratiswerbung für die AfD

Tobias Vogt, Generalsekretär des Landes-CDU, hatte im Herbst 2025 die AfD zum Hauptgegner im Wahlkampf erklärt – um die Grünen zu ärgern, die zu diesem Zeitpunkt, das erste und letzte Mal übereinstimmend, in Umfragen hinter der AfD auf dem dritten Platz lagen. Mit dem Manöver lieferte Vogt aber vor allem eine bedenkliche Steilvorlage, denn der Südwestrundfunk (SWR) sprang auf den Zug auf und getraute sich fortan nicht mehr, das übliche Duell der beiden Bestplatzierten zu planen. Stattdessen erweiterte der SWR die Runde reichlich verfrüht zum "Triell" – mit dem AfD-Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier. Der wird auf keinen Fall Ministerpräsident, mangels williger Koalitionspartner, und überdies will er persönlich auch gar nicht aus dem Bundes- in den Landtag wechseln. Indessen zählten solche Argumente nicht, ebenso der naheliegende Blick zurück: Anno 2011 gab es die Konfrontation von Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) und Nils Schmid (SPD), wiewohl die Grünen des späteren Regierungschefs Winfried Kretschmann in der Demoskopie schon auf Platz zwei rangierten. 15 Jahre später geht der SWR sogar noch einen großen Schritt weiter und bietet Markus Frohnmaier reichlich Zeit, seine AfD zu vermarkten: sogar eine ganze "Leute"-Sendung auf SWR 1 zwölf Tage vor der Wahl. Tobias Vogt übrigens hat ein Ziel der Hochreihung der AfD auf jeden Fall erreicht: Seinem Chef Manuel Hagel, der jedem Auftritt zu zweit mit Cem Özdemir konsequent aus dem Weg geht, bleibt auch das quotenstarke SWR-Duell mit dem Grünen erspart. Was ganz offensichtlich wichtiger war als mit dafür zu sorgen, dass es nicht zu diesem verqueeren Bemühen um Gleichbehandlung kommt und der AfD viele Sendeminuten, also üppige Gratis-Werbung, zuteil werden.  (jhw)

Die weitere Werbung um hochherzige Gaben ging ebenfalls an die rund 53.000 Mitglieder der CDU Baden-Württemberg. Unterschrieben sind sie mit dem inzwischen vielfach von Hagel verwendeten und sprachlich interessanten Zusatz "Ministerpräsident für Baden-Württemberg". Der Spitzenkandidat verspricht Vernunft statt Ideologie, Weltoffenheit statt Abschottung: "Damit dieser Aufbruch gelingt, bitte ich heute Sie persönlich um Ihre Unterstützung." Als Anreiz sind verschiedene Spendenpakete geschnürt, je nach Höhe der Unterstützung: Mit einer Spende von 500 Euro würden zusätzliche Flyer produziert, um "in den letzten Tagen wirklich jeden Haushalt" zu erreichen. Mit 1.000 Euro werde eine gezielte Social-Media-Kampagne gestartet, um Tausende unentschlossene Wähler punktgenau zu informieren. Und mit einer Spende in Höhe von 5.000 Euro werden die Teams flächendeckend für den Haustürwahlkampf ausgestattet.

Gerüchte über doppelt so hohen CDU-Etat wie 2021

Schon seit Monaten schwirren viele Gerüchte durch den Landtag von dem beeindruckend vielen Geld, das die Union für die Kampagne 2026 benötigt. Im vergangenen Herbst erzählten Besucher sogar, Hagel lasse sich für Auftritte bezahlen. Die Rede war die von einem Honorar in Höhe von 15.000 Euro, das sich vier Unternehmer geteilt hätten. Damit konfrontiert, nahm Fraktionssprecher Steffen Tanneberger unverzüglich Stellung und sprach von einem "Angriff unter der Gürtellinie". 

Anfang Februar kursierten unter Landtagsabgeordneten neue Gerüchte, diesmal über einen Etat von sechs Millionen Euro, also doppelt so viel wie 2021 für die damalige CDU-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann. Gesprächsstoff nach Firmenbesuchen, Terminen vor Ort oder öffentlichen Diskussionsveranstaltungen bieten auch die mit Hagel produzierten Reels, die beliebten Vertikal-Kurz-Videos. Beobachter:innen wundern sich über den Aufwand und über die intensive Nachbearbeitung. Kontext-Nachfragen in der CDU-Landesgeschäftsstelle zum Budget für die Hagel-Reels blieben unbeantwortet. 

Laut ihren öffentlich zugänglichen eigenen Angaben liegt das Wahlkampfbudget der Union deutlich unter der gerüchteweise kursierenden Summe: In den Transparenzbekanntmachungen, zu denen alle Parteien nach der EU-Verordnung zur politischen Werbung (TTPA oder TTPW) verpflichtet sind, weist der Landesverband für sich selbst als Sponsor insgesamt rund 2,74 Millionen Euro für alle aufgeführten Maßnahmen aus. Den Löwenanteil machen 1,702.320,47 Euro netto für Flyer aus, gefolgt von  831.021,80 Euro netto für Großflächenplakate und digitale Werbeflächen, 135.123,00 Euro für TV- und Radiowerbung, 71.341,22 Euro für Plakate in den Formaten A0 und A1 und 3.712,54 Euro für Bauzaunbanner. Für Mailings sind keine Kosten angegeben beziehungsweise "X.XXX,XX Euro", für Zeitungsanzeigen "X,XX Euro".

Die EU reagierte auf zunehmende Desinformation

Mit den neuen TTPA-Vorgaben, die seit vergangenen Oktober auch für Deutschland gelten, hatte die EU auf "die Zunahme der Komplexität von Desinformation, die Diversifizierung der Akteure, die rasche Entwicklung neuer Technologien und die verstärkte Verbreitung von Informationsmanipulation und Einflussnahme auf demokratische Wahl- und Regulierungsprozesse" reagiert. Ausdrücklich ausgenommen ist, wenn Kandidierenden ein bestimmter öffentlicher Raum zur Verfügung gestellt wird – wie in Frankreich üblich zum Beispiel gemeinsame Plakatwände für alle am Ortseingang, oder wenn Parteien bestimmte Sendezeiten im Fernsehen bekommen, immer unter der Voraussetzung, dass dies "fair und diskriminierungsfrei und auf der Grundlage transparenter und objektiver Kriterien erfolgt". 

Auf den einschlägigen Portalen von Grünen, CDU, SPD, FDP und der Linken sind jene Angaben, die die Verordnung verlangt, für alle Interessierten frei zugänglich – zum Beispiel durch QR-Codes auf Plakaten. Die Grünen haben verschiedene "Transparenzhinweise" veröffentlicht, zu den Großflächenausstellern oder zu Materialien, die der Landesverband für 472.542 Euro netto stellt. "Die Verteilung der finanziellen Ressourcen innerhalb der Partei ist so angelegt, dass den Kreisverbänden ein umfangreiches eigenes Budget zur Verfügung steht, über das sie eigenständig verfügen", erläutert Theresa King, in der Landesgeschäftsstelle zuständig für Öffentlichkeitsarbeit.

Ihre SPD-Kollegin Sophia Zimmermann spricht von 1,3 Millionen Euro, die in den Wahlkampf investiert werden, und hat keine Scheu vor Details: Der größte Anteil fließt danach in die landesweite und Vor-Ort-Plakatierung, darunter Großflächenplakate, A1- und A0-Plakate sowie digitale Flächen, mit einem Volumen von etwa 700.000 bis 800.000 Euro. Weitere Mittel sind für Postwurfsendungen in Höhe von rund 100.000 Euro vorgesehen, für Social-Media- und Online-Werbung bis zu 50.000 Euro. Der Landesverband der Liberalen wiederum hat sein Budget im Vergleich zu 2016 und 2021 mit 1,5 Millionen Euro "deutlich erhöht", wie FDP-Sprecher Philipp Nellißen mitteilt. Vor den Landtagswahlen 2016 und 2021 seien jeweils rund eine Million Euro in die Kampagne geflossen. Weit weniger ist es bei der Linken im Land: Sie weist in ihren Transparenzangaben rund 350.000 Euro für die Wahlkampffinanzierung aus – der größte Posten sind "Mobile Großflächen" mit 140.431 Euro. Die AfD übrigens schweigt.

Özdemir bei Social Media vorne, Hagel sehr sparsam

Dass die TTPA-Verordnung Wahlkämpfe grundlegend verändert und weiter verändern wird, lässt sich schon daran ablesen, dass der US-Konzern Meta die Reißleine gezogen hat und keine Wahlkampf-Posts mehr verbreiten lässt – die EU-Verordnung enthalte "nicht praktikable Anforderungen", teilte Meta mit. Unabhängig davon haben die Kandidierende nach wie vor ihre Auftritte auf den verschiedenen Social-Media-Portalen, mit teils großen Unterschieden bei der persönlichen Reichweite.

Manuel Hagel hat in den vergangenen Wochen zugelegt und interessiert inzwischen auf Facebook, X oder Instagram zusammen knapp 47.000 Follower für sich (Stand 24. Februar). Özdemir, früher bekanntlich Bundesminister, Parteivorsitzender und Abgeordneter in Bundestag und Europaparlament, liegt noch immer weit voraus, rund 744.000 Menschen folgen ihm auf den drei Portalen. Dennoch hat sich der CDU-Spitzenkandidat ausweislich der Transparenzangaben eine überraschende Zurückhaltung auferlegt, auch in der Nutzung von Papier. Für Bauzaunbanner gibt sein Kreisverband Alb-Donau immerhin 6.556 Euro aus, für Plakate aber nur 997 Euro.

Noch aufschlussreich ist der Umgang mit den Flyern, die derzeit alle Baden-Württemberger:innen in ihren Briefkästen finden. Denn der ist gerade bei schwarzen Direktkandidat:innen höchst unterschiedlich. Zahlreiche CDU-Bewerber:innen setzen hohe vierstellige oder niedrige fünfstellige Summen ein. Spitzenreiter ist der Landtagsabgeordnete Thomas Dörflinger aus Biberach, dessen Kreisverband allein zwischen dem 12. Februar und dem 8. März mehr als 20.000 Euro in diese Art Werbung steckt. Bemerkenswert sparsam und bescheiden operiert hingegen der Spitzenkandidat persönlich: In Hagels Wahlkreis 65 sind für die "Veröffentlichung/Zustellung/Verbreitung" von Flyern zwischen dem 11. Dezember 2025 und dem 8. März 2026 ganze 712 Euro angegeben. Und 79 Cent. Nicht nur Parteifreund:innen fragen sich jetzt: Wer zahlt den Rest?

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