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Grüner Landesparteitag

Vor der Testamentseröffnung

Grüner Landesparteitag: Vor der Testamentseröffnung
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Die Nummer eins der Landes-CDU Manuel Hagel will Winfried Kretschmanns beerben und tut so, als hätte die CDU nie mit den Grünen regiert. Die wiederum nutzen ihren Landesparteitag, um grüne Regierungserfolge zu betonen und sich in Wahlkampfstimmung zu bringen.

In etwa 80 Tagen wird gewählt in Baden-Württemberg. Die Grünen wähnen sich in der Aufholjagd, nachdem sie in der Demoskopie deutlich hinter der Südwest-CDU liegen. Die wiederum steckt – selbstgewählt – mitten in einem waghalsigen Experiment. Von wegen Interesse an der Hinterlassenschaft. Der Machtwechsel soll gelingen dank einer weitgehenden Unterschlagung.

Denn Manuel Hagel ist so erfüllt von seiner Verheißung, mit ihm werde alles neu im Land, dass er zum Start in die heiße Phase des Landtagswahlkampfs sogar den Leistungen der eigenen Partei kaum Platz einräumt. Nur um sie ja nur nicht erwähnen zu müssen: die unzweifelhaft vorhandenen grün-schwarzen Erfolge der beiden Legislaturperioden seit 2016. Eigene Mitverantwortung für die Ära Kretschmann konkret zu würdigen, fällt ihm nicht ein. Lieber greift er in seinen Standardreden sogar zum Stilmittel der Schwarzmalerei.

Ein Thema, zwei Herangehensweisen

Manuel Hagel (CDU) ist Daimler Truck eine Erwähnung wert in seiner Aufzählung baden-württembergischer Unternehmen im Abwärtssog, von Bosch bis Mercedes-Benz, von Mahle bis ZF. Deutschland sei seit Jahren in wirtschaftlichem Niedergang, die Lage inzwischen dramatisch, zitiert er gerne Katastrophen-Apologeten und den Satz: "Die Hütte brennt." Für die Grünen war die Entwicklung beim Nutzfahrzeughersteller mit Sitz in Leinfelden-Echterdingen und Dutzenden Standorten weltweit ein Grund, Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht als Gastredner auf den Ludwigsburger Landesparteitag einzuladen. Der ging ins Detail und schilderte, wie in den Werken Stuttgart, Mannheim, Wörth, Gaggenau, Kassel und Berlin einerseits Kosten und durch Fluktuation Stellen abgebaut werden, andererseits aber ein Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen bis 2034 ausverhandelt ist. Er sprach vom "Zukunftstarifvertrag" als Vorbild zur Standortsicherung. Die Beschäftigten würden ihren Beitrag durch mehr Effizienz oder Produktivitätssteigerung bringen, das Unternehmen liefere aber ebenso, weil "Sparen allein keine Strategie ist". Der gelernte Kfz-Schlosser hatte zwei Appelle an politische Entscheider:innen dabei: die Herstellung heimischer Batteriezellen zu fördern, weil "Zellen für unsere Wettbewerbsfähigkeit extrem wichtig sind", und bei der EU für eine veränderte Beihilfen-Praxis zu kämpfen, damit finanzielle Unterstützung auch funktionierenden Regionen zugutekommen. "Es kann nicht sein, dass wir uns erst runterwirtschaften müssen, bevor wir uns wieder hochwirtschaften dürfen", so Brecht. Die gute Nachricht gab's als Draufgabe: Die Wertschöpfung sei hierzulande bei einem E-Truck sogar leicht höher als bei einem Dieselfahrzeug, das aber sei noch zu wenig bekannt.  (jhw)

Die Absicht liegt auf der Hand: die Rolle der CDU zu überhöhen als Retterin in großer Not. Die Pläne packt der 37-Jährige in pathetische Formeln. Er will Baden-Württemberg "wieder in Schwung bringen", als läge es wie gelähmt wahlweise auf dem Boden oder in der Hängematte. Er will es "wieder an die Spitze führen" und dem Südwesten "wieder den Glauben an sich selber zurückgeben". Dafür gibt es viel Applaus in der eigenen Blase. Manche, sogar in der eigenen Fraktion, mutmaßen sogar, dass sich gerade deshalb an der zweifelhaften Strategie bis zum Wahlsonntag nichts mehr ändern könnte – damit, wie einer sagt, "der neue Spirit keine Kratzer bekommt".

Kretschmann im Wahlkampf-Turbo

Wenn das mal gut geht. Denn auf diese Weise bleibt dem Erblasser jede Menge Raum, unwidersprochen die eigene Positivbilanz auszurollen und auf dem grünen Konto zu verbuchen. Auf der Landesdelegiertenkonferenz seiner Partei am vergangenen Wochenende in Ludwigsburg wusste Kretschmann diese Chance weidlich zu nutzen. "Ich sehe viele Jüngere im Raum", so der einstige Studienrat aufgeräumt und kampfeslustig, "von denen vielleicht manche gar keine Erinnerung daran haben, wie die Politik in Baden-Württemberg aussah nach fast sechs Jahrzehnten schwarzer Dauerregierung."

Der Regierungschef, dem über die Jahre hinweg zahllose Zeitgenossen und mediale Analysen bescheinigten, er könne ebenso gut wie bei den Grünen auch Mitglied der CDU sein – mit einer etwas gründlicheren Bestandsaufnahme der Fakten wären sie vor einem solchen Pauschalurteil zurückgeschreckt –, zählt zuerst die bei seinem Regierungsantritt 2011 angetroffenen Missstände auf: Ganztagsschulen gab es lediglich als Schulversuch, "jedes Windrad wurde von der Regierung einzeln bekämpft, homosexuelle Paare konnten nicht auf dem Standesamt heiraten, sondern mussten zur Kfz-Zulassungsstelle". Die Grünen seien es gewesen, die "die Fenster geöffnet und frische Luft reingelassen haben". Für seinen Blick zurück bot der Ex-Maoist sogar Ghandi auf: "Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich – und am Schluss gewinnst du."

Nachdem er den Wahlkampf-Turbo schon mal angeworfen hatte, machte er gleich weiter mit der Testamentseröffnung. Gleich mehrfach bekam Manuel Hagel – ohne Namensnennung – sein Fett ab, weil der neuerdings, parteihistorisch eher schwach auf der Brust, Lothar Späth als ein großes Vorbild bemüht. Er spricht von der Gegenwart als "Lothar-Späth-Zeiten", die nach "Lothar-Späth-Entscheidung" verlangten. Eine solche mit Nachwirkungen in Euro und Cent bis heute hält ihm Kretschmann streng vor. Späth hatte in seiner CDU-Alleinregierung, der letzten ihrer Art übrigens, Spielraum für weitere Kreditaufnahmen eröffnet, indem er bisherige Schulden in eine neue Landesholding verschob. Und an diesen zusätzlichen Krediten zahle das Land bis heute, ereiferte sich der Ministerpräsident, gefeiert von den Parteitagsdelegierten. Erst recht für das Bekenntnis: Er sei "so was von froh", dass Cem Özdemir als Nachfolger bereitstehe. Ein Nachfolger – noch eine Breitseite gegen den Rivalen –, "der keine Lehrzeit braucht, kurz und gut einer, der es kann".

Vielen Parteifreund:innen im Saal, manchen Besucher:innen aus Verbänden, Gewerkschaften und selbst Medienvertreter:innen dämmert, dass einer wie der 77-Jährige in dieser Hochform sich noch als Trumpfass erweisen könnte im relativ kurzen Winterwahlkampf. Nicht von ungefähr zierte den Vorplatz der Halle ein Plakat mit dem Vorgänger und dem Wunsch-Erben im Großformat. Die Grünen haben mit dem in wenigen Tagen 60-jährigen Bad Uracher nicht nur den bekannteren, den versierteren, den beliebteren Spitzenkandidaten, sie haben mit dem Amtsinhaber ein weiteres Zugpferd im Stall. Und sie haben sich selbst.

Hagel in der Flaute

Parteitage von Programmparteien sind immer auch Volkshochschulveranstaltungen für die eigene Basis. Die vielen Debattenbeiträge zahlen aufs in den kommenden Wochen so dringende notwendige Argumente-Konto ein. Wenn Wahlprogramme wenig bis gar nicht gelesen werden, hilft es, sich mit knappen Botschaften auf- und nachzurüsten in den vielen Stunden, in denen die einzelnen Kapitel diskutiert wurden. Bis hin zu den Mahnungen der Grünen Jugend, im Klimaschutz zuzulegen. "Inhaltliche Substanz zeigt sich nicht, wenn es einfach ist", fasst die frühere Bundesvorsitzende Ricarda Lang die Stimmung zusammen, "sondern wenn es kompliziert wird". Und dafür seien alle gerüstet.

Ausgabe 737 vom 14.05.2025

"Eigentlich ein witziger Kerl"

Von Johanna Henkel-Waidhofer

Bisher probierte sich Manuel Hagel aus in der Rolle des Hoffnungsträgers. Am Wochenende wird der 37-Jährige von seiner CDU zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2026 gekürt, um Baden-Württembergs Regierungssitz nach 15 Jahren von den Grünen zurückzuerobern.

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Wer sich dagegen als Kanzler- oder Kandidatenwahlverein versteht, wie es lange Tradition bei CDU und CSU ist, muss tatsächlich vor allem auf die Strahlkraft des Vordermanns setzen. Und der ist diesmal im Südwesten besonders gefragt: Bis 2011 waren Ministerpräsidenten zugleich Landesvorsitzende, die Landtagsfraktion hatte aber einen eigenen Vorsitzenden. Nach dem Machtwechsel war der Landesvorsitzende der Südwest-CDU nie zugleich auch Spitzenkandidat. Jetzt aber sind alle drei Funktionen in Personalunion vereint.

Die Fieberkurve steigt entsprechend, zumal der so sehr aus Berlin erhoffte Rückenwind nicht weht und Hagel in der Flaute, siehe seinen bemerkenswerten Auftritt beim Deutschlandtag der Jungen Union, mittlerweile sein Heil in offener oder kaschierter Kritik am Parteifreund im Berliner Bundeskanzleramt sucht. Ob ihm das positiv angerechnet wird, steht dahin. Selbst Anhänger:innen von Angela Merkel müssen verwundert miterleben, wie er sie keilt mit der Ankündigung, "unser Land wieder in Ordnung zu bringen und den Zustand von vor 2015 wiederherzustellen".

Grüne aufgeräumt und zuversichtlich

Dieses und die anderen zweifelhaften Manöver eröffnen im Netz zu allem Überfluss die rechte Flanke. Zuhauf werfen AfD-Fans der CDU vor, in der Regierungszeit mit den Grünen erstens nichts erreicht, sondern stattdessen eigene Überzeugungen verraten zu haben; und zweitens ähnlich falsche Versprechungen zu machen wie die Union auf Bundesebene, speziell bei Friedrich Merz' wankelmütigem Umgang mit dem Thema Schuldenbremse. Hämische Kommentare aus dem blauen Lager sind so zahlreich, dass online gegenzusteuern nicht zu schaffen ist.

Und doch ist die größte Schwäche des Möchtegern-Erben und seines Teams noch eine ganz andere: Emsig wird an einer eigenen Realität gebastelt, die nicht nur mit Baden-Württemberg wenig zu tun hat – siehe Schwarzmalerei –, sondern der grünen Konkurrenz nicht gerecht wird. Özdemir hat die Nase nicht vorn, Özdemir muss aufholen. Özdemir hat in Ludwigsburg den Wahlkampf angeheizt mit seinem derben, aber eben nicht zu bestreitenden Vorwurf, die CDU habe den Leuten rotzfrech ins Gesicht gelogen. Aber wenn Hagels wichtigster Sekundant, der schwarze Generalsekretär Tobias Vogt, in seiner Reaktion darauf die Grünen als "in Panik" und "gefangen zwischen Trotz und Tränen" beschreibt, hat er entweder keine Ahnung oder versucht wissentlich, einen falschen Eindruck zu erwecken. Genauso wie sein Chef, der auf X wissen machen will, dass die Grünen moralisierten, skandalisierten und sich empörten.

In der wirklichen Welt war die Öko-Partei im Südwesten schon lange nicht so aufgeräumt und zuversichtlich wie am vergangenen Wochenende. "Es wird der Wahlkampf unseres Lebens", ruft der Spitzenkandidat und erntet tosenden Beifall, "es wird der Wahlkampf meines Lebens." Der Erblasser hatte sich da längst öffentlich festgelegt. Zum ersten Mal in aller Deutlichkeit und schon wieder nicht ohne Seitenhieb auf den Hoffnungsträger der Konkurrenz. Wenn es in einem Handwerksbetrieb schwierig werde, so Kretschmann knitz, rufe "man ja auch nach dem Meister und nicht nach dem Gesellen". So sei es auch in Baden-Württemberg: Das Land brauche jetzt den Besten. Und das sei nun mal Cem Özdemir.

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5 Kommentare verfügbar

  • Bodo Sinn
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    Reply
    Hat der Herr Hagel sich eigentlich schonmal gefragt was die Wirtschaftsministerin so den lieben langen Tag treibt, wenn die Lage schon so aussichtslos ist?
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