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Presse in Baden-Württemberg

Von der Vielfalt zur Einfalt

Presse in Baden-Württemberg: Von der Vielfalt zur Einfalt
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Die SPD im Stuttgarter Landtag sorgt sich um die Pressevielfalt. Das ist löblich. Als Mitstreiter tauchen Verleger-Lobbyist Valdo Lehari jr. und diverse Chefredakteure auf. Das ist komisch.

Ehre wem Ehre gebührt. Valdo Lehari jr., 69, betritt den Saal. Die Veranstaltung kann beginnen. Aufgerufen ist das Thema "Starke Stimme für die Demokratie – Pressevielfalt erhalten". Dazu spricht der Vizepräsident des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger, der Vizepräsident des europäischen Zeitungsverlegerverbandes, der Vorsitzende des Verbandes Südwestdeutscher Zeitungsverleger, der Vorsitzende des Verbandes Privater Rundfunkanbieter Baden-Württemberg, das Mitglied im Medienausschuss der CDU und im ZDF-Aufsichtsrat, der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der dpa und Verleger des "Reutlinger Generalanzeigers" (GEA), Auflage 31.000. Lehari ist das alles in einer Person.

Geladen hat die SPD-Fraktion im Stuttgarter Landtag. Sie hat erkannt, dass es um die Pressevielfalt nicht gut bestellt ist. Gastgeber Andreas Stoch warnt gar vor einem "Gesundschrumpfen bis zur eigenen Auflösung". Nun ist dieser Umstand nicht neu, wird vom Publikum aber nicht als lebensbedrohlich empfunden. Das war im Übrigen auch bei der Politik so, die mit ihrer Presse ganz zufrieden war, solange alle in Ruhe ihren Geschäften nachgehen konnten. Also piano.

Jetzt laufen die Geschäfte schlecht, besonders bei den Zeitungen, und plötzlich sitzen keine Journalist:innen mehr in den Gemeinderäten. Das klingt banal, ist es aber nicht, weil die Pressebank untrennbar mit der Demokratie verknüpft wird, was okay ist, wenn dort ein ordentlicher Job gemacht wird. Was ist aber, wenn niemand kommt? Dann schlagen Bürgermeister und Landräte Alarm, dann bitten Verleger und Chefredakteure ganz schnell zum Gespräch (Kontext berichtete). Bei derlei Unterredungen zeigt dieses Personal gerne Verständnis, verweist dann aber auf geschmackliche Veränderungen bei der Kundschaft, sprich auf notwendig unterhaltsame Elemente, um anschließend aufs Eigentliche zu kommen: die alles bedingende Ökonomie. Sie verlangt nach ständigen Einsparungen, weniger Stellen, und wenn auf denen niemand mehr sitzt, bleibt eben auch die Pressebank im Rathaus leer.

Valdo Lehari jr. ist bei der Demokratie beschäftigt

Dem "Angestellten der Demokratie" (Lehari über Lehari) tut das in der Seele weh. Er selbst hat es ja noch gut. Er kann ein Foto von sich in seine Zeitung stellen lassen, auf dem er neben Wolfgang Grupp zu sehen ist, am Tag, als Helene Fischer zum 100-jährigen Trigema-Jubiläum sang. Er kann neben Günther Oettinger stehen, der schaut, dass er nach Reutlingen kommt, wann immer es etwas zu feiern gibt. Er kann Winfried Kretschmann in regelmäßigen Runden beistehen, wenn der Regierungschef profunden Rat in Mediendingen braucht. Aber die Demokratie, dieses verletzliche Wesen, ja die hat keinen Platz mehr, "wenn die freie Presse stirbt".

Um dies abzuwenden, ist Lehari rastlos unterwegs, seit 1975, seit er Medienpolitik betreibt. Für Europa kämpft er in Brüssel, für Deutschland in Berlin, für den Südwesten in Stuttgart, für den GEA in Reutlingen, wo einst Theodor Heuss als freier Journalist gearbeitet hat. Aber das ist lange her. Heute drängen die Freien nicht mehr ins Haus. Schmal sind die Honorare, ohne Tarif die neugegründeten Gesellschaften, wenig verlockend die Strategie "GEA 2025", die lediglich Stabilität verspricht. Doch das wäre schon viel, angesichts des düsteren Szenariums, das Lehari im Landtag beschreibt. Auflagen und Werbung runter, Jahr für Jahr, jetzt die Energiekosten hoch, die Papierpreise um sage und schreibe 168 Prozent. Da stelle sich die "Existenzfrage".

Das Zauberwort heißt Qualitätsjournalismus

Markus Pfalzgraf vom DJV lenkt den Blick auf den gemeinnützigen Journalismus.

Kontext ergänzt

Dass das deutsche Pressewesen nicht nur aus Privatverlagen besteht, diesen Umstand zu erwähnen, blieb Markus Pfalzgraf vorbehalten. Der Landesvorsitzende im Deutschen Journalistenverband bezeichnete den gemeinnützigen Journalismus als "Ergänzung zu den etablierten Medien" und verwies dabei auf Kontext und das neu gegründete Projekt "Karla" in Konstanz. Sie würden helfen, die Medien in Baden-Württemberg vielfältiger aufzustellen. Dies könnte umso wichtiger werden, als der Verband Südwestdeutscher Zeitungsverleger selbst vor einer "Implosion des Geschäftsmodells" warnt. In einer zweiten Runde will die SPD das Spektrum erweitern.  (jof)

Und was passiert hier? Sonntagsreden, schimpft er. Als Ober-Lobbyist der Verleger kann er das beurteilen, hat viele gehört und selbst gehalten, immer wieder erzählt bekommen "wie wichtig wir sind", und es immer wieder geglaubt. Bis vor 15 Jahren, nach der Lehmann-Pleite, als der Absturz begann, da war es "fünf vor zwölf", sagt er, heute ist es "fünf nach zwölf", weil die Gegner Google & Co. sind. Die Zeiten haben sich verschoben und mit ihnen die Machtverhältnisse, in denen er zur Billardkugel in einem Spiel wird, das seine Regeln der old economy außer Kraft gesetzt hat. Er hat noch gelernt: "Ohne Einzelhandel keine Lokalzeitung". Die Oligarchen der "sozialen Medien" brauchen keine Metzgermeister als Anzeigenkunden.

Andererseits schwärmt Lehari von Rekord-Reichweiten, die sie in Corona-Zeiten gehabt hätten. Das zeige doch das überragende Vertrauen der User in ihre digitalen Angebote. Aber so viel Hass! Verloren wäre er im Gestrüpp von Fakten und Fakes – wenn es das Zauberwort nicht gäbe: Qualitätsjournalismus. Der ist einfach überall. Selbst wenn die letzte Journalistin, der letzte Journalist den Hungertod gestorben ist, es gibt ihn immer noch.

Davon sind alle im Plenarsaal überzeugt. Auch die Chefredakteure regionaler Presseerzeugnisse, welche dieses Genre ebenso preisen wie Lehari, die Klickzahl als Parameter fest im Blick. Das erscheint problematisch, weil im Netz viele Verlockungen trivialer Natur herumgeistern, bewusst gesetzt von den Rot- und Blaulicht-Spezialisten in den Redaktionen, die gehalten sind, hohe Reichweiten zu erzielen – und damit auch die Rutschbahn in die Printausgabe bauen. Andererseits, was sollen sie auch sagen, die geplagten Redaktionsmanager? Dass sie überall ausdünnen, zusammenlegen oder gleich rausschmeißen (müssen)? Sie versuchen es mit einer schmerzhaften Turnübung zwischen zwei Welten, mit einem Spagat, Restbestände journalistischer Ethik im Hinterkopf.

Der Wurm muss dem Fisch schmecken

Karsten Kammholz vom "Mannheimer Morgen": "Wir halten die Demokratie am Leben", aber "Wir haben nicht die personellen Ressourcen". "Wir wollen unserer Wächterrolle gerecht werden", aber "Unser Haus ist nicht mehr in der Lage, Tarif zu bezahlen".

Der Chefredakteur der Ulmer "Südwestpresse", Ulrich Becker, ist da entschiedener. Er sagt, der Wurm müsse dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. In den Online-Ausgaben der Stuttgarter Blätter wird der Frage nachgegangen, welche "Risiken beim Analverkehr" bedacht werden müssten. Insofern sei der SPD angeraten, beim nächsten Mal auf die Redaktionsmanager als Kronzeugen des Qualitätsjournalismus zu verzichten.

Aber halt, der Chefredakteur der "Rhein-Neckar-Zeitung", Klaus Welzel, kann von einem Wächterpreis für die Enthüllung eines Bluttestskandals am Heidelberger Uniklinikum berichten, die Redaktionsleiterin der "Geislinger Zeitung", Kathrin Bulling, stellt fest, bei ihr würden frei werdende Stellen sogar nachbesetzt. Das geht also auch.

Nur der Betriebsratschef redet Tacheles

Und dann ist da noch Michael Trauthig, der Betriebsratsvorsitzende der Medienholding Süd, welche das Fusionsorgan aus "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" hervorbringt. Deren Führungskräfte sind nicht eingeladen, was unter dem Thema des Tages ("Pressevielfalt erhalten") konsequent ist. Trauthig redet Tacheles. Über die 120 Stellen, die in den letzten sieben Jahren in den Redaktionen des Stuttgarter Pressehauses geschleift wurden, über die Reallohnverluste, über die Anbiederung an den Massengeschmack und die Zeit, als die Zeitung noch definiert hat, was wichtig ist. Auch die Mitverantwortung Leharis bringt er zur Sprache. Wie viele seiner Verlegerkollegen ist der Reutlinger Jurist an der Muttergesellschaft SWMH beteiligt. Das lässt der Multifunktionär unkommentiert stehen.

Fuchsig wird er erst, als der promovierte Historiker die Abschaffung des Tendenzschutzes fordert. Das ist verständlich, weil es sich mit diesem grundgesetzlich garantierten Recht, das auch die Kirchen haben, gut leben lässt. Als Arbeitgeber. Die Mitbestimmung ist eingeschränkt und die Bilanz geheim, so dass der Betriebsrat nie weiß, wie es um das Unternehmen wirklich bestellt ist.

Lehari sagt, das sei ein "romantisches Thema", eine "Nebensache". Stattdessen bedürfe es einer "Chefsache", die er in Berlin ansiedelt, wo über finanzielle Wohltaten für die Verlage entschieden wird. Das aber dauert und dauert, während dem schwäbischen Zeitungsfürsten Schlimmes schwant. "Wenn wir sterben", sagt er, "stirbt die Demokratie". Es bleibt der Eindruck, dass Lehari an dem kausalen Zusammenhang noch arbeiten muss.


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2 Kommentare verfügbar

  • Ruby Tuesday
    am 22.10.2022
    Antworten
    Die SPD sorgt sich wieder einmal um die Pressefreiheit. Das mag an Herbstdepressionen, am Oppositionsstatus oder daran liegen, dass die Städte und Stuhlkreise in den Gemeinen überwiegend von CDU-Bürgermeistern besetzt sind. Anderfalls solchen, die man von CDU-Bürgermeistern nicht unterscheiden kann.…
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Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 2 Tagen 22 Stunden
Sehr interessant!


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