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OB-Wahl in Tübingen

Er kann einfach nicht anders

OB-Wahl in Tübingen: Er kann einfach nicht anders
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Der kleinen großen Stadt geht es gut, ihr Oberbürgermeister ist der bekannteste im ganzen Land, und alle hacken auf Boris Palmer herum. Der tut zwar viel, was das rechtfertigt, aber womit glänzt die Konkurrenz vor der OB-Wahl am 23. Oktober? Eine Suche nach Spuren.

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Da steht er nun und kann nicht anders. Auf dem Tübinger Marktplatz hat er eine grüne Gemüsekiste vor sich, darauf ein Schild mit blauer Schrift. "Für uns hilft nur Helmut Palmer", verspricht es etwas ungelenk, und so stellt sich zunächst die Frage, warum der Sohn auf ein verblichenes Werbemittel seines Vaters zurückgreift? Das Schild ist von 1974.

Palmer junior dreht den Kopf leicht nach rechts und sagt, zehn Meter weiter habe er mit seinem Vater Obst und Gemüse verkauft, dazu seine Bücher, die er alle mit "nulli cedo" unterschrieben habe. Das kommt aus dem Lateinischen und heißt "ich weiche niemanden" oder "ich mache niemandem Zugeständnisse". Manche deuten es auch als: Ich kann nicht anders. Es war das Motto des Universalgelehrten Erasmus von Rotterdam, weshalb der Junge den zweiten Vornamen Erasmus erhielt, und das "nulli cedo" seinen aktiven Wortschatz schmückt, vor dem sich viele fürchten.

Zweiter Platz, nein danke

Zur OB-Wahl am 23. Oktober treten vier Männer und zwei Frauen an. Als Favorit gilt Amtsinhaber Boris Palmer, der 2006 erstmals zum Oberbürgermeister Tübingens gewählt wurde. Bei seiner Wiederwahl 2014 erhielt er noch 61,7 Prozent der Stimmen. Gefährlich werden könnten ihm Sofie Geisel, die von SPD und FDP unterstützt wird, sowie Ulrike Baumgärtner von den Grünen. Wie sich die Gewichte verteilen, ist offen – Umfragen dazu gibt es nicht. Als Zählkandidaten gelten Markus Vogt von Der Partei, der Ingenieur Sandro Vidotto (unabhängig) und der Bademeister Frank Walz (unabhängig). Gegenüber Kontext hält Palmer fest: "Wenn ich an zweiter Stelle bin, trete ich nicht mehr an."  (jof)

Boris Erasmus Palmer, 50, Waldorfschüler, Lehramtsstudium, Vater dreier Kinder, Facebook-Fex und Buchautor, grüner Politiker mit derzeit ruhender Parteimitgliedschaft, womöglich berühmtester Oberbürgermeister Deutschlands, ist vor allem eines: der Überzeugung, im Besitz der Wahrheit zu sein und seine Wahrheit bis zum letzten Atemzug verteidigen zu müssen. Mit klaren Worten, ohne begrifflichen Schmus, der ihm körperliche Pein bereitet. Achtsamkeit ist so einer. "Wer’s gerne sensibel mag, ist bei mir falsch", gibt er zu Protokoll, eine "Stildebatte ist heute Luxus, absolute Nebensache". Fakten, Fakten, Fakten, will er – beim Klima, beim Verkehr, beim Wohnen. Und bitte kein Gendersternchen. Auf keinen Fall aus Opportunitätsgründen nachgeben. Vater Helmut hat ihm noch kurz vor seinem Tod gesagt: Aufrecht sterben wie ein Baum. Dieses Erbe, betont der Sohn, werde er "nicht preisgeben".

"Runter vom Pavianhügel", sagt SPD-Frau Geisel

Ein paar Meter weiter, auf Kopfsteinpflaster vorbei an hübschen Fachwerkhäusern, in der schnuckeligen Marktgasse, befindet sich das Pop-up-Wahlbüro der SPD. Eigentlich ist hier ein Klamottenladen, aber der hat vorübergehend zu. Drinnen sitzt Sofie Geisel, 50, die OB-Kandidatin der Partei. Vertreterin der Achtsamkeit. Aufgewachsen auf der Ostalb, liberal-christliches Elternhaus, Vater SPD-Landtagsabgeordneter, Bruder OB in Düsseldorf, Politikstudium in Tübingen, drei Fridays-for-Future-Söhne, Geschäftsführerin beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag in Berlin.

Es ist gewiss nicht falsch, sie erfrischend zu nennen. Sie lacht gerne, bisweilen auch zu oft, oder gar nicht, wenn das Gespräch auf Palmer kommt. Boris sollte mal "runter vom Pavianhügel", empfiehlt sie und schickt eine Charakterstudie des Gleichaltrigen hinterher, die nicht sehr freundlich ist. Wer glaubt, er könne nicht anders, folgert sie, entschuldige alles, im Zweifel auch die Leichen im Keller. Führungsverantwortung sehe anders aus, sich im Griff haben auch. Sie müsste wissen, wovon sie spricht, sie und Palmer sind befreundet seit Ende der 90er-Jahre, als sie im Wahlkampfteam von Brigitte Russ-Scherer (SPD) und er bei Wolf-Dieter Hasenclever (Grüne) gearbeitet hat. Im Dezember vergangenen Jahres war sie noch zu seiner Hochzeit eingeladen, sie kam nicht, stattdessen die Kandidatur im März, über die ihr Boris "ordentlich beleidigt" gewesen sei. Palmer sagt, er habe jetzt erstmal die Pausentaste gedrückt.

Die Attacke ohne Ansage ist Absicht. Sie zielt auf die Person, den ewigen Provokateur, den Meister des inszenierten Tabubruchs. Entsprechend fällt Sofie Geisels Gegenentwurf aus. Ein "neuer Politikstil" muss her, zuhören statt rechthaben, versöhnen statt spalten, Respekt statt Demütigung. Die Leute würden den "Kopf einziehen", wenn sie ihrem OB begegneten, berichtet die Frau, die fröhlich durch die Gassen zieht, als wären Musikant:innen in der Stadt. "Es geht um Tübingen" steht auf Geisels Wahlplakaten, um bezahlbaren Wohnraum, um Menschen, die draußen bleiben müssen, ums Klima natürlich, um den Verkehr, in dem das Idyll zu ersticken droht.

Aber eigentlich geht es um Boris Palmer, dessen Abwahl, so wird suggeriert, Voraussetzung dafür ist, dass es Tübingen gut geht. Da reibt sich so mancher Sozi die Augen, der erlebt hat, wie in der SPD-Fraktion die politische Harmonie gepriesen wurde. Sprecher Martin Sökler erkannte 90 Prozent Übereinstimmung mit Palmer und seiner grünen Truppe. Da ist schwer, mit Inhalten wahlzukämpfen. Zumal die Schwerpunkte bei Geisel sich wenig von denen Palmers unterscheiden: Wohnen, Klima, Autos raus aus der Stadt.

Heute trägt Lisa Federle den Ruhm nach draußen

Deshalb: 16 Jahre sind genug, und eine Frau muss an die Spitze. Das ist die Losung, auf die sich inzwischen viele einigen können – zwar weitgehend substanzfrei, triggert aber gut, weil jede:r irgendetwas vorzutragen hat, was Palmer ans Bein zu binden ist. Seine Auftritte bei Anne Will, Sandra Maischberger, Markus Lanz ("und dann habe ich dem Robert gesagt…") sind besonders beliebte Beispiele. Vor allem bei den Intellektuellen des Gemeinwesens am Neckarfluss, die sich noch in der Tradition von Ernst Bloch, Hans Küng, Walter und Inge Jens wähnen, und deren Klassiker "Die kleine große Stadt" inhaliert haben. Tübingen, die Heimat der weltbekannten Denker, sei den meisten deutschen Großstädten "geistig überlegen", haben die Jensens geschrieben. Aber heute sind die Geistesgrößen alle tot, stattdessen trägt die Notärztin Lisa Federle in Talkshows den Ruhm nach draußen. Zusammen mit Palmer und dem Schlagersänger Dieter Thomas Kuhn.

Für Federle, die CDU-Mitglied ist und ein Buch ("Auf krummen Wegen geradeaus") geschrieben hat, reichen 16 Jahre nicht. Sie unterstützt den "zupackenden Krisenmanager" genauso wie die Buchhändlerdynastie Riethmüller ("Osiander") und Ex-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD), woraus zu schließen ist, dass Palmer auch beim Tübinger Adel sozialverträglich ist. Was der Wohlgelittene in aller Bescheidenheit bestätigt: "Viele Leute mit Rang und Namen schätzen meine Arbeit. Sie wissen, dass Tübingen in allen relevanten Feldern an der Spitze deutscher Städte liegt". Bei "der Herta" käme vielleicht noch dazu, dass sie beide eine "Schwertgosch" hätten. Welche Beweggründe die 1.000 weiteren Unterstützer:innen Palmers haben, lässt sich an den Plakaten mit ihren Konterfeis ablesen, die überall in der Stadt hängen. Unter anderem wird die Wiedereröffnung des Bierkellers unter der Mensa gewünscht, aber die hat Palmer bereits abgelehnt.

Auch vor Amazon macht Palmer nicht halt

Selbst urgrüne Menschen mit linken Ideen gibt es noch, die Palmer wählen. Bruno Gebhart ist gewissermaßen ihre Symbolfigur. 74 Jahre alt, Rauschebart, Palästinensertuch, Gründer der Alternativen Liste (AL) 1979, seit mehr als 30 Jahren im Stadtrat, Inhaber des "Fairen Kaufladens", der ist, wie linke Buchläden im vergangenen Jahrhundert waren. Übervoll, eng, unsortiert. Ganz vorne an der Kasse liegt die Biographie von Gerhard Bialas, dem Tübinger Gärtnermeister und Kommunisten, der im Juli 2022 gestorben ist, mit 90 immer noch beobachtet vom Verfassungsschutz, genehmigt vom grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der seine schützende Hand über Palmer hält. Bialas war Stadtrat für die DKP. Geht alles in Tübingen.

Gebhart sagt, Boris gebe immer 100 Prozent, seine Bilanz sei zu 80 Prozent positiv. Die restlichen 20 verortet er dort, wo selbst Palmers Wählerinitiative Schluckbeschwerden hat. Bei den Ausfällen gegen Geflüchtete, den rassistischen Kommentaren via Facebook, die ihm "rausrutschen" und der "Würde des Amtes" nicht dienen. Aber die muss man nicht unbedingt wiederholen, so Gebhart (wer sie nachlesen will, hier eine Auswahl).

Wichtiger ist ihm, den "Wachstumsfetischisten" Palmer einzubremsen. Zuletzt bei Amazon, der unersättlichen Logistikkrake, ist das nicht gelungen, trotz Protestlern, die sich im Ratssaal auf dem Boden wälzten und vom Herrn des Hauses prompt mit den Stürmern auf das Kapitol in Washington verglichen wurde. In diesen Tagen nimmt das Amazon-Entwicklungszentrum seinen Betrieb auf, in bester Hanglage im Cyber Valley, inklusive öffentlicher Gastronomie, auf der Palmer bestanden hat. Geforscht wird an Künstlicher Intelligenz, gemeinsam mit den Max-Planck-Instituten, womit Tübingen auch in diesem Bereich "Weltspitze" ist, wie Palmers Wählerinitiative verkündet. Bremser Gebhart sieht das kritisch. Er trägt den Aufkleber "Amazno" auf der Weste. Macher Palmer dürfte ihn zu den linken Dogmatikern zählen, die den Schuss nicht gehört haben. Eine Steigerung der Gewerbesteuer von 20 auf 60 Millionen Euro – wer hätte das sonst geschafft? Außer ihm, Palmer.

Die Grüne sagt, Palmer sei reflexionsunfähig

Kommen wir zur Dritten im Bunde, der gewählten Kandidatin der Grünen: Ulrike Baumgärtner, 43, Politikstudium Tübingen, verheiratet, drei Kinder, Ortsvorsteherin im Stadtteil Tübingen-Weilheim, promovierte über Geschlechter und Friedenssicherung. Die gebürtige Allgäuerin wünscht sich einen anderen Politikstil, Empathie und Aufrichtigkeit, und das Ende der "One-man-show". Sie nervt die Performance Palmers, diese Hybris, wie sie es nennt, zu glauben, die Welt ginge ohne ihn unter, und spottet über den "weltweit bekanntesten" Oberbürgermeister. Das ewige Selbstlob stört, wenn die Preisspirale auf dem Wohnungsmarkt nicht aufhört, sich zu drehen, wenn Amazon und Porsche bevorzugt behandelt werden. Aber man wird den Eindruck nicht los, beim Gespräch unterm Dach im grünen Büro, hier könnte auch die Wahlkampftruppe von Sofie Geisel hocken, mit dem Unterschied, dass Baumgärtner schärfer formuliert. Für sie ist Palmer einer, der "immer wieder mit rassistischen Äußerungen" spiele, der Geflüchtete kriminalisiere und "reflexionsunfähig" sei. Einer, der ein "Klima der Angst" erzeuge, indem er Journalist:innen verklage. Also her mit dem Wechsel, 16 Jahre Kohl, Merkel und Salomon (Freiburg) waren ja auch genug. Sie ist bereit, "mutig und überzeugt", was nicht leicht ist, auch angesichts der Zerrissenheit der Tübinger Grünen, die sich in der Kandidatenfrage stritten wie die Kesselflicker. Sie wird derzeit noch auf Platz drei erwartet.

Einen Wechsel will auch Ernst Gumrich. Der 71-jährige Manager, früher Degussa, ist Vorsitzender der "Tübinger Liste", der stärksten Kraft im Rathaus nach dem grünroten Block. Er war mitverantwortlich für das Nein zu Palmers Stadtbahn und damit für einen Glaubenskrieg, der stark an "Stuttgart 21" erinnerte. Eine Straßenbahn mitten durch die Altstadt. Um Gottes Willen. Gumrich wird Geisel wählen, kämpft weiter gegen den Amtsinhaber. Er lobt ihn zunächst ob seiner außergewöhnlichen Intelligenz, den IQ schätzt er auf 140, das Talent der freien Rede, und endet dann beim Drama des Narzissten, um den sich alles drehen muss. "Palmer fehlt die Freude am Gemeinsamen", sagt er, "wir sind nur Kulisse auf seiner Bühne". Mit seiner Truppe will er etwas anderes. Mehr Zugewandtheit, Ruhe, Bodenhaftung.

Gumrich lebt mitten in der Stadt im Nonnenhaus, das eines der ältesten Gebäude ist. 1488 erbaut. Heute alles öko. Draußen plätschert das Flüsschen Ammer vorbei, drinnen kündet eine Flipchart von der Jetztzeit. Thema Energie. Palmers Klimaprogramm will ihm nicht einleuchten, er sieht nur einen Zielkatalog, aber keine Terminierung. 30 Prozent weniger CO2-Emissionen, 2030 klimaneutral, und kein einziges Windrad auf der Gemarkung, kein Grünamt in der Stadt. Gumrich macht hinter alles dicke Fragezeichen.

Palmer nicht. Sein Klimaschutzprogramm sei einmalig in der Republik, behauptet er im Gespräch mit Kontext, eine echte "Erfolgsgeschichte", die es ohne seine "Leidenschaft und Kompetenz" nicht geworden wäre. Sollte aber am Ende die Stilfrage, sprich die Achtsamkeit der Kandidat:innen, entscheiden, sollte das Volk einen "erfahrenen Krisenmanager gegen nette Amtsanfänger" austauschen wollen – "dann werde ich Pensionär", droht Palmer. Das wiederum glaubt niemand.


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5 Kommentare verfügbar

  • Thursdaynext
    am 16.10.2022
    Antworten
    Palmer hat einen ausgezeichneten Job für Tübingen gemacht. Die Stadt ist liebens- und lebenswert. Never change a running system. Ob die Versprechen der anderen KandidatInnen eingelöst werden, fraglich. Bei Palmer hingegen gesichert.
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Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 3 Tagen 5 Minuten
Sehr interessant!


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