Screenshot: Youtube

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Ausgabe 430
Kultur

Tanz den Palmer, Baby

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 26.06.2019
Fremdenfeindliche Facebook-Einträge, Nachtschichten als Hilfs-Sheriff, überkrasse Dance-Moves. Dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer ist jedes Mittel recht, um auf sich aufmerksam zu machen. Studierende der Uni reagieren darauf auf ihre Weise: mit einem Musikvideo.

Der Oberbürgermeister steht im September 2018 allein vor einer kleinen Bühne, er tanzt schwungvoll und ausgelassen, trägt ein hellgrünes Hemd, in seiner linken Hand ein schwarzes Jacket, das er munter hin und her schwenkt. Einen kurzen Videoclip davon hat die Ernst-Bloch-Uni, wie sich die Fachschaftsvollversammlung seit dem Tod des Philosophen 1977 nennt, schon im vergangenen Herbst über Twitter verbreitet (gehässige Kommentatoren attestierten dem tanzenden Palmer daraufhin eine entfernte Verwandtschaft zum Wackelpudding). Der Rapper 10faced, der hier lieber nur mit seinem Künstlernamen genannt werden will, fragte Kommiliton*innen, ob sie den 13 Sekunden langen Clip nicht zur Grundlage für ein Musikvideo machen wollten. Alle waren begeistert. Auch Dirty Moe, der für den Uni-Kanal Campus TV arbeitet, war gleich dabei.

"Es geht nicht um inhaltliche Kritik an der Politik von Boris Palmer", behauptet 10faced, der den Text zum Track geschrieben hat und internationale Literatur studiert. Nach Inspirationen musste er allerdings nicht lange suchen. Das Material liegt auf der Straße, oder besser gesagt auf Palmers Facebook-Seite. Immer wieder erzielt der OB mit Aussagen zu Geflüchteten, die von der AfD stammen könnten, hier bundesweit Resonanz. "Wenn nicht, ist es egal", heißt es im Video, "aber wenn doch, kommt’s in sein Buch, es kommt auf Facebook, es kommt in jedes Blatt". Das sei schwer zu ertragen: "Ich renne nackt durch die Altstadt und brüll ‚Ach nee, nicht der auch noch!‘"

Der Hintergrund: Am 13. November 2018 war Arne Güttinger, Student der Erziehungswissenschaften, von einem Vortrag kommend, Palmer in einer Tübinger Altstadtgasse begegnet. Soweit er sich erinnert, sagte er zu einer Freundin, die mit ihm unterwegs war: "Ach nee, der auch noch." Boris Palmer drehte um und wollte die beiden zur Rede stellen. Güttinger fühlte sich bedrängt und wurde laut. Palmer interpretierte dies als Ruhestörung und wollte die Personalien feststellen. Dazu sei er als Leiter der Ordnungspolizei berechtigt: "Die grüne CSU, der Leiter der Polizei", echot das Video.

Der Vorfall ging durch die Medien. "Ich habe den Eindruck, dass er da schwer zwischen seinen persönlichen Befindlichkeiten oder Ansichten und dem, was er als Amtsperson darf, trennen kann", sagt der Student vier Wochen später im Gespräch mit dem Unimagazin "Kupferblau". Und auf die Frage, warum er "Ach nee, der auch noch" gesagt habe, erläutert er: "Ich finde seine politische Agenda problematisch, weil ich denke, dass er sich da von Richtlinien, die auch im Grundgesetz verankert sind, entfernt."

So denken Viele. Einige Monate zuvor hatte sich sogar der Gemeinderat zu einer Resolution veranlasst gefühlt. "Oberbürgermeister Boris Palmer spricht in keiner Weise für die Stadt Tübingen", heißt es darin, "wenn er Menschen anderer Hautfarbe unter Generalverdacht stellt oder wenn er aus äußerlichen Merkmalen, dem Sozialverhalten oder dem Kleidungsstil Rückschlüsse auf Herkunft und Status von Menschen zieht. Solche Pauschalierungen zeugen von Vorurteilen und sind mit dem weltoffenen Charakter unserer Stadt nicht vereinbar. Sie spalten unsere Stadtgesellschaft und sind in keiner Weise lösungsorientiert."

Doch Palmer kann es nicht lassen. Anfang Dezember schimpfte er in einem Zeitungsinterview auf Berlin: "Mit dieser Mischung aus Kriminalität, Drogenhandel und bitterer Armut auf der Straße" komme er nicht klar und wolle solche Verhältnisse in Tübingen nicht haben. "Die Stadt ist clean, so sicher, so sauber, nicht so’n Drecksloch wie Berlin", heißt es im Video.

"Dann steh ich zwischen S-Bahn und Alltagsrassismus", rappt 10faced. Im April hatte sich Palmer über Werbeplakate der Deutschen Bahn ereifert, auf denen vier Personen zu sehen waren, die offenbar nicht seinen Vorstellungen von einer deutschen Physiognomie entsprachen. Die Bahn dazu: "Herr Palmer hat offenbar zum wiederholten Male Probleme mit einer offenen und bunten Gesellschaft. Solch eine Haltung lehnen wir ab."


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8 Kommentare verfügbar

  • FraTreno
    vor 3 Wochen
    Ich bin immer zu haben für eine gut gemachte, intelligente Persiflage, gerade eine, in der der Tübinger Vortänzer die Hauptrolle spielt. Aber dieser vernuschelte Studentenulk ist schlecht gemacht (war reichlich Alkohol im Spiel?) und einfach nur doof. Tauglich für eine Performance in einer WohnkloWG, aber nicht zur Präsentation im KONTEXT!
  • Biggi
    vor 3 Wochen
    Warum soll ein Bürgermeister nicht mal ausgelassen tanzen, ob vor einer "schwarzen" oder "weißen" Truppe! Und sensationsgeil da gleich ein komisches Video draus zu machen. Lebensfreude ist ein Menschenrecht für jedermann. Umd mäkeln an der Obrigkeit, das haben wir doch sonst insitutionalisiert bei der Fasnet. Wozu das alles also jetzt, 10faced???
  • Paul Stefan
    vor 3 Wochen
    Das Problem bei derartiger Musik ist: Man versteht den Text so gut wie überhaupt nicht. Er wird undeutlich genuschelt. Deshalb wird er auf dem Video als Untertitel eingespielt. Wie in einer italienischen Oper. Ohne die Untertitel aber versteht man nur Bahnhof. S 21? Der Sänger könnte auch Bla-bla-bla singen, und man könnte sich dazu genauso bewegen, wie man's auf dem Video sieht.
    Warum, zum Henker, deklamiert der Sänger den Text nicht verständlich, gibt noch einen Schuss Spott dazu – und jeder weiß, worum es geht! Da wäre Pfeffer drin!
  • Made Höld
    vor 3 Wochen
    Ich finde den Clip richtig cool und abgefahren :-)
  • Helga Stöhr-Strauch
    vor 3 Wochen
    Nix für ungut und auch auf die Gefahr hin, hier als Palmer-Fan zu gelten (der ich nicht bin): Ein Videoclip, der so aussieht, so klingt und auch noch so umfangreich erklärt werden muss, kann einfach nicht gut sein.
  • Theo Tiger
    vor 3 Wochen
    Naja, schon auch witzig gemacht -- aber irgendwie auch nicht der "Super-Brüller", dieses Werkstatt-Video. -- Ob es mit seiner Message "mehr Berlin in Tübingen" dann auch wirklich ein positiver Beitrag zur Entspannung bzw. zur Klimaverbesserung in der Unistadt ist, wird sich wohl erst im Lauf der Zeit zeigen ... / Aber "Grüne CSU" -- das klingt nicht nur schlecht. :-)
  • PHILIPPE RESSING
    vor 3 Wochen
    1. Herr Palmer ist wie Herr Orban, um die Stimmen der Rechten zu bekommen, bedient er rassistische Ressentiments.
    2. Tübingen war zwischen 1933-1945 am Sichersten und Saubersten - Gegner saßen im KZ, Juden und Roma wurden in die Vernichtung deportiert. Da ist mir der Berliner Dreckstall allemal lieber.

    Zum Nachlesen: http://www.ldns-tuebingen.de/die-stadt-tuebingen-im-nationalsozialismus/
  • Ludger
    vor 3 Wochen
    "Es geht nicht um inhaltliche Kritik an der Politik von Boris Palmer" äh Herr 10faced, was soll das dann alles? facepalm

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