Da will er rein: Besen mit Augen vor dem Tübinger Rathaus. Fotos: Joachim E. Röttgers

Da will er rein: Besen mit Augen vor dem Tübinger Rathaus. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 396
Politik

Heißer Feger

Von Minh Schredle
Datum: 31.10.2018
Ein politisches Erdbeben erschüttert Tübingen. Wer ist der bessere Oberbürgermeister, wollte eine superseriöse Facebook-Umfrage wissen, Boris Palmer oder ein Besen mit Augen? 93 Prozent der Befragten stimmten für das Kehrwerkzeug. Gegenüber Kontext erläutert der Oberbürgermeister der Herzen, wie er gegen braunen Dreck und nervtötende Laubbläser vorgehen will.

Die strohblonden Stoppeln sind zum borstigen Bürstenschnitt gestylt, und in den babyblauen Augen glänzt der Glaube ans Große. "Es ist der Besen!", ruft eine Frau am Straßenrand euphorisch, während der Oberbürgermeister der Herzen am vergangenen Samstag von seiner Gefolgschaft durch die Tübinger Gassen getragen wird. Die Reaktionen des Volkes verdeutlichen: Der neue Stern am Polithimmel ist ein Hoffnungsschimmer in finsteren Zeiten. Eine echte Alternative zu einem um Aufmerksamkeit buhlenden Amtsinhaber, der sich mit seinen plumpen Provokationen Spitznamen wie "Provinz-Trump" erarbeitet hat.

Die typische Am-dunkelsten-ist-die-Nacht-vor-der-Dämmerung-Story also. "Wir wollen jetzt die Heilsbringerschiene fahren, so ein Obama-Ding mit dem Slogan 'Yes, we kehr'", erläutert David Hildner, 25, grauer Anzug, Informatik-Student und Spitzenkandidat der Partei Die Partei bei der kommenden Kommunalwahl im Mai nächsten Jahres. Bei ihrer Besen-Kampagne gehe es laut Hildner nicht um Inhalte, die moderne Politik ohnehin überwunden habe, sondern vor allem um Macht, die er sich selbst sichern und ein paar treudoofen Steigbügelhaltern zuschachern will. Gemeinsam mit Markus Vogt, 33, Philosoph, Musiker und Kabarettist, und für Die Partei im Tübinger Gemeinderat, spricht Hildner stellvertretend für den Besen mit Augen.

Gut aufgestellt: Besen mit Augen mit seinen Mitarbeitern David Hildner (l.) und Markus Vogt.
Gut aufgestellt: Besen mit Augen mit seinen Mitarbeitern David Hildner (l.) und Markus Vogt.

Das ist keine Gott-Papst-Beziehung, funktionert also nicht nach dem Prinzip, dass eine erhabene Entität ihre Gedanken und Absichten einem irdischen Repräsentanten per Eingebung offenbart; der Besen ist schlichtweg schüchtern und traut sich noch nicht, selbst in der Öffentlichkeit zu sprechen. Lieber flüstert er seinen Parteifreunden ins Ohr, was sie in seinem Namen verkünden sollen. Die schweigsame Natur des Besens könnte sich im Wahlkampf zwar als Nachteil entpuppen, räumt Markus Vogt ein. Aber wegen negativer Vorerfahrungen "wären viele Tübinger schon zufrieden, wenn ihr Oberbürgermeister zur Abwechslung mal Ruhe gibt".

Rückenwind für diese These liefert eine nicht besonders repräsentative, aber immerhin aktuelle Facebook-Umfrage von Die Partei, wonach der Besen mit Augen aus einer Stichwahl gegen den Amtsinhaber Boris Palmer als eindeutiger Sieger hervorgehen würde. 93 Prozent der 1230 TeilnehmenerInnen sprachen dem charismatischen Kehrwerkzeug das Vertrauen aus. Allerdings ist denkbar, dass die Werte verzerrt sind: Umfrage-Institute wie dimap oder die Forschungsgruppe Wahlen betonen, dass ihre Prognosen um bis zu drei Prozentpunkte vom tatsächlichen Abstimmungsergebnis abweichen können. Bei ihrer eigenen Befragung, sagt Hildner, rechneten sie sogar mit einer Fehlerquote von exakt sieben Prozent: "Wir können uns nicht vorstellen, dass jemand bei einer echten Wahl ernsthaft für Palmer stimmen würde."

Unseriöse Umfragen mit fragwürdigen Interpretationen hätten in Tübingen Tradition, berichtet Vogt, und ihr Versuch sei da "nur unwesentlich weniger wissenschaftlich". Er verweist auf den "zukünftigen Vorgänger" von Besen mit Augen. Palmer hatte zu Jahresbeginn eine Befragung veranlasst, die sich nach dem Sicherheitsgefühl von 1018 repräsentativ ausgewählten Tübingerinnen und Tübingern erkundigte. Kritiker bemängelten jedoch, dass die Ergebnisse unbrauchbar wären, weil die Fragestellung suggestiv und tendenziös gewesen sei, und nur 60 Prozent der ausgewählten Bürgerinnen und Bürger, davon überwiegend ältere, überhaupt geantwortet hatten (hier der Fragebogen und die Ergebnisse). Die Stadtvertwaltung wies diese Kritik zurück ("Die Zufallsstichprobe erfüllt höchste Anforderungen an Repräsentativität"). Und da beinahe ein Viertel der Antwortenden angab, eine Videoüberwachung an Orten wie dem Bahnhofsvorplatz zu befürworten, steht in der Auswertung: "Die erstaunlich hohe Zustimmung zur Videoüberwachung in kritischen Bereichen ist aus Sicht der Verwaltung ein Grund, diese Maßnahme nun auch in Tübingen einzuführen." Palmer selbst hatte sich bereits im Vorfeld der Befragung als Anhänger der Videoüberwachung zu erkennen gegeben, und obwohl sich keine Mehrheit für die Maßnahme finden ließ, "belegen" die Ergebnisse "zweifelsfrei einen Handlungsbedarf", wie es in den Worten der Verwaltung heißt

Bürstenschnitt schafft Vertrauen: Das belegen die frappierend ähnlichen Rückansichten zweier schwäbischer Hoffnungsträger.
Bürstenschnitt schafft Vertrauen: Das belegen die frappierend ähnlichen Rückansichten zweier schwäbischer Hoffnungsträger.

Das war für den Besen mit Augen ein Ärgernis, ebenso wie zahlreiche migrationspolitische Aussagen des Oberbürgermeisters, durch die er sich nicht repräsentiert fühlte. Endgültig zur Kandidatur entschlossen hat er sich allerdings spätestens nach einem gescheiterten Satireversuch Palmers, "da konnte ich dann nicht länger stillschweigend zuschauen". Am 14. Oktober, dem Tag der Landtagswahlen in Bayern, vermeldete der Tübinger Oberbürgermeister auf Facebook den Rücktritt von Kanzlerin Angela Merkel und Bundesinnenminister Horst Seehofer und nannte als Quelle die Deutsche Presseagentur sowie sich selbst unter dem Kürzel BP. In einer späteren Erklärung zum Satireversuch behauptet BP nicht nur, er habe sich Merkel und Seehofer ausgedacht ("Sämtliche handelnde Figuren sind von mir frei erfunden und Ähnlichkeiten mit real existierenden Vorgängen rein zufällig"). Er erörtert in einem anderen Beitrag außerdem: "Meine 'Eilmeldung' von gestern war hingegen in kürzester Zeit zu widerlegen, so wie die Behauptung, die Welt geht morgen unter. Jeder sieht ja, dass die Kanzlerin noch im Amt ist und die Welt nicht untergegangen. Das ist das Gegenteil von Fake News." Zum Mitschreiben: Wenn sie sich zügig widerlegen lassen, sind falsche Tatsachenbehauptungen das Gegenteil von Fake News. Quelle: BP.

War vom Charisma des Kehrwerkzeugs beeindruckt: Kontext-Redakteur Minh Schredle (2. v. r.) am 27. Oktober am Infostand des mutmaßlich künftigen Tübinger OBs.
War vom Charisma des Kehrwerkzeugs beeindruckt: Kontext-Redakteur Minh Schredle (2. v. r.) am 27. Oktober am Infostand des mutmaßlich künftigen Tübinger OBs.

"Mit mir als Oberbürgermeister wird es keine verunglückten Satireversuche mehr geben!", verspricht nun der Besen mit Augen, dessen größte Stärke bislang die Schwäche des Amtsinhabers darstellt. Denn seinen herausragenden Umfrage-Erfolg konnte der Hoffnungsträger bereits verbuchen, bevor er sich öffentlich zu irgendetwas äußerte. Sein Programm könnte ihm indessen beim erklärten Ziel "100 Prozent plus X" zusätzliche Sympathien einbringen. "Wir müssen die Sorgen und Ängste der Bevölkerung ernst nehmen", sagt David Hildner. "Und nichts stört die Schwaben so sehr wie Schmutz." Der Besen mit Augen sei da eine Idealbesetzung und wolle insbesondere den hartnäckigen braunen Dreck angehen, der sich am rechten Rand der Stadt angesammelt hat. Auch die Kampfansage an Lärmbelästigung wird vermutlich auf offene Ohren stoßen: "Wenn der Besen erst einmal Oberbürgermeister ist", prognostiziert Hildner, "braucht es keine nervtötenden Laubbläser mehr, wir werden sie verbieten." Um die Stadtreinigung werde sich der Besen mit Augen dann, zusammen mit seinen unzähligen Verwandten, höchstpersönlich kümmern. Denn der sei noch ein echter Arbeiter, der keine Angst habe, sich für die kleinen Leute auf der Straße die Borsten schmutzig zu machen.

Angesichts so viel geballter Kompetenz bricht im Rathaus der Angstschweiß aus. EILMELDUNG: Boris Palmer kündigte heute mit sofortiger Wirkung an, sein Amt als Tübinger Oberbürgermeister aufzugeben. Und falls sich in diesen Text irgendwelche abwegigen Falschbehauptungen eingeschlichen haben sollten, die sich in kürzester Zeit widerlegen lassen, ist das wahlweise Satire oder das Gegenteil von Fake News.


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