KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

SchülerInnen aus der Ukraine

Herzlich ­­willkommen

SchülerInnen aus der Ukraine: Herzlich ­­willkommen
|

Datum:

Die Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine, die in baden-württembergischen Schulen aufgenommen werden, stellen alle Verantwortlichen vor ganz neue Aufgaben. Weil sie, anderes als AsylbewerberInnen, ein Recht auf Zugang zu Bildung haben. Und weil ukrainische Offizielle dem Unterricht in deutscher Sprache skeptisch gegenüberstehen.

Viele Fenster sind mit Zeichnungen geschmückt am NLG, dem Neuen Leibniz-Gymnasium in Feuerbach, mit Picassos Taube und Blumen, mit Herzen, einer Sonne oder Flaggen in blau-gelb, neben denen mehrsprachig der Wunsch nach Sicherheit und Frieden ausgedrückt wird. Eine Buchstaben-Kombination wird die Ankommenden besonders freuen: мир oder Myr heißt "Frieden" auf Ukrainisch und ласкаво просимо oder Laskavo prosymo "Herzlich willkommen". Die Schülermitverwaltung hat die Aktion gestartet, natürlich ist die Hilfsbereitschaft an der Schule groß. In den Chats vieler Jugendlicher sind Übersetzungsprogramme hochgerankt, Smartphones und digitale Materialien dienen als vergleichsweise neue Hilfsmittel im Unterricht, viele Erschwernisse sind aber auch hinlänglich bekannt.

Gerade im Südwesten mit seiner Gastarbeiter-Geschichte seit mehr als sechs Jahrzehnten hat sich reicher Erfahrungsschatz angesammelt im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Die ukrainische Generalkonsulin Iryna Tybinka aus Hamburg ließ bei ihrem Auftritt vor der Kultusministerkonferenz (KMK) in der vergangenen Woche allerdings deutlich erkennen, dass sie viele dieser Erkenntnisse in Bezug auf ihre Landsleute für untauglich hält. Die Diplomatin mit Karrierestationen in Frankfurt, Wien, Moskau und Berlin legte diesmal auf Diplomatie wenig Wert, sondern eine zentrale, aber unerfüllbare Forderung auf den Tisch: Unterrichtet werden müsse an deutschen Schulen in eigenen Klassen, in ukrainischer Sprache und nach ukrainischen Bildungsplänen.

Die Generalkonsulin will keine Integrationsklassen

"Sogenannte Integrationsklassen würden für unsere Kinder eine Wand des Unverständnisses, das Gefühl der Minderwertigkeit und des geringen sozialen Schutzes bedeuten", so wird sie von Teilnehmenden zitiert. Die Begründung erinnert an die ihrer KollegInnen aus den sechziger und siebziger Jahren, als es um SchülerInnen aus Gastarbeiterfamilien ging: Die Zeit in der deutschen Schule sei endlich, die nationale Identität und die Kontinuität im Bildungsprozess müssten erhalten bleiben. Außerdem dürfe auf die Kinder kein zusätzlicher psychischer Druck ausgeübt werden.

Vielsprachiger Unterricht

Ukrainische Kinder und Jugendliche gehen in der Regel vier Jahre in eine Grundschule, danach fünf plus gegebenenfalls drei Jahre ins Lyzeum und ins Gymnasium. Die Abschlussprüfungen befähigen zum Hochschulbesuch. Nach einer 2017 beschlossenen großen Schulreform wird in den ersten vier Klassen, je nach Muttersprache der SchülerInnen, auf Ukrainisch, Russisch, Ungarisch oder Rumänisch unterrichtet, ab der fünften Klasse nur noch auf Ukrainisch und zumindest einzelne Fächer in einer der EU-Amtssprachen, worunter auch Rumänisch und Ungarisch fallen. Die Russische Föderation hatte die Reform anhaltend scharf kritisiert. Umgesetzt wurde sie 2020 dennoch. Für in Deutschland Ankommende und ihre neuen Lehrkräfte von Bedeutung sind der obligatorische Englisch-Unterricht, und dass etwa acht Prozent der Gymnasiasten Deutsch lernen. Das Kultusministerium will detaillierte Infos auch zum Notensystem ab nächster Woche online stellen. (jhw)
 

Speziell dieses Thema werden Lehrkräfte in den kommenden Wochen und Monaten genau im Blick haben. KMK und Kultusministerium kümmern sich darum, dass Geflüchtete ihren Abschluss nach ukrainischen Vorgaben und mit ukrainischen Materialien machen können. Lizenzverhandlungen laufen, Lehrkräfte aus nicht umkämpften Teilen des Landes könnten helfen, denn unstrittig hat die Ukraine dank eines in den vergangenen Jahren grundlegend reformierten Schulsystems ein bemerkenswertes Digitalisierungsniveau erreicht. Die digitale Plattform e-school.net.ua ist eingeführt und vielgenutzt, sie könnte als Grundlage im Unterricht hierzulande in allen Klassen von der Fünften bis zur Elften eingesetzt werden.

Die Bereitschaft dazu ist aber überschaubar, nicht aus bösem Willen, sondern aus gutem Grund. Der Weg war weit für alle Beteiligten hin zu der Erkenntnis, dass der Erhalt der Mutter-, aber eben auch der Erwerb der Sprache des neuen Aufenthaltsorts der Schlüssel zum Erfolg ist. Staunend lernten schon vor fünfzehn Jahren die Mitglieder des Bildungsausschusses des Landtags bei einem Besuch in London, wie geflüchtete Kinder, selbst wenn deren Eltern illegal eingereist waren, vom ersten Tag an pädagogisch und gerade im Sprachunterricht eine Behandlung erfuhren, als würden sie ihr ganzes weiteres Leben in Großbritannien bleiben. Zum gepushten Englisch-Unterricht gehörte die aktive Förderung der Muttersprache, etwa Hindi, in den Pausen.

Damals hatte ausgerechnet Ministerpräsident Günther Oettinger sogar in einer Regierungserklärung eine alte Idee seines Vorgängers Erwin Teufel (beide CDU) aufgegriffen, rechtlich zu prüfen, ob per Hausordnung die Deutschsprech-Pflicht auf baden-württembergischen Schulhöfen verankert werden könne. Seine Landesregierung, sagte Oettinger, stelle sich ihrer Verantwortung zur Integration. Der Aufschrei war laut und bundesweit zu hören. Kritisiert wurde die Realitätsferne, gerade an Stuttgarter Schulen mit hohem Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. So meldete sich das Kollegium der Stuttgarter Carl-Benz-Grundschule, an der zwar tatsächlich nur 20 Prozent der Kinder aus deutschen Familien stammten; jedoch brachten die anderen 80 Prozent aus aller Herren Länder eine solche Sprachvielfalt mit, dass in den Pausen ohnehin Deutsch dominierte.

Ukrainisch nicht statt Deutsch, sondern zusätzlich

Während der Balkan-Kriege war vieles anders. Als Anfang der neunziger Jahre nach und nach 150.000 Flüchtende im Südwesten ankamen, wurde Serbokroatisch auf Schulhöfen tatsächlich vorherrschend – und gerade deshalb auf rasche Fortschritte in Deutsch gedrängt. Bis heute liegt muttersprachlicher Unterricht außerhalb der Regelschule in der Hand der ausländischen Konsulate. Rund 35.000 Kinder nehmen nach offiziellen Angaben daran teil. "Die zentrale bildungspolitische Herausforderung, vor der wir angesichts weiter wachsender Zahlen von Kindern mit Zuwanderungshintergrund stehen, ist eine frühzeitige, wirkungsvolle Sprachförderung", begründete noch die ehemalige Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), warum es keine staatlichen Angebote auf Türkisch, Italienisch, Griechisch, Serbisch oder Kroatisch gibt. Ihre grüne Nachfolgerin Theresa Schopper verfolgt diesen Kurs weiter. Der ukrainischen Generalkonsulin wurde nach ihrem Auftritt in der Kultusministerkonferenz freundlich beschieden, ihre Anregungen aufzunehmen: Vorstellbar sei Ukrainisch-Unterricht schon, allerdings nicht statt, sondern zusätzlich zu Deutsch.

Auf die nächsten Monate und Jahre könnte auch noch eine ganz andere Erfahrung der neunziger Jahre übertragen werden. Die allermeisten der aus Kroatien, Bosnien oder dem Kosovo im Südwesten ankommenden Geflüchteten hegten ebenfalls den dringenden Wunsch, alsbald wieder in die Heimat zurückzukehren. Längst ist Bilanz gezogen: ein Drittel, rund 50.000, war geblieben. Über die Schicksale von Zurückkehrenden machte sich der Petitionsausschuss vor zehn Jahren im Kosovo ein Bild. Der UNHCR präsentierte damals vor Ort zwei Studien, nach denen die Selbstmordrate unter Mädchen und jungen Frauen nirgends höher war in der westlichen Welt und der Abschied aus Deutschland oft kaum oder gar nicht zu verkraften. Viele der mit Startprämien zur Ausreise animierten Menschen konnten in der einstigen Heimat nicht Fuß fassen. Einige, zumal die mit guten Bildungsabschlüssen und Sprachkenntnissen, fanden nahtlos Arbeit bei Firmen, die mit dem restlichen Europa Geschäftsbeziehungen unterhielten.

"Großes Gepäckstück" für LehrerInnen

Es kommen noch viele

Baden-Württemberg hat sich bisher mit 12.000 Plätzen auf die Ankunft ukrainischer Flüchtlinge vorbereitet. 7.400 Menschen sind in den Erstaufnahmen des Landes bereits empfangen worden. Viele Menschen kommen zudem bei Familienangehörigen oder Freunden unter. Geprüft werden auch weitere Messestandorte, um die Kapazitäten auszubauen. Die Ukraine hatte vor Beginn des russischen Angriffskriegs am 24. Februar gut 44 Millionen EinwohnerInnen, mehr als 3,5 Millionen davon sind nach UN-Berechnungen ins Ausland geflohen. Der renommierte Migrationsforscher Gerald Knaus berät Regierungen seit langem. Gegenwärtig empfiehlt er, sich in den kommenden Wochen auf jene Zahlen von Aufzunehmenden einzurichten, die im Jahr 2015 angekommen sind. Das waren in Baden-Württemberg 101.000 Menschen. (jhw)

 

2022 geht es in Baden-Württemberg erst einmal ums Ankommen. In Zeiten, in denen ohnehin viele Kollegien dauer-überlastet sind, in denen weiterhin viel zu viel Unterricht ausfällt und wie in Freiburg sogar PensionärInnen aktiviert werden, die bald ihren 80. Geburstag feiern, gilt es, die zusätzlichen Herausforderungen zu meistern. Von einem "großen Gepäckstück" spricht Schopper, das Lehrkräfte zusätzlich schultern müssten, nicht nur mit Blick auf die vor Putins Krieg Fliehenden.

Insgesamt werden gegenwärtig im Regierungsbezirk Stuttgart rund 11.000 Kinder und Jugendliche in 750 der 2016 eingeführten Vorbereitungsklassen für Geflüchtete unterrichtet, um sie – nach einer von der EU mitfinanzierten Deutsch-Zertifizierung – ins Regelangebot zu integrieren. Am Neuen Leibniz-Gymnasium in Feuerbach fallen die Erfahrungen mit den Integrationsbemühungen aller Beteiligten naturgemäß sehr verschieden aus. Mohammad zum Beispiel kommt aus Syrien, ist Stipendiat des Programms "Talente im Land" und will Ingenieur werden. "Das Leben hier in Deutschland ist mehr als Luxus", sagt er in einem Interview im Netz, "hier kann wirklich jeder etwas tun für Menschen, denen es schlecht geht, und warum sollten wir es dann nicht tun?" Auf Arabisch heißt "Frieden" übrigens Salam. Und ‘ahlan bik "Herzlich willkommen".


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!