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CDU-Kandidatin Eisenmann

Superheldin, abgekämpft

CDU-Kandidatin Eisenmann: Superheldin, abgekämpft
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Noch gut acht Wochen bleiben Susanne Eisenmann, um im Landtagswahlkampf aufzuholen. Die Chancen stehen schlecht, weil die Spitzenkandidatin der Union an Strahlkraft eher verliert als zulegt.

Das geht runter wie Öl: endlich ehrliches, unverstelltes Lob in schweren Zeiten. Marko Schumacher, Sportredakteur der "Stuttgarter Zeitung", Vater von vier Kindern und vielgelesener Kolumnist, erzählt von Weihnachtsferien, die nie länger gewesen seien als in diesen Corona-Zeiten und davon, wie irgendwann auch Kniffel, Halma und Mensch ärgere dich nicht keine Option mehr darstellen und er sich nur noch dunkel an sein früheres Vorhaben erinnerte, den eigenen Nachwuchs vom Fernseher weitgehend fernzuhalten. Rettung in der Not erhoffte er sich in diesem aufgewühlten Zustand von der Kultusministerin, "im Sinne des allgemeinen Familienfriedens".

Die kämpfte tatsächlich wie der Ritter von der traurigen Gestalt gegen Windmühlen für die Wiederöffnung von Schulen und Kitas im neuen Jahr – und zwar unabhängig von der Entwicklung der Corona-Zahlen. Das ist hochriskant in jeder Beziehung, nicht nur wegen Ausbreitung des Virus. Für Eltern aber war es ein Lichtblick. Mit dem Titel Superheldin adelte Schumacher die 59-Jährige, in der durchaus weitverbreiteten Hoffnung, sie könne mithelfen, endlich wieder Frieden zu schaffen in den elterlichen Arbeitszimmern oder am Küchentisch, weil die geliebten Blagen zurück können in ihren Klassenverband, in die so schmerzlich vermisste Struktur des Unterrichts- und Betreuungsalltags.

Dass Eisenmann überhaupt für die Idee geworben hat, rechnen ihr nicht nur die selbst in der eigenen Partei weniger werdenden Fans als bemerkenswerten Einsatz an. Sogar Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), den sie so gerne aus der Villa Reitzenstein vertreiben möchte, verteidigte die Herausforderin und nannte es "total verständlich", dass sich eine Kultusministerin für Präsenzunterricht einsetzt. Wie die promovierte Germanistin mit der inzwischen jahrzehntelangen politischen Erfahrung diese und andere Positionen vertritt, offenbart aber zugleich das Fehlen strategischer Leitplanken. Denn was nützt es einer Spitzenkandidatin, die angesichts ihres mageren Bekanntheitsgrads auf sich aufmerksam machen muss, wenn sie für Schlagzeilen sorgt, die ohne positive Folgen bleiben? So bringt sie nicht nur ihre GegnerInnen unter Eltern oder Lehrkräften gegen sich auf, sondern enttäuscht auch die, die auf eine Superheldin hofften.

Keine Fragen an eine Ministerpräsidentin 

Alle AnhängerInnen, die die frühere Stuttgarter Schulbürgermeisterin dazu drängten, Landesinnenminister Thomas Strobl die Spitzenkandidatur 2021 nicht nur streitig zu machen, sondern tatsächlich abzuluchsen, wussten, was sie taten. Denn KultusministerInnen sehen sich immer, wie auch Eisenmann selber sagt, mit der Hypothek belastet, bei den allermeisten Entscheidungen die Hälfte der Eltern und mindestens die Hälfte der Lehrkräfte gegen sich zu haben. "Ich verspreche euch, ich werde alles geben", rief die gerade frisch gebackene Spitzenkandidatin im Juli 2019 strahlend und bewegt. Gestärkt durch gut 95 Prozent der Stimmen kündigte die machtbewusste Ministerin an, "eine Bewegung zu schaffen, gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern, um zu zeigen, dass die Zukunft wieder von der CDU gestaltet werden muss".

Dabei war die Ausgangslage, um bundesweit auf sich aufmerksam zu machen, keine schlechte. Wäre Eisenmann bereit und fähig gewesen, ihr Themenspektrum mit Blick auf die neue große Aufgabe sichtbar zu erweitern, wäre sie seit Beginn der Pandemie nicht mehr nur als Kultusministerin wahrgenommen worden, sondern als politisches Gewicht aus dem Südwesten, als mögliche Regierungschefin. Stattdessen muss sie erleben, wie selbst viele CDU-Mitglieder, die in durchaus respektabler Zahl den digitalen Wahlkreis-Veranstaltungen unter der Überschrift "Eisenmann will's wissen" beiwohnen, sie fast überschütten mit Fragen zur komplizierten Lage im Bildungswesen. Nahezu nie erkundigen sie sich hingegen zur aktuellen Situation der CDU.

Zudem geschieht es viel zu selten, dass Eisenmann selbst das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Die sprachwitzige Doppeldeutigkeit der digitalen Tour, gestreamt aus dem Studio in der Stuttgarter Parteizentrale, bleibt auf der Strecke: Montagabend konnten phasenweise 400 SeherInnen mitverfolgen, dass die frühere Bürochefin von Günther Oettinger von ihnen offenkundig nichts wissen will. Sie hört nicht in die Bevölkerung hinein, sondern sie spult viel zu oft die immer gleichen Antworten auf viele immer gleiche Fragen ab – von denen viel zu viele nur an die Kultusministerin gerichtet sind und keineswegs an eine künftige Ministerpräsidentin.

Utopische Träumereien im CDU-Programm

Dabei hätte sie durchaus Trümpfe in der Hand gehabt. Aschermittwoch 2020 schlug sich Eisenmann gemeinsam mit Strobl und CDU-Generalsekretär Manuel Hagel überraschend und in aller Öffentlichkeit auf die Seite von Friedrich Merz. Der war zwar schon in der ersten Runde um den Vorsitz der Bundespartei, als er gegen Annegret Kramp-Karrenbauer den Kürzeren zog, besonders beliebt bei der hiesigen Parteibasis. Werben für die Wahl des Sauerländers mochte die Spitze des – gemessen an der Zahl der Mitglieder zweitgrößten – Landesverbandes aber nicht wirklich. Ein wenig kommoder Platz zwischen vielen Stühlen ist für die Zeit nach dem digitalen Bundesparteitag am Samstag schon reserviert.

Denn entweder haben Strobl, Eisenmann und Hagel öffentlich wenig bis gar nichts zum Erfolg von Merz beigetragen. Wer nicht trommelt, kann sich im Sieg auch nicht sonnen. Im Konrad-Adenauer-Haus wird erzählt, dass Eisenmann kürzlich sogar eine Einladung ins allsonntäglich Politmagazin "berlin direkt" abgelehnt hat, weil sie Fragen zur Positionierung der Südwest-CDU scheute. Oder die Spitze und mit ihr die vielen Merz-Verehrerinnen, vor allem in der mittelständischen Mitgliedschaft, gehören zu den VerliererInnen – mit der Folge, dass sie vor der unabdingbar notwendigen Briefwahl zur Bestätigung des Siegers für einen ungeliebten neuen Vorsitzenden werben und zugleich sich selber neu sortieren müssen. Im Netz kursieren sogar Spekulationen dazu, wie es eigentlich wäre, wenn ausreichend viele Delegierte der Briefwahl fernbleiben und – je nachdem – Norbert Röttgen oder Armin Laschet den Start vermiesen.

Ausgerechnet Frauen zermürben die Frau zusätzlich, die so gerne erste Ministerpräsidentin im Land werden wollte. Mit Dominique Emerich sitzt eine der Pro-Merz-Initiative sogar mit im Landesvorstand. Zugleich verlangt die Bundesvorsitzende der Frauen-Union Annette Widmann-Mauz, als Staatsministerin ranghöchste Politikerin aus dem Südwesten in Berlin, eine Positionierung ihrer Organisation gegen den 65-Jährigen, der immer wieder mit gesellschaftspolitischen Äußerungen aus der Mottenkiste der Sechziger auf sich aufmerksam gemacht hat. Emerich, die am 14. März im Wahlkreis Bodensee zur Wahl antritt, schäumt in der Zeitung mit den großen Buchstaben: "Die Frauen-Union hätte besser ihre Mitglieder gefragt, statt den nur etwa mehr als 20-köpfigen Vorstand." Was allerdings erst recht ein Licht auf die um sich greifende Orientierungslosigkeit wirft.

In anderen Jahren, erst recht in jenen der vielen großen schwarzen Erfolge im Südwesten, half gut acht Wochen vor einer Wahl der Blick "auf die fünf Kernthemen und die drei zentralen Botschaften", wie ein langgedienter Landtagsabgeordneter sagt. Oder wenigstens ins Wahlprogramm. Das allerdings ist diesmal 100-Punkte stark ("Lassen Sie uns Baden-Württemberg gemeinsam entfesseln"), serviert die Überraschung, dass ausreichend viele schwarze Männer im Vorstand nach so vielen Jahren doch endlich bereit sind, das Landtagswahlrecht zu ändern, und ist insgesamt ein ziemliches Sammelsurium von Ankündigungen, etwa die Schaffung eines neuen und eigenständigen Digitalisierungsministeriums oder einer Landeszentrale für Anpassung, Resilienz und Umweltsicherheit, von Versprechen, wie der Einführung eines Familiengeldes, "das unabhängig von Einkommen, der Erwerbstätigkeit und der Art der Betreuung bezahlt werden soll" und von Phantasien, denen selbst eine Superheldin nicht zum Durchbruch wird verhelfen können. Allen voran dem Satz, der nahtlos anschließt an die Fehleinschätzungen früherer Jahre: "Durch Stuttgart 21 schaffen wir zusätzliche Kapazitäten im Schienenverkehr." Auch eine Art zu zeigen wie auf die CDU Verlass ist.


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7 Kommentare verfügbar

  • Katharina
    vor 6 Tagen
    Antworten
    Was sollte eine Ministerpräsidentin können? Nun, vor allen Dingen gesprächsbereit sein, Menschen motivieren und führen und gute Ideen einbringen. All das sind nun absolut nicht Frau Eisenmanns Kompetenzen und waren es noch nie - auch seinerzeit nicht im Gemeinderat in Stuttgart. Stattdessen stellt…
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