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OB-Wahl in Stuttgart

Auf dem Rad ins Rathaus

OB-Wahl in Stuttgart: Auf dem Rad ins Rathaus
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Seit 16 Jahren ist Veronika Kienzle Bezirksvorsteherin in Stuttgart-Mitte. Nun will sie mehr Verantwortung übernehmen und die erste Oberbürgermeisterin in der Geschichte der Landeshauptstadt werden.

"Nichts braucht unsere Stadt nötiger als einen funktionierenden und umweltfreundlichen Verkehr", schreibt Veronika Kienzle auf ihrer Facebook-Seite zum zweiten Stuttgarter Cargo-Bike-Day. Seit Mai hält die OB-Kandidatin ihre AnhängerInnen auf diese Weise auf dem Laufenden. Die Seite verschafft einen ersten Einblick, wo sie als Stuttgarter Oberbürgermeisterin ihre Akzente setzen will. Und der umweltfreundliche Verkehr per Veloziped spielt dabei eine unübersehbare Rolle.

Seit 16 Jahren Bezirksvorsteherin Mitte, legt sie ihre Wege im Stadtzentrum mit dem Fahrrad zurück. Das prägt die Wahrnehmung. In Stuttgart Radfahren, das bedeutet, ständig mit Hindernissen konfrontiert zu sein. Angefangen mit dem Cityring: ein Rechteck vier- bis neunspuriger, autobahnähnlicher Straßen, an dem es trotz mancher Fortschritte keineswegs überall Radwege und Radüberwege gibt.

Einer der Abschnitte dieses Stadtautobahnrings heißt Theodor-Heuss-Straße. Kienzle war dabei, als hier ein Pop-up-Radweg eingerichtet wurde, also in jede Richtung eine Spur temporär dem Autoverkehr weggenommen und für Radfahrer umgewidmet wurde. Und zwar nicht erst, als die Stadt Stuttgart im Juni nach sechswöchigen Planungen endlich in die Pötte kam. Schon bei einer ersten Inbesitznahme durch Radaktivisten zwei Wochen zuvor, ließ die 57-Jährige es sich trotz strömenden Regens nicht nehmen, dabei zu sein.

"Das Rad braucht keine Abwrackprämien", postet Kienzle am Weltfahrradtag, dem 3. Juni: "Sondern sichere Wege." Und legt zwei Wochen später am Tag der Verkehrssicherheit nach: "Das Stuttgarter Polizeipräsidium verzeichnet für 2019 25.743 Verkehrsunfälle. Das sind im Durchschnitt Tag für Tag 70 Unfälle!" Es gab 1.945 Unfälle mit Personenschäden, und drei Tote, rechnet sie vor. "In 577 Unfällen waren Fahrräder bzw. Pedelecs mit betroffen, in 296 Unfällen Fußgänger." Die OB-Kandidatin dazu: "Ich will, dass in Stuttgart überhaupt kein Mensch mehr im Verkehr zu Schaden kommt."

Mit dem Holland-Rad durch Stuttgart

In Bremen und Worpswede aufgewachsen, war Kienzle schon mit ihrem Holland-Rad unterwegs, als sie um 1980 nach Stuttgart kam, um Eurhythmie zu studieren. Sie interessierte sich eigentlich für Ausdruckstanz, doch auf diesem Gebiet damals gab es noch wenig Ausbildungsmöglichkeiten. So kam sie auf die Eurhythmie und zu Else Klink, der großen Tanzlehrerin, die seit 1935, – in der Nazizeit unter großen Einschränkungen, danach umso entschlossener, – das Stuttgarter Eurythmeum geleitet und aufgebaut hat.

Kienzle ging nach Berlin, arbeitete bei den Berliner Festspielen und an der Freien Volksbühne. Doch dann zog es sie wieder zurück nach Stuttgart. Sie war Geschäftsführerin des Eurhythmeums und Dramaturgin für Öffentlichkeitsarbeit am Theaterhaus, das Werner Schretzmeier 1985 in Stuttgart-Wangen gegründet hat. Dort hat sie sich politisiert – und ihren Mann kennengelernt: Michael Kienzle, Germanistik-Dozent, Grünen-Gemeinderat und heute Redenschreiber für Winfried Kretschmann. Es war die Zeit, als Schretzmeier Stücke des Berliner Kinder- und Jugendtheaters Rote Grütze inszenierte wie "Was heißt hier Liebe?" oder "Mensch, ich lieb' dich doch", zu umstrittenen Themen wie Aufklärung und Drogen.

Aber auch Fremdenfeindlichkeit war ein Thema. Nach den Anschlägen von Mölln, Hoyerswerda und Rostock moderierte sie eine Podiumsdiskussion, an der auch die damalige Sozialbürgermeisterin Gabriele Müller-Trimbusch teilnahm. Bald darauf sprach die FDP-Politikerin, eine resolute Person, Kienzle an: In Botnang wurde damals eine Flüchtlingsunterkunft aufgebaut, Behelfsbauten, erstmals keine Container. Die hatte gebrannt, zum Glück noch bevor jemand eingezogen war.

Rund 280 bosnische Kriegsflüchtlinge waren im Osten der Republik in einem stacheldrahtumzäunten Lager in Panik geraten. Irgendjemand erwähnte Stuttgart. Die völlig überforderten Behörden setzten die Menschen in einen Zug. Oberbürgermeister Manfred Rommel erhielt einen Anruf. Seine Reaktion: Egal was passiert, die bleiben bei uns. Das rechnet ihm Kienzle bis heute hoch an. Müller-Trimbusch wollte nun von ihr wissen, was da zu tun wäre und beauftragte sie, nach dem Rechten zu sehen.

Wegweisendes Projekt der Flüchtlingshilfe

Veronika Kienzle hat sich erstmal ans Fenster gesetzt und rausgeschaut. Sie beobachtete die Nachbarn; die Frauen und Kinder, die zuerst kamen. Mit den Geflüchteten baute sie eine Fahrradwerkstatt auf. Jeder, der in Botnang oder im Stuttgarter Westen wohnte, konnte hier sein Rad gratis reparieren lassen. Die BewohnerInnen des Flüchtlingsdorfs züchteten Blumen und reparierten die Vorhänge des Botnanger Bürgerhauses. Sie feierten Feste mit den Nachbarn. Es wurde ein wegweisendes Projekt der Flüchtlingshilfe, und Kienzle wurde Flüchtlingskoordinatorin der Stadt.

Bald darauf brannte es auch in der Stuttgarter Innenstadt. In einem überbelegten Altbau in der Geißstraße 7 kamen sieben Menschen ums Leben und 16 wurden verletzt, zum großen Teil Nichtdeutsche. Kienzle und ihr Mann gründeten die Stiftung Geißstraße. Die Stiftung veranstaltet Vorträge, Lesungen und Diskussionen und vermietet befristet Wohnungen an Menschen, die auf dem freien Wohnungsmarkt keine Bleibe finden. Der Platz am Hans-im-Glück-Brunnen ist im sonst eher hässlichen Stuttgart ein Magnet für Touristen. Die Einnahmen aus der Gastronomie im Erdgeschoss kommen auch der Stiftung zugute.

Nach der Geburt ihrer Tochter Amrei nahm Kienzle eine Auszeit. Später arbeitete sie im Krankenhausbereich und organisierte unter Staatsrätin Gisela Erler Bürgerbeteiligungen. 1997 wurde sie gefragt, ob sie bereit sei, sich auf die Liste der Grünen für die Gemeinderatswahl setzen zu lassen. Sie sagte zu – für einen der hinteren Plätze, doch ihr Wahlergebnis katapultierte sie um 39 Plätze nach vorn und sie zog als Nachrückerin in den Stadtrat ein. Damals waren sie und ihr Mann das allererste Ehepaar im Stuttgarter Gemeinderat. Sie agierten getrennt, nur den Kulturausschuss wollten sie sich beide nicht nehmen lassen.

Kienzle war Mitbegründerin des KinderKulturVereins, der als Träger des Jungen Ensemble Stuttgart fungiert. Sie initiierte das Projekt Kinderräume: Kinder erobern sich in den Stadtteilen den öffentlichen Raum zurück. Seit 2004 ist sie Bezirksvorsteherin des Bezirks Stuttgart-Mitte, inzwischen zum vierten Mal wiedergewählt. Und sie möchte mehr Verantwortung übernehmen. Deshalb radelt sie von einem Stadtbezirk zum anderen – in den äußeren Vororten mit Pedelec – und lernt dabei auch ihre Stadt neu kennen: etwa den Weg aus der Stadtmitte über den Frauenkopf nach Rohracker. Um eine solche Tour können andere Städte Stuttgart nur beneiden.

Verkehr, Wohnungsnot, Moria? An Problemen wachsen

"Ich finde, Stuttgart hat inzwischen ein Menge getan", kommt sie auf ihr Thema zurück und erzählt begeistert von der Kiddical Mass, der Radrundfahrt für Kinder: Es gebe mehr Radler, auch wegen der Pedelecs, auch zunehmend Lastenräder, aber "man kann noch deutlicher zeigen, dass man eine Fahrradstadt ist." 60 Jahre lang war die Stadt auf das Auto fixiert, sie weiß, "dass das ohne Probleme nicht abgeht." Aber sie setzt auf den Dialog. Wie zu ihrer Zeit im Botnanger Flüchtlingsheim.

Auf die Frage, was dann aus den Arbeitsplätzen in der Automobilindustrie würde, wendet sie ein, die habe die Entwicklung zu lange verschlafen. "Ich kann als OB nicht Daimler helfen, aber dafür sorgen, dass die Wirtschaftsstruktur der Stadt interessant bleibt." Unter anderem denkt sie darüber nach, ob sich Bosch nicht noch mehr auf Medizintechnik verlegen könnte oder daran, die Universität zu stärken. Auch möchte sie Wohnen und Arbeiten in den Quartieren wieder näher zusammenbringen.

Und wegen Corona könnte sich zukünftig einiges ändern: Büros könnten in Wohnraum zurückverwandelt werden. An den amerikanischen Kasernenstandorten oder am Eiermann-Campus in Vaihingen entstünden neue Potenziale. "In einem Punkt bin ich mir total sicher", hält sie fest: "Wir müssen nicht das Birkacher Feld bebauen." Sie setzt auf Nachverdichtung und innerstädtisches Wohnen und möchte Garagenlandschaften als Bauland erschließen, wenn es anders nicht geht, mit studentischen Tiny Houses aus Holz über den Stellplätzen.

Die grüne OB-Kandidatin wünscht sich mehr innovative Ansätze: wie das Projekt "Raumteiler", das sie für Gisela Erler entwickelt hat: Um Wohnungssuchende unterzubringen, wendet sich die Stadt an Hausbesitzer, fördert die Renovierung leer stehender Wohnungen und übernimmt eine Garantie für die Mietzahlungen. Baugemeinschaften und Genossenschaften sollten stärker berücksichtigt werden, findet sie. Es bräuchte eine städtische Bodenvorratspolitik, mehr Erbpachtverhältnisse und ein Rückfallrecht an die Stadt. "Parzellen sollen nicht an Investoren allein vergeben werden, damit nicht solche Klötze entstehen wie im Europaviertel."

"Die Stuttgarter haben das Format, an ihren Problemen zu wachsen" – das ist Veronika Kienzles Credo, das sie aus ihren Erfahrungen in der Flüchtlingshilfe ableitet. "Aus Moria hätte ich gerne eine viel größere Anzahl aufgenommen", sagt sie. "Ich bin sicher, dass wir das geschafft hätten."


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2 Kommentare verfügbar

  • H. Kannes
    am 23.09.2020
    Antworten
    Warum ist diese platte Werbung nicht als solche gekennzeichnet?
    Zudem darf die Funktion der Partei, für die Frau Kienzle antritt, nicht vergessen werden: Beibehaltung des schändlichen Status Quo begleitet mit einer ökoliberalen Feelgood-Rhetorik, die uns wirkliche Änderungen unserer zerstörerischen…
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