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Stuttgarter OB-Wahl

Bizarre Fehde

Stuttgarter OB-Wahl: Bizarre Fehde
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Mit ihrem OB-Kandidaten Frank Nopper will die CDU in Stuttgart beweisen, dass sie auch Großstadt kann. Doch sein Wirken als Schultes in Backnang nährt Zweifel, insbesondere bei einem Vorzeigeunternehmer, der den 59-Jährigen schlicht für einen überforderten Dilettanten hält.

Vielleicht ist es in der schmucken Großen Kreisstadt Backnang so, wie bei Russell Mulcahys Schottenrock-Gemetzel "Highlander" oder in jedem anderen Männer-Duell der Alpha-Tierchen. Es kann eben nur einen geben. Die beiden Protagonisten in dem aktuell aufgeführten Stück heißen: Frank Nopper, seit 18 Jahren auf dem Oberbürgermeistersessel und Kandidat der CDU für den OB-Posten in der Landeshauptstadt. Und: Hermann Püttmer, Unternehmer, Gründer des Firmen-Imperiums Riva und bekennender Verächter des Erstgenannten.

Und wie in jedem historischen Streit von Nachbardörflern, weiß eigentlich keiner mehr so genau, warum man sich so spinnefeind ist. Nopper antwortet auf Anfrage: "Das müssen Sie Herrn Püttmer fragen." Und der wiederum meint: "Warum das Verhältnis zu Herrn Nopper sich so entwickelt hat, kann ich selber nicht erklären." Allerdings liefert der 82-Jährige noch einen psychologischen Deutungsversuch: "Da stecken sicher auch ein Stück Neid und Eifersucht dahinter."

Backnang ist halt nicht die Moschee in Mekka

Wenn für vermuteten Neid der wirtschaftliche Erfolg als Gradmesser dienen soll, liegt Püttmer sicherlich nicht ganz falsch. Der gelernte Kaufmann hat in einem Alter, in dem andere Entrepreneure auf Mallorca ihr Handicap verbessern, erst so richtig Gas gegeben. Mit Anfang 60 hatte Püttmer sein heutiges Unternehmen gegründet und als Entwickler von Aluminium-Gebäudeteilen im orientalischen Stil das saudi-arabische Königshaus beglückt. Mit rund 200 Millionen Euro Scheich-Starthilfe alimentiert, stampfte er eine Produktion von Bauteilen aus dem Boden und stattete damit die Fassaden der Großen Moschee in Mekka aus. In den drei riesigen Hallen auf einem Neun-Hektar-Areal in einem Gewerbegebiet am Rande von Backnang entstanden aber auch die Fassadenteile für zwei der jüngsten Hochhäuser in der City von Frankfurt am Main.

Man könnte also ganz profan sagen, dass es bis zum Corona-Ausbruch in der Püttmerschen Kasse erfreulich klingelte. Mit der eingenommenen Penunze zimmerte er sich ein gar nicht so kleines Firmenimperium (unter anderem Soehnle-Waagen und eine Batteriezellen-Produktion) zusammen und ging in Backnang auf Einkaufstour. Stücklesweise wanderten so auch die größten Teile eines maroden Stadtgebietes am Rande der historischen Altstadt in seinen Besitz. Das sogenannte Kälble-Areal könnte man wohlwollend als charmantes Nachkriegsgelände betrachten, man könnte aber auch sagen, die Flächen an der Murr wirkten wie DDR-Endphase-Kulissen.

Tatsächlich hat sich auf dem Gelände seit Jahrzehnten nichts getan. Angereiste Immobilienentwickler wunderten sich regelmäßig, dass es heutzutage in einer vermeintlich schwäbischen Vorzeigestadt überhaupt noch so ein derart heruntergekommenes Quartier gibt. Doch nun soll auf der Fläche "Backnang-West" nach dem Willen der Stadt im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 etwas vollkommen Neues entstehen. Für den früheren Geschäftsführer der Schreinerinnung jedenfalls ist es eine "große und komplexe Quartiersentwicklung", die derzeit mittels eines städtebaulichen Wettbewerbs vorbereitet werde.

Möglicherweise hat Nopper hier aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Immobilien-Besitzer Püttmer hat zu den vorgestellten Ideen seine eigene Meinung, und die fällt eher vernichtend aus. "Das, was bislang an alternativen Plänen gezeigt wird, ist Kinder-Architektur: Lauter kleine Häusle mit einem Giebel-Dächle drauf." Es fällt auf: Der Mann liebt die schwäbische Verkleinerungsform. Und wenn er so richtig in Fahrt kommt, wird dann aus dem Nopper halt auch schnell ein "Nopperle".

Keine Gnade für das Hochhaus des Stararchitekten

Püttmer selbst sieht sich in seinem Gestaltungsdrang durch "kleinkarierte Leute in der Stadt" massiv ausgebremst. Für jemanden, der in lichten Höhen schwebt, ein schwer erträglicher Zustand. Vor zwei Jahren hatte er seine eigenen Ideen für die 37.000-Einwohnergemeinde präsentiert. Der aus Chicago eingeflogene Stararchitekt Helmut Jahn stellte ein futuristisches Viertel mit einer Weiterbildungs-Akademie für Techniker und Ingenieure inklusive eines weit über die Stadt ragenden Hochhauses vor. Da schlackerten die Backnanger entsprechend mit den Ohren. Nopper kommentiert heute die damalige Reaktion der Stadt so: "Es hat ihn (Püttmer; Anmerkung der Red.) offenbar nicht erfreut, dass Gemeinderat und Verwaltung seine Ideen – etwa den Bau eines 100 Meter hohen Hochhauses zur Hotel- und Gewerbenutzung – nicht immer für gut befunden haben."

Vielleicht wäre es spätestens hier zum Wohle der Stadt Backnang gewesen, wenn es Nopper mit einer Umarmungsstrategie versucht hätte. Aber das hätte womöglich bedeutet, dass ein anderer dem Herrn Oberbürgermeister die Show stiehlt. Und die One-Man-Show ist fester Bestandteil der Nopperschen Performance. Ob als launiger Büttenredner im Karneval oder selbsternannter oberster Feuerwehrmann, der mit dem großen Schlauch sämtliche Brände löscht. Oder als ganzer Kerl, der im Arm von Ehefrau Gudrun auf dem Neckarschiff posiert, nachdem er eine Corona-Infektion überstanden hat.

Püttmer meint heute zu der verpassten Chance: "Der Masterplan von 2018 sollte nur ein erster Aufschlag sein. Da ist nichts in Stein gemeißelt. Man kann mit mir über alles reden. Aber der Anstand gebietet es – vor allem gegenüber Herrn Jahn – sich mit uns auszutauschen. Wir haben aber von der Stadt Backnang überhaupt nichts mehr gehört. Das gehört sich nicht. Das ist einfach ganz schlechter Stil."

Über Stilfragen lässt sich bekanntlich streiten. Noppers Stil ist in Backnang zumindest so beliebt, dass es zur zweimaligen, mit über 85 Prozent durchaus respektablen Wiederwahl gereicht hat. Mangels Gegenkandidat oder gar ernstzunehmender Opposition nimmt sich der 59-jährige Jurist am liebsten selbst auf den Arm. Kostprobe gefällig? Als "Amtsbot Korl-Hoiner" reimt er in der Fasnet: "Beim Nopper klebt das Haar am Scheitel, der Kerle isch halt etwas eitel." Das mag man für peinlich oder witzig halten, in Backnang fällt auf, dass sich kaum jemand offen gegen den Schultes stellt. Die burschikose Nummer des promovierten Prädikatsjuristen, bei dem das Einstecktücherl im Sakko stets mit der Krawatte harmoniert, verfängt offensichtlich.

"Der Nopper fand sich schon immer unwiderstehlich"

Alte Kollegen aus der Tübinger Studienzeit erinnern sich auch heute noch fast neidvoll daran, dass Nopper den Parcours zwischen Party und Paragraphenpaukerei immer bravourös gemeistert hat. Ein gewisser Geltungsdrang war offensichtlich damals schon auszumachen. "Der Nopper fand sich schon immer unwiderstehlich – ob im Audimax oder in der Cafeteria. Das geflügelte Wort war: Da kommt der Schwarze. Mit der Farbe war allerdings immer seine schmalzige Frisur gemeint und weniger die politische Richtung", erinnert sich ein Studiosus. Und niemand von den einstigen Weggefährten – ob heute im Justizministerium oder in renommierter Anwaltskanzlei – wundert sich, ob des schier unaufhaltsamen Aufstiegs des ehemaligen Kommilitonen. Vielleicht nur darüber, dass es so lange gedauert hat, bis er die Chance auf den Chefsessel in Stuttgart bekommen hat. Oder wie sagt es ein leitender Ministerialer so schön: "Backnang war doch für sein eigenes Verständnis mindestens zwei Nummern zu klein." Das Feld scheint also bereitet.

Dabei liegen die Defizite in Backnang auf der Hand, die es einem Kritiker wie Püttmer so leicht machen, den Finger in die Wunde zu legen. So fehlt es in Backnang an großen Namen. Kein Kärcher oder Stihl wie in den Nachbarkommunen Winnenden oder Waiblingen. Auch eine Hochschule, wie sie das etwa gleich große Schwäbisch Hall vorzeigen kann, sucht man in Noppers Wirkungskreis vergebens. "Die Stadt hat in Sachen Zukunft nichts vorzuweisen. Qualifizierung ist der Schlüssel in die Zukunft", sagt Püttmer, der für seine Ausbildungsinitiativen regelmäßig mit Preisen überhäuft wird. "Dieses Thema ist von Herrn Nopper während seiner Amtszeit total verschlafen worden. Wir vermuten, er hat die Zeichen der Zeit überhaupt nicht erkannt", sagt Püttmer, der sich nach der Wahl seines Widersachers zum OB von Stuttgart ("Die Stuttgarter dürfen sich schon freuen") eine Chance für einen "Neustart für Backnang" herbeisehnt.

Dann könnte es womöglich auch mit einer von ihm gestifteten öffentlichen Kunstsammlung klappen. In seiner Jugendstil-Villa möchte der Mäzen die von ihm aufgekauften Vertreter der Neuen Sachlichkeit und des Bauhauses wie Leonhard Schmidt und Reinhold Naegele präsentieren. Vor der Villa wollte Püttmer bereits ein Amphitheater errichten, doch die Stadt ließ wegen Baurechtsverstößen das aufgeschüttete Erdreich wieder abtragen. Auch das hat Püttmer schwer verärgert und zu der Erkenntnis gelangen lassen, dass hier eine "Riesen-Chance für ganz Backnang mutwillig zerstört worden ist".

Und wie sieht Nopper das zukünftige Verhältnis? "Es wird sich verbessern", lässt er wissen, "sobald Marcus Püttmer (der Sohn von Hermann Püttmer; Anmerkung der Red.) Geschäftsführer ist."


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