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Kleeblatt zur Wahl

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Veronika Kienzle (Grüne) und Frank Nopper (CDU) ziehen also in den Stuttgarter OB-Wahlkampf. Gemeinsam mit Martin Körner (SPD) und voraussichtlich Hannes Rockenbauch (SÖS). In ihrer kommunalpolitischen Passion sind sie sich einig. Aber nicht bei Stuttgart 21.

Der CDU-Generalsekretär gibt den Experten für Stuttgarts Pulsschlag. Das erstaunt, weil Manuel Hagel aus dem ländlich geprägten Alb-Donau-Kreis kommt, aus der Provinz, hätten GroßstädterInnen früher herablassend gesagt. Trotzdem weiß er, dass sein Parteifreund Frank Nopper, 58 Jahre alt, "zum Beat passt". Ein Lob wie eine Hypothek, denn noch immer haben sehr viele Menschen nicht nur im Talkessel einen ganz anderen Rhythmus im Ohr, das Konzert des Widerstands gegen Stuttgart 21.

"Rund 3.000 empörte, aber gut gelaunte StuttgarterInnen versammelten sich vor dem Rathaus, um ihrem Unmut über das Geldvernichtungsprojekt Stuttgart 21 in einer von Volker Lösch und Walter Sittler initiierten genialen, ab sofort immer zu wiederholenden Lärm-Aktion Luft zu machen", heißt es im Netz zu dieser Art Beat, erfunden im Juli 2010. Praktiziert über Monate, jeden Tag abends um sieben, eine Minute lang, so laut und kreativ wie möglich.

Natürlich sind Nopper und Körner Fans von Stuttgart 21. Natürlich hat der erfolgreiche Backnanger OB – welches Stadtoberhaupt kann schon je 87 Prozent bei zwei Wiederwahlen vorzeigen? – den geschmackvollerweise keine drei Wochen nach dem "Schwarzen Donnerstag" präsentierten Appell der 21 Oberbürgermeister zum Milliardenprojekt unterzeichnet. Mehr als neun Jahr später muss es um gebrochene Versprechen gehen, allen voran dieses: "Wir als Befürworter von Stuttgart 21 setzen auf die Kraft der Sachargumente." Und dann gehören die geweckten Erwartungen auf die Goldwaage. "Aus ökologischen Gründen" verlangten die OBs eine "Stärkung des Umweltverbundes mit modernem Schienenverkehr". Mit dem Tiefbahnhof sollten "die Weichen für die Zukunft der gesamten Region Stuttgart gestellt werden", um damit "zu weniger Schadstoff- und CO2-Emissionen, weniger Staus im Berufsverkehr, Lärm und Straßenverkehr beizutragen".

Noch kann Nopper derart heikle Punkte umschiffen. Bei seinem Auftritt am vergangenen Sonntag, mit Blick vom Eugensplatz hinunter auf die Stadt, kommt er rasch auf seine seit Generationen hier verwurzelte Familie zu sprechen, seinen Vater Manfred vor allem, der im OB-Wahlkampf 1966 gegen den populären Amtsinhaber Arnulf Klett fast 40 Prozent holte. Als Trumpf zieht er seine Erfahrung aus nicht weniger als 28 Wahlkämpfen aus dem Ärmel, in Stadt, Land und Bund, als aktiver Wahlhelfer für Manfred Rommel, Wolfgang Schuster oder Gerhard Mayer-Vorfelder. Zudem drei eigene OB-Wahlkämpfe in Backnang, vier Kreistagswahl- und sechs Regionalwahlkämpfe. Und dann die Krönung: "allesamt mit Erfolg."

Im Talkessel gehört Kienzle zum Stadtbild

Die grüne Kandidatin wird auf andere Stärken setzen und nicht zuletzt darauf, dass sie nicht fast zwei Jahrzehnte fort war oder nur zu Besuch. In puncto "Beat" ist das kein schlechtes Argument. Veronika Kienzle lebt und arbeitet seit 40 Jahren in Stuttgart und ist seit 30 Jahren in der Kommunalpolitik unterwegs. Im Talkessel gehört die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte schon fast zum Stadtbild auf ihrem Fahrrad. Viel Erfahrung gesammelt hat sie seit der grün-roten Regierungsübernahme im Land als eine der wichtigsten MitarbeiterInnen von Gisela Erler, der Staatsrätin für Bürgerbeteiligung und Zivilgesellschaft. Und sie ist tiefverwurzelt in der Bewegung für den Kopfbahnhof.

Das war einmal, werden viele S-21-GegnerInnen beklagen. Jedenfalls haben sich Kienzle und ihr Mann Michael, der nicht weniger als 25 Jahre im Gemeinderat saß, eingehend mit der "Mentalitätsgeschichte" des Protests befasst. Auseinandersetzungen sind programmiert: um die Bedeutung des Baufortschritts für die Unumkehrbarkeit, um die vier unterirdischen Zusatzgleise und den Tiefbahnhof als Hemmschuh dafür, dass Stuttgart "zu einer Modellstadt neuer Mobilitätsformen wird", wie die 57-Jährige bei ihrer Vorstellung sagt.

Auch der einzige schon offiziell von seiner Partei gewählte Kandidat Martin Körner will die Mobilität in der Stadt "neu organisieren" und verlangt, dass sich die Automobilindustrie als "Wohlstandsmodell neu aufstellt". Für den 49-jährigen Sozi gilt als Faustregel zum Wahlkampfbeginn: noch keine Details, dafür einen "Spannungsbogen" sowie viele Themen vom Wohnungsbau bis zur Opernsanierung. Die Boden- und Grundstückspolitik will er neu ausrichten – und aussichtsreich im zweiten Wahlgang antreten. Und trotz allem, was geschehen ist, verspricht der Diplomvolkswirt sich noch immer "viel von Stuttgart 21, verkehrlich, städtebaulich und wohnungspolitisch". Aber er habe "allergrößten Respekt vor jenen, die das Projekt weiter kritisch sehen, weil man der Meinung sein kann – ich bin es nicht, aber man kann –, dass es zu teuer ist".

Rockenbauch will Rückkehr zum Kopfbahnhof

Unter dieses "man" fällt Hannes Rockenbauch. Wenn sich der 39-jährige Stadtplaner von der linken SÖS-Opposition im März erwartungsgemäß zum Kandidaten ausruft, wird er stadtauf, stadtab erläutern, wie seiner Meinung nach gangbare Wege zur Rückkehr zum Kopfbahnhof aussehen. Und nicht nur das. Der Rotschopf wird auch auf den anderen kommunalpolitischen Feldern eine radikalere Sprache sprechen – und damit vermutlich Außenseiter bleiben.

Nopper und Kienzle verbindet, dass sie sich die besten Chancen auf Fritz Kuhns Nachfolge ausrechnen. "Ich schnauf' für Stuttgart", sagt der eine. Und dass er ein Brückenbauer sein will, "der möglichst alle einbezieht", was parteiübergreifend viele BacknangerInnen bestätigen. "Ich werde mit großer Neugierde zuhören", verspricht die andere. Erwiesenermaßen habe sie einen langen Atem. Beide können Kompetenz in der Umsetzung von Projekten vorweisen, die gebürtige Bremerin, die in Worpswede aufgewachsen ist, mit dem Vorteil, dass ihre Beispiele der Wählerschaft ohne lange Erklärungen vermittelbar sind: etwa das erfolgreiche Engagement zugunsten der AnwohnerInnen im Kernerviertel, die sich von der Bahn miserabel informiert fühlen. Oder der zähe Kampf gegen die Zustände im Rotlichtmilieu. Oder die langjährige erfolgreiche Arbeit als Flüchtlingskoordinatorin der Stadt.

Selbst strammsten Nopper-AnhängerInnen wird schwerfallen, einen Pluspunkt für Kienzle zu leugnen. OB-Wahlkämpfe werden zwar immer wieder beschrieben als stets eigenen Gesetzen unterliegend, sind aber selten völlig losgelöst von den im Umfeld dominierenden Präferenzen. Bei der Kommunalwahl im vergangenen Mai lag die CDU in gerade mal vier der 23 Bezirke (Münster, Mühlhausen, Stammheim und Untertürkheim) vor den Grünen. Und in Mitte, Süd, West, Nord und Ost, dort wo die allermeisten StuttgarterInnen leben, kamen die Grünen auf 26 und 30 Prozent, die Schwarzen dagegen nur auf 15 und 21.

Schon allein deshalb wird Nopper, wie vom Stuttgart-Kenner Manuel Hagel versprochen, "über den Kesselrand hinausdenken". Vielleicht sogar bis nach Backnang. Denn seine zweite Heimat will der Freund bunter Einstecktücher auch über den OB-Wahlkampf nicht aus den Augen verlieren, um gegebenenfalls, wie er bereits angekündigt hat, an die ursprüngliche Rathausspitze zurückzukehren.


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5 Kommentare verfügbar

  • Monika Kneer
    am 21.02.2020
    Antworten
    Ein Kleeblatt bringt uns nicht weiter, im Gegenteil. Wenn wir Klimagerechtigkeit wirklich wollen, dann braucht Stuttgart weitreichende Veränderungen und konsequentes Handeln bei Themen wie Nachhaltigkeit, Strukturwandel, Stadtplanung, Verkehr, Wohnen usw.
    Weil er gut ist und ganz genau weiß, was es…
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