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Plastik

Dieser Stoff ist keine Kunst

Plastik: Dieser Stoff ist keine Kunst
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Nicht Inseln, kleine Kontinente aus Kunststoff machen Meeresbewohnern das Leben schwer. Die Bundesregierung verbietet nun Einweg-Plastik ab Mitte 2021 – reichlich spät. Jürgen Dahl warnte bereits 1974 vor einer Gesellschaft, die, begraben unter Plastik, keinen Platz mehr für sich selbst findet. Kontext dokumentiert seinen Essay.

Für die Ausrufer des Fortschritts ist der Kunststoff einer der vorletzten Meilensteine auf dem Weg zum geheimen Endziel aller Fortschreiterei: zur Neuerschaffung der als unzulänglich erkannten Welt.

Sie preisen den Stoff, der das Unmögliche möglich macht und das Unvorhergesehene plötzlich erlaubt. Sie preisen den Regenmantel aus Plastik, den Joghurtbecher aus Plastik, den Sturzhelm aus Plastik, den Schnuller aus Plastik, die Brechschale aus Plastik. Für den Menschen haben sie schon einige Ersatzteile aus Plastik hergestellt, so dass der Verdacht erlaubt scheint, sie würden ihn am liebsten aus Kunststoff neu zubereiten oder, ersatzweise, wenigstens damit imprägnieren.

In der Berichterstattung über die Nutzanwendung der Kunststoffe ist das am häufigsten vorkommende Wort die "Eroberung": Der Kunststoff wird weniger verwendet, als dass es ihm gelingt, ein neues Anwendungsgebiet zu erobern. Soweit dies noch nicht erreicht ist, der Sieg aber kurz bevorsteht, hört man gelegentlich das Stichwort "Vision". Es ist die Vision der Plastikmacher und ihrer Public-Relations-Männer, die den formgeschäumten Vollschaumsessel nicht nur für einen Beitrag zum häuslichen Leben halten, was ja schon schlimm genug ist, sondern die Formschäumung an sich als unabdingbare Voraussetzung dafür ansehen, dass so etwas wie ein ernstzunehmendes häusliches Leben dereinst überhaupt wird stattfinden können.

Mit den Mitteln und in den Formen werbender Volksaufklärung wird da der Stoff gefeiert, den der Mensch sich selber schuf, Ausbund und Inbegriff vollkommenster Zweckmäßigkeit und grenzenloser Beliebigkeit, besser als alles, was eine mit Fehlern behaftete Schöpfung bisher zu bieten hatte.

Plastik ist schlagfest, pflegeleicht, elastisch, putzbeständig, kugelsicher, wärmedämmend, termitenfest, bruchsicher, schwer entflammbar, gewebefreundlich, abwaschbar, säurebeständig, Plastik ist dies alles gleichzeitig oder nur einiges davon, auf Wunsch in jeder beliebigen Zusammenstellung.

Ein Jungbrunnen zum Wegwerfen

Da der Kunststoff nichts anderes zu bieten hat als seine Zweckmäßigkeit, macht man die Not der Dürftigkeit zur Tugend nüchterner Beschränkung, verpönt die Frage nach der Schönheit als etwas ganz Unschickliches und streift das Gebiet der Ästhetik bestenfalls zu Werbezwecken.

Zur Zweckmäßigkeit gehört, unter anderem, die Beständigkeit. Sie ist mehr als eine schlichte Materialeigenschaft: Sie verdinglicht den Traum von der ewigen Jugend. Plastik altert nicht, Plastik ist der Stoff, der die Unendlichkeit der Existenz vorspiegelt und zu volkstümlichen Preisen verfügbar macht. Die in menschlicher Zeit nicht abnutzbare Klosettbrille vertreibt ein Stück unerwünschter Vergänglichkeit aus dem täglichen Leben.

Was bei anderen Materialien möglichst repariert wird, wirkt bei Plastikgegenständen nur ärgerlich; es stört die Illusion des glatt Perfekten, und da jeder Reparaturversuch die Unzulänglichkeit noch hervorheben würde, entledigt man sich schnell des "eigentlich" noch auf unabsehbare Zeit hinaus brauchbaren Gegenstandes. Unsterblichkeit wird zum Pfennigartikel und das Wegwerfen des Joghurtbechers zur Geste des Sieges über die Hinfälligkeit der Dinge.

Der eigentliche Charakterfehler der Wegwerfgesellschaft ist ja nicht, dass sie sich des Unbrauchbaren entledigt, sondern dass sie das Brauchbare verkommen lässt und sich dabei auf dem Gipfel aller Schlauheit wähnt.

Klodeckel und Herzklappe zugleich

Die Beliebigkeit des Kunststoffs wird aber erst dadurch vollkommen und grenzenlos, dass er in beliebiger Variation erschaffen werden kann. Dieser Umstand erfüllt die Plastikmacher mit besonderem Stolz, hier entfaltet sich ihre ganze Souveränität der Materie gegenüber, und vor die staunende Kundschaft treten sie als fröhliche Alchemisten, die entdeckt haben, dass der Stein der Weisen eigentlich ein Sack voll unterschiedlicher Kiesel ist, aus dem sie bereitwillig die passenden austeilen, je nachdem, ob es um Klodeckel oder Herzklappen geht.

Die am Reißbrett vorentworfene Materie bedarf zu ihrer Herstellung organischer Grundstoffe: Holz, Kohle und Öl sind, ihrer Herkunft zur Unkenntlichkeit entfremdet, Ursprung aller Plastikmaterialien. Was bei der Produktion entsteht, ist in jedem Fall eine Art von Teig, der höchstens im submikroskopischen Bereich die Andeutung von Strukturen erkennen lässt.

Holz hat Zellen und Fasern, Gesteine haben Spaltrichtungen und Klüfte, und noch im gegossenem Metall oder Glas gibt es verborgene Strukturen, die im Klang der Stoffe hörbar werden. Der Kunststoff hat kein solches inneres Gefüge, kein innerer Bauplan zeigt Spannungszonen, Spaltebenen oder Bereiche unterschiedlicher Dichte, die Masse ist an jedem Punkt sich selber gleich.

Kein Gesetz der inneren Struktur verwehrt den Plastikmachern irgendetwas, und diese Freiheit nutzen sie ausschweifend, verwechseln sie mit irgendeiner Art von entbindender Befreiung und interpretieren sie als Einladung, mit ihrem Stoff in den letzten Winkel des Lebens einzudringen und ihre Produkte auch dem Unwilligsten aufzunötigen.

Der Reichtum an Plastik ist die Armut der Sinne

Mit jedem Tag schreitet die Eroberung fort, und wo die Zunft ihre Messefeste begeht und vorzeigt, was sie kann, da kommt es zu orgiastischer Selbstdarstellung. Das eigentlich Erstaunliche an dieser Euphorie ist die Begeisterung, mit welcher der Verzicht auf alle möglichen Sinneseindrücke gefeiert wird: Jubelnd begrüßt man einen Stoff, der dem Tastsinn nichts weiter bietet als eine perfekte Glätte, einen Stoff, der weder schmeckt noch riecht, und wenn, dann widerwärtig.

Aus dieser Kargheit der sinnlichen Qualitäten rührt die tote, anorganische Wirkung her, die von Plastik ausgeht. Doch eine solche Betrachtung muss es sich gefallen lassen, dass sie als Sentimentalität verhöhnt und als fortschrittsfeindliche Nörgelei abgetan wird. Die Zweckmäßigkeit herrscht souverän. Wenn der Nachweis der Nützlichkeit abgeliefert ist, sind Rückfragen unerwünscht.

Aber schon die erste flüchtige Erwägung zeigt deutlich das Ausmaß an Verzicht, das hier in wohlgemuter Progressivität geleistet wird. Von Tag zu Tag vermindert man die Möglichkeiten, bei der Ausübung täglicher Handgriffe und Verrichtungen taktile und optische Reize gratis und frei ins Haus geliefert zu bekommen und in der Andeutung von Düften und Gerüchen (die ja noch dem Stahl und Beton eigen sind) mit der Fülle der Wahrnehmungen zugleich die Fülle der Welt aufzunehmen.

Wo dies mehr und mehr reduziert wird auf den Umgang mit dem Makromolekularen, da muss natürlich Erlebnis-Ersatz herbeigeschafft werden. Im Zweifelsfalle dient als Ausweg nicht die Beseitigung der Plastikgegenstände, sondern ihre Vermehrung: Was das Ding an sich nicht zu leisten vermag, soll die Addition ersetzen. Es ist ein spukhafter Vorgang, wenn jetzt die Bewusstmachung sinnlicher Qualitäten vornehmlich mit Hilfe des gleichen Stoffes erfolgt, dessen Armut an sinnlichen Qualitäten die ganze Bedürftigkeit überhaupt erst hervorgebracht hat.

Die Kinderwelt wird zur Plastikwelt

Die Einübung beginnt beim Neugeborenen. Die ersten Gegenstände, die es erblickt und in Greifnähe gehängt bekommt, sind, nach dem Willen der einschlägigen Industrie, Kugeln und Rasseln aus Plastik. Das flache Scheppern dünnwandiger Kunststoffgegenstände gehört zu den ersten Lauten, die das Kind selbst zu erzeugen vermag, und die öde Glätte dieser Gegenstände gehört zu den ersten Eindrücken, die seine Fingerspitzen empfangen: Es ist eben nicht die Glätte polierter Holzkugeln, die noch eine Andeutung der faserigen Grundstruktur des Holzes weitergeben, sondern es ist die unbelebte Glätte des makromolekularen Teiges.

Diese Reduzierung des Kinderspielzeugs verhindert, dass das Kind im Spiel Bekanntschaft mit den Materialien schließt, aus denen diese Welt gemacht ist, die Eigenschaften und Möglichkeiten erkennt, die Holz und Glas und Blech, Stoff und Stein voneinander unterscheiden. Weit und breit ist kein Vorteil zu sehen, der damit verbunden sein könnte, dass man solche Erfahrung hinausschiebt. Dagegen ist der Nachteil offenkundig, der darin liegt, dass der ständige Umgang mit Unzerbrechlichem die Gleichgültigkeit den Dingen gegenüber nicht nur fördert, sondern überhaupt erst hervorbringt, so wie die Billigkeit und beliebige Verfügbarkeit der Gegenstände eine Nachlässigkeit erzeugt, die den Produzenten gerade recht kommt.

Vollendet und bekrönt wurde die Eroberung des Kinderzimmers durch einen Baukasten, der die Eigenschaften und Un-Eigenschaften des Kunststoffs exemplarisch vorzeigt. Seine Erfinder bezeichnen ihn als genialen Einfall und preisen ihn mit der Aufforderung an: "Nehmen Sie zwei Bausteine in die Hand und drücken Sie sie aufeinander! Schon werden Sie verstehen, warum Millionen Kinder in aller Welt begeistert mit diesen Steinen spielen."

Mit einem weichen Knacken rasten die Noppen des einen Steins in die Hohlräume des anderen ein, fest genug, um jeder vernünftigen Beanspruchung standzuhalten, lose genug, dass man sie jederzeit wieder voneinander lösen kann. Das Verfahren ist, wenn nicht genial, so doch zumindest überaus zweckmäßig; es bedarf keiner Erläuterung, keiner Einsicht in die Gesetze der Mechanik und es hat im Laufe weniger Jahre allen anderen Baukästen den Rang abgelaufen. Die vielfach gelochte Metallleiste, die mit Schrauben und Muttern verbunden werden muss und die Prinzipien des Stahlbaues im Kleinen wiederholt, ist in den Kinderzimmern kaum mehr anzutreffen, der Baustein mit den Noppen auf der Oberseite und dem Hohlprofil auf der Unterseite ist an seine Stelle getreten.

Damit ist ein Urproblem aller konstruktiven Arbeit wie von Zauberhand weggewischt, die Frage nämlich, wie man denn die Teile zum Ganzen verbinden könne: Hier lässt sich alles mit allem zusammenknöpfen. Aber für das Spiel der Kinder gilt, dass mit jeder Schwierigkeit auch eine Erfahrungsmöglichkeit beseitigt wird.

Schöner Wohnen in der Tupperdose

Der Beißring aus Plastik ist der Anfang. Es folgen die Noppensteinchen und es folgt dann, nach dem Spielzeug für die Kinder, das für die Erwachsenen: ein Wust von praktischen und höchst unpraktischen, von notwendigen und ganz überflüssigen Gegenständen, die nach und nach das hergebrachte Inventar ersetzen und deren Vordringen sich niemand mehr ernstlich widersetzen kann.

Es mag ja wirklich so sein, dass die Herstellung kratzfester Tischplatten ein vernünftiger Fortschritt ist und der Hang zum Holz ein Überbleibsel aus Großvaters Zeiten. Aber dann bleibt es wunderlich, dass auf dem Markt, auf dem der kratzfeste Tisch als "progressiv" ausgerufen wird, zugleich der polierte Mahagonitisch als "exklusiv" gilt.

Es mag ja auch zutreffen, dass eine rapide wachsende Menschheit die neuen Stoffe bitter nötig hat, weil die alten gar nicht ausreichen würden. Aber dann wäre Plastik nichts als ein grandioser Ersatzartikel – und davon ist nie und nimmer die Rede, sondern immer nur vom Fortschritt.

Es mag ja ferner sein, dass sich bei Herzklappen, künstlichen Arterien und Regenrinnen aus Plastik die Frage nach den sinnlichen Qualitäten von selbst verbietet. Aber dann stellt sie sich bei den Wandverkleidungen von Untergrundbahn-Stationen umso dringlicher.

Der Kunststoff, der, Stück für Stück, das Bauwesen "erobert", sieht sich auf dem Weg zu den höheren Weihen des Polymerisationsmysteriums und kann die Schlussapotheose kaum erwarten: das Haus aus Plastik. Doch bei jedem Schritt, den man in einer solchen Kabine tut, wird hörbar und spürbar, dass, in Ermangelung der notwendigen Bau-Masse, gar kein Haus entstehen kann, sondern immer nur eine Frischhaltepackung für die moderne Familie.

Wer es aber wagen würde, einen Kausalzusammenhang zwischen dem Grad des Wohlbefindens einerseits und einem Zahnputzbecher andererseits zu konstatieren, in der Weise, dass der povere Zahnputzbecher aus Plastik schon am frühen Morgen das Unbehagen weckt, dessen Quelle dann ganz anderswo gesucht wird, der würde als Narr verlacht.

Denn Plastik ist termitenfest, schwer entflammbar, säurebeständig und unverwüstlich.

Unverwüstlich, wahrhaftig: Das Material, das, wie seine Anbieter immer wieder versichern, aus der Industriegesellschaft gar nicht mehr wegzudenken ist, hat ja den Nachteil, dass es aus dieser auch kaum mehr wegzuschaffen ist und sich zu Bergen stapelt, so dass, auf die Länge gesehen, sehr wohl die Industriegesellschaft aus dem Kunststoff wegzudenken wäre, indem dieser die Erde bedeckt und für die Industriegesellschaft gar keinen Platz mehr lässt.

Die Aufhebung aller Eigentlichkeit durch den uneigentlichen Stoff hat, während die Zweckmäßigkeit ihre Sprüchlein klopft, schon Kontur gewonnen.


Der vorliegende Text ist der gekürzte, 1974 erstveröffentlichte Essay Jürgen Dahls über Plastik aus der jetzt neu erschienenen Sammlung "Einrede gegen die Mobilität / Der Anfang vom Ende des Automobils / Einrede gegen Plastic". Das kleinformatige, 112 Seiten starke Büchlein, im März 2020 vom Verlag "Das Kulturelle Gedächtnis" herausgegeben, ist mit einem Vorwort von Jürgen Trittin versehen und für 12 Euro zu haben.


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