Noch fristen verpackungsfreie Läden in Deutschland ein Nischendasein. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 270
Gesellschaft

Kommt nicht in die Tüte

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 01.06.2016
Früher war er Schweröl-Großhändler, jetzt hat er den ersten Laden in Stuttgart für unverpackte Lebensmittel eröffnet: Greenpeace-Aktivist Jens-Peter Wedlich hat aus seiner Überzeugung ein Geschäftsmodell gemacht. Begonnen hat alles mit einer Plastiktüte.

"Ich komme von der dunklen Seite der Macht", sagt Jens-Peter Wedlich und zählt auf, was er in seinem früheren Leben so alles gemacht hat: als Bundeswehr-Zeitsoldat Pershing-Atomraketen bewacht; nach einer Ausbildung zum Großhandelskaufmann in der Chemieindustrie tätig; seit 1991 Mineralöl- und schließlich sieben Jahre lang Schwerölhändler.

Dann kam die Midlife-Crisis. Die Sinnfrage. Wedlich begann sich bei Greenpeace zu engagieren. Er ist keiner, der auf Fabrikschornsteine klettert oder sich auf hoher See Walfangschiffen in den Weg stellt. Aber Engagement bedeutet für ihn mehr, als Online-Petitionen zu unterzeichnen. Seit 2010 ist er aktives Mitglied der Stuttgarter Greenpeace-Gruppe.

Spektakuläre Aktionen sind nur die eine Seite der Arbeit der Umweltorganisation. Mindestens ebenso wichtig ist die Öffentlichkeitsarbeit: Infostände, Pressearbeit, Lobbyarbeit. Dazu ist wichtig, dass alle Mitglieder gut informiert sind. Wedlich machte eine Trainerausbildung und beteiligte sich an Aktionen: etwa im September 2014, als die Aktivisten im Rahmen einer weltweiten Aktion in Edeka-Märkten Aufkleber auf Fischprodukten der Manufaktur "Deutsche See" anbrachten, weil die mit dem isländischen Unternehmen "HB Grandi hf" zusammenarbeitet, das wiederum eng mit der Walfangindustrie verbunden ist.

"Ich liebe die Meere", sagt Wedlich und erzählt, wie er 2012 zehn Tage auf einem Containerschiff mitfuhr: von Rotterdam nach Porto und zurück. Kurz vor der Ankunft in Porto schaltete der Frachter, der schneller als geplant vorangekommen war, die Maschinen aus. Das Schiff trieb auf spiegelglatter See friedlich dahin. Delfine sprangen aus dem Wasser. Da kam eine Plastiktüte angeschwommen.

Schweröl ein "sterbendes Produkt"

Dieses unscheinbare Ereignis ist für ihn zu einem Sinnbild geworden. Damals arbeitete er noch als Schweröl-Großhändler. Er will die Branche nicht verteufeln, die bei einem verantwortlichen Umgang nicht schlimmer sei als andere. Aber er spricht auch von einem "sterbenden Produkt". Einen gewissen Widerspruch zwischen seinem Engagement und seiner beruflichen Tätigkeit empfand er schon. Dann kam die Kündigung: die "einvernehmliche Trennung".

Schwarz und leuchtendes Grün: Die Farben der Einkaufskörbe in Wedlichs soeben eröffnetem Laden in der Vogelsangstraße im Stuttgarter Westen könnten für seine eigene Entwicklung vom Schweröl- zum Biohändler stehen. Es sind Plastikkörbe, aber der Kunststoff stammt aus Recycling. "Öl ist zu schade, um ein Wegwerfprodukt zu werden", formuliert Wedlich sein Credo. Kunststofffrei ist der Laden dennoch nicht. Die Container mit Wasch- und Spülmitteln sind erkennbar aus Plastik, aber auch die mehr als 80 Schütten, die in zwei Reihen wie Bonbon-Automaten in Reih und Glied an der Wand hängen: gefüllt mir Haferflocken und Cornflakes, Nüssen und Trockenfrüchten, Müsli-Mischungen, Nudeln, Getreide, Reis und einer bunten Vielfalt an Hülsenfrüchten. "Schüttgut" heißt der Laden.

Aber im Gegensatz zu den Unmengen Verpackungsmüll, die im Supermarkt Äpfel und Brot, Fleisch, Fisch und nahezu alles, was man überhaupt kaufen kann, umhüllen und die im günstigsten Fall seit 1990 alle paar Wochen in gelben Säcken am Straßenrand liegen, landet hier so gut wie nichts im Müll. Die Kundin oder der Kunde bringt am besten eigene Gefäße mit: etwa Gläser, Tupperdosen oder Stoffbeutel. Nun muss zuerst das Gefäß auf die Waage. Ein kleiner Aufkleber zeigt an, wie viel anschließend vom Gewicht abgezogen wird.

Ein weiterer Vorteil: Wer mit 500-Gramm-Nudelpackungen immer zu viel für die dreiköpfige Familie nach Hause trägt oder als Rentner nur kleine Mengen benötigt, kann die Menge hier frei bestimmen. Allerdings aufgepasst: Was einmal abgefüllt ist, darf nicht wieder zurück, aus hygienischen Gründen. Wem das alles zu umständlich ist, der darf auch eine Einkaufsliste mit Mengenangaben an der Kasse abgeben und bekommt zum gewünschten Zeitpunkt das Sortiment in den eigenen Behältern wieder mit. Wer kein Gefäß dabeihat, kann eines kaufen und von da an seine Erbsen und Nüsse zum Beispiel in platzsparenden, leicht waschbaren Baumwollbeuteln nach Hause tragen.

Fünf Milliarden Plastiktüten verbrauchen nach Angaben von Greenpeace Stuttgart die Deutschen im Jahr, von anderem Verpackungsmüll zu schweigen. Schätzungsweise 13 Millionen Tonnen Plastikmüll landen jährlich in den Weltmeeren. Sechs mal mehr Mikroplastikteilchen als Plankton bevölkern stellenweise die Ozeane. Sie reichern sich im Darm von Albatrossen und Eissturmvögeln an, die daran kläglich zugrunde gehen. In Fischfilets aus dem Supermarkt, hübsch verpackt in Plastikfolie, landen Zusatzstoffe wie Weichmacher, angereichert über die Nahrungskette, am Ende aber auch wieder auf dem menschlichen Mittagstisch.

Im März hat Wedlich mit anderen Greenpeace-Aktivisten am Neckarufer bei Cannstatt Plastikmüll eingesammelt. Nicht um das Abfallwirtschaftsamt zu entlasten – das Zangen und Müllsäcke bereitstellte. Sondern um Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken: Wenn der Neckar den Müll mitnimmt, landet er im Rhein und schließlich im Meer. Statt mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen, ist es allemal besser, vor der eigenen Haustür zu kehren, meint Wedlich.

Die Idee kommt aus Berlin

Im Moment hat Wedlich für die Greenpeace-Arbeit allerdings nicht viel Zeit. Nach der Trennung von seinem früheren Arbeitgeber begann für ihn "die große Suche nach dem, was ich eigentlich will." Zum Schlüsselerlebnis wurde, als er im September 2014 von "Original unverpackt" hörte, dem ersten verpackungsfreien Laden in Berlin-Kreuzberg, der sehr viel mediale Aufmerksamkeit erfuhr. Wedlich fuhr hin, sah sich alles genau an, besuchte auch andere verpackungsfreie Läden, etwa in Kiel, wo Marie Delaperrière bereits im Februar 2014 den ersten Unverpackt-Laden in Deutschland eröffnete. Und entwickelte einen Geschäftsplan.

"Das war genau mein Ding", bekennt der Händler: "Ich koche gern, liebe Kräuter und Gewürze, bin Kaufmann und engagiere mich für die Umwelt." Ein halbes Jahr nach seinem ersten Besuch in Berlin gründete er ein Unternehmen und fand auch gleich einen Laden. Aus dem allerdings nichts wurde, weil die Wände feucht waren. Ein Versuch in der temporären Mall "Fluxus" in der Calwer Passage scheiterte daran, dass die Bank keinen Kredit gab.

Nun hat Wedlich im Stuttgarter Westen seinen Laden gefunden und eröffnet: auf 53 Quadratmetern, zwischen Bio-, Tante-Emma- und Feinkostgeschäft, wie er selbst sagt. Dazu kommt noch ein kleines Lager, nicht mehr als 20 Quadratmeter, wo die Ware in großen Säcken aus Papier oder Kunststoff lagert. Denn die Schütten sind nicht sehr groß, sie fassen zwischen 7,5 und 20 Liter und müssen immer wieder neu befüllt werden.

Etwa 20 bis 30 verpackungsfreie Läden gibt es bisher in Deutschland, beinahe monatlich werden es mehr. Aber wer sagt, dass die Kunden in Stuttgart genau so ticken wie in Berlin-Kreuzberg? Wedlich hat vorerst etwas über 300 Produkte vorrätig, neben Trockenware auch Brot, Obst und Gemüse, Saft von Streuobstwiesen, Öl und Spezialitäten wie getrocknete Maulbeeren und Goji-Beeren, die er besonders schätzt. Allein mehr als 90 Kräuter und Gewürze hat der Hobbykoch vorrätig. Aber das Sortiment kann sich ändern, je nachdem, wie es angenommen und was nachgefragt wird.

Wedlich versucht, soweit es geht, regional einzukaufen. Das bedeutet auch, dass es im Winter keine Erdbeeren gibt. Haselnüsse gibt es aber, obwohl die auch nicht regional zu haben sind – die kommen jetzt aus Aserbaidschan. Kaffee bezieht Wedlich von einer Rösterei in Winnenden, deren Besitzer er kennt. Auch wenn dieser kein Bio- und Fair-Trade-Zertifikat hat, weil diese teuer sind, weiß Wedlich, dass er ihm vertrauen kann: Der Kaffee ist fair gehandelt.

Manche Dinge wie Ingwer oder Olivenöl möchte Wedlich seiner Kundschaft einfach nicht vorenthalten. Womit gleich das nächste Problem anfängt: Olivenöl darf, weil es Fälle von Fälschung gab, nur originalverpackt abgegeben werden. Flüssigwaschmittel dagegen wegen der Angaben auf dem Kanister nur in originalen Packungen des Herstellers, die dann allerdings immer wieder aufgefüllt werden können.

Auch die Dienststelle Lebensmittelüberwachung des Ordnungsamts war schon da. Die Kontrolleure sehen besonders genau hin, weil es einen solchen Laden in Stuttgart bisher noch nicht gab. Wedlich betrachtet dies nicht als Schikane, sondern als Chance, von Anfang an alles richtig zu machen. Dass es bereits andere Bioläden im Stuttgarter Westen gibt, sieht er ebenfalls nicht als Problem. "Wir sind die Nische in der Nische", sagt er, und: "Konkurrenz belebt das Geschäft."

"Schüttgut" befindet sich in der Vogelsangstraße 51 im Stuttgarter Westen.


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1 Kommentar verfügbar

  • Horst Ruch
    am 02.06.2016
    ...einziger Mangel an dieser Idee ist doch, daß sie nicht in Stuttgart erfunden wurde, hier wo doch fast alle Supergags das Licht der Welt erblickt haben, und dringend weiter sollten....allerdings nur, wenn's denn Geld ins Land spült.

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