Neben der Einfahrt zur Erdgas-Raffinerie Bellanaboy steht ein Bus, vollgestopft mit Protest-Utensilien. Wöchentlich protestieren Anwohner und Aktivisten hier gegen Shells "Corrib Gas Project".

Neben der Einfahrt zur Erdgas-Raffinerie Bellanaboy steht ein Bus, vollgestopft mit Protest-Utensilien. Wöchentlich protestieren Anwohner und Aktivisten hier gegen Shells "Corrib Gas Project".

Róisín ist eine der Demonstrantinnen. Die junge Irin engagiert sich seit Jahren bei der Kampagne Shell to Sea und im Rossport Solidarity Camp, dem alljährlichen Protestcamp gegen Shells Pipeline.

Róisín ist eine der Demonstrantinnen. Die junge Irin engagiert sich seit Jahren bei der Kampagne Shell to Sea und im Rossport Solidarity Camp, dem alljährlichen Protestcamp gegen Shells Pipeline.

Sruwaddacon Bay – Mit deutscher Technik von Herrenknecht bohrt Shell unter dem geschützten Meeresarm das letzte noch fehlende Teilstück der Corrib-Gaspipeline.

Sruwaddacon Bay – Mit deutscher Technik von Herrenknecht bohrt Shell unter dem geschützten Meeresarm das letzte noch fehlende Teilstück der Corrib-Gaspipeline.

Mit schwerem Gerät – Mitten im irischen "Bog" (Moor) hat Shell 2011 allerhand damit zu tun, die Baustelle für den Tunnelbau ersteinmal trockenzulegen.

Mit schwerem Gerät – Mitten im irischen "Bog" (Moor) hat Shell 2011 allerhand damit zu tun, die Baustelle für den Tunnelbau ersteinmal trockenzulegen.

Pat O'Donnel, genannt „der Chief“, ist eine Legende des Protests. Der Fischer war einer der Ersten, die sich gegen das 'Corrib Gas Project' auflehnten und fehlt bis heute auf kaum einer Demo.

Pat O'Donnel, genannt „der Chief“, ist eine Legende des Protests. Der Fischer war einer der Ersten, die sich gegen das 'Corrib Gas Project' auflehnten und fehlt bis heute auf kaum einer Demo.

Die Bevölkerungsdichte in Rossport und Umgbung hält sich in Grenzen. Nur vereinzelt finden sich kleine Fischer- und Bauerndörfer zwischen Sanddünen, schroffen Klippen und weitläufigen Moorwiesen.

Die Bevölkerungsdichte in Rossport und Umgbung hält sich in Grenzen. Nur vereinzelt finden sich kleine Fischer- und Bauerndörfer zwischen Sanddünen, schroffen Klippen und weitläufigen Moorwiesen.

Ein Wohnwagen, direkt gegenüber der Tunnelbaustelle, dient als vorgezogener Beobachtungsposten des Protestcamps.

Ein Wohnwagen, direkt gegenüber der Tunnelbaustelle, dient als vorgezogener Beobachtungsposten des Protestcamps.

In dem Wohnwagen lebt Paul. Er kommt ebenfalls aus Galway, lebt aber seit 3 Jahren fast durchgängig im Protestcamp. Sein Ziel: „Widerstand leisten gegen den 'corporate takeover' im Land“.

In dem Wohnwagen lebt Paul. Er kommt ebenfalls aus Galway, lebt aber seit 3 Jahren fast durchgängig im Protestcamp. Sein Ziel: „Widerstand leisten gegen den 'corporate takeover' im Land“.

Ein schwerer Palisadenzaun und eine kleine Armee von Securitys sollen die Tunnelbaustelle, vor den fast täglichen Protest- und Blockadeaktionen der benachbarten Pipeline-Gegner, abschirmen.

Ein schwerer Palisadenzaun und eine kleine Armee von Securitys sollen die Tunnelbaustelle, vor den fast täglichen Protest- und Blockadeaktionen der benachbarten Pipeline-Gegner, abschirmen.

Das Protestcamp – hier 2011 direkt neben Shells Baustelle – umfasst zwei große Gemeinschaftszelte, acht Schlafhütten und mehrere Geräteschuppen. Drei Windräder versorgen das Camp mit Ökostrom.

Das Protestcamp – hier 2011 direkt neben Shells Baustelle – umfasst zwei große Gemeinschaftszelte, acht Schlafhütten und mehrere Geräteschuppen. Drei Windräder versorgen das Camp mit Ökostrom.

Nini kommt eigentlich aus Frankreich. Doch immer wieder verschlägt es die Umweltschützerin an die irische Küste, um die Menschen vor Ort in ihrem Kampf gegen Shell zu unterstützen.

Nini kommt eigentlich aus Frankreich. Doch immer wieder verschlägt es die Umweltschützerin an die irische Küste, um die Menschen vor Ort in ihrem Kampf gegen Shell zu unterstützen.

Vor den Toren der zukünftigen Raffinerie in Bellanaboy erinnern Holzkreuze an Ken Saro-Wiwa und seine Mitstreiter. Die nigerianischen Aktivisten waren 1995, nachdem sie gegen Shell protestiert hatten, gehängt worden.

Vor den Toren der zukünftigen Raffinerie in Bellanaboy erinnern Holzkreuze an Ken Saro-Wiwa und seine Mitstreiter. Die nigerianischen Aktivisten waren 1995, nachdem sie gegen Shell protestiert hatten, gehängt worden.

Shell ist mit gutem Grund bemüht, seine Baustellen gut abzuschirmen: 2005 blockierten Pipeline-Gegner über ein Jahr lang den Bau der Raffinerie.

Shell ist mit gutem Grund bemüht, seine Baustellen gut abzuschirmen: 2005 blockierten Pipeline-Gegner über ein Jahr lang den Bau der Raffinerie.

Auch Ciarán McGrath ist von Anfang an dabei. Seine Brüder Philip und Vincent waren unter den 'Rossport Five', die sich weigerten Shell auf ihr Land zu lassen und dafür 2005 ins Gefängnis gingen.

Auch Ciarán McGrath ist von Anfang an dabei. Seine Brüder Philip und Vincent waren unter den 'Rossport Five', die sich weigerten Shell auf ihr Land zu lassen und dafür 2005 ins Gefängnis gingen.

Zehn Jahre Widerstand hinterlassen Spuren: Ob gemalt an der eigenen Hausfassade, im Zeitplan der Pipeline-Bauherren oder eingebrannt ins Gedächtnis der lokalen Bevölkerung.

Zehn Jahre Widerstand hinterlassen Spuren: Ob gemalt an der eigenen Hausfassade, im Zeitplan der Pipeline-Bauherren oder eingebrannt ins Gedächtnis der lokalen Bevölkerung.

Ausgabe 118
Schaubühne

Irische Pipeline

Von Chris Grodotzki
Datum: 03.07.2013
In der Nähe des Dörfchens Rossport, im äußersten Nordwesten Irlands, plant der Ölkonzern Shell seit über zehn Jahren den Bau einer experimentellen Erdgas-Pipeline. Genauso lange lehnen sich die Menschen dieser rauen Gegend an der irischen Atlantikküste gegen dieses Vorhaben auf. Zwischenzeitlich war aus dem lokalen Widerstand einiger Bauern und Fischer eine landesweite Kampagne geworden, die den Ölgiganten und die irische Regierung ernsthaft unter Druck setzte.

Was klingt wie eine Geschichte aus den Asterix-Comics, ist im irischen County Mayo seit über zehn Jahren Realität: Ein kleines Dorf – eher ein sporadisch besiedelter Landstrich – fernab der großen Städte lehnt sich auf. Im Alleingang gegen Großkonzerne und Regierung.

Im Rahmen des "Corrib Gas Project" plant die Industrie die Ausbeutung eines Gasfeldes vor der Nordwestküste Irlands. Über 28 Milliarden Kubikmeter Erdgas sollen hier vergraben liegen. Ein gutes Geschäft für Shell, insbesondere wenn man sich die Bedingungen anschaut, zu denen die irische Regierung den Ölkonzernen die Schürfrechte vor zwei Jahrzehnten quasi nachgeschmissen hat.

Die Aktivisten nennen es "Sellout" – Ausverkauf – und man kann ihnen nur schwer widersprechen: Für die gesamte Zeit der Erkundung und Erschließung der Gasvorkommen müssen die Royal Dutch Shell und andere beteiligte Ölkonzerne, keine Steuern in Irland zahlen. Mehr noch: Sämtliche Erkundungs-, Erschließungs- und sogar die geschätzten Rückbaukosten der Gasförderung sind vollständig absetzbar. Erst wenn Shell mit der Förderung Gewinn macht, wird ein – im internationalen Vergleich erstaunlich niedriger – Steuersatz von 25 Prozent fällig.

Unter solch günstigen Bedingungen kann man auch mal Experimente wagen: Statt, wie üblich, das Rohgas direkt bei den Bohrplattformen auf See zu raffinieren, will Shell das explosive Gemisch aus verschiedenen Gasen, Erdöl und anderen gefährlichen und korrosiven Substanzen an Land pumpen. Die Bellanaboy-Raffinerie  sowie 83 Kilometer Offshore-Pipeline sind bereits gebaut – was noch fehlt, ist ein neun Kilometer langes Verbindungsstück. Dieses soll die Hochdruck-Pipeline, streckenweise durch einen Tunnel unter der geschützten Sruwaddacon Bay hindurch und am Dörfchen Rossport vorbei, nach Bellanaboy leiten.

Die Technik für das umstrittene Projekt kommt aus Baden-Württemberg: Im vergangenen Sommer lieferte der badische Tunnelbohrmaschinen-Spezialist Herrenknecht den Großbohrer Fionnuala, der den 4,9 Kilometer langen Pipeline-Tunnel bohren soll. Durch ihn soll dann mit bis zu 100 Bar Druck (Zum Vergleich: Eine normale Städtische Gasleitung führt vier Bar) das unraffinierte Rohgas fließen. Ein Leck in der Leitung und die damit einhergehende Explosion würde jedes Lebewesen im Umkreis von 200 Metern töten. Das nächste bewohnte Haus steht 234 Meter von der Pipeline entfernt.

Auch ökologisch wäre ein Unfall ein Desaster: Die Sruwaddacon Bay steht unter dem Schutz der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU und stellt, zusammen mit der Bucht, in die sie mündet, der Broadhaven Bay, ein wichtiges Rückzugsgebiet für laichende Lachse, Wale und Delfine aus dem Atlantik sowie viele, teils geschützte  Vogelarten dar. Und sie ist alles andere als ein sicherer Baugrund: Große Teile der Gegend bestehen aus Torfmooren, und gerade die Hänge an den Rändern der Sruwaddacon Bay sind für Erdrutsche bekannt.

Den ersten, zumindest metaphorischen Erdrutsch hat das Projekt schon hinter sich: Als im Juni 2005 fünf lokale Bauern ins Gefängnis gingen, weil sie Shells Bautrupps den Zugang zu ihrem Land verweigerten, brach im ganzen Land eine Protestwelle aus. Über ein Jahr lang blockierten die aufmüpfigen Iren die Baustelle der Bellanaboy-Raffinerie – und das, obwohl Shell bereits im September zurückruderte und die "Rossport Five" aus der Erzwingungshaft entlassen wurden.

Das war nicht der einzige Erfolg der "Shell to Sea"-Kampagne: 2006 limitierte Shell, infolge der Proteste und der rechtlichen Auseinandersetzungen, den Pipeline-Druck auf den aktuellen Höchstwert von 100 Bar – ein Drittel des ursprünglich geplanten Maximalwertes. 2009 wurde die Pipeline-Route nach einem langwierigen Verfahren verlegt.

Es waren teuer erkaufte Siege: Immer wieder kam es zu schweren Übergriffen durch die Staatsmacht und Shells Security-Dienst auf die Pipeline-Gegner, sodass verschiedene Organisationen zeitweise sogar Menschenrechtsbeobachter in die Gegend entsandten. Und gewonnen ist für das kleine gälische Dorf noch nichts. Die Bauern und Fischer von Rossport und Umgebung protestieren weiter, für eine sichere und saubere Gasförderung im Corrib-Gasfeld und neue Verhandlungen um Irlands Bodenschätze.


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