Mitte Mai hieß es "Ende Gelände" für den Kohleabbau. Foto: Paul Lovis Wagner/Flickr (CC BY 2.0)

Ausgabe 270
Wirtschaft

Keine Kohle mehr für Kohle

Von Jürgen Lessat
Datum: 01.06.2016
Die Rockefellers in New York machen vor, wie "Divestment" geht. Nun erreicht die Ausstiegswelle aus klimaschädlichen Investitionen auch die sparsamen Schwaben: Die Landeshauptstadt Stuttgart soll ihr Kapital aus Konzernen abziehen, die bislang mit Kohle und Öl Geld wie Heu scheffelten, fordern Grüne und ein linkes Fraktionsbündnis.

Die Zahl alarmiert: Wenn Energie- und Bergbaukonzerne weiter ungebremst Kohle, Öl und Gas fördern, dann würde deren Verbrennung fast drei Billionen Tonnen Kohlendioxid freisetzen. Für das immer wärmere Weltklima eine unerträgliche Menge. Um das sogenannte Zwei-Grad-Limit vom Pariser Klimagipfel zu erreichen, dürften bis zum Ende des Jahrhunderts maximal nur noch zwischen 0,5 und 0,75 Billionen Tonnen des Klimagases entweichen, haben Wissenschaftler der Carbon Tracker Initiative (CTI) berechnet. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 emittierten Verkehr, Energieerzeugung, Landwirtschaft und andere Quellen weltweit 49 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalente. Damit ist klar: Der größte Teil der fossilen Brennstoffe muss ungenutzt im Boden verbleiben, um das Versprechen von Paris zu erfüllen. An ihrer Stelle müssen erneuerbare Energien die Menschheit mit Energie und Wärme versorgen.

"Regierungen und Unternehmen müssen ihre Planungen an die laufende Energiewende anpassen, auch um eine emissionsarme Entwicklung zu sichern", fordern die CTI-Experten in einer aktuellen Studie. Passiert nichts, dann riskierten sie, enorme Summen an Geld zu verbrennen. Fossile Energieunternehmen könnten in den nächsten zehn Jahren insgesamt bis zu 2,2 Billionen Dollar in den Sand setzen, weil sie internationale Klimaschutzmaßnahmen oder Fortschritte im Bereich umweltfreundlicher Technologien ignorieren. Laut CTI sind schon heute keine neuen Kohleminen mehr erforderlich, zudem wird die Nachfrage nach Öl 2020 ihren höchsten Punkt erreicht haben, und auch der Gasabsatz wird deutlich unter den Erwartungen der Industrie bleiben.

Ein Weckruf für öffentliche wie private Investoren, die ihr Geld in Aktien und Anleihen von Energiemultis wie Exxon, Gazprom & Co. angelegt haben. Ländern und Städten, Pensionsfonds wie Kleinanlegern drohen massive Einbußen bis hin zum Totalverlust, sollten sie ihr Kapital nicht bald aus Unternehmen mit fossilem Geschäftsmodell abziehen, sprich divestieren. Nach der Dotcom- und der Immobilien-Blase droht an den Börsen ein Platzen der Kohlenstoff-Blase. Dabei tickt die "Divestment-Uhr" bereits, wie Hiobsbotschaften aus der Wirtschaftswelt verdeutlichen: Die deutschen Energieriesen RWE und Eon schrieben zuletzt historische Milliardenverluste. Mitte April rutschte der US-Konzern Peabody, der weltgrößte börsennotierte Kohleproduzent, im Zuge des Preisverfalls in der Branche in die Pleite.

Klima- und Umweltaktivisten fordern schon länger den Ausstieg aus der Kohle- und Ölindustrie, um ein Überleben der Menschheit auf dem Planeten zu sichern. 2008 gründete der US-amerikanische Öko-Autor Bill McKibben die Graswurzelbewegung "350.org". Das nach eigenen Angaben mittlerweile in 188 Ländern aktive Netzwerk will mit Kampagnen auf lokaler und nationaler Ebene und im Internet auf Politiker einwirken. Die Zahl 350 steht für die klimaverträgliche Menge an CO2 in der Atmosphäre, die von derzeit 400 ppm (Teilchen pro Million) auf unter 350 ppm zu verringern ist.

"Wenn es falsch ist, das Klima zu zerstören, dann ist es falsch, von dieser Zerstörung zu profitieren. Wir glauben, dass Unis, Kirchen, Städte und Kommunen klimaschädliche Investments beenden müssen", heißt es bei der Fossil-Free-Bewegung, einem weiteren internationalen Divestment-Netzwerk. Am Global Divestment Day im Februar 2015 warben ihre Mitglieder auf mehr als 450 Veranstaltungen in 60 Ländern für eine karbonfreie Zukunft. In Deutschland engagieren sich inzwischen über 20 Fossil-Free-Gruppen, etwa in München, Essen, Berlin, Münster, Heidelberg, Stuttgart, Freiburg, Karlsruhe und Konstanz.

Wind wirft mehr Rendite ab

Ein unübersehbares Zeichen gegen fossile Brennstoffe setzte die amerikanische Rockefeller-Dynastie, die ihren Reichtum dem Ölgeschäft verdankt. Ende März teilte der Rockefeller Family Fund in New York mit, seine Anteile am Ölkonzern Exxon abzustoßen. Auch von Beteiligungen im Bereich Kohle und kanadischer Ölsand werde man sich so schnell wie möglich trennen. Angesichts der existenziellen Bedrohung, der sich die Menschheit und das natürliche Ökosystem ausgesetzt sähen, gebe es für Unternehmen "keinen vernünftigen Grund, weiter nach neuen Kohlenwasserstoff-Quellen zu suchen", hieß es in der Mitteilung.

Zugleich warf die Stiftung dem Ölmulti vor, die Öffentlichkeit seit den 1980er-Jahren systematisch über den Klimawandel zu täuschen. Der Family Fund folgte damit dem größeren Rockefeller Brothers Fund, der bereits im September 2014 angekündigt hatte, sich schrittweise von Anlagen in fossile Energien zu trennen. Die gemeinnützige Stiftung der Rockefeller-Brüder verfügte zuletzt über ein Vermögen von 790 Millionen Dollar (rund 700 Millionen Euro).

Auch in Deutschland stehen die Zeichen auf Abzug. Kurz vor dem Pariser Weltklimagipfel verkündete die Münchner Allianz AG, der größte Versicherer und einer der fünf größten Finanzinvestoren der Welt, nicht mehr in Kohle investieren zu wollen. Die viel beachtete Ankündigung hat jedoch einen Schönheitsfehler. "Wir werden nicht mehr in Bergbau- und Energieunternehmen investieren, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes beziehungsweise ihrer Energie-Erzeugung aus Kohle generieren", sagte Allianz-Chefinvestor Andreas Gruber dem ZDF-Magazin "Frontal 21". Dennoch wird das Unternehmen geschätzt etwa vier Milliarden Euro aus der Kohleindustrie abziehen. Im Gegenzug will der Konzern, der rund 2000 Milliarden Euro verwaltet, Kohle in den Ausbau der Windenergie stecken. "Wir haben bis heute etwa zwei Milliarden Euro in Windenergie investiert, und wir haben vor, diesen Betrag über die nächsten Jahre zu verdoppeln", so der Allianz-Manager. Man erwarte sich in dieser Branche eine Rendite von fünf bis sechs Prozent für seine Kunden.

Das sind Traumrenditen für die kommunalen Kämmerer an Rhein und Ruhr, die traditionell groß in Aktien des Energieversorgers RWE engagiert sind. Weil der Essener Konzern den Umstieg auf erneuerbare Energien verschlief und lieber auf Braunkohlekraftwerke setzte, die sich in Energiewendezeiten kaum noch rentabel betreiben lassen, stand im Geschäftsjahr 2013 nicht nur erstmals ein dickes Minus von knapp 2,8 Milliarden Euro in der Bilanz. Zuletzt mussten die Aktionäre auch auf eine Dividende verzichten, was weitere Löcher in die Haushalte der klammen Ruhrgebietskommunen riss.

Um die Forderung der örtlichen Fossil-Free-Gruppen zu erfüllen, sich vom Kohlekonzern endgültig zu trennen, braucht es starke Nerven: Seit ihrem Höchststand im Finanzkrisenjahr 2008 büßte die RWE-Aktie fast 90 Prozent ihres Werts ein. Wurde das Papier damals noch mit knapp 100 Euro gehandelt, so dümpelt es derzeit um zwölf Euro. Im RWE-Stammland mit seinen Braunkohletagebauen zog allein der Rhein-Erft-Kreis rechtzeitig die Reißleine. Der damalige CDU-Landrat Werner Stump machte zwischen 2004 und 2006 rechtzeitig Kasse mit dem Großteil der über eine Million RWE-Aktien, die einst im Depot des Kreises standen.

Die Stadt Münster macht's vor

Als erste Stadt in Deutschland zieht das westfälische Münster sein Geld aus klimaschädlichen Unternehmen ab. Vor dem Pariser Klimagipfel beschloss der Rat der 300 000 Einwohner-Stadt, Finanzanlagen künftig nach ethischen und ökologischen Grundsätzen zu tätigen. Rücklagen für die Altersvorsorge der kommunalen Angestellten und auch sonstige Investitionen sollen nicht mehr in Fonds und Unternehmen fließen, die mit klimaschädlichen Energien Gewinne machen. Auch die Beteiligung an Unternehmen, die mit Kinderarbeit, Waffen und Atomkraft Geld verdienen, ist ausgeschlossen. Mittelfristig sollen auch Beteiligungen an Firmen, die Pflanzen und Saatgut gentechnisch verändern, Tierversuche für die Herstellung von Kosmetika durchführen und denen eklatante Bestechungs- oder Korruptionsfälle nachgewiesen wurden, ausgeschlossen werden.

Den Antrag hatten Grüne und SPD eingebracht. Die Stadträte von CDU und FDP lehnten den Beschluss ab, wurden aber überstimmt. Die Ratsmehrheit sieht in der neuen Anlagepolitik einen wichtigen Schritt für lokalen und globalen Klimaschutz: Über Münster tobte im Juli 2014 ein extremes Unwetter, vergleichbar dem, das am vergangenen Sonntag das baden-württembergische Braunsbach verwüstete (einen Eindruck gibt dieses Youtube-Video). In Münster verloren zwei Menschen ihr Leben, große Teile der Stadt wurden zerstört. Diese Erfahrung und "der Blick in andere Regionen der Erde lässt erahnen, wie schlimm die Folgen der Klimakatastrophe noch werden können, wenn nicht schnell umgesteuert wird", begründeten SPD und Grüne den Ratsbeschluss. "Wir im globalen Norden haben von der Industrialisierung auf Kosten des Klimas profitiert und deshalb eine besondere Verantwortung."

Mittlerweile ist die Divestment-Bewegung auch im Südwesten angekommen. Konkret in der Landeshauptstadt Stuttgart. "Aus Verantwortung für das Klima: Divest now!" haben die Grünen und das Bündnis SÖS-Linke-Plus einen Antrag überschrieben, der auf die Dekarbonisierung städtischer Finanzanlagen abzielt. Derzeit besitzt Stuttgart ein Vermögen von etwas mehr als einer Milliarde Euro. Der größte Teil ist in Staatsanleihen und Pfandbriefen angelegt, deutlich weniger in Unternehmensanleihen und Aktien aus dem Stoxx-Europe-600-Index.

"Wir wollen erreichen, dass Erlöse, die in den städtischen Haushalt fließen, auf nachhaltigen intelligenten Geschäftskonzepten beruhen, die unsere natürlichen Lebensgrundlagen erhalten und dauerhaft sichern, die das friedliche Zusammenleben fördern und einen Beitrag zur Durchsetzung der Menschenrechte leisten", betont die Grünen-Fraktionsvorsitzende Anna Deparnay-Grunenberg. "Als zweitgrößter Börsenplatz nach Frankfurt am Main steht Stuttgart in der besonderen Verantwortung, eine Botschaft an die Finanzbranche zu senden: Profite aus Kohle und Öl, Kriegswaffen und ausbeuterischer Kinderarbeit sind nicht hinnehmbar", so Linke-Stadtrat Christoph Ozasek. Bis zu den Sommerferien will Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) dem Gemeinderat Vorschläge unterbreiten, wie sich Divestment in den städtischen Anlagerichtlinien umsetzen lässt.


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1 Kommentar verfügbar

  • CharlotteRath
    am 01.06.2016
    5 % Miet-Rendite waren Stuttgarts Finanzbürgermeister Föll zu wenig, weshalb er in den letzten Jahren listenweise städtische Liegenschaften veräußerte, so dass fast nichts mehr da ist für KiTas, Flüchtlingsunterbringung oder Hunderte von Haushalten auf Wartelisten. Vielleicht fällt ihm - auch angesichts der EZB-Zinspolitik - nun ein, dass Immobilienbesitz als mündelsichere Anlagemöglichkeit so schlecht nicht ist? Immerhin könnte sich das Stuttgarter Amtsblatt dann seine regelmäßigen Artikel sparen, in denen für städtische Angestellte nach Wohnungen gesucht wird. Bei den Stuttgarter Preissteigerungen für Wohnimmobilien, die jährlich zwischen 10 und 15 % liegen (wiederum laut Amtsblatt), hätte ein anderer Kämmerer längst schon umgesteuert ...
    Ich wünsche dem fraktionsübergreifenden Antrag viel Erfolg!

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