Seit fast 30 Jahren werden in den Travertin-Steinbrüchen Gelbe Säcke entsorgt. Fotos: Joachim E. Röttgers

Seit fast 30 Jahren werden in den Travertin-Steinbrüchen Gelbe Säcke entsorgt. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 380
Politik

Müll im Kulturerbe

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 11.07.2018
Der Lauster-Steinbruch in Bad Cannstatt ist ein naturhistorisches Zeugnis ersten Ranges – und seit langem ein Umschlagplatz für Müll. Was dort passiert, hat ewig niemanden interessiert. Jetzt gibt es Krach, auch wegen quecksilbriger Leuchtstoffröhren.

Das bringt nur Stuttgart fertig: Die Stadt, die ihr Wahrzeichen, den Hauptbahnhof, zur Hälfte abgerissen hat, nutzt ein Natur- und Kulturerbe von Weltrang als Müllumschlagplatz. Kulturerbe von Weltrang: Das sagt Michael Rasser, Kurator am Staatlichen Naturkundemuseum am Löwentor. Dem Lauster-Steinbruch verdankt das Museum einige Prachtexemplare: Das zerschmetterte Skelett eines riesigen Waldelefanten wurde hier gefunden, vermutlich erlegt von Artgenossen des Homo Steinheimensis vor 300 000 Jahren; ebenso zwei Sumpfschildkröten und weitere Exponate.

Prima Platz, um seinen Abfall loszuwerden: Kulturerbe von Weltrang.
Prima Platz, um seinen Müll loszuwerden: Kulturerbe von Weltrang.

Der Steinbruch, in dem das Unternehmen Lauster von 1902 bis 1984 Travertin abgebaut hat, ist Grabungsschutzgebiet und naturhistorisches Zeugnis ersten Ranges. Er liegt in der inneren Zone des Stuttgarter Mineralquellenschutzgebiets und könnte, wie der angrenzende Travertinpark auf den Arealen der Steinbrüche Haas und Schauffele, eine Naturoase mit einer großen Vielfalt seltener Tier- und Pflanzenarten sein. Alle Gebäude stehen unter Denkmalschutz.

Und hier soll ein Recyclingpark hin, eine Müllverarbeitungsanlage? Tatsächlich wird dort bereits seit Jahrzehnten Müll umgesetzt. Nachdem Lauster 1984 Insolvenz anmelden musste, ging das Areal über einen privaten Nachbesitzer an S-Plus, die Stuttgarter Tochter des EnBW-Entsorgungsunternehmens U-Plus. Seit Einführung des Dualen Systems 1990 wurden in der oberen der beiden Hallen Gelbe Säcke sortiert.

Der Streit um den Müll ist eskaliert

Zur selben Zeit wuchs vor dem Steinbruch, wo schon seit 1965 Müll verbrannt wurde, ein gigantisches Müllheizkraftwerk empor. Die Travertinsäulen, die das nationalsozialistische Berlin für ein Mussolini-Denkmal bestellt hatte, verschwanden in seinem Inneren. Auch der Lauster-Steinbruch ist seither vom anderen Neckarufer aus nicht mehr sichtbar.

Was dort passierte, hat lange Zeit kaum jemanden interessiert. S-Plus ging 2007 an Alba, das große Berliner Entsorgungsunternehmen. 2015 übernahm Agra, die Tochterfirma von Karle Recycling, die nun mit Degenkolbe zusammenging. Doch erst als die neu gegründete Recyclingpark Neckartal GmbH, das sind Karle, Degenkolbe und Fischer, 2017 eine immissionsschutzrechtliche Neugenehmigung einer Anlage zur Behandlung nicht gefährlicher Abfälle sowie für den Umschlag und die zeitweise Lagerung auch gefährlicher Abfälle beantragte, wurden Einwände laut.

Geschäftsführer Stephan Karle.
Geschäftsführer Stephan Karle.

Nun ist der Streit eskaliert. Barbara Kern vom Stuttgarter Wasserforum hatte nach eigenen Angaben zuvor schon die telefonische Auskunft erhalten, bei Degenkolbe könne sie auch eine Autobatterie und quecksilberhaltige Leuchtstoffröhren abgeben. Am 6. Juni hat sie es ausprobiert und zusammen mit der Aktivistin Gretel Quiring drei Leuchtstoffröhren, sieben CDs und einen fast leeren Farbeimer vorbeigebracht. Nach ihrer Aussage warf ein Mitarbeiter alles, auch die Leuchtstoffröhren, auf einen großen, unsortierten Müllhaufen in der oberen Halle.

Stephan Karle, der Betreiber des Recyclingpark Neckartal, widerspricht – mit einem Anschreiben einer großen Anwaltskanzlei mit 79 namentlich aufgeführten Juristen. Kern soll eine Unterlassungserklärung unterzeichnen, und Karle droht seinerseits mit Strafanzeige. Kern und Quiring hätten sich "gerade nicht ordnungsgemäß verhalten und insbesondere nicht mitgeteilt, welches Material sie entsorgen wollen und dieses auch nicht einem Mitarbeiter übergeben." Stattdessen seien sie "rasch in den oberen Bereich des Areals gefahren" und hätten dort die beanstandeten Materialien "selbst illegal entsorgt und auf den in der Halle lagernden Müll geworfen."

"Klingt nicht nur gut, tut auch der Umwelt gut", sagt die Firma

Dies ist allerdings, wie die Kanzlei selbst einräumt, eine Schlussfolgerung. Eine Videoüberwachung gibt es in der oberen Halle bisher nicht. Auf dem Kontext vorliegenden Warenkontrollschein ist angekreuzt: "Gemischte Abfälle". Ein Kugelschreiber-Schlenker findet sich vor der Angabe "in Ordnung", im Kästchen mit der "Unterschrift Betriebsleiter Degenkolbe" eine Signatur.

Karle und Jan Ludwig, der Prokurist von Degenkolbe, geben sich alle Mühe, die Einwände zu entkräften. Sie haben eine eigene Broschüre drucken lassen, um den Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen. "Klingt nicht nur gut, tut auch der Umwelt gut - der neue Recyclingpark Neckartal" heißt es da und: "Heilquellen, Travertin und Denkmalschutz. Wir kümmern uns darum." Bereitwillig führen sie durch das Gelände und geben Einblick in alle Bereiche des laufenden Betriebs und ihrer Planungen.

Prokurist Jan Ludwig.
Prokurist Jan Ludwig.

In der unteren Halle, aus Lauster-Zeiten als Vierkranhalle bekannt, presst Degenkolbe Altpapier, nach Sorten getrennt, ebenso wie Kunststoff zu kompakten Ballen. Vor der Halle in Ballen gelagert, werden diese auf Lkw verladen und zu den Recyclern weiter verfrachtet. Aber Degenkolbe nimmt auch gemischte Abfälle an. Wer etwas abzuliefern hat, fährt auf die Waage. Ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin wirft einen Blick auf die Fracht, dann geht es mit dem Laufzettel zum oberen Teil des Geländes.

Oben lagern im Freien mineralische Baureststoffe, also Bauschutt und Erdaushub. Kleine Mengen, wie Karle betont: 8,8 Millionen Tonnen fallen jährlich in der Region Stuttgart an, der Recyclingpark möchte lediglich 628 000 Tonnen entsorgen. Die Zufahrt wird befeuchtet, um den Staub in Grenzen zu halten. Daneben liegen Balken, Möbel, Spanplatten und anderes hölzernes Material. Für behandelte Hölzer, die nicht mit den anderen entsorgt werden dürfen, gibt es einen eigenen Container. Alles, was nicht dazu gehört, werde aussortiert und der fachgerechten Verwendung zugeführt, beteuern Karle und Ludwig.

Widersprüchliche Aussagen

Der große Müllhaufen in der oberen Halle, auf dem offenbar Kerns Leuchtstoffröhren gelandet sind, werde handverlesen sortiert und getrennt, sagt Karle. Er sei mit der Situation selbst nicht zufrieden. Ein dichter Boden müsse her. Im Steinbruch, der nach Vertreibung der Eidechsen aufgefüllt wurde, soll ein moderner Wertstoffhof entstehen. Aus Stahlbeton-Abbruchmaterial soll das Eisen entfernt und der Beton zu Schotter zertrümmert werden. Der Steinbruch sei dafür ideal, weil hier wenig Lärm nach außen dringe.

Freilich gibt es Divergenzen. In Karles anwaltlichem Schreiben steht: "Falsch ist an den von Ihnen verbreiteten Äußerungen weiterhin, dass unsere Mandanten, insbesondere die Firma Degenkolbe Recycling, nicht berechtigt wäre, Leuchtstoffröhren, die Quecksilber enthalten, entgegenzunehmen." Die Presseestelle der Stadt Stuttgart hatte jedoch am 21. März auf Kontext-Nachfrage geantwortet: "Die Firma Degenkolbe darf Elektroaltgeräte annehmen, die gefährliche Bestandteil enthalten. Quecksilberhaltige Leuchtstoffröhren sind von der Annahme ausgeschlossen. Auch Autobatterien und asbesthaltige Baustoffe dürfen nicht angenommen werden."

Die Nachfrage war auch deshalb zustande gekommen, weil ein Hausbesitzer, der nicht genannt werden will, im Privatgespräch erzählt hatte, er sei mit Eternit-Blumenkästen (Asbestzement) vom städtischen Wertstoffhof Hedelfingen zu Degenkolbe weitergeschickt worden, wo ihm gesagt wurde, er könne die Kästen einfach zum Bauschutt stellen. In der SWR-Landesschau vom 16. Juni erklärt Michael Buckmayer, Mitarbeiter des städtischen Wertstoffhofs Münster, kesseldruckimprägniertes Holz dürfe er nicht annehmen: "Das schicken wir zu privaten Entsorgern." Einem Mann empfiehlt er explizit: "Oder ihr fahrt runter zum Degenkolbe."

Seitenlange Einwände vom Landesnaturschutzverband

Solche Widersprüche nähren den Verdacht, es könnte nicht alles mit rechten Dingen zugehen. Die Auslegung der Planunterlagen musste 2017 wiederholt werden, beim ersten Mal waren sie unvollständig. Eine öffentliche Anhörung kam erst am 16. April 2018 zustande, nachdem das Regierungspräsidium die Stellungnahmen der Fachbehörden und Vertreter öffentlicher Belange längst eingeholt hatte. Der Ingenieur Hans Heydemann moniert die minimalistische Ankündigung lediglich im Staatsanzeiger und auf der Website des Regierungspräsidiums statt in der Tagespresse, das Fehlen einer Umweltverträglichkeitsprüfung und dass die Errichtung von Anlagen, die wassergefährdende oder organische Stoffe verarbeiten, in der Innenzone des Heilquellen-Schutzgebiets verboten sei.

Altpapier-Presse presst Altpapier.

Das Regierungspräsidium hält eine Umweltverträglichkeitsprüfung für verzichtbar, weil gefährliche Stoffe nicht länger als ein Jahr gelagert würden. Karle argumentiert, es handle sich gar nicht um eine neue Anlage, sondern um den Weiterbetrieb einer bestehenden. Er möchte Leuchtstoffröhren und Kühlschränke auch deshalb annehmen, damit diese korrekt und nicht wild entsorgt werden. Kerns Anzeige liegt jedoch ein Foto bei, das Kühlschränke zeigt, die einigermaßen wild auf einem Haufen von Möbeln und Elektroaltgeräten liegen. 

Im Genehmigungsverfahren erhebt insbesondere der Landesnaturschutzverband in einer 17 Seiten langen Stellungnahme eine Vielzahl von Einwänden und fordert, "den Antrag der Recyclingpark Neckartal GmbH als nicht genehmigungsfähig zurückzuweisen." Die Behörden äußern sich zurückhaltender. Sie machen verschiedentlich Einwände geltend, die sie mit Auflagen verbinden, die der Recyclingpark vermutlich erfüllen kann. Karle erklärt, das Landesdenkmalamt habe sich bei einer Begehung erfreut gezeigt über die Kontinuität der Nutzung und bereits erfolgte Konsolidierungsmaßnahmen an den Gebäuden.

In einer Stellungnahme gegenüber Kontext liest sich das etwas anders: "Aus denkmalpflegerischer Sicht wäre die Einbeziehung des ehemaligen Lausterareals in den angrenzenden Travertinpark aufgrund des baudokumentarischen Werts der Wohn-, Verwaltungs- und Hallengebäude wünschenswert gewesen", heißt es da. Aber: "Von der Landeshauptstadt Stuttgart wurde jedoch die Entscheidung für die Nutzung des Areals als Recyclinganlage getroffen."


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