Plastikteppich auf einem Stausee in Bulgarien, 2009. Foto: Picture Alliance/AFP Creative/Dimitar Dilkoff

Plastikteppich auf einem Stausee in Bulgarien, 2009. Foto: Picture Alliance/AFP Creative/Dimitar Dilkoff

Ausgabe 380
Politik

Alles bio oder was?

Von Jürgen Lessat
Datum: 11.07.2018
Die Aussichten sind trübe: Wenn die Vermüllung der Meere voranschreitet wie bisher, schwimmt in wenigen Jahren mehr Plastikmüll als Fisch in den Ozeanen. Die EU will das nun mit einem Verbot von Wattestäbchen und Trinkhalmen verhindern. Bislang sind Bio-Kunststoffe keine Alternative, denn ihr Name ist irreführend.

Weltweit werden jährlich 300 Millionen Tonnen Kunststoffe produziert, darunter Milliarden von Plastikflaschen und -tüten. Größtenteils sind die Produkte nach einmaligen Gebrauch Abfall, der oftmals in der Umwelt entsorgt wird. Mehr als acht Millionen Tonnen Flaschen, Tüten, Becher, Sandalen und Zigarettenfilter landen pro Jahr im Meer, wo schon heute gigantische Plastikstrudel treiben. Videos im Netz zeigen, wie Traumstrände im Müll versinken. Noch trauriger machen Aufnahmen von toten Seevögel, Schildkröten und Fischen, die qualvoll verenden, weil sie buntes Plastik mit Futter verwechseln. Die Kunststoffteilchen verkleben die Mägen der Tiere, so dass sie verhungern. 

Das will die Europäische Kommission verhindern: mit einem Verbot von Wattestäbchen, Trinkhalmen, Einwegbesteck und Luftballonhaltern aus Kunststoff, wie Umweltkommissar Frans Timmermans Ende Mai ankündigte. Prompt ertönten Stimmen, die das Vorhaben in der Luft zerrissen. "Deutschland ist ein Musterland für den verantwortlichen Umgang mit Rohstoffen und Müll. Wir brauchen den Zeigefinder aus Brüssel nicht und erst recht keine neuen Verbote", kritisierte etwa Kolumnist Gunnar Schupelius in der "Berliner Zeitung". Deutsche Plastiktüten landeten gar nicht im Meer, sondern in der gelben Tonne, Kaffeebecher fände man überwiegend im Müll wieder und Plastikbesteck verschwinde in der Müllverbrennungsanlage, wo es als Brennstoff sehr willkommen sei, schrieb der "BZ"-Redakteur. Auch anspruchsvollere Medien stimmten in die Kritik ein. "Die EU scheint endlich ihre neue Glühbirne gefunden zu haben", glossierte Bastian Brauns im "Cicero". Wir erinnern uns: Als die EU 2009 das Aus für den glimmenden Wolframdraht verkündete, läutete sie damit für manche Zeitgenossen den Niedergang der europäischen Industriekultur ein. Was bekanntlich nicht eintraf.

Droht mit dem Verbot von Q-Tips & Co. erneut der Untergang? Aktuell machen Kunststoffe 85 Prozent der Meeresabfälle aus. Ins Visier genommen hat die EU die zehn Einwegprodukte aus Plastik, die sich in Europa am häufigsten an den Stränden und in den Meeren finden. Was viele Medien kaum erwähnten: Verschärfen will die Kommission auch die Vorgaben für Fischfanggeräte aus Kunststoff', auf die 27 Prozent der gesamten Strandabfälle entfallen. Deren Hersteller sollen künftig die Kosten für das Einsammeln der Abfälle in Häfen sowie für Transport und Behandlung übernehmen. Sie sollen auch die Kosten für Sensibilisierungsmaßnahmen der Fischer tragen.

Plastik-Lobby findet: Hier werden Materialien diskriminiert

Was zahlreiche Verbots-Kritiker übersehen: Das Vorhaben dient nicht nur dem Umwelt- und Meeresschutz. Die EU begründet es auch mit der Gesundheitsvorsorge. Denn Wattestäbchen und Trinkhalme, die nicht recycelt oder thermisch verwertet werden, können in den Lungen und auf den Tellern der Europäer enden. Gerade der Vorteil der Kunststoffe, ihre Langlebigkeit, ist zugleich auch ihr größter Nachteil: Es dauert Jahrhunderte, bis sich eine Plastikflasche vollständig zersetzt hat. Zuvor schreddern chemische, thermische und mechanische Einwirkungen, etwa UV-Licht und Wellenschlag, Kunststoffe in immer kleinere Teilchen, zu sogenanntem Mikroplastik.

Dieses findet sich inzwischen nicht nur in der Luft, im Wasser und im antarktischen Eis, sondern auch in Lebensmitteln. Welche Wirkungen es auf die menschliche Gesundheit hat, ist bisher unbekannt. Die EU-Kommission will auf Nummer sicher gehen: Deshalb sollen die Einwegkunststoffprodukte, für die es bereits erschwingliche Alternativen gibt, vom Markt verschwinden. Produkte ohne Alternativen sollen künftig weniger verbraucht werden. Alle EU- Mitgliedstaaten sollen selbst Vorgaben für die Kennzeichnung von Plastikwaren machen und die Hersteller zur Abfallbewirtschaftung und zu Säuberungsaktionen verpflichten. "Mit den neuen Vorschriften wird Europa auf dem Weg zur Lösung dieses weltweiten Problems mit gutem Beispiel vorangehen", glaubt Umweltkommissar Timmermans. Ein restriktiver Umgang mit Wattestäbchen & Co. eröffne auch Chancen für Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und neue Arbeitsplätze.

Entsorgung von Kunststoffen

In Europa entstehen jährlich rund 26 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle. Jedoch werden weniger als ein Drittel dieser Abfälle für das Recycling gesammelt. Der Großteil wird in Europa auf Deponien gelagert oder verbrannt. Ein erheblicher Teil der Abfälle wird nach außerhalb der EU verbracht, um in Drittländern behandelt zu werden, in denen häufig andere Umweltstandards gelten.

Selbst wenn sich die Verbraucher um Mülltrennung bemühen, ist es bei einem Großteil der genutzten Verpackungen schwierig oder sogar unmöglich, sie zu recyceln. Das gilt etwa für mit Kunststoff beschichtete Pappbecher. Hinzu kommt, dass die Verbrennung von Kunststoffabfällen teuer ist. Durch das Recycling sämtlicher Kunststoffabfälle weltweit könnten jährlich Energieeinsparungen im Äquivalent von 3,5 Milliarden Barrel Öl erzielt werden, ganz zu schweigen von den Auswirkungen auf den CO2-Fußabdruck – das Recycling von 1 Million Tonnen Kunststoffen entspricht einer Million Autos, die von der Straße verschwinden. (jl)

Wie zu erwarten, regt sich Widerstand seitens der Hersteller. In der EU sind 1,5 Millionen Menschen in der Kunststoff-Branche beschäftigt, die im Jahr 2015 einen Umsatz von 340 Milliarden Euro erzielte. Die Industrievereinigung Kunststoffverpackungen (IK) lehnt die vorgeschlagenen Verbote rundweg ab. Für den Lobbyverband ist die Schmerzgrenze bereits mit der sogenannten "Plastics Strategy" erreicht, mit der die EU Kommission Anfang des Jahres alle Akteure der Branche zu einer nachhaltigen Kreislaufführung verpflichtet hat. Mit dem Verbot einzelner Produkte werde dieser ganzheitliche Ansatz, den auch die Industrie voll mittrage, über Bord geworfen, so der Interessenverband, dem mit über 300 Mitgliedsunternehmen größten Verband der europäischen Kunststoffverpackungsbranche. "Statt echter nachhaltiger Sammel- und Verwertungslösungen, statt Ressourceneffizienz und statt Aufklärung der Verbraucher über nachhaltigen Konsum und umweltgerechten Umgang mit unvermeidbarem Abfall wird jetzt eine unnötige Symbolpolitik betrieben", so Jürgen Bruder, Hauptgeschäftsführer der IK.

Produktverbote schärften weder das Bewusstsein der Menschen für einen schonenden Umgang mit Ressourcen noch führten sie zu langfristigen Verhaltensänderungen, argumentiert der Lobbyist. "Wenn es zu einem weit verbreiteten Trend geworden ist, unterwegs zu essen und zu trinken," sagt Bruder, "gilt es, nachhaltige Lösungen dafür zu stärken – ohne von vornherein bestimmte Materialien zu diskriminieren. Schließlich können derartige Verbote auch zu einem Ausweichen auf Materialien führen, die am Ende sogar ökologisch nachteiliger sind."

Bio-Plastik muss nicht ökologisch sein

Doch in Teilen der Branche gibt es auch Zustimmung für die Verbotsvorhaben. "Der Vorschlag ist eine sinnvolle Ergänzung bestehender Gesetze und Strategien", sagt François de Bie, Vorsitzender von European Bioplastics (EUBP), der die Interessen von Herstellern und Verarbeitern von Bio-Kunststoffen vertritt. "Leider bleibt die Kommission jedoch vage hinsichtlich nachhaltiger Alternativen", bemängelt er. Kunststoffe seien bereits die am stärksten kontrollierten Materialien, besonders im Bereich Lebensmittelverpackungen und Cateringgeschirr. "Biokunststoffe", sagt de Bie, "können hier nachhaltige und sichere Alternativen für einige dieser von der EU identifizierten Produkte bieten."

Einig sind sich beide Interessenvertreter, dass ein vollumfängliches Verbot von Einweg-Tellern oder -Besteck an der Realität vorbeigehe. Einweg-Cateringprodukte seien etwa in geschlossenen Systemen mit integrierter Abfallentsorgung wie Flugzeugen, Sportarenen oder Open-Air-Veranstaltungen unverzichtbar. Neben vielen anderen Faktoren spielten hier vor allem Sicherheits- und Hygieneanforderungen eine große Rolle bei der Auswahl der Materialien. "In diesen speziellen Fällen können Cateringprodukte aus biobasierten Kunststoffen dazu beitragen, die Umweltbelastung zu reduzieren, zum Beispiel durch eine niedrigere CO2-Bilanz", betont de Bie: "Ob die Materialien werkstofflich recycelbar oder kompostierbar sein sollten, hängt vom Abfallkonzept des jeweiligen geschlossenen Systems ab."

Was bedeutet Biokunststoff?

Der Ausgangsstoff für konventionelle Kunststoffe ist Erdöl oder Erdgas. Die Vorsilbe "bio" hat in diesem Fall zwei Bedeutungen. Einmal kann sie für biobasierte Kunststoffe stehen, also aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt, etwa auf Stärkebasis aus Mais und Kartoffeln sowie aus verholzten Pflanzenteilen, dem Lignin. Oder sie bezeichnet die Fähigkeit, dass der Kunststoff biologisch abgebaut werden kann. Dabei darf man sich nicht täuschen lassen: Nicht jeder Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen ist biologisch abbaubar. Genauso sind nicht alle biologisch abbaubaren Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt.

Bio-Kunststoffe sind keine neue Erfindung: Bis in die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurden Kunststoffe fast ausschließlich aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. Erst seit Ende des Zweiten Weltkriegs nutzt man in der Kunststoffherstellung fossile Rohstoffe. Weil diese knapper werden und dem Klima schaden, setzen einige Hersteller wieder auf die Ursprungsvariante, auch wenn diese bislang meist noch teurer ist. Biobasierte Kunststoffe finden sich heute vor allem in Plastiktüten und Flaschen, allerdings noch mit geringen Marktanteilen. Teilweise werden biobasierte Kunststoffe auch mit erdölbasierten Kunstoffen kombiniert. (jl)

Für Jürgen Pfitzer sind biobasierte Kunststoffe schlicht die Zukunft. "Erdöl ist kostbar wie Gold, und viel zu schade, um es für die Herstellung von Folien oder Becher zu verbrauchen", verweist der Geschäftsführer des Biokunststoffherstellers Tecnaro aus dem baden-württembergischen Ilsfeld auf die Endlichkeit fossiler Rohstoffe. Das schwarze Gold verwende man sinnvoller etwa zur Herstellung von Medikamenten. Und mittlerweile seien Bio-Kunststoff laut Pfitzer genauso gut wie ihre konventionellen Pedants. Sein Unternehmen, im Jahr 1998 gegründet, beschäftigt heute 30 Mitarbeiter und bedient mit 4000 Produktrezepturen aus Flüssigholz (Lignin) nicht nur einen weltweiten Kundenstamm, sondern auch nahezu alle Branchen. So werden die ligninbasierten Polymere beispielsweise für Lautsprecher, Musikinstrumente, Spielwaren, Designobjekte oder Urnen eingesetzt. Biologisch abbaubare Kunststoffgranulate aus Ilsfeld kommen für Verpackungen, Bürobedarf, Haushaltswaren und Folien zum Einsatz. Eine dritte Produktlinie von Tecnaro auf Basis nachwachsender Rohstoffe ist für Haushaltswaren, Verpackungen, technische Profile und Stühle gefragt.

Also künftig alles "bio" in der Kunststoffbranche? Keineswegs. Laut Angaben des Umweltbundesamts (UBA) haben biologisch abbaubare Kunststoffe für Verpackungen, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden, insgesamt keinen ökologischen Vorteil. Durch den Anbau und die Verarbeitung von Pflanzen für diese Verpackungen versauerten demnach Böden stärker als durch die Herstellung herkömmlicher Kunststoffverpackungen, ergab eine UBA-Studie von 2012. Zudem entstehen höhere Feinstaubemissionen. Selbst neuartige Kunststoffe wie Bio-Polyethylen, die unter anderem aus Zuckerrohr hergestellt werden, erfüllten die ökologischen Kriterien noch nicht in ausreichendem Maße. Lediglich bei der Verwendung pflanzlicher Reststoffe könnten Bio-Kunststoffe Vorteile gegenüber herkömmlichen Kunststoffen aufweisen.

Deutsche Umwelthilfe äußert Bedenken

Als Gegner von Bio-Plastik hat sich auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) positioniert: Ein Großteil biologisch abbaubarer Kunststoffe baue sich in der Landschaft oder in den Meeren ähnlich langsam ab wie konventionelles Plastik, argumentiert Thomas Fischer, DUH-Experte für Kreislaufwirtschaft. Weil selbst Kompostierungsanlagen damit Probleme hätten, würden oft Produkte aus Bioplastik bereits vor der Kompostierung aussortiert und anschließend verbrannt, da sie von herkömmlichen Plastikprodukten kaum zu unterscheiden seien. Fast alle Kommunen würden deshalb eine Entsorgung von Bioplastik über den Bioabfall ablehnen. Durch Bioplastik kann sich das Problem der Vermüllung sogar noch verschärfen: "Indem suggeriert wird, der Kunststoff sei biologisch abbaubar, könnte in Zukunft noch mehr Plastik in der Umwelt entsorgt werden", sagt Fischer. Um dies zu verhindern, sollten Verpackungen möglichst oft genutzt und bepfandet werden.

Klein beigeben will die Kunststoffindustrie jedenfalls nicht. Das bekamen auch die Umweltorganisation zu spüren. Nachdem verschiedene Supermarktketten auf Druck der DUH vor einiger Zeit Plastiktüten, die mit irreführenden Slogans zur Kompostierung beworben wurden, aus dem Sortiment genommen hatten, verklagten Tochterunternehmen des Plastiktüten-Herstellers Victor-Group mit Unterstützung des Chemiekonzerns BASF die DUH auf Schadensersatz in Höhe von mehr als 2,7 Millionen Euro. In einem über fünf Jahre währenden Prozess gewann die DUH jedoch alle der insgesamt drei Gerichtsentscheidungen des Land- und Oberlandesgerichts Köln. Im Frühjahr 2018 scheiterten die Plastiktüten-Hersteller schließlich auch vor dem Bundesgerichtshof.


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