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Wenn Greta recht hat

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Doppelt so viele Fahrgäste und Einführung des Deutschlandtakts bis zum Jahr 2030 – so will der Bund Klimaschutzziele erreichen. Aber geht das mit dem geplanten Tiefbahnhof in Stuttgart? Ein Gespräch mit Boris Palmer, Bahn-Experte und streitlustiger S-21-Gegner, über Kapazitäten und Wut.

Herr Palmer, was würden Sie tun, wenn Sie in diesen Tagen Verkehrsminister im Land wären?

Mich ärgern.

Warum?

Weil Stuttgart 21 den Nahverkehr in der gesamten Region zu einem Lotteriespiel werden lässt. Genau so, wie die Gegner das vorhergesagt haben.

Wie hätte man auf die hören können? Was hätten Sie 2011 nach der Volksabstimmung getan, wären Sie damals Minister gewesen?

Das ist eine gemeine Frage. Ich würde lieber beantworten, was ich gemacht hätte, wenn ich 2007 Oberbürgermeister gewesen wäre in Stuttgart ...

... also gut, ganz ausnahmsweise darf sich der Interviewte selber eine Frage stellen.

Ich hätte mein Versprechen aus dem OB-Wahlkampf 2004 erfüllt, die 67.000 Unterschriften entgegengenommen, die Leute abstimmen lassen und das Projekt beerdigt.

Tempi passati. Aktuell wird Verkehrsminister Winfried Hermann scharf kritisiert, weil er, wie Eisenhart von Loeper sagt, vor der Wahrheit kapituliert habe. Sie sind anerkannter Experte in Sachen Bahnhofskapazität. Kann das erwähnte Lotteriespiel verhindert werden?

Man hätte die Baustelle nicht anfangen dürfen, ohne den S-Bahn-Tunnel aufzurüsten. Ich habe schon vor 20 Jahren verlangt, die Kapazitäten vorab ausreichend zu erhöhen und vor allem die Stammstrecke zu ertüchtigen. Da hätte man investieren müssen, vielleicht 20 Millionen Euro. Das Geld hat man sich aber lieber gespart, und jetzt laufen die S-Bahnen dauernd ins Chaos. Das ist vollkommen absurd.

Die Kritik am Verkehrsminister entzündet sich auch an seinen Aussagen zum Integralen Taktfahrplan und dass der möglich wird. Hat er recht?

Das scheint mir eine Interpretationsfrage zu sein. Man kann auch einen Fahrplan Integralen Taktfahrplan nennen und trotzdem die Leute eine halbe Stunde auf ihren nächsten Zug warten lassen. Wenn es aber um den eigentlichen Sinn des Wortes geht, also darum, wie der Intergrale Taktfahrplan auch zu verstehen ist: Umsteigen in alle Richtungen innerhalb von zehn Minuten, dann ist die Antwort ganz einfach. Ich kann mit sieben Fernverkehrstrecken und acht Nahverkehrsliniengleisen nicht fahren, außer ich stelle überall zwei Züge drauf. Das geht aber logistisch nicht. Und das wäre eine Notlösung, die wieder in einen Chaosfahrplan führt.

Was also tun?

Man braucht 15 Gleise in Stuttgart und nicht acht. Immer unter der Voraussetzung, dass wir die Anschlüsse akzeptabel organisieren und eben nicht auf 30 Minuten gehen. Da sagen manche Leute, das ist ja nicht so schlimm, da trinkt man halt einen Kaffee im Tiefbahnhof. Das ist aber nicht die Qualität, die ich mir vorstelle. Ich komme da künftig im Tiefbahnhof an, freue mich über meinen Fahrzeitgewinn, verbringe dann aber die Zeit damit, die Bullaugen von unten anzuschauen. Bei mir führt so etwas zu Ärger. Aber andere finden Bullaugen-Anschauen ja vielleicht großartig.

Eher unwahrscheinlich. Welche Verbesserungen sind ernsthaft heute noch möglich und vor allem nötig?

Da geht es um zwei Teile. Ehrlicherweise muss man erstens sagen, dass die Hälfte unserer Kritik von 2010 erfüllt ist, immerhin. Es wird also nicht so schlimm wie damals vorhergesagt, weil die Große Wendlinger Kurve kommt und das Flughafen-Desaster vermieden wird. Das ist ja schon nicht ganz schlecht. Und die zweite Hälfte bedeutet Nachrüsten im Talkessel. Also sofort die vieldiskutierte Option P mitbauen, das heißt, vier Gleise nach Zuffenhausen legen. Ohne die geht es gar nicht.

Und was ist mit den notwendigen Kapazitätssteigerungen?

Wenn Greta recht hat und die Leute künftig umweltfreundlich unterwegs sein wollen, dann gibt es nur eine einzige Lösung, und das ist der Teilerhalt des Kopfbahnhofs. Denn den Tunnelbahnhof, wenn er erst einmal steht, verbreitert niemand mehr.

Damit wäre der vom Verkehrsminister vorgeschlagene Ergänzungskopfbahnhof doch der richtige Weg?

Das wird eine sehr spannende Frage im Stuttgarter OB-Wahlkampf werden, wie sich die Kandidaten dazu stellen. Wenn man einen echten Integralen Taktfahrplan will, muss man sich auf wenigstens vier Gleise einlassen. Die können mit sehr viel weniger Platzbedarf als heute untergebracht werden. Und man kann sich auch an Lösungen wie in New York machen. Das klingt vielleicht ein bisschen vermessen, aber wer den teuersten Fernbahnhof der Welt bekommt, kann auch Anspruch auf einen anständigen Nahverkehrsbahnhof erheben. Die Central Station in Manhattan und die Strecken sind alle unter Gebäuden. Das geht, man muss es nur wollen.

Oder vier Gleise oben liegen lassen?

Wenn ich von Ergänzung rede, meine ich ein neues Bauwerk. Was da jetzt ist, kommt weg, natürlich auch die riesigen Überwerfungsbauwerke. Da geht es um einen schlanken Bahnhof. Und ich gehe davon aus, dass man den wie bei der Central Station nicht mehr sehen wird. Sondern dass es einen unterirdischen Kopfbahnhof geben wird. Und der muss natürlich vor dem Stadtteil gebaut werden.

Was tun, um die Kapazitäten deutlich auszuweiten? Es geht um die Zeit nach dem Bundesverkehrswegeplan 2030 und um 232 Prozent mehr Personenkilometer.

Die wichtigste Antwort hat das Land schon gegeben. Dann stellen wir den ganzen Betrieb auf Doppelstock um. Dass das auch im Fernverkehr geht, zeigt die Schweiz. Und TGVs gibt es auch doppelstöckig. Das heißt, auch die Hochgeschwindigkeit funktioniert. Jenseits dieser Verdoppelung, die den Großteil dieser 232 Prozent auffangen kann, ist allerdings nicht mehr viel drin. Ich bleibe dabei, dass bei knapp über 40 Zügen in der Spitzenstunde im Tiefbahnhof Schluss ist.

Anstelle der berühmt-berüchtigten 49?

Da braucht man eben Doppelbelegungen und extrem kurze Abstände im Bahnhof. Und ich muss so tun, als ob nie eine Störung des Systems von außen in den Bahnhof kommt. Oder ich mache einen Fahrplan, der mit der Wirklichkeit klarkommt, also mit den etwas mehr als vierzig Zügen.

Was wäre eigentlich, wenn Stadt und Land keine Rücksicht auf Bund und Bahn nehmen müssten und auch nicht auf die Finanzierung. Was wäre dann jetzt, Anfang 2020, das Richtige?

Dann würde man die Gäubahn in diesen neuen halboberirdischen Ergänzungsbahnhof einführen und ihn möglichst schnell bauen. Und die vier Gleise nach Zuffenhausen sofort.

Das würde mithalten mit dem alten Kopfbahnhof?

Eindeutig.

Sie sind der Ansicht, dass der Ausstieg vom Tisch ist, denn er sei eine unglaubliche Vernichtung von Arbeitsleistung und Volksvermögen. Bleiben Sie dabei, trotz der heftigen Kritik?

Das sind halt die üblichen Mechanismen, die die Akzeptanzforschung herausgefunden hat: Wenn man mit etwas kämpft, das man nicht ertragen kann, dann gibt es am Anfang die Verleugnung, dann kommt die Wut und irgendwann das Einverständnis. Dieser Weg ist lang. Es gibt so viele Gründe, S 21 als ungerecht und falsch einzustufen, und das ist es ja auch. Aber Krebs ist auch nicht gerecht und richtig, und trotzdem muss man am Ende damit klarkommen.

Ganz nebenbei: Wie geht es Ihnen in Tübingen?

Sehr gut. Wenn ich morgens durch die Stadt gehe, wenn ich meinen Sohn in die Kita gebracht habe, wenn ich zu Fuß alles erledigen kann oder mit dem Fahrrad, wenn ich die schönen alten Fachwerkhäuser sehe und die intakte Innenstadt, dann bin ich sehr froh, dass ich hier bin.

Das heißt, Sie wollen nicht zufällig OB in Stuttgart werden?

Nein.

Obwohl Sie dann einen Zugriff auf S 21 hätten.

Da geht es mir wie gerade beschrieben. Da ist die Wut noch zu groß. Das merke ich jedes Mal, wenn ich in dem Bahnhof stehe, wenn kein Zug fährt, wenn ich diese Strecken laufen muss und runtergucke in das Loch, dann denke ich, das kann doch alles gar nicht wahr sein.


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7 Kommentare verfügbar

  • Robert Merz
    vor 3 Wochen
    Antworten
    1.
    Die Kapazität der Stammstrecke wird in den nächsten Jahren durch den beschlossenen Kauf von ca. 50 weiteren S-Bahn-Einheiten erhöht. Dann können beim Takt 15 alle als 3-teilige Langzüge fahren, erhöht gegenüber Doppelzügen die Kapazität um etwa die Hälfte. Der VRS hat das beschlossen und gibt…
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