Ausgabe 425
Politik

Mädchen, Tiere, Hetze

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 22.05.2019
Von Jörg Haider bis H.C. Strache: Seit mehr als zwei Jahrzehnten sitzen RechtsnationalistInnen in Österreich mit an den Schalthebeln der Macht. Auch dank verlässlicher Rückendeckung durch die "Kronen-Zeitung". Die Geschwister im Geiste sind dort unablässig mit dem Schüren von Ressentiments beschäftigt.

Es wird sich doch irgendein Dreh finden in der Berichterstattung über Ibiza-Gate und den Mega-Gau für die ÖVP/FPÖ-Regierung, um die ganz und gar unbeteiligte SPÖ schlecht aussehen zu lassen. Sie überrasche mit einem "Plan aus dem Hinterhalt", steht deshalb am Montagmorgen auf www.krone.at zu lesen, und dann phantasiert eine Doris Vettermann munter über Personalrochaden – an der SPÖ-Spitze. Noch Stunden nach einem offiziellen Dementi steht die wilde Story da. Hunderte Kommentare im Forum belegen das beeindruckend tiefe Niveau. 

Tausende Krone-Artikel in ähnlicher und noch viel ärgerer Diktion finden sich in den Archiven. Nicht weniger als 23 Jahre lang durfte beispielsweise der rechte Gebrauchslyriker Wolf Martin täglich "in den Wind reimen". Seine Gedichte seien nicht zugespitzt, schrieb die Hamburger "Zeit" einmal, "sie sind ein Fallbeil". Immerzu wütete er gegen "verrückte Schwule" oder "Radikal-Emanzen", gegen KünstlerInnen von Claus Peymann bis Elfriede Jelinek, gegen den "inksliberalen Zeitgeist", SPÖ und Grüne. Früh warnte er vor Migration ("sanfter Holocaust"), vor der "Vermischung" der Völker oder vor Obdachlosen, denn die seien "lästig wie die Läus' und Wanzen".

Kein Wunder, dass das "Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands" schon vor Jahren befand, kaum eine Ausgabe dieser Zeitung sei "frei von antisemitischen, rassistischen oder ausländerfeindlichen Bemerkungen". Wie die Saat aufgegangen ist, zeigt sich in Österreich auf verschiedenste Weise – in der Stimmung im Land, in Wahlergebnissen, in Leserbriefen, tagtäglich hundertfach im "Krone"-Forum, nicht zuletzt in den Zustimmungsraten zu der schwarz-blauen Regierung und ihrem "Austria first"-Mantra.

Der radikale, zum Innenminister auf- und inzwischen wieder abgestiegene FPÖ-Denker Herbert Kickl gibt Ton und Härte vor – von den Einschnitten in die Pressefreiheit bis zur Abschiebung inzwischen integrierter Flüchtlinge –, der Kanzler fügt sich hemmungslos, in der "Krone" sind kritische Anmerkungen rar und Ausländerfeindlichkeit längst hoffähig. In einschlägigen Debatten, etwa wenn das Neujahrsbaby nichtösterreichischen Hintergrund hat, muss die Kommentarfunktion geschlossen werden. "Wir bitten Sie die Netiquette einzuhalten", schrieb die Forenmoderation, als das Österreich-Beben den ersten Höhepunkten zustrebte, "bei wiederkehrenden Verstößen gegen diese werden wir entsprechende Konsequenzen ziehen." Die eigene Redaktion war offenbar nicht gemeint.

Heuchelei hat Hochkonjunktur

Millionen LeserInnen und NutzerInnen werden Tag für Tag in ihren Vorurteilen bestärkt. "Ich glaube, dass die große Zeit des Kampagnenjournalismus, der entscheidend etwas bewegen konnte, vorbei ist", sagte Chefredakteur Klaus Herrmann bei seinem Amtsantritt im November 2017 in entwaffnender Offenheit, "aber natürlich versuchen wir, Trends zu verstärken, wenn wir sie für wichtig erachten – das bedeutet, offen in alle Richtungen zu sein und immer wieder Flagge zu zeigen." Eine lange Skandalspur zieht die FPÖ durchs Land. Allein die Milliardenverluste, die Jörg Haider verantwortet, belasten die SteuerzahlerInnen noch jahrelang. Viele verlorene Prozesse, dubiose Geschäfte, die Umfärbungsaktionen in Ministerien, Kammer und Verbänden – wären GenossInnen oder Grüne am Werk, hätte sich die "Krone" überschlagen bei der Formulierung von Rücktrittsforderungen. Die rechts-rechte Regierung, allen voran Kanzler Sebastian Kurz, werden weitgehend verschont.  

Seit bekannt ist, wie H.C. Strache das Revolverblatt in die Hände einer reichen Russin legen wollte, um sich selbst ins Kanzleramt schreiben zu lassen, hat Heuchelei Hochkonjunktur. "Unabhängigkeit unser höchstes Gut" prangt in roten Lettern als Überschrift im Kopf der Online-Ausgabe. "Ja, es trifft uns", so Herrmann in einem ersten Kommentar, "dass gerade wir von der 'Krone' zum Ziel übler Machtübernahmegelüste der benebelten freiheitlichen Spitzenpolitiker ausgewählt wurden." Ausgerechnet die Kronen-Zeitung, "die sich über die Jahre um ein korrektes Verhältnis zu den Freiheitlichen bemüht" habe. So kann man notorische Schützenhilfe auch beschreiben. So korrekt war die Beziehung, dass ein "Krone"-Fotograf zu einem angeblichen Geheimtreffen der neuen FPÖ-Parteiführung ohne Strache vorgelassen wird und der FPÖ-affinen Leserschaft ein Exklusivfoto mit erstaunlich entspannt lächelnden Granden servieren kann. 

Das kleinformatige Blatt heutiger Prägung, das offiziell "Neue Kronen-Zeitung" heißt oder verniedlichend im Volksmund "Krontschi", ist eine Nachkriegswiedergründung. Ihr Besitzer Hans Dichand gehört zu den prägenden Gestalten der Zweiten Republik. Schon der Beginn steht für die oszillierende Nähe zu Parteien. Ein SPÖ-Gewerkschafter besorgt den Mitfinanzier. Dichand ist selber Journalist, greift als "Cato" regelmäßig in die Tasten und hämmert dem Land seine eigenwillige Meinung ein. Die war keineswegs immer nur rechtslastig im Lauf der vielen Jahre – bis das Pendel im Zuge des Aufstiegs von Jörg Haider dann doch nur noch zu einer Seite ausschlägt. O-Ton aus der "Deutschen Nationalzeitung" von 1996 zum 75. Geburtstag des mächtigen Verlegers: "Der 'Kronen Zeitung' ist es zu verdanken, dass die politische Rechte nicht schutzlos der hemmungslosen Hetze ausgeliefert ist. Vielmehr herrschen dank dieses Massenblattes für einen Jörg Haider und seine FPÖ im Vergleich zur Situation der bundesdeutschen Rechten geradezu paradiesische Verhältnisse."

Schröder-Spezi Hombach hat die "Krone" machen lassen

Damals war die Essener WAZ-Gruppe schon fast zehn Jahre Miteigentümerin. Dort wiederum steigt 2002 Bodo Hombach als Geschäftsführer ein, der Spezi von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Hombach lässt die Österreicher aber weitgehend gewähren. Inzwischen ist René Benko Mitbesitzer, eine Übernahmeschlacht tobt, und der Kreis schließt sich. Denn Strache nennt in dem Ibiza-Video den Tiroler Milliardär als Spender, der "der ÖVP und uns zahlt". Der ließ umgehend dementieren, ebenso wie die anderen Genannten, darunter die Horten-Witwe Heidi. Wenig später kommt Strache, der entgegen vielfachen Behauptungen in dem Video keineswegs alkoholisiert wirkt, sondern seltsam aufgedreht, auf die "Krone" zu sprechen und auf deren Übernahme durch seine erhoffte Geschäftspartnerin: "Wenn das Medium zwei, drei Wochen vor der Wahl, wenn dieses Medium auf einmal uns pusht, dann machen wir nicht 27, dann machen wir 34 Prozent, und das ist genau der Punkt." Mit 34 Prozent bei den drei Monate später stattfindenden Nationalratswahlen hätte Strache Platz eins erreicht und mit einiger Aussicht auf Erfolg den Anspruch erhoben, Bundeskanzler zu werden.

Der Applaus der "Krone" wäre ihm sicher gewesen. Jetzt ist der gelernte Zahntechniker Geschichte. Die Lücke, die er als Parteichef hinterlässt, ist schnell gefüllt – mit Norbert Hofer. Auch mit ihm versteht sich die "Krone" bestens. Bei Hofers Versuch, Bundespräsident zu werden, half sie gern, allerdings am Ende ohne Erfolg gegen den Grünen Alexander van der Bellen. Der 48-Jährige, der neuerdings betont konziliant auftritt, verweigerte nach einem skurrilen Presseauftritt ohne Neuigkeitswert zu Wochenanfang alle JournalistInnen-Fragen. An einem Abstecher ins verlagseigene TV-Studio der "Krone" hinderte ihn dies nicht, im Gegenteil, bereitwillig gab er Auskunft und wurde gleich auch mit einer Nachricht belohnt: "Hofers erstes Machtwort." Dass es zu spät kam, weil die fragliche Angelegenheit FPÖ-intern schon entschieden war, tut in der "Krone"-Welt mit ihrer berüchtigten Wahrheitsliebe nichts zur Sache.

Die "Bild"-Zeitung ist harmlos im Vergleich

Die Krone-Welt. "Kinder, Mädchen, Tiere", Dichands Erfolgsrezept für das "Amtsblatt der österreichischen Seele", wie der "Spiegel" einmal schrieb, ist längst um den Faktor Hetze erweitert, vor allem seit der sogenannten Flüchtlingskrise von 2015. Eines der wichtigsten Aushängeschilder, der Kolumnist Michael Jeannée, spaltet und hetzt auf eine Weise, die den berüchtigten "Bild"-Autor Franz-Josef Wagner als harmlosen Begleiter des bundesdeutschen Politikbetriebs erscheinen lässt. Jeannée schürt hemmungslos Fremdenängste, arbeitet sich an der deutschen Kanzlerin ab, an linken Gutmenschen, die "asylparadiesische Zustände geschaffen hätten". Als Sebastian Kurz nach der Nationalratswahl vor eineinhalb Jahren wie versprochen die FPÖ ins Boot geholt hatte – mit diesem Vorsatz fing einst das ganze Unheil an, worüber der (noch) amtierende Kanzler aber natürlich heute keine Silbe verliert –, atmete der "Krone"-Kolumnist auf: "Die 'schweigende Mehrheit im Land hat nach langer, überlanger Durststrecke endlich wieder eine Stimme: DIESE Regierung (…) DIESE Regierung ist nämlich ganz nah 'mit und bei uns da unten'. Beeindruckend, effizient, couragiert, furchtlos und rasch."

Unklar vorerst noch, wie die Gazette im schon ausgebrochenen Rosenkrieg zwischen FPÖ und ÖVP ihre milden journalistischen Gaben verteilt. Im Forum, in dem oft binnen Kurzem mehrere hundert Postings auflaufen, melden sich viele FPÖ-Fans zu Wort und speziell die von Ex-Innenminister Herbert Kickl. So wie der zuletzt agierte, darf angenommen werden, dass er der neue starke Mann der FPÖ werden und noch viel von sich hören lassen wird. Noch-Kanzler Kurz hingegen hat gerade nicht so gute Karten bei der führenden Zeitung des Landes, womöglich als kleine Revanche spendierte er "Bild" ein fast ganzseitiges Interview. 

Darin versucht er, seine Version der Entstehungsgeschichte der rechts-rechten Regierung über Österreichs Grenzen hinweg zu streuen. Das sei notwendig gewesen, weil die SPÖ nicht habe mit ihm regieren wollen. Dabei waren es Kurz und seine Garde in der von ihm beherrschten ÖVP gewesen, die die Große Koalition in ihrer Endphase monatelang nahezu täglich unter Beschuss genommen und sie so aller Durchsetzungschancen beraubt hatten. Der immer adrette, aufgeräumte Jungspund mit dem Karikatur-Spitznamen "Basti", einem abgebrochenen Studium und ausgeprägtem Ehrgeiz, wollte eben partout an die Macht mit Straches FPÖ, um jetzt bei jeder Gelegenheit seine Hauptverantwortung für das singuläre Desaster verschleiern. 

Hofer wiederum, der scheinbar Moderate, lobt inzwischen schon mal den unabhängigen Journalismus, sogar den linksliberalen "Falter", der eingebunden war in die Video-Recherche von "Spiegel" und "Süddeutscher Zeitung". Und überhaupt die Medien, "die sind eine wichtig ausgleiche Macht im Staat". Auf einmal, denn bisher sollte hochoffiziell und unterstützt von der "Krone" der öffentlich-rechtliche Rundfunk sturmreif geschossen werden. Außerdem ist nicht zu vergessen: Der Liebhaber pastellfarbener Einstecktücher ist Mitglieder der Burschenschaft "Marko-Germania zu Pinkafeld", die sich, so das "Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands", als "Trutzburg" für diejenigen versteht, "die sich nicht der liberalen Gesellschaft [...] ausliefern wollen".

Im Präsidentschaftswahlkampf, den Hofer am Ende gegen Alexander Van der Bellen knapp verlor, hinterließ er tiefe Spuren in Österreich. So etwa, als er seinen Konkurrenten als "grünen faschistischen Diktator" beleidigte. Nicht auszudenken, in der jetzigen Lage säße der rechtsnationale Burschenschafter in der Hofburg am Wiener Ballhausplatz. Denn der müsste dann die Republik durch diese Krise führen, die zu einer veritablen Staatskrise zu werden droht. Die "Krone" jedenfalls würde ihn kaum daran hindern. Dafür darf sich Van der Bellen im Online-Forum gleich wieder beleidigen lassen, weil er "die Eleganz und Schönheit" der österreichischen Bundesverfassung rühmt – als Garant für Stabilität gerade in bewegten Tagen.


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