KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere eins bis drei Punkt oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Wird wohl 2019 entkernt: die Bonatz-Bahnhofshalle. Fotos: Joachim E. Röttgers

Wird wohl 2019 entkernt: die Bonatz-Bahnhofshalle. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 329
Politik

Alles muss raus

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 19.07.2017
Ab 2019 müssen Bahnreisende in Stuttgart auf zahlreiche Versorgungsmöglichkeiten verzichten, wahrscheinlich auch auf eine Toilette. Denn dann beginnt, Stuttgart 21 sei Dank, der Umbau des Bahnhofs zu einem Vier-Sterne-Hotel.
Das Ladenprovisorium am Bahngleis-Ende.
Das Ladenprovisorium am Bahngleis-Ende.

Nein, sie weiß nicht, wie es ab 2019 weitergeht, sagt die Verkäuferin im "Press & Books"-Laden im Stuttgarter Hauptbahnhof. Sie hat auf Ende 2018 eine Kündigung erhalten. Sie wüsste selber gern, was dann passiert. Aber es habe auch keinen Zweck, bei ihrem Arbeitgeber nachzufragen, denn der wisse auch nicht mehr.

Der Laden befindet sich im Besitz der Valora Holding GmbH, nach eigener Auskunft "Spezialist für tagesaktuelles Infotainment" und mit 170 Läden Marktführer im deutschen Bahnhofs- und Flughafenbuchhandel. Valora hat die Buch- und Zeitschriftenläden 2009 von Wittwer übernommen und betreibt heute in der großen Kopfbahnsteighalle zwei Läden: "Press & Books" ist eher der Buchladen, der aber auch Tabakwaren und Süßigkeiten verkauft, während "Presse + Buch" ein breites Sortiment an Zeitschriften bietet, wie es in Stuttgart wahrscheinlich kein zweites Mal zu finden ist.

Sämtlichen Läden und Restaurants im Stuttgarter Hauptbahnhof hat die Deutsche Bahn gekündigt. Ende 2018 müssen sie alle raus. Denn dann soll der Umbau zentraler Teile des Bahnhofs zu einem Vier-Sterne-Hotel beginnen, der bis 2021 dauern soll. Die Kette "Me and all Hotels" hat den Zuschlag erhalten, eine erst seit zwei Jahren bestehende Zweitmarke der Lindner Hotels, an der seit April das Family Office von Clemens Tönnies und die Hildesheimer Hanseatic Group beteiligt sind.

Finanziell lohnt sich ein Hotel – besonders für die Bahn

Warum überhaupt ein neues Hotel? Es gibt doch bereits eines im Bahnhof, und Stuttgart hat Hotelzimmer genug. 153 Betten soll das neue Hotel haben und vier Sterne. Drei Sterne und 148 Betten hat das bestehende Intercity-Hotel. Selbst wenn es bestehen bliebe: Der Kuchen ist groß genug, dass sich auch einer mehr noch ein Stück abschneiden kann – die Stücke werden dabei natürlich ein bisschen kleiner. Doch in Zeiten der Niedrigzinspolitik können die Anleger ihr Geld kaum gewinnbringender investieren. Und die Bahn kann aus dem Bahnhofsgebäude noch ein bisschen mehr herauspressen.

Die Pläne für den Bau stammen, wie alles am Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs im Zusammenhang von Stuttgart 21, vom Düsseldorfer Architekten Christoph Ingenhoven. Im Prinzip ist alles längst beschlossen, und auch die Tatsache, dass im Zuge der Bahnhofstieferlegung der funktionslos werdende Bonatzbau entkernt und mit neuen Nutzungen gefüllt werden soll, ist keineswegs neu. Doch erst jetzt, wo der Umbau näher rückt, reibt sich manch einer verwundert die Augen. Die Pläne sind im September 2015 und erneut im März 2016, nach der 16. und 17. Planänderung, im Umwelt- und Technikausschuss (UTA) in öffentlicher Sitzung vorgestellt worden. Niemand hat protestiert, auch die Fraktion SÖS-Linke-Plus nicht, wie ihr Vorsitzender Hannes Rockenbauch selbstkritisch anmerkt. Eine Abstimmung gab es nicht. Am Ende ist jeweils im Protokoll vermerkt, dass der Ausschuss die Pläne zur Kenntnis genommen habe.

Allerdings fragt sich schon, wie genau die Gemeinderäte informiert wurden. In der 17. Planänderung ist eine Aufstockung des Hotels vorgesehen. In der zugehörigen Präsentation, die den Ausschussmitgliedern am 8. März 2016 gezeigt wurde, stammt jedoch der Querschnitt – die einzige Planzeichnung, die in diesem Fall relevante Aussagen erlaubt – bereits aus dem Jahr 2013. "17. Planänderung" steht auf einer Folie, darunter "Stand 15.05.2015". Warum wurde dann der UTA erst am 8. März 2016 über die Planänderung unterrichtet, wo er doch schon am 22. September 2015 zum selben Thema getagt hat?

Noch im Nebel: Aussehen und Außenwirkung des Hotels

Wie soll das geplante Hotel aussehen, wie wird es den jetzigen Charakter des Bonatzbaus verändern? Gar nicht so leicht zu sagen. In beiden Ausschuss-Präsentationen ist das Hotel zumindest gleich hoch, es befindet sich im Wesentlichen auf der dritten und vierten Etage des Bereichs zwischen den beiden Schalterhallen, hinter der großen Pfeilerhalle und vor der Kopfbahnsteighalle, und tritt somit nach außen hin kaum in Erscheinung. Unten, wo sich einmal die Gepäckaufgabe befand – ein Service, auf den Bahnkunden heute verzichten müssen – soll künftig Gastronomie und Reisendenbedarf Platz finden. Ebenso in der ersten Etage, also auf der Höhe der Kopfbahnsteighalle, jedenfalls nach dem Querschnitt zu urteilen. Der Grundriss fehlt in der Präsentation. Die Mitteltreppe soll weg, da die Reisenden künftig nach unten müssen und nicht mehr nach oben, nur zwei kleine Treppenläufe am Rand bleiben. Im zweiten Obergeschoss sind ein Konferenzbereich und das Hotelrestaurant vorgesehen, zur Straße hin auch Hotelzimmer.

Den Stuttgarter Stadträten präsentierte Aussichten, eher schwarz als rosig. Modell: Ingenhoven Architects
So sollen Hotel und Bahnhofshalle aussehen. Modell: Ingenhoven Architects

Die beiden oberen Etagen reichen über die mittlere Halle hinweg und sind von allen angrenzenden Gebäudeteilen um vielleicht fünf bis sechs Meter zurückgesetzt. Dies gehört wohl zu den im Protokoll vermerkten Veränderungen, die "in Absprache mit dem Denkmalschutz getroffen worden seien." Denn nur so ist gewährleistet, dass noch Licht in die halbrunden Thermenfenster der Kopfbahnsteighalle und in die Seitenfenster der beiden Schalterhallen fällt. Um diese Bedingung zu erfüllen, musste der Architekt allerdings keine großen Zugeständnisse machen, denn ohne diese Lücke zu den angrenzenden Bauteilen hätten auch die Hotelgäste auf Tageslicht verzichten müssen.

Vorn bleibt das Attikageschoss über den mächtigen Pfeilern nur als Blendmauer erhalten, hinter der, etwas zurückversetzt und etwas höher, der gläserne Baukörper des Hotels aufragt. Wird das Hotel vom Arnulf-Klett-Platz aus sichtbar sein? Den Plänen ist es aus zwei Gründen nicht zu entnehmen: Einmal weil unklar bleibt, ob sie den Zustand vor oder nach der 17. Planänderung darstellen; zum anderen, weil sie die Konturen des Hotels und des Bahnhofsgebäudes nicht in ein Verhältnis zum Bahnhofsvorplatz setzen.

Wundersame Verjüngung und Verkehrsberuhigung im Entwurf

In der Visualisierung von Ingenhoven ist nur bei sehr genauem Hinsehen eine schmale graue Linie oberhalb der Steinkante der Pfeilerhalle zu erkennen. Dafür erstrahlt die Bahnhofsfassade gegenüber dem vorigen Bild, das den Status quo illustriert, plötzlich in neuem Licht, so als beabsichtige der Architekt, die Kalkstein-Quader einer Verjüngungskur zu unterwerfen. Fußgänger schlendern sorglos über die Straße, ohne sich mit den wenigen Mercedes-Cabriolets in die Quere zu kommen, die weiterhin vierspurig über den Bahnhofsvorplatz rollen. Dafür ist der Omnibusverkehr verschwunden. Wohin, das bleibt Ingenhovens Geheimnis.

Wird also das gläserne Hotel, vor allem nachts, hinter der Pfeilerhalle hervorleuchten und damit das Hegel-Zitat überstrahlen, das der amerikanische Konzeptkünstler Joseph Kosuth 1993 dort angebracht hat? Welche Veränderungen tatsächlich "in Absprache mit dem Denkmalschutz" beschlossen wurden, will Peter Dübbers, der Enkel des Bahnhofsarchitekten Paul Bonatz wissen und hat daher mit Norbert Bongartz, dem früheren Oberkonservator und Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, um einen Termin beim Landesdenkmalamt gebeten. Natürlich ist der Bonatzbau ohnehin nur noch ein Torso, wie der Grünen-Stadtrat Jochen Stopper zu Recht anmerkt.

Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie von 2019 an die Versorgung der Reisenden funktionieren soll. Die Pressestelle des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm verweist auf das Regionalbüro Kommunikation der Deutschen Bahn. Dort antwortet Werner Graf zunächst ganz nüchtern: "Wir haben in Stuttgart Hauptbahnhof am Querbahnsteig all die vorhandenen Flächen zur Verfügung gestellt, um in Verkaufspavillons den wichtigsten Reisebedarf für unsere Bahnkunden sicherzustellen (kleiner Supermarkt, Speisen und Getränke, Zeitschriftenladen)."

Ab 2019: sechs Versorgungs-Container für Reisende

Auf Nachfrage beweist Graf durchaus Humor. Natürlich sei der kleine Container am Gleis 16 nicht mit der "paradiesischen Buchhandlung" in der Bahnhofshalle vergleichbar, "die ich sehr schätze." Aber: "Es gibt sogar Zigarillos, das ist mir persönlich das Allerwichtigste." Am provisorischen Querbahnsteig, wo derzeit die Züge abfahren, stehe sogar "der kleinste Supermarkt Stuttgarts auf zwei Quadratmetern." Graf untertreibt ein wenig: In Wirklichkeit dürfte der Spar-Kiosk mindestens sechs Quadratmeter haben.

Architekt Ingenhoven macht Tabula rasa.
Architekt Ingenhoven macht Tabula rasa.

Es gibt, um genau zu sein, neben dem Spar-Kiosk, dem Presse + Buch-Container und der Bahnhofsmission noch vier weitere Boxen mit Brötchen und Fleischwurst. Damit muss genug sein. Bahnreisende aus Stuttgart können sich schon mal darauf gefasst machen, dass es ab 2019 im Bahnhof für mindestens zwei Jahre keinen Drogeriemarkt mehr gibt, keine Apotheke und natürlich keine so exquisiten kulinarischen Angebote wie vietnamesische Küche, Hähnchen vom Grill oder Fisch von der Nordsee.

Wer also schnell mal Pampers braucht oder Damenbinden oder gar Medikamente, muss sich dann rechtzeitig vorher versorgen oder genügend Zeit für einen Ausflug in die Innenstadt einplanen. Ziemlich einzigartig für eine Großstadt. So wie es im Moment aussieht, wird es auch keine Bahnhofstoilette mehr geben. Jedenfalls kann sich Graf kaum vorstellen, dass beim Umbau des gesamten Bahnhofsgebäudes das "Rail & fresh"-WC am Mittelausgang als einziges geöffnet bleibt.

Und was sagt die Stadtverwaltung dazu? "Keine Verwaltung kann da Zuständigkeit reklamieren", lautet die lapidare Antwort aus der Pressestelle. "Die Bahn plant und unterhält den Bahnhof mitsamt seinen Geschäften und Lokalen. Es ist ihr Geschäftsbereich."


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!