KONTEXT Extra:
Gleise frei für den Güterverkehr

Nein, ein konkretes Datum, bis wann Züge zwischen Rastatt und Baden-Baden wieder verkehren können, das gibt es immer noch nicht. Nachdem am Freitag (18.08.) Vertreter der Deutschen Bahn und betroffener Kommunen im Verkehrsministerium zusammenkamen, teilte dieses mit: "Alle Beteiligten haben die Hoffnung, dass bis zum Ende der Sommerferien in Baden-Württemberg die Rheintalstrecke wieder durchgängig befahren werden kann." Das sind ganz andere Töne, als der ursprüngliche Zeitplan der Deutschen Bahn, in dem der 28. August angepeilt wurde. Das kommende Schuljahr beginnt im Südwesten am 11. September. Verbindlich ist das Datum nicht, die Bahn betont weiterhin, derzeit seien keine Prognosen möglich, bis wann die Reparaturmaßnahmen abgeschlossen sind.

Das Verkerhrsministerium teilte außerdem mit, man werde der Bahn in "gewissen Grenzen" entgegenkommen. Das bedeutet eine zwischenzeitliche Einschränkung des Personenverkehrs, Schienenersatzverkehr wird ab Samstag (19.08) auf den betroffenen Strecken eingerichtet. So sollen mehr Kapazitäten für Güterzüge geschaffen werden, die aktuell auf Umleitungen angewiesen sind. Unumwunden heißt es dazu in einer Pressemitteilung: "Bis zur Wiederherstellung der Trasse zwischen Rastatt und Baden-Baden werden auf den genannten Strecken in der Nacht Lärmbeeinträchtigungen für die Anlieger durch ein erhöhtes Güterzugaufkommen die Folge sein." Die Maßnahme sei jedoch zeitlich befristet und solle spätestens zu Beginn des neuen Schuljahres aufgehoben werden. Der Regionalverkehr dürfe zudem, wie es aus dem Ministerium heißt, nicht in den Hauptverkehrszeiten beeinträchtigt werden, daher gebe es zwischen 6 und 9 Uhr sowie 15 Uhr und 19 Uhr keine Zugausfälle.

Weiterhin kritisiert das Verkehrsministerium die Kollegen auf Bundesebene. Die Zurückhaltung bei der Ertüchtigung von Nebenstrecken räche sich nun. Minister Winfried Hermann beklage das bereits seit seinem Amtsantritt.

Betroffene Fahrgäste finden hier detaillierte Informationen zum Ersatzfahrplan. (18.08.2017)


"Runder Tisch" zu Rastatt

Bis zu 200 Güterzüge donnern tagtäglich durchs Rheintal. Im Hochsommer sind es weniger, dennoch stauen sich die Transporte – in der Planung – inzwischen zurück bis Rotterdam. Die grün-schwarze Landesregierung hat zwar keine direkten Zuständigkeiten rund ums Gleisdesaster der Deutschen Bahn in Rastatt. Das Verkehrsministerium bietet der DB aber an, die Folgen abzumildern. Noch in dieser Woche findet ein "Runder Tisch" in Stuttgart statt, um über Ausweichstrecken und Umleitungsverkehre zu reden. Unter anderem werden Kommunalpolitikern in betroffenen Städten und Gemeinden über die möglichen Belastungen rund um die Uhr informiert. Es dürfte nach den bisherigen Planungen "einen 24-Stunden-Güterbetrieb auf ziemlich beschaulichen Strecken“ geben, sagt ein Sprecher. Die Bahn teilte bereits mit, "ihren Kunden 200 Umleitungstrassen mit unterschiedlichen technischen Anforderungen anbieten zu können".  

Ebenfalls eingeladen nach Stuttgart sind Vertreter der DB Netz, der DB Region und der Nahverkehrsgesellschaft. Das Verkehrsministerium mit seinen Fachleuten prüft auch, wie und an welchen Strecken der Takt des Regionalverkehrs ausgedünnt werden könnte, um vorübergehend Güter zu transportieren. Das Angebot gilt aber nur bis zum Schulbeginn im September, weil nach den Ferien das Fahrgastaufkommen deutlich steigt. Die DB selber nennt als eine Umleitungsstrecke die Neckar-Alb-Bahn über Horb–Tübingen–Reutlingen–Plochingen. "Wegen der Umleitung der Güterzüge sind Anpassungen im Regionalzugverkehr auf der Neckar-Alb-Bahn notwendig", heißt es in einer Pressemitteilung weichgespült, und dass die DB "für die auftretenden Beeinträchtigungen und die verstärkte Nutzung der Neckar-Alb-Bahn für den Güterverkehr Anwohner und Fahrgäste um Verständnis bittet". Die notwendigen Umleitungsmaßnahmen für den Güterverkehr seien zeitlich befristet, "bis die durchgehende Sperrung der Rheintalbahn wieder aufgehoben werden kann". Ein konkretes Datum dafür wird nicht (mehr) genannt. Experten rechnen mit einer Wiederinbetriebnahme frühestens in der zweiten Septemberhälfte. 

Dazu: https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/333/der-schienen-gau-4546.html


Tunnel-Flop

Es sollte die Weltpremiere werden für die neue Stabilisierungsmethode per Eisring im Tunnelbau. Monatelang war an den Vorkehrungen getüftelt worden. Jetzt ist eine der meist befahrenen Eisenbahnstrecken Europas erst einmal bis mindestens 26. August gesperrt. In Rastatt-Niederbühl, dort, wo die Züge künftig aus dem Tunnel kommen werden, unterquert die Strecke den Bahndamm. Und die darauf liegenden Geleise sackten ab.

Die Konstruktion ist komplex, Stuttgart 21 lässt grüßen: Der Tunnel ist 4,3 Kilometer lang, führt in zwei Röhren von Ötigheim nach Niederbühl, unter der Murg, unter einer tief liegenden Straße, die ihrerseits unter der Rheintalstrecke durchführt, dann zügig wieder nach oben. Eingefroren wurde ein geschlossener Ring. Alle Beteiligen erklärten immer wieder, damit in actu auf einer Baustelle, keine Erfahrungen zu haben. Die Gewissheit, dass das Manöver gelingt, war dennoch groß. Bautechniker untersuchen bereits das Fiasko, möglicherweise ist der Regen der vergangenen Tage verantwortlich.

Das "Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21" ist "wenig überrascht von der Leichtfertigkeit, mit der die Deutsche Bahn offensichtlich Tunnelbauarbeiten unter einer der Hauptstrecke des deutschen Bahnverkehrs betrieben hat". Dass es keinen Plan B gebe, zeige die Selbstüberschätzung der DB und, auch hier, das Versagen des Aufsicht führenden Eisenbahnbundesamts, so Bündnissprecher Norbert Bongartz. Es sei im Vorfeld der Bauarbeiten in Rastatt "mit Händen zu greifen gewesen, dass ein Tunnelbau so knapp unter den bestehenden Bahngleisen und in Sandboden hoch riskant ist". Keinen Pfifferling seien die vollmundigen Beteuerungen der Bahn wert, sie habe die Tunnelbauarbeiten mitten im Stadtgebiet Stuttgarts voll im Griff. Auch wenn da die Überdeckung bei den Tunnelbaustellen zumeist deutlich höher ist: "Angesichts der besonderen geologischen Situation in Stuttgart muss auch hier über die schon bekannten Schäden hinaus mit Bauproblemen ganz anderer Größenordnung gerechnet werden." (14.8.2017)


Malen nach Zahlen

Das ist aber ein gelungener erster Platz! Die CDU habe mit sagenhaften 55 Prozent die Nase vorn beim Frauenanteil auf den Landeslisten für die Bundestagswahl. Das teilte jetzt Landeswahlleiterin Christiane Friedrich mit. Erst nach der Union kommen Grüne und Linkspartei mit je 50 Prozent und die SPD mit gut 46 Prozent. Jedoch, die schönen Zahlen sind Blendwerk.

Denn nahezu alle CDU-Abgeordneten werden auch 2017 wieder direkt in den Bundestag gewählt werden, als SiegerInnen in ihrem Wahlkreis. Davon gibt es 38 im Südwesten. Und in ihnen spiegelt sich die CDU-Wirklichkeit im Jahre 2017: in 35 wurden Kandidaten nominiert und nur in drei Kandidatinnen: Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium und Vorsitzende der Frauenunion, die Stuttgarterin Karin Maag und die bisher jüngste Volksvertreterin Ronja Kemmer.

Selbst in Mannheim, Heilbronn und Böblingen sind ausscheidende CDU-Männer, darunter auch Landeschef Thomas Strobl, durch Männer ersetzt. Dabei hatte der doch zur "politischen Grundmelodie" erklärt, dass "mehr Frauen zum Tragen kommen". Doch auch in Berlin ist die baden-württembergische Landesgruppe derzeit mit nur acht weiblichen Abgeordneten vertreten und am Ende des Bundesvergleichs zu finden.

Der Männeranteil auf allen im Land antretenden Listen ist laut Landeswahlleiterin Friedrich immerhin von 71 Prozent zurückgegangen auf 66 Prozent. Spitzenreiter in der Männerstatistik für die Wahl am 24. September ist die AfD mit 87 Prozent. Gefolgt werden die Rechtspopulisten von den Liberalen, die es 2017 im Land auf nur 19 Prozent Kandidatinnen bringen. Das bedeutet sogar einen Rückschritt im Vergleich zu vor vier Jahren und gut 21 Prozent bedeutet. (9.8.2017)


Kontext-Vorstand ruft zu Flashmob auf

"Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!", sagt unser zweiter Vereinsvorsitzender Jürgen Klose. Und weil er das schier nicht glauben kann, hat er gestern am Nachmittag vor lauter Zorn kurzfristig zu einem Flashmob aufgerufen. Etwa 20 Spontandemonstrierer standen wenig später vor dem Stuttgarter Rathaus – mit Fahrradhupen und Trillerpfeifen! Hier Jürgen Kloses Rede:

"Ich habe zu diesem Protest heute aufgerufen, weil ich zornig bin über die 'Ergebnisse' des Diesel-Gipfels. Ich wollte mein Adrenalin wieder loswerden!

Papst Gregor der Große (6. Jhdt.) soll gesagt haben: 'Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.' Das ist sozusagen mein Leitmotiv. Guckt euch auf YouTube das Video mit Georg Schramm an, dann wisst ihr was ich meine!

Wir sind zornig auf das peinliche Schaulaufen von Politik und Autoindustrie auf dem gestrigen Dieselgipfel!

Wir sind zornig auf die unverantwortliche Bundeskanzlerin. Sie lässt lieber Urlaubsfotos aus Südtirol verbreiten als den Automanagern die Leviten zu lesen!

Wir sind zornig auf die Bundesregierungen gleich welcher Couleur, die sich zum Büttel der Autoindustrie degradieren ließen statt ihrer Aufsichtspflicht für Verbraucher und Umwelt nachzukommen!

Wir sind zornig auf die vom Gipfel ausgesandte Botschaft 'Wir tun was!' - nur besonders wehtun durfte es den Autokonzernen nicht!

Wir sind zornig auf den Versuch, uns mit Placebos abzuspeisen: Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!

Wir sind zornig auf die jahrelange Missachtung von Grenzwerten und auf den offensichtlichen und schon länger bekannten Schwindel mit den Abgastests und der Mogelsoftware! 

Wir sind zornig auf die Täuschung der Verbraucher und den erfüllten Tatbestand des Betrugs (§263 StGB). Täuschungshandlung, Vermögensschaden, Bereicherungsabsicht - alle juristischen Tatbestände sind erfüllt! Strafen? Fehlanzeige!

Wir sind zornig auf die völlige Missachtung des Verursacherprinzips: Wer zahlt den Dieselbesitzern den Wertverlust ihrer Autos. Warum gibt es keinen Schadenersatz?

Wir sind zornig, dass die Autoindustrie anscheinend nach dem Leitmotiv handelt 'Profit vor Gesundheit' und 'Gier vor Umweltschutz'!

Wir sind zornig auf die Autokonzerne, die eine der Kernbranchen dieser Republik schwer beschädigen und damit Zehntausende von Arbeitsplätzen gefährden! Zukunftsvorsorge sieht anders aus!

Wir alle haben ein Recht auf saubere Luft, eine intakte Umwelt und gesunde Lebens- und Arbeitsbedingungen!

Wir alle wollen eine Abkehr vom Autowahn und die Umkehr zu einem anderen, menschen- und umweltfreundlicheren Verständnis von Mobilität!

Wir alle wollen Stuttgart vom Makel der Feinstaub- und Stauhauptstadt befreien!

Wir bleiben zornig, bis wir am Ziel sind!

Danke für eure Unterstützung!" (4.8.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Wird wohl 2019 entkernt: die Bonatz-Bahnhofshalle. Fotos: Joachim E. Röttgers

Wird wohl 2019 entkernt: die Bonatz-Bahnhofshalle. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 329
Politik

Alles muss raus

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 19.07.2017
Ab 2019 müssen Bahnreisende in Stuttgart auf zahlreiche Versorgungsmöglichkeiten verzichten, wahrscheinlich auch auf eine Toilette. Denn dann beginnt, Stuttgart 21 sei Dank, der Umbau des Bahnhofs zu einem Vier-Sterne-Hotel.
Das Ladenprovisorium am Bahngleis-Ende.
Das Ladenprovisorium am Bahngleis-Ende.

Nein, sie weiß nicht, wie es ab 2019 weitergeht, sagt die Verkäuferin im "Press & Books"-Laden im Stuttgarter Hauptbahnhof. Sie hat auf Ende 2018 eine Kündigung erhalten. Sie wüsste selber gern, was dann passiert. Aber es habe auch keinen Zweck, bei ihrem Arbeitgeber nachzufragen, denn der wisse auch nicht mehr.

Der Laden befindet sich im Besitz der Valora Holding GmbH, nach eigener Auskunft "Spezialist für tagesaktuelles Infotainment" und mit 170 Läden Marktführer im deutschen Bahnhofs- und Flughafenbuchhandel. Valora hat die Buch- und Zeitschriftenläden 2009 von Wittwer übernommen und betreibt heute in der großen Kopfbahnsteighalle zwei Läden: "Press & Books" ist eher der Buchladen, der aber auch Tabakwaren und Süßigkeiten verkauft, während "Presse + Buch" ein breites Sortiment an Zeitschriften bietet, wie es in Stuttgart wahrscheinlich kein zweites Mal zu finden ist.

Sämtlichen Läden und Restaurants im Stuttgarter Hauptbahnhof hat die Deutsche Bahn gekündigt. Ende 2018 müssen sie alle raus. Denn dann soll der Umbau zentraler Teile des Bahnhofs zu einem Vier-Sterne-Hotel beginnen, der bis 2021 dauern soll. Die Kette "Me and all Hotels" hat den Zuschlag erhalten, eine erst seit zwei Jahren bestehende Zweitmarke der Lindner Hotels, an der seit April das Family Office von Clemens Tönnies und die Hildesheimer Hanseatic Group beteiligt sind.

Finanziell lohnt sich ein Hotel – besonders für die Bahn

Warum überhaupt ein neues Hotel? Es gibt doch bereits eines im Bahnhof, und Stuttgart hat Hotelzimmer genug. 153 Betten soll das neue Hotel haben und vier Sterne. Drei Sterne und 148 Betten hat das bestehende Intercity-Hotel. Selbst wenn es bestehen bliebe: Der Kuchen ist groß genug, dass sich auch einer mehr noch ein Stück abschneiden kann – die Stücke werden dabei natürlich ein bisschen kleiner. Doch in Zeiten der Niedrigzinspolitik können die Anleger ihr Geld kaum gewinnbringender investieren. Und die Bahn kann aus dem Bahnhofsgebäude noch ein bisschen mehr herauspressen.

Die Pläne für den Bau stammen, wie alles am Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs im Zusammenhang von Stuttgart 21, vom Düsseldorfer Architekten Christoph Ingenhoven. Im Prinzip ist alles längst beschlossen, und auch die Tatsache, dass im Zuge der Bahnhofstieferlegung der funktionslos werdende Bonatzbau entkernt und mit neuen Nutzungen gefüllt werden soll, ist keineswegs neu. Doch erst jetzt, wo der Umbau näher rückt, reibt sich manch einer verwundert die Augen. Die Pläne sind im September 2015 und erneut im März 2016, nach der 16. und 17. Planänderung, im Umwelt- und Technikausschuss (UTA) in öffentlicher Sitzung vorgestellt worden. Niemand hat protestiert, auch die Fraktion SÖS-Linke-Plus nicht, wie ihr Vorsitzender Hannes Rockenbauch selbstkritisch anmerkt. Eine Abstimmung gab es nicht. Am Ende ist jeweils im Protokoll vermerkt, dass der Ausschuss die Pläne zur Kenntnis genommen habe.

Allerdings fragt sich schon, wie genau die Gemeinderäte informiert wurden. In der 17. Planänderung ist eine Aufstockung des Hotels vorgesehen. In der zugehörigen Präsentation, die den Ausschussmitgliedern am 8. März 2016 gezeigt wurde, stammt jedoch der Querschnitt – die einzige Planzeichnung, die in diesem Fall relevante Aussagen erlaubt – bereits aus dem Jahr 2013. "17. Planänderung" steht auf einer Folie, darunter "Stand 15.05.2015". Warum wurde dann der UTA erst am 8. März 2016 über die Planänderung unterrichtet, wo er doch schon am 22. September 2015 zum selben Thema getagt hat?

Noch im Nebel: Aussehen und Außenwirkung des Hotels

Wie soll das geplante Hotel aussehen, wie wird es den jetzigen Charakter des Bonatzbaus verändern? Gar nicht so leicht zu sagen. In beiden Ausschuss-Präsentationen ist das Hotel zumindest gleich hoch, es befindet sich im Wesentlichen auf der dritten und vierten Etage des Bereichs zwischen den beiden Schalterhallen, hinter der großen Pfeilerhalle und vor der Kopfbahnsteighalle, und tritt somit nach außen hin kaum in Erscheinung. Unten, wo sich einmal die Gepäckaufgabe befand – ein Service, auf den Bahnkunden heute verzichten müssen – soll künftig Gastronomie und Reisendenbedarf Platz finden. Ebenso in der ersten Etage, also auf der Höhe der Kopfbahnsteighalle, jedenfalls nach dem Querschnitt zu urteilen. Der Grundriss fehlt in der Präsentation. Die Mitteltreppe soll weg, da die Reisenden künftig nach unten müssen und nicht mehr nach oben, nur zwei kleine Treppenläufe am Rand bleiben. Im zweiten Obergeschoss sind ein Konferenzbereich und das Hotelrestaurant vorgesehen, zur Straße hin auch Hotelzimmer.

Den Stuttgarter Stadträten präsentierte Aussichten, eher schwarz als rosig. Modell: Ingenhoven Architects
So sollen Hotel und Bahnhofshalle aussehen. Modell: Ingenhoven Architects

Die beiden oberen Etagen reichen über die mittlere Halle hinweg und sind von allen angrenzenden Gebäudeteilen um vielleicht fünf bis sechs Meter zurückgesetzt. Dies gehört wohl zu den im Protokoll vermerkten Veränderungen, die "in Absprache mit dem Denkmalschutz getroffen worden seien." Denn nur so ist gewährleistet, dass noch Licht in die halbrunden Thermenfenster der Kopfbahnsteighalle und in die Seitenfenster der beiden Schalterhallen fällt. Um diese Bedingung zu erfüllen, musste der Architekt allerdings keine großen Zugeständnisse machen, denn ohne diese Lücke zu den angrenzenden Bauteilen hätten auch die Hotelgäste auf Tageslicht verzichten müssen.

Vorn bleibt das Attikageschoss über den mächtigen Pfeilern nur als Blendmauer erhalten, hinter der, etwas zurückversetzt und etwas höher, der gläserne Baukörper des Hotels aufragt. Wird das Hotel vom Arnulf-Klett-Platz aus sichtbar sein? Den Plänen ist es aus zwei Gründen nicht zu entnehmen: Einmal weil unklar bleibt, ob sie den Zustand vor oder nach der 17. Planänderung darstellen; zum anderen, weil sie die Konturen des Hotels und des Bahnhofsgebäudes nicht in ein Verhältnis zum Bahnhofsvorplatz setzen.

Wundersame Verjüngung und Verkehrsberuhigung im Entwurf

In der Visualisierung von Ingenhoven ist nur bei sehr genauem Hinsehen eine schmale graue Linie oberhalb der Steinkante der Pfeilerhalle zu erkennen. Dafür erstrahlt die Bahnhofsfassade gegenüber dem vorigen Bild, das den Status quo illustriert, plötzlich in neuem Licht, so als beabsichtige der Architekt, die Kalkstein-Quader einer Verjüngungskur zu unterwerfen. Fußgänger schlendern sorglos über die Straße, ohne sich mit den wenigen Mercedes-Cabriolets in die Quere zu kommen, die weiterhin vierspurig über den Bahnhofsvorplatz rollen. Dafür ist der Omnibusverkehr verschwunden. Wohin, das bleibt Ingenhovens Geheimnis.

Wird also das gläserne Hotel, vor allem nachts, hinter der Pfeilerhalle hervorleuchten und damit das Hegel-Zitat überstrahlen, das der amerikanische Konzeptkünstler Joseph Kosuth 1993 dort angebracht hat? Welche Veränderungen tatsächlich "in Absprache mit dem Denkmalschutz" beschlossen wurden, will Peter Dübbers, der Enkel des Bahnhofsarchitekten Paul Bonatz wissen und hat daher mit Norbert Bongartz, dem früheren Oberkonservator und Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, um einen Termin beim Landesdenkmalamt gebeten. Natürlich ist der Bonatzbau ohnehin nur noch ein Torso, wie der Grünen-Stadtrat Jochen Stopper zu Recht anmerkt.

Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie von 2019 an die Versorgung der Reisenden funktionieren soll. Die Pressestelle des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm verweist auf das Regionalbüro Kommunikation der Deutschen Bahn. Dort antwortet Werner Graf zunächst ganz nüchtern: "Wir haben in Stuttgart Hauptbahnhof am Querbahnsteig all die vorhandenen Flächen zur Verfügung gestellt, um in Verkaufspavillons den wichtigsten Reisebedarf für unsere Bahnkunden sicherzustellen (kleiner Supermarkt, Speisen und Getränke, Zeitschriftenladen)."

Ab 2019: sechs Versorgungs-Container für Reisende

Auf Nachfrage beweist Graf durchaus Humor. Natürlich sei der kleine Container am Gleis 16 nicht mit der "paradiesischen Buchhandlung" in der Bahnhofshalle vergleichbar, "die ich sehr schätze." Aber: "Es gibt sogar Zigarillos, das ist mir persönlich das Allerwichtigste." Am provisorischen Querbahnsteig, wo derzeit die Züge abfahren, stehe sogar "der kleinste Supermarkt Stuttgarts auf zwei Quadratmetern." Graf untertreibt ein wenig: In Wirklichkeit dürfte der Spar-Kiosk mindestens sechs Quadratmeter haben.

Architekt Ingenhoven macht Tabula rasa.
Architekt Ingenhoven macht Tabula rasa.

Es gibt, um genau zu sein, neben dem Spar-Kiosk, dem Presse + Buch-Container und der Bahnhofsmission noch vier weitere Boxen mit Brötchen und Fleischwurst. Damit muss genug sein. Bahnreisende aus Stuttgart können sich schon mal darauf gefasst machen, dass es ab 2019 im Bahnhof für mindestens zwei Jahre keinen Drogeriemarkt mehr gibt, keine Apotheke und natürlich keine so exquisiten kulinarischen Angebote wie vietnamesische Küche, Hähnchen vom Grill oder Fisch von der Nordsee.

Wer also schnell mal Pampers braucht oder Damenbinden oder gar Medikamente, muss sich dann rechtzeitig vorher versorgen oder genügend Zeit für einen Ausflug in die Innenstadt einplanen. Ziemlich einzigartig für eine Großstadt. So wie es im Moment aussieht, wird es auch keine Bahnhofstoilette mehr geben. Jedenfalls kann sich Graf kaum vorstellen, dass beim Umbau des gesamten Bahnhofsgebäudes das "Rail & fresh"-WC am Mittelausgang als einziges geöffnet bleibt.

Und was sagt die Stadtverwaltung dazu? "Keine Verwaltung kann da Zuständigkeit reklamieren", lautet die lapidare Antwort aus der Pressestelle. "Die Bahn plant und unterhält den Bahnhof mitsamt seinen Geschäften und Lokalen. Es ist ihr Geschäftsbereich."


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!